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Backstage, an einem Ort, wo zu früheren Zeiten viele magische Momente geschehen sind: dem Parkplatz. Von plötzlich ankommenden Autos über demolierte Autos bis hin zu gar brennenden Autos und verprügelten Ordnungskräften inklusive dem Einsatz von Fäkalien - glaubt man den Historikern, so war es früher undenkbar, dass eine Show ohne Schaltung hierher auskommen könnte. Oder zwei Kameraschaltungen oder drei oder zehn. Ob der nahenden Anniversary Show, die 25 Jahre GFCW zu feiern gedenkt, bietet es sich natürlich an diesen Ort zu würdigen und hier ein Interview zu führen, wo früher manch Superstar von diversen Frauen in Bikinis empfangen worden sein soll. Bikinis gibt es zwar nicht, Frauen aber sehr wohl, um genau zu sein derer drei: GFCWs Interviewerin Tammy – hat eigentlich irgendwer im neuen Jahr irgendwo Mac Müll gesehen? - sowie zwei Frauen von der Lerbitz Performance Group: deren Oberhaupt Miria Saionji sowie die Phönixfrau Milly Vermillion, also genau jene beiden Damen, die den ersten Main Event des neuen Jahres vor zwei Wochen gegeneinander bestritten haben.
Tammy: „Heute ist ein interessanter Tag für die Lerbitz Performance Group, treffen doch zwei Teams aus dem LPG Förderkader direkt aufeinander. Holen wir uns daher doch die Gedanken der Chefin des Förderkaders ein: „The Aion“ Miria Saionji.“
Die mit wenig Skrupeln ausgestattete Japanerin ist wie üblich in ihr weißes Minikleid gehüllt und trägt einen teuer aussehenden Hut auf dem schwarzblonden Schopf. Nicht nur das, auch eine teure Perlenkette sowie ein Knöchelreif aus Jade schmücken die Frau mit der mehr als bodenlangen Haarpracht und dem leicht mittig gescheitelten Pony. Sicherlich Neujahrsgeschenke ihrer „Fans“, die sie hier protzig zur Schau stellt.
Miria Saionji: „Oh, meine Gedanken zu diesem Match sind ganz simpel: wer auch immer dieses Match gewinnt, hat beste Argumente einen Titelkampf bei der Anniversary Show einzufordern und es spricht absolut für uns, die Lerbitz Performance Group, dass wir zwei so hochtalentierte Teams in unseren Reihen haben, welche die Zukunft der GFCW Tag Team Division bestimmen werden.“
Sie trägt dies vor mit der Stimme einer Frau, die entweder sehr geschäftig nach Business klingen möchte oder alternativ mit der Stimme einer Frau, die über etwas sprechen muss, das sie eigentlich gar nicht interessiert. Wer vermutet, es könnte beides sein, liegt goldrichtig. Miria würde lieber über Miria sprechen als über das Match der Black Wyrms gegen Fenrir & Jörmungandr, aber wo sie es schon mal muss kann sie halbherzig eine Fassade aus Business Talk errichten.
Tammy: „Moment! Das Match zwischen T’n’B und der Douglas Dynasty war als #1 Contender Match festgesetzt worden. Es sollte daher offensichtlich sein...“ Miria Saionji: „Was offensichtlich ist, das ist Folgendes: T’n’B haben wir im letzten Jahr lediglich in der Saloon Battle Royal gesehen und die Douglas Dynasty hat im gesamten letzten Jahr nicht ein einziges Tag Team Match gewonnen. Sicherlich, bei einer Anniversary Show möchte man als Fan ein paar alte Helden sehen, doch diesen alten Helden für alte Verdienste Titelchancen zuzuwerfen, ist genau das Fehlverhalten des Office, über dass sich Herr Iopeka in der letzten Show so ausgiebig ausgelassen hat.“
Bisher hat Miria Saionji es bei ihrem Aufstieg innerhalb der LPG vermieden sich Feinde zu machen, doch das GFCW Office geht sie nun direkt an. Mit einem boshaften Lächeln im Gesicht. Das boshafte Lächeln einer Frau, die dank den Ressourcen der LPG nicht auf das Wohlwollen des Office angewiesen ist und daher keine Bereitschaft hat auch nur im Ansatz Freundlichkeit zu heucheln.
Miria Saionji: „Obgleich es mich auch nicht wundert, dass ein Commissioner, den man so selten sieht, dass manch neuer Fan nicht einmal weiß, dass er überhaupt existiert, ein Faible für Leute hat, die nur ein Mal im Jahr auftauchen. Oder anders gesagt, dass ein alter Mann daran Interesse hat, die Vorherrschaft der alten Männer aufrecht zu erhalten. In meiner Heimat Japan ist dies auch ein gängiges Problem, obgleich bei uns der Status eines Senpai zumindest nicht gänzlich ans Alter gebunden ist, sondern primär ans Dienstalter. Was sehr viel mehr Sinn macht, als Alter an sich zu glorifizieren.“ Tammy: „Moment! Wenn du das Dienstalter als Respektgrundlage sinnvoll findest, solltest du dann nicht T’n’B und der Douglas Dynasty Respekt zollen? Besonders Titan und Tha Bomb sind an Langjährigkeit hier bei GFCW quasi nicht zu übertreffen.“
Mirias boshaftes Lächeln wird breiter.
Miria Saionji: „Erst einmal erinnere ich mich nicht daran Euch das „du“ angeboten zu haben, aber in meiner grenzenlosen Güte werde ich es erlauben, um nicht vom eigentlichen Thema abzulenken. Gestattet mir eine simple Frage: Wer war denn bei Title Night dabei… und wer nicht? Genau. Wir von der LPG waren da, die Douglas Dynasty und T’n’B waren es nicht. Dasselbe gilt für viele, viele Wochen und Monate zuvor. Soll heißen: auch wenn sie früher schon mal hier waren, sind sie doch Rückkehrer und daher jetzt im Moment kürzer hier als wir. Soll heißen wir sind jetzt die Senpais und sie sind diejenigen, die erst vor zwei Wochen hier wieder angefangen haben. Weswegen sie sich auch hinter uns anzustellen haben. Und nur für den Fall, dass es nicht offensichtlich sein sollte: wir werden weder einem Commissioner noch zwei alten Tag Teams erlauben und respektlos zu behandeln und zu übergehen.“ Tammy: „Was heißt das genau?“ Miria Saionji: „Ich denke ich habe mich klar genug ausgedrückt.“
Mirias Lächeln ist nun fast so breit wie Meathook. Metaphorisch gesprochen. Während Tammy überlegt, wie sie Miria vielleicht doch noch zu einer zusätzlichen Aussage bewegen kann, sticht ihr ein Geruch in der Nase, welcher gleichermaßen stinkt wie Alarmglocken weckt.
Tammy: „Moment… irgendwas stinkt doch hier und wir sind es nicht… was ist das für ein Geruch? Brennt… brennt hier etwas?“
Tammy blickt sich um und auch die Kamera sucht den Ausgangsort des Geruchs, der unweigerlich mit Qualm verbunden ist. Und obgleich dieser Quell außerhalb des Sichtfeldes bleibt, so sieht und hört man einige Backstagemitarbeiter panisch mit Feuerlöschern herumrennen.
Beeilung! Beeilung! Das Auto vom Commissioner Fletcher brennt! Wie konnte das nur passieren?! Ich dachte die Zeiten, in denen Autos abgefacket werden, sind lange vorbei!
Mit falscher Bestürzung hält sich Miria die Hände vor den Mund.
Miria Saionji: „Gute Güte, wie konnte das nur passieren? Hast du eine Ahnung, wie das passieren konnte Milly? Als Expertin für Feuer hast du doch bestimmt eine Idee wie das passieren konnte.“
Die kleine Phönixfrau mit der blond gelockten Haarpracht stand bisher ziemlich unbeteiligt neben Miria. Und auch jetzt sind die Arme teilnahmslos verschränkt und der Stand zwar feminin, aber relaxt, als ob sie das alles hier nichts angeht.
Milly Vermillion: „Da wird wohl jemand ein gewisses Cocktail hineingeworfen haben, zur Feier der alten Zeiten, passend zur Anniversary Show.“
Die Kanadierin im feurig gefiederten Poncho zuckt mit den Schultern, wie um ihre Teilnahmslosigkeit zu bekräftigen.
Milly Vermillion: „Natürlich hätte ich fantastischer Phönix dieses Feuer auch aus eigener Kraft ganz leicht legen können. Hab ich aber nicht, hab ja keine Lust diesen Stalkern von dieser Organisation, die uns mächtige Wesen zu regulieren sucht, einen Grund zu geben mich zu nerven.“ Tammy: „Ähm, was?“ Milly Vermillion: „Es gibt scheinbar irgendeinen internationalen Geheimdienst, der darauf spezialisiert ist mächtigen Wesen, wie ich eines bin, auf den Keks zu gehen, damit die Menschheit sich einreden kann, dass es uns nicht gibt und sicher vor uns ist oder was auch immer. Typischer menschlicher Größenwahn. Als Phönix und Drache wird man reguliert, aber ins Weiße Haus darf jeder rein. Bisschen falsche Prioritäten, aber das kennt man von euch Menschen ja.“
Tammy guckt Miria fragend an, was diese Aussage nun schon wieder zu bedeuten hat, aber da diese nur abwinkt, ist es wohl nichts von immanenter Bedeutung, also etwas, das ruhig ignoriert werden kann.
Tammy: „Okay, ehe ich beginne den Verstand zu verlieren, kommen wir zurück zum sportlichen: in der letzten Show hattet ihr ein Match gegeneinander, das Miria Saionji nicht ganz fair gewonnen hat. Scheinbar versteht ihr euch aber immer noch recht gut?“ Tammy: „Okay, ehe ich beginne den Verstand zu verlieren, kommen wir zurück zum sportlichen: in der letzten Show hattet ihr ein Match gegeneinander, das Miria Saionji nicht ganz fair gewonnen hat. Scheinbar versteht ihr euch aber immer noch recht gut?“
Die Frage ging eigentlich an Milly, aber Miria dirigiert das Mikrofon zu sich.
Miria Saionji: „Als Kopf des Förderkaders ist es meine Aufgabe zu fordern und zu fördern und so habe ich dieses Match genutzt, um Milly etwas beizubringen – und zwar, dass sie stets auf Hinterlist gefasst sein muss. Besser sie lernt es gegen mich in einem Match, in dem es nicht um viel geht, als in einem Match gegen Darragh Switzenberg um den Intercontinental Title, nicht wahr?“
Tammy nickt, obgleich nicht allzu stark. Quasi ein verstehendes Nicken, statt ein zustimmendes, so sehr sie auch gern zustimmen würde. Aber die Regeln des Darragh Switzenberg sind noch immer in Kraft und beschränkt ihre Möglichkeiten irgendetwas zu sagen, das Darragh Switzenberg schlecht aussehen lassen könnte.
Miria Saionji: „Es ist zu verzeihen, dass Milly nicht mitbekommen hat, dass ich ein Top Turnbuckle manipuliert habe. Ja, sogar derer zwei kann man vielleicht im Eifer des Gefechts nicht mitbekommen. Aber dass ich alle vier sabotieren konnte? Das sollte einem so mächtigen und weisen Phönix nicht passieren.“
Millys Mundwinkel zeigen nach unten, aber sie… nickt die Aussage ab.
Milly Vermillion: „Wo sie recht hat… ja, das hätte mir nicht passieren dürfen. Natürlich war dies auch ihre einzige Chance zu gewinnen, fair hätte sie dies nie und nimmer geschafft.“
Milly wirft einen erhabenen Blick zu Miria, die ihr mit gespielter Freundlichkeit zulächelt. Als ob Miria überhaupt je den Gedanken gehabt hätte sich die Mühe geben zu wollen es auch nur fair zu versuchen.
Milly Vermillion: „Das erinnert mich an jemand anderen, gegen den ich nie und nimmer hätte verlieren dürfen und mit dem die Rechnung noch immer nicht gänzlich beglichen ist: Meathook!“
Augenblicklich, um nicht zu sagen plötzlich, ändert sich Millys Körpersprache. Sie wird forsch. Wie auch ihre Stimme vor innerem Feuer zu lodern beginnt.
Milly Vermillion: „Du Fleischwand hast keine Unterwelt zu bewachen und bestimmt auch bei der Show in Hagen keine anderen Pläne, also stell dich mir, auch ohne dass ich eine Voodoopuppe in die Lava werfe! Und bereite dich schon mal seelisch darauf vor von mir gegrillt zu werden, du vor fett triefendes Barbecue!“
Die GFCW-Karriere von Ask Skógur ist wahrlich eine Berg- und Talfahrt. Vor allem, was seine emotionale Verfassung dabei angeht. Mal ist er der gut gelaunte Typ aus dem Wald, mal droht er an dem Einfluss eines fiesen Manipulatoren zu zerbrechen. Mal gewinnt er einen Titel, um eine erfolgreiche Titelregentschaft zu beginnen, mal versinkt er in existentialistischen Selbstfindungskrisen. Aber wäre alles nicht so und wäre es viel einfacher, dann wäre es auch nicht Ask Skógur, von dem wir hier sprechen. Der ewige Kampf mit sich selbst bestimmt Ask wohl so sehr, wie kaum etwas anderes – nicht mal seine Verbindung mit der Natur dürfte da herankommen. Jedenfalls befinden wir uns jetzt wieder in einem Auf, wenn man so will. Das Jahr des Hirsches endete – nicht ganz so, wie Ask es sich vorgestellt hat, aber dennoch zufriedenstellend – und jetzt kann der Blick nach vorn gerichtet werden. Vor zwei Wochen hat er um Vergebung für seine Schuld gebeten und diese von den einzigen Menschen erhalten, die dazu in der Lage sind, ihm diese Absolution zu erteilen. Den Fans. Und heute ist Ask backstage mit am Start, wenngleich er auch kein Match hat. In zerzaustem Haaransatz, Wollpullover und wie eingangs erwähnt, mit guter Laune, läuft er also Backstage entlang. Auf dem Weg zu einem Interview? Auf den Weg in die Halle? Nunja, keine Ahnung, was auch immer, Monicas Match steht als nächstes an, vielleicht will er da kurz reinschauen? Was auch immer sein Plan ist, er kommt nicht dazu diesen auszufüllen, denn er wird vorher unterbrochen.
The End: „Der Mann aus dem Wald. Lange nicht gesehen.“
… und zwar von niemand geringerem als dem GFCW World Champion The End. Und seine Begrüßung gibt uns die Möglichkeit darüber nachzudenken, wann die Beiden wohl das letzte Mal aufeinandergetroffen sind. Tatsächlich ist eine größere Auseinandersetzung zwischen End und Ask bisher eher ausgeblieben, aber es gab sie. Einst trafen End und Ask in einem Match aufeinander, was kurzerhand von Leviathan unterbrochen wurde – daraufhin waren End und Ask sogar kurz Teampartner in einem Tag Team Match gegen selbige, was sie verloren haben, woraufhin End Ask den Endless Pain verpasst hat. Seitdem hat Ask durchaus hin und wieder den Kampf mit The End gesucht und ihn sogar gefunden, als Ask seinen GFCW Intercontinental Championship gegen World Champion End aufs Spiel setzen musste. Und siehe da, Ask war einer der wenigen, der End sogar besiegen konnte, wenn auch nur durch Countout. Es gibt also Geschichte zwischen den Beiden, aber noch vielmehr Potential für die Zukunft. Und nach Ends Aussage zu Beginn der Show und Asks unbestrittener Position in den oberen Rängen der GFCW-Card, dürfte das Potential wohl eher für die Gegenwart bestehen. Ask hält auf jeden Fall an und schaut zu End, der ihn seinerseits ebenfalls beäugt. Abseits der Titelambitionen dürfte es aktuell wohl keinen Grund für einen wirklichen Beef zwischen den Beiden geben… … andererseits weiß man nie.
Ask Skógur: „Tja, du warst ne Weile weg, Champ.“
Auch, wenn es keinen Beef gibt, liegt in dieser Antwort durchaus etwas Vorwurf drin. End verschwand, nachdem ihn Aldo Nero besiegt hat, zu genau der Zeit, als Ask die Führung der Liga übernommen hat… die ironischerweise ebenfalls von Aldo Nero beendet wurde. In jedem Falle hat Ask für einige Zeit das Zepter von The End übernommen.
The End: „Tja… scheint, als hätte ich einfach etwas Zeit für mich gebraucht.“
Nicht weniger subtil-provokant wie Asks Ansage, entgegnet ihm End, denn Ask dürfte wohl ein Experte darin sein, sich aus dem Staub zu machen, wenn er eine große Niederlage eingefahren hat. Er zieht sich in seinen Wald zurück, nichts anderes hat The End getan, wenn auch deutlich länger und naja… wohin genau er sich zurückgezogen hat, das wird wohl ein Geheimnis bleiben. Es entwickelt sich ein doch spannungsgeladenerer Staredown, als erwartet, der allerdings von The End unterbrochen wird.
The End: „Nun… ich bin hier, weil… du das hier willst.“
Auf Ends Schulter weilt selbstverständlich der GFCW World Championship Titelgürtel, den Ask natürlich durchaus mitbekommen hat, nur wollte er wohl noch nicht zu ihm schauen, aus Angst, ihm wieder zu verfallen, nachdem End ihn nun aber thematisiert hat, kann er sich nicht mehr gänzlich dagegen wehren. Asks Augen wandern für einen kurzen Moment zum Titel und dann wieder zu End.
Ask Skógur: „Will ich das?“ The End: „Willst du nicht?“
Asks Antwort ist wohl vielmehr der Versuch End nicht direkt das geben zu wollen, was er will, denn, dass es hier irgendeinen Haken geben muss, ist für jemanden, der so viel Zeit mit einem gewissen James Corleone verbracht hat, ja wohl offensichtlich. Aber natürlich will er den Titel zurück, genau das hat er ja vor zwei Wochen auch gesagt. Einen gewissen Respekt vor der Macht, die dieser Titel über ihn hat, hat er aber dennoch, was wohl wiederum der Grund dafür sein dürfte, dass Ask eben noch nicht zu The End gegangen ist, um das Titelmatch zu fordern. Also, ja. Ask will den Titel. Aber… ist es wirklich eine gute Idee?
The End: „Glaub mir, du willst. Du weißt um die Bedeutung, die dieser Preis hat und du weißt, wie gut es sich anfühlt, ihn zu halten. Es mag da gewisse… Komplikationen… gegeben haben, aber du bist darüber hinweg, habe ich Recht? Und nun, das muss ich neidlos anerkennen, gibt es wohl kaum jemanden, der würdiger ist, gegen den ich diesen wertvollsten Preis der Liga, aufs Spiel setzen könnte, als gegen dich.“
So richtig klug scheint man nicht daraus zu werden, wie End diese Worte hier spricht. Er scheint das schon ernst zu meinen, seinen Respekt vor Ask, aber es hat auch etwas davon, als wolle The End auf Asks angedeutete Vorbehalte gegenüber dem Championship anspielen, um ihn dadurch… zu verunsichern?
The End: „Und wo würde es besser passen als bei der großen Jubiläumsshow der GFCW?“
GFCW World Championship: The End, als Champion gegen Ask Skógur, als Herausforderer. Na das wäre doch mal ein Match und dennoch…
Ask Skógur: „Und das einfach so?“
Ask hat zu viel Zeit in der GFCW verbracht, als, dass er so einfach auf so eine Finte hereinfällt. Aber dann… es ist der GFCW World Title und dieser hätte ihn fast vollständig in den Wahnsinn getrieben. Vielleicht ist der Haken an der Sache, dass es keinen gibt und die Möglichkeit darauf, dass alles wieder so wird, wie es war, könnte das Schlimme an dieser Sache sein. Ist es das wert? Ask hadert mit sich und End wiederum merkt das. Und daraufhin… scheint dieser… naja… nett zu werden?
The End: „Es ist… nicht einfach so. Du bist einer der besten Wrestler dieser Liga und du hast die Krone hochgehalten, als ich nicht da war. Du magst… gegen finstere Mächte verloren haben, aber wer hat das nicht?“
Bei diesen Worten ist die Aufrichtigkeit dann doch wieder etwas deutlicher herauszuhören und auf wen End mit den „finsteren Mächten“ anspielt, dürfte auch klar sein.
The End: „Und bei Title Night… da hast du den nächsten großen Sieg eingefahren, also…“ Ask Skógur: „… also wäre es optimal, wenn du genau diese Person besiegst, was?“
Und da scheint es Ask einzuleuchten. Will End dieses Match etwa nur, um sich selbst zu profilieren und seine eigene Stellung an der Spitze weiter zu forcieren? Bei Ask scheint in jedem Falle noch nicht vollends angekommen zu sein, dass End jetzt ein Guter ist. Wobei… ist er das eigentlich… so richtig? Aber es scheint, als hätte The End auch hier eine richtige Antwort parat. Seine süffisante Art weicht nun und nun geht er auch etwas mehr in die Offensive.
The End: „Natürlich wäre es das. Ich bin der GFCW WORLD CHAMPION und das bringt mich in die einzigartige Position, dass ich DER beste Wrestler der Liga sein MUSS und das kann ich nur, wenn ich gegen die besten Wrestler der Liga antrete. Nur dann kann ich besser sein als die Besten.“
Eine Logik, der niemand geringeres als Ask Skógur zu seiner Regentschaft ebenfalls gefolgt ist.
The End: „Die Frage ist… gehörst du noch immer zu den Besten… oder vertue ich hier meine Zeit?“
Wieder sehr aufrichtig, sehr bestimmt und es wirkt fast schon so, als wäre The End langsam beleidigt, dass er bei Ask – dem Typen, der immer ALLES dafür getan hat, ein World Title Match zu bekommen – so betteln muss. Und das wiederum scheint Ask nun ein Gefühl zu geben, dass End hier wirklich der Sache wegen ist und das sein Anliegen hier tatsächlich aufrichtig zu sein scheint. Und daraufhin…
… grunzt Ask. Bestimmt, entschlossen und mit Siegeswille.
Ask Skógur: „Wenn du es so sehr darauf abgesehen hast, dass deine Titelregentschaft schon wieder endet, bevor sie richtig angefangen hat, dann soll es nicht an mir scheitern.“
War das also jetzt eine Zusage? Nun, End schmunzelt zumindest, was dann scheinbar… Ja… bedeutet? Nach einem weiteren Schmunzeln nickt End Ask noch einmal kurz zu, bevor er schließlich wieder verschwindet. Scheinbar hat er was er will und dementsprechend scheint seine Strategie aufgegangen zu sein. Er ist ans Ziel gekommen, wenn auch etwas Überredungsstrategie dahintersteckt. Ein Vorgehen, dass er beim besten gelernt hat. Nachdem End nun aber verschwunden ist, sehen wir Ask, der zurückbleibt und dessen Entschlossenheit nun wieder etwas leiser wird. Der Weg zurück zum Titel dürfte schwieriger werden, als erwartet und wieder einmal ist sein größter Feind dabei nur einer: Er selbst.
Die Fans spenden Mike Müller Applaus, wie ihm gen Backstage geholfen wird – zum wohl letzten Mal in seiner GFCW Karriere. Mike Müller ist ganz sicher kein großer Name in der langen Historie von GFCW, ja er ist nicht einmal ein mittelgroßer Name. Man könnte gar sagen er ist nicht einmal ein kleiner Name, sondern eher nur eine Fußnote ist. Aber er ist eben doch ein Stück GFCW Geschichte – und ironischerweise war es seine Verkörperung des Great Pigster, die letztlich mit dafür verantwortlich ist, dass die Frau, die ihn gerade vernichtend geschlagen und seinen GFCW Traum beendet hat, überhaupt hier und jetzt in einem GFCW Ring steht. Und so hat auch die Fußnote Mike Müller einen Fußabdruck in den GFCW Geschichtsbüchern hinterlassen. Was Monica Shade so selber nicht einmal bewusst sein dürfte und vielleicht ist es besser so. Wüsste sie, dass Mike Müller es ausgeschlagen hat ein Schwein sein zu wollen, vielleicht hätte sie ihn übler zerstört als es Robert Breads bei Title Night mit Aiden Rotari getan hat. Tatsächlich fällt Monica Shade dieser Zuspruch für Mike Müller nicht nur auf, ihre Mimik verrät, dass sie diesen nicht nur nicht teilt, sondern gar ablehnt. Grund genug sich ein Mikrofon anreichen zu lassen.
Der längliche, feuchte Batzen Fleisch baumelt der Kamera beinahe provokant entgegen. “Sechzehneinhalb Jahre sind eine lange Zeit. Du hast unzählige Matches gewonnen. Viele Titel. Du bist zur Legende geworden.” Der Klumpen rollt sich zusammen, nur um sich dann wieder zu entrollen. Die Kamera zoomt ein Stück weit aus. Es ist dunkel, und wir können lediglich Silhouetten ausmachen. Nur die weißen, knochenartigen Blöcke in dem Loch, aus dem die glitschige Monstrosität kommt, lockern die düstere Farbpalette ein wenig auf. “Daran erinnert man sich. Kein Wunder, so oft wie du es erwähnst. Aber da gibt es noch andere Geschichten.” Es ist nicht das Loch, das zu uns spricht. Es ist ein Voiceover von einer anderen Stimme, unbekannt, tief, männlich - ruhig und nicht unfreundlich, aber mit einem spöttischen Unterton. Jemand, der etwas weiß, das wir nicht wissen. “Einige haben sie vergessen. Viele kannten die Geschichten nie. Doch ich weiß alles. Das freiwillige Ende deiner Schreckensherrschaft bedeutet nicht, dass du Absolution verdienst. Deinen Sünden wirst du nicht entkommen. Sie werden dich einholen, bevor du für immer fliehst.” Stück für Stück geht es mit der Kamera rückwärts. Die Feuchtigkeit auf der abartigen, vage schlangenförmigen Kreatur tropft auf eine hölzerne Platte, die wir jetzt erahnen können. Sehen wir jemanden, der an einem Tisch sitzt oder steht? Und ist dieses... Ding etwa seine...? “Der Rest der Welt mag dir Honig ums Maul schmieren wollen. Doch ich werde dafür sorgen, dass etwas ganz anderes geschmiert wird.” Wir können erkennen, auf was die Flüssigkeit in zähen, länglichen Fäden niedergeht. Es schüttelt die Abscheulichkeit vor Erregung, als wir sehen, was sie vor sich hat. Man kann es nur mit ein wenig Anstrengung ausmachen, aber die längliche Silhouette mit den kleinen Einkerbungen zeichnet ein bekanntes Bild. Es ist ein... Baguette. “Du verdrehst die Wahrheit, du lügst wie gedruckt, und du gibst vor, immer schon gewesen zu sein, was du selbst jetzt nicht schaffst zu sein. Du bist zu feige, um dich deinen Dämonen freiwillig zu stellen. Doch ich warte nicht auf Erlaubnis. Ich reiße alte Wunden wieder auf. Ich stelle Fragen, die du nie beantwortet hast. Ich vergesse den Tyrannen hinter der Legende nicht. Du magst einen Weg gefunden haben, deinem inneren Schweinehund zu entkommen. Aber mir wirst du nicht entkommen. Denn ich bin...”
Die Innere SchweineZunge
Das vierte Match des Abends steht kurz bevor, doch noch einmal wird in den Backstagebereich zu Tammy geschaltet. Die Interviewerin bedenkt die Zuschauer mit einem fröhlichen Lächeln und klopft zeitgleich an die Kabinentür, auf welcher der Name „Mad Dog“ prangert. Im Jubel der Fans scheint das „Herein“ unterzugehen, nach welchem Tammy die Türe öffnet und in die Kabine eintritt.
Der verrückte Hund sitzt auf einer Bank. In der einen Hand hält er eine Rolle Tape, das Gelenk der anderen Hand wird fachmännisch umwickelt. Auch bis zum Main Event dauert es schließlich nicht mehr lange.
Tammy: „Mad Dog, bald steht dein erstes Match seit vier Jahren an und niemand geringeres als Robert Breads wird dir gegenüberstehen. Die GFCW Fangemeinde interessiert allerdings schon jetzt, wie es danach weitergehen wird. Kommt es auf den Ausgang des Matches an? Oder wie hoch sind die Chancen, dass wir den Night Fighter auch in Hagen wiedersehen werden?“
Mit
einem Biss ins straffe Tape reißt er dieses entzwei, klebt
den Rest noch an sein Handgelenk und legt die Rolle neben sich
ab.
Tammy: „Ich weiß, dass das jetzt kein so günstiger Zeitpunkt…“ Mad Dog: „Und ich weiß um die Aufregung in diesem Business… alles gut, Tammy.“
Ihr scheint ein Stein vom Herzen zu fallen, während er sich nachdenklich durch den Bart streicht und etwas Abstand zu ihr gewinnt.
Mad Dog: „Ich weiß nicht, wie viele Matches noch in meinen Knochen stecken. Wie viele Schläge, Tritte und Stürze ich noch wegstecken kann. Dieses eine auf jeden Fall. Auf dieses Match mit Robert Brerads habe ich mich akribisch vorbereitet und in diesem werde ich alles geben, was ich habe, um den Sieg zu erringen. Ein Danach ist mir jetzt egal – ein Danach wird sich zeigen… Sieh‘ es mir – seht es mir, liebe Fans, bitte nach. Du kannst mich gerne in zwei Wochen in Hagen zu allem, was dir einfällt, interviewen - jetzt will ich nur eins! Robert Breads im Squared Circle besiegen!“
Tammy nickt verständnisvoll und zeitgleich erfreut. Die Chance auf ein Interview bei der nächsten Ausgabe von War Evening bietet vorerst eine akzeptable Aussicht. Während sich Mad Dog wieder gesetzt hat, um erneut zur Taperolle zu greifen, durchstreift die Gehirnwindungen der Interviewerin allerdings noch ein fescher Gedanke.
Tammy: „Absolut nachvollziehbar. Manche trauen dir diesen Sieg aber nicht zu – oder missgönnen dir überhaupt diesen Spot bei der heutigen Show. Iokepa hat letzte Show seinen Unmut laut gemacht. Was sagst du zu solcherlei Kritik?!“
Genervt entfährt MD ein Stöhnen. Sein Tape-Ritual wird erneut gestört.
Dann hebt die Töle aber ihr Haupt, forciert mit seinem durchdringenden Blick Tammy und die Kamera.
Mad Dog: „Sie sollen nicht den Bagger aufreißen, sondern erstmal abwarten. Sich das Match ansehen. Iokepa, huh?! Komm doch gleich Ringside, Jungspund… Dort werde ich dir zeigen, dass ich diesen Spot mehr verdient habe als du!“
Schnaubt der Hund. Dann fletscht er die Zähne in Richtung Tammy.
Mad Dog: „Und jetzt raus hier!“
Als War Evening aus der Werbepause zurückkehrt, hat sich der Ring verändert. Ein Schreibtisch und drei Bürostühle wurden hereingetragen.
Und zwei Männer haben sich eingefunden. Der eine von ihnen – Mark Jilley – ist gerade damit zugange, ein Dokument auf dem Schreibtisch auszulegen. Dabei setzt er jeden Handgriff so gezielt, begleitet von einem gewichtigen Kopfnicken, dass man den Eindruck gewinnen kann, er sei ein Künstler, der an seinem größten Werk arbeitet. Die meiste Aufmerksamkeit an dieser Szenerie jedoch geht an Hollywood Jake. Nicht nur, weil der junge Riesaer wieder einmal in einen breiten Pelzmantel gehüllt ist, sondern weil er ein weiteres Stück Papier in der Hand hält und es dem Publikum präsentiert. Mit Ehrfurcht reckt er es in die Kamera. Seine glückselige Miene lässt denken, er habe eine Originalschrift der Bibel gefunden.
Hollywood Jake: „Dieses Dokument ist von größerer Bedeutung als es die meisten Champion-Titel je sein könnten. Dies ist eine Vollmacht von DAAAAARAAAGH SWITZENBEEEERG.“
Buhrufe im Publikum. Natürlich. Jake wischt sie genauso zur Seite wie einen Fussel seines Pelzmantels, der auf das darunterliegende Shirt gefallen war.
Hollywood Jake: „Diese Vollmacht beweist, dass der größte GFCW-Star – aller Zeiten natürlich – Vertrauen in mich setzt. Ein Ritterschlag. Und soll ich euch etwas sagen? Ich habe es verdient. Fürwahr, das habe ich. Ich bin es, der Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern sie übertrifft. Hier und heute, da sage ich es frei heraus: Am Ende von 2026 werdet ihr euch alle auf Knien dafür entschuldigen, dass der Award für den Rohdiamant des Jahres an Rasmus Rantanen ging – und nicht an mich. Liebe Grüße ins Krankenhaus an dieser Stelle, du Wichser.“
Er winkt in die Kamera.
Hollywood Jake: „Oder ins Gotteshaus. Oder Armenhaus. Wo auch immer du grad bist, Rasmus. Scheißegal, denn eines ist klar: Ich bin es, der an der Seite von Darragh Switzenberg zu einer neuen Großmacht heranwachsen wird. Ich hätte jeden verdammten Award verdient gehabt.“
Im Hintergrund tritt Mark Jilley an den einstigen Switzisstant heran und räuspert sich. Ein Hinweis, dass sich Jake beeilen und zur Sache kommen möge?
Hollywood Jake: „Aber wir sind heute nicht hier, um darüber zu sprechen, wie geil ich bin. Dafür wird in der Wrestlingwelt noch jahrzehntelang Zeit sein. Nein, wir sind hier, um Darragh Switzenberg jenen Urlaub zu ermöglichen, den er sich so sehr verdient hat. Darum werden Mark und ich…“
Er klatscht dem Anwalt so heftig auf die Schulter, dass dieser erschrocken zusammenzuckt.
Hollywood Jake: „…heute zwei Dokumente mit einem Clown unterzeichnen. Creed Gibson. Zunächst eine Verzichtserklärung, mit der er die Rechte an einem Match um den Intercontinental-Titel abtritt. Er hätte es ja sowieso verloren, deswegen sparen wir ihm und Darragh dort etwas Arbeit. Ich werde in Darraghs Namen unterzeichnen, sobald Creed unterschrieben hat.“
Der Riesaer deutet auf das Dokument, das Jilley so sorgfältig ausgebreitet hatte. Offenbar handelt es sich um die von Jake angepriesene Verzichtserklärung.
Hollywood Jake: „Hat Creed seine Rechte abgetreten, kommen wir zum zweiten Dokument. Der Belohnung. Dann wird Creed Gibson einen Vertrag für seinen Buddy Andrew Costalago unterzeichnen. Aber vorher nicht. Denn ich habe keinen Bock auf irgendwelche Zirkustricks, mit denen sie diese Regelungen zu umgehen versuchen. Ehrlicherweise habe ich auch keine Lust auf Creed und Andrew an sich. Sie sind nämlich hart bescheuert. Also bringen wir es schnell hinter uns.“
Mit lascher Geste, den Blick abgewendet, deutet Jake in Richtung des Vorhangs. Dann setzt er sich mit überschlagenen Beinen auf einen Bürostuhl und dreht sich ein bisschen im Kreis. Nein, den Entrance von Gibson muss er wirklich nicht sehen.
Und so kommt der Zirkusmann – der von Jake hartnäckig für einen Clown gehalten wird – nur unter den Blicken der Zuschauer in die Halle. Sein Theme, eine überdrehte und immer schneller werdende Interpretation klassischer Zirkusmelodien, scheint so gar nicht zu seinem Auftritt zu passen. Denn Gibson schreitet bedächtig dahin, den Blick hat er auf die Rampe geheftet. Nur hin und wieder blickt er auf, um sich seines Weges zu versichern.
Pete: „Keine Frage, Sven. Wir sehen einen Mann, der zwischen zwei Möglichkeiten hin- und hergerissen ist.“ Sven: „Nun, er hat bereits vor zwei Wochen zugesagt, diesen Deal zu machen. Jetzt soll er nicht plötzlich seiner Singles-Karriere nachtrauern. Seine Siegchancen gegen Switzenberg wären nur minimal besser als die deiner Brut gegen…“ Pete: „Creed Gibson hat das Recht zu hadern, auch wenn er seine Entscheidung bereits getroffen hat.“ Sven: „So wie Joana Sexianer damit hadert, sich unter allen lüsternen GFCWlern ausgerechnet von jenem schwängern zu lassen, der weder Muskeln noch Ansehen oder Geld hat.“
Die Zuschauer entlang der Rampe sprechen Gibson überwiegend zu. Es ärgert sie zwar, dass Switzenberg so einfach davonkommt, aber moralisch gesehen hält man es für vertretbar, den Deal einzugehen. Auch wenn er mit dem Teufel ist. Creed Gibson setzt einen Fuß auf die Ringtreppe. Sein sonst so erratisches, hektisches Auftreten hat sich ins Gegenteil verkehrt; er lässt sich Zeit, kaut auf der Unterlippe herum.
Hollywood Jake: „Junge, du brauchst länger in den Ring, als Switzenberg bräuchte, dich zu besiegen. Jetzt mach gefälligst diese furchtbare Musik aus und komm her, bevor wir es uns anders überlegen. Wir haben Geschäftliches zu erledigen.“
Die Nachdenklichkeit Gibson weicht einem grimmigen Lächeln, als die Regie Jakes „Bitte“ wirklich nachkommt und die Musik abwürgt. Nun stehen sich die beiden Wrestler auf der Matte gegenüber. Jake tippt herrisch auf den Vertrag.
Hollywood Jake: „Unterschreib das. Erst danach wird Mark Jilley überhaupt daran denken, den Vertrag für Andrew Costalago aus der Tasche holen.“
Der Zirkusmann greift nach einem Kugelschreiber. Doch macht keine Anstalten, sich dem Papier zu nähern. Stattdessen wiegt er das Schreibutensil in der Hand.
Creed Gibson: „Wer sagt mir, dass ich wirklich einen Vertrag für Andrew erhalte, wenn ich die Verzichtserklärung unterschreibe? Es kommt mir komisch vor, dass nicht beide Dokumente auf einmal unterschrieben werden. Woher weiß ich, ob ich dir trauen kann?“
Jake rückt den Pelzmantel zurecht, lehnt sich mit betonter Lässigkeit in den Ringseilen zurück und streicht eine einzelne Haarsträhne zur Seite.
Hollywood Jake: „Das kannst du nicht. Aber der da…“
Fingerzeig in Richtung Jilley.
Hollywood Jake: „…ist ein echter seriöser Anwalt und hat einen Ruf zu verlieren.“
Eifriges Nicken von Jilley. Doch Creed Gibson hat für diese „Sicherheitsgarantie“ nichts außer ein spöttisches Kopfschütteln übrig.
Creed Gibson: „Dieser vermeintlich seriöse Anwalt hat die vertraglichen Sonderregeln verbrochen, die für Switzenberg gelten. Ich würde eher einem Straßenkünstler trauen als so einem.“ Mark Jilley: „Dann können sie Ihrem Partner ja mitteilen, er möge in Zukunft Straßenkünstler werden. Denn einen Vertrag wird er nicht bekommen, wenn sie sich zieren, Mr. Gibson.“ Creed Gibson: „Mr. Gibson? Sag doch einfach Creed zu mir.“ Hollywood Jake: „Oder Clown.“ Mark Jilley: „Danke, ich verzichte. Beides würde eine Vertrautheit suggerieren, die ich mit Ihnen weder habe noch anstrebe.“
Bevor es zu weiteren verbalen Scharmützeln kommt, hat Creed Gibson ein Einsehen. Er betrachtet den Kugelschreiber in seiner Hand und seufzt. Dann beugt er sich zum Vertrag herunter. Doch anstatt seine Signatur auf das Papier zu bringen, beginnt er zu Jakes Entsetzen damit, das Dokument Klausel für Klausel durchzulesen. So viel Zeit muss sein.
Hollywood Jake: „Du bringst mich zur Weißglut, Gibbon. Soll ich es dir vorlesen, damit es schne…-“
…ller geht – so sollte der Satz wohl enden. Doch die Worte Jakes gehen in plötzlichem Jubel unter. Denn erstmals seit Title Night erscheint das Gesicht eines bestimmten Mannes in der Halle.
…
…
…
Es ist Zac Alonso.
„ZAC!“ „ZAC!“ „ZAC!“
Der Mann, der sich bei Title Night unter kontroversen Umständen geschlagen geben musste, steht unter Jakes hasserfüllten Blicke auf der Rampe. Zac Alonso hat sein Mikrofon bereits mitgebracht, doch lässt zunächst die Zuschauer sprechen. Seit seinem Split vom Switziverse hat sich die einstige Nr. 3 des Switziverse in viele Herzen gekämpft – und der unschöne Jahresausklang hat den Support durchs Publikum nur noch verstärkt.
Zac Alonso: „Jakob.“ Hollywood Jake: „Es heißt JAKE. Hollywood Jake. Was willst du hier, Zac? Du bist Geschichte.“ Zac Alonso: „Ich bin gekommen, um dich wirklich übel zu beleidigen.“
Jake kneift die Augen zusammen und tritt an den Ringrand. Er lehnt über die Seile nach draußen. Alonso macht keine Anstalten, näher heranzukommen.
Zac Alonso: „Aber bevor ich dazu komme, gibt es eine weitere Sache. Ich habe das Gefühl, wir sind hier noch nicht ganz komplett. Einen Moment. Lass mich die ganze Band zusammentrommeln.“
Worauf auch immer anspielen mag: Alonso wendet sich um und verschwindet hinter dem Vorhang. Mit jeder Sekunde, die er wegbleibt, wird Hollywood Jake im Ring genervter. Er blickt auf eine nicht existente Uhr an seinem Handgelenk.
Dann brandet abermals Jubel auf. Denn Zac Alonso kommt nicht allein wieder.
Auch
der
Hollywood Jake: „Was wird das hier für eine Scheiße?“ Zac Alonso: „Eine aufregende musikalische Performance.“
Fassungslos deutet Jake, noch immer über die Seile gelehnt, hinter sich.
Hollywood Jake: „Mich haben deine albernen Performances noch nie interessiert. Und so wird es auch jetzt sein. Wie du siehst, habe ich gerade mit dem Clown zu tun. Verschwinde. Du bist nicht mehr relevant.“ Zac Alonso: „Nun, Jake, dieser Song sollte dich aber schon interessieren. Denn schließlich handelt er…von dir.“
Alonso schnippt in die Luft und bringt den Zacidog mit einem geschickten Leinenzug in Position. Das Tier wird um die Trompete auf seinem Rücken erleichtert. Doch just als Alonso sie an die Lippen setzt und einen ersten Ton hervorbringt, hält er noch einmal inne.
Zac Alonso: „Ooooh, mir fällt ein: Ich habe noch was vergessen.“ Hollywood Jake: „Wahrscheinlich, dass deine Performance mich nicht interessiert. Denn das hatte ich gerade gesagt. Es war eine ziemlich wichtige Anmerkung.“ Zac Alonso: „Nein. Ich vergaß, dass auch der da…“
Zu Jakes Irritation deutet Zac an ihm vorbei in den Ring. Auf Mark Jilley.
Zac Alonso: „…zuhören sollte. Denn der Song handelt auch von ihm.“
Der Anwalt kräuselt die Stirn und glaubt, sich verhört zu haben. Er tritt neben Jake an die Seile und starrt zu Alonso.
Mark Jilley: „Ich habe mit Ihnen nichts zu schaffen, Mr. Alonso. Lassen Sie mich aus dem Spiel.“
Alonso jedoch denkt nicht dran. Er führt die Trompete zum Mund. Und beginnt mit einem unmelodischen Spiel, reinster Folter für die Ohren. Selbst die Zuschauer, die es mit Alonso halten, blicken einander fragend an.
Das ist kein Song. Das ist eine Farce.
Hollywood Jake: „Der Typ hat jetzt völlig den Verstand verloren. Ich kümmer‘ mich darum, bevor er noch zu singen beginnt.“
Jake lässt den Mantel von seinen Schultern gleiten, dann rollt er sich aus dem Ring und stürmt auf Alonso zu. Was folgt, ist ein kurzer, hässlicher Brawl, bei dem der Switzidog jaulend die Flucht in den Backstagebereich antritt. Jake stürmt auf Alonso zu, die Fäuste fliegen hin und her. Und der Trompetenton erstirbt. Worüber nicht einmal die Fans wirklich traurig sind, jepp. Aber die Zuschauer buhen, als Jake Alonso gegen die Absperrung drückt und ihm ein paar wütende Treffer mitgibt. Vom Ring aus verfolgt Mark Jilley angespannt, wie sich der Helfer seines Mandanten schlägt. Geht Jake hier vor die Hunde, kann der ganze Vertragsabschluss nicht wie geplant stattfinden.
Doch dann passiert etwas Merkwürdiges: Zac Alonso wehrt sich kaum, löst sich plötzlich aus dem Gerangel und zieht sich schnell zurück. Keine letzte Provokation, kein großer Abgang. Einfach weg. Reichlich ungewöhnlich für einen, der die Konfrontation selbst herausbeschworen hat. Aber darüber denkt Hollywood Jake nicht. Stolz blickt er dem fliehenden Alonso hinterher – er, Hollywood Jake, hat seinen Erzfeind schnell und effektiv vertrieben. Was für ein Macher er doch ist. Seine Hybris steht ihm ins Gesicht geschrieben. Er kehrt mit erhobenem Kinn und breitem Schritt in den Ring zurück, als hätte er gerade einen Krieg gewonnen.
Hollywood Jake: „Ich bin einfach so heftig. Habt ihr das gesehen? Wie ich es ihm gegeben habe?“
Die Frage geht an ein buhendes Publikum. Mark Jilley räuspert sich hörbar.
Mark Jilley: „Könnten wir uns wieder den Dingen zuwenden, um die es hier geht?“
Jake wirft ihm einen gönnerhaften Blick zu, nickt dann und deutet auf das Dokument.
Hollywood Jake: „Natürlich. Der Clown soll unterschreiben, darauf warten wir schon die ganze Zeit. Er hatte lange genug Zeit, um alles genau zu lesen.“
Creed Gibson sieht das scheinbar genauso. Er nickt Jake bloß zu, beugt sich zum Papier herunter und zögert keinen Moment mehr. Sein Stift fliegt über das Blatt. Jake seufzt zufrieden. Endlich geht es doch nach Plan. Er unterschreibt im Namen von Switzenberg.
Hollywood Jake: „Eine sehr gute Entscheidung, Creed.“
Er lehnt sich zurück. Erst jetzt fällt ihm auf, dass Gibson grinst. Kein gequältes Lächeln, sondern ein echtes, breites Grinsen. Jake runzelt die Stirn. Doch dann schüttelt er den Kopf, als wäre der Gedanke es nicht wert, weiterverfolgt zu werden. Er nickt in Richtung des Advokaten und dieser geht ans Werk. Jilley zieht das zweite Dokument hervor. Der Deal für Andrew Costalago.
Hollywood Jake: „Wie vereinbart werden wir Andrew als Belohnung für deinen Verzicht diesen Vertrag schenken. Was wir euch Beiden nicht schenken können, ist eine anständige Karriere. Ihr seid die untalentierteste Bande, die aus dem Förderkader hervorgekrochen kam und bis heute kann ich mir deinen Sieg bei Title Night erklären außer dadurch, dass die Götter des Schicksals gewürfelt haben.“
Ganz ohne Provokationen geht es eben nicht. Aber Gibson soll es egal sein. Er überhört die Stichelei einfach.
Wieder werden Unterschriften gesetzt. Damit ist es getan. Andrew Costalago ist zurück., in zwei Wochen zählt er wieder fest zum Roster.
Mark
Jilley tütet zufrieden die beiden Dokumente ein.
Er geht in die Knie und sammelt die Dokumente hektisch auf. Überfliegt die Seiten. Dann noch einmal. Langsamer. Sein Gesicht verliert jede Farbe.
Mark Jilley: „Jake! Das… das ist nicht…“
Er schlägt die Seite auf, auf der der entscheidende Paragraph stehen sollte. Der Verzicht auf das Intercontinental-Match. Die Überschrift passt. Alles sieht genau so aus, wie es sein sollte. Bis auf den entscheidenden Absatz. Bis auf DIE Klausel, um die es hier seit zwei Wochen ging.
Stattdessen ist dort: Lorem Ipsum. Sinnloser Platzhaltertext. Perfekt gesetzt. Perfekt kopiert. Ein Dokument, das aussieht wie das Original, als hätte es jemand gesehen, studiert und dann millimetergenau nachgebaut. Nur ohne Wirkung.
Hollywood Jake: „Was soll der Scheiß? Was…“
Zeitgleich fällt es den beiden ein.
Mark Jilley: „Meine Tasche. Der falsche Verschluss.“
Nein, es wurde nichts gestohlen. Nur kopiert. Und mit dem Austausch hat man bis zum allerletzten Moment gewartet. Auf eine kleine Ablenkung.
Creed Gibson: „Es ist wundervoll, wenn man Freunde hat, die Trompete spielen können.“
Jake versteht es schlagartig. Seine Augen weiten sich. Er hat versagt. Für Switzenberg. Er stürzt nach vorn, greift nach Gibson, doch der Zirkusmann ist schneller. Eine Rolle, raus aus dem Ring, sicherer Stand auf der Matte. Gibson zieht sich zum Vorhang zurück, ehe Jake hinterherkommt.
Creed Gibson: „Richte deinem Chef aus, er muss seinen Urlaub abbrechen.“
Er deutet zur Kamera.
Creed Gibson: „In zwei Wochen, bei War Evening, löse ich mein Recht auf ein Match um den Intercontinental-Titel ein.“
Die Zuschauer jubeln und ein Grinsen schleicht auf Creeds Gesicht.
Creed Gibson: „Andrew wird dabei sein, mit seinem neuen Vertrag liebend gerne direkt am Ring. Und auch Zac. Schließlich war unser schöner kleiner Zauber-Trick…“
Gibson hebt die Finger an den Mund und deutet eine kleine, imaginäre Trompete an.
Creed Gibson: „…seine eigene Idee. Schöne Grüße von ihm, Jake. Er war im Switziverse schon immer der Einzige mit einem echten Plan.“
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