irgendwann zwischen der letzten Show und heute


Wir befinden uns in einer Limousine.

Wohin diese fährt? Keine Ahnung. Wann befinden wir uns eigentlich? Wissen wir auch nicht so wirklich, ist aber auch nicht weiter wichtig. Wichtig ist nur, wer hier noch in dieser Limousine sitzt, denn das sind zum einen der amtierende GFCW World Champion The End und zum anderen sein treuer (neuer?) Weggefährte James Salvatore Corleone.

Und die Stimmung ist… angespannt.

End hat den Gürtel nicht dabei und ohnehin sieht er nicht so aus, als wäre er für irgendeinen Auftritt vor der Öffentlichkeit gekleidet. Eine locker, dunkle Hose an den Beinen, ein Helloween-Shirt am Oberkörper und eine schwarze Stoffjacke mit der Kapuze über dem Kopf, um alles abzurunden, schmücken seinen Körper, währenddessen Salvatore in seinen gewohnten bäuerlichen Klamotten gekleidet ist, natürlich in eher warmen Version. Nichts zu Schickes, einfach etwas, was die Kälte draußen hält.


Salvatore Corleone: „Zieh nicht so ein Gesicht, du wusstest, dass es darauf hinauslaufen wird.“


So ein Gesicht?‘ ist etwas übertrieben, aber man merkt End durchaus an, dass er über irgendetwas nicht glücklich zu sein scheint. Es liegt eine Wehmut in seinem Blick, eine Trauer, die dem Wissen über die Notwendigkeit dessen, was hier gleich geschehen wird, trotzen muss.


Salvatore Corleone: „Ich bin gekommen, um dich in deinem Kampf gegen meinen Bruder zu unterstützen. Ich habe das für dich getan und für Aldo. Nun sind sowohl Aldo als auch mein Bruder weg. Nun wirst du wieder allein klarkommen müssen.“


Aha, darum geht es also: um Abschied.

End weiß, dass er alleinklarkommen wird. Die Frage ist: WILL er allein klarkommen? Oder will er trotzdem eine familiäre Unterstützung bei sich?


Salvatore Corleone: „Und… das kannst du doch, oder, Junge?“


Eine Frage, bei der man meinen sollte, die Antwort würde schon darin stecken, aber tatsächlich schein Salvatore wissen zu wollen, ob End wirklich alleinklarkommen kann, vor allem nach den Ereignissen der letzten Show. James Corleone kam für eine letzte Ansprache zurück, die End vielleicht doch mehr aus der Bahn geworfen hat, als es ihm lieb wäre.

Schafft es End also wirklich allein zu bestehen?

Ohne James Corleone.

Ohne Salvatore Corleone.

Ohne irgendwen?


The End: „Selbstverständlich.“


Eine bestimmende Antwort, die jegliche Unsicherheit, die bei The End vor zwei Wochen vielleicht aufzukeimen drohte, abweisen.


Salvatore Corleone: „Sicher?“


End schnauft tief durch. So einfach ist das wirklich nicht, denn über weite Strecken in seiner professionellen Karriere und auch in seinem Leben, war er eben nicht allein, auch, wenn er sich oft vielleicht so gefühlt hat.

Er hatte über einen Großteil seines Lebens James Corleone an seiner Seite und ebenso über fast seine gesamte GFCW-Zeit, zwischendurch hatte er dann zusätzlich noch Leviathan und schließlich war es Salvatore Corleone, der zu ihm stand. Doch jetzt… jetzt ist er wirklich:

Allein.


The End: „Ich…“


End scheint nun doch etwas zu realisieren, als er da so darüber nachdenkt, was die Zukunft für ihn bereithält und auch, wenn er es so direkt nicht aussprechen würde, schafft es dieser Gedanke seine Mundwinkel zumindest im Ansatz nach oben zu ziehen.


The End: „Ich bin nicht allein.“


Wen er damit meint? Nun genau das ist es, was er nicht sagen würde, aber sowohl er, als auch Onkel Sal wissen, wen er meint.

Einerseits den GFCW-World Championship.

Andererseits… die GFCW-Galaxy.

Vielleicht ist das die Familie, die End immer gesucht und nie gefunden hat? Er ist nicht der immer-lächelnde, händeschüttelnde und abklatschende, fan-nahe Held des Volkes, aber er ist derjenige, der dennoch all diese Fans hinter sich hat. Nicht, weil er darum gebuhlt hat, sondern, weil die Fans ihn sich ausgesucht haben.


Salvatore Corleone: „Das stimmt. Und wenn du mich brauchst… werde ich da sein.“

The End: „Ich weiß.“


Viele Worte nutzen die Beiden nicht, aber sie verstehen sich auch wortlos. Man spürt in Momenten wie diesen, wie viel Vergangenheit und dadurch begründet auch, wie viel Zusammenhalt in ihnen steckt. Während James Corleone Ends Mentor war, war Salvatore Corleone vielmehr sein “Vater“.


Salvatore Corleone: „Was hast du jetzt vor?”


Wer weiß das schon, worüber die beiden sich abseits der Kamera unterhalten haben. Vielleicht ebenso taktische Gespräche über die Zukunft, wie es mit Inspirational Jim der Fall wäre, vielleicht aber auch viel abseits des Wrestlings. Die Frage wirkt auf jeden Fall aufrichtig und Sal scheint wirklich interessiert daran zu sein. Und End? Nun, der scheint schon durchaus etwas im Kopf zu haben…


The End: „Um ehrlich zu sein? Keine Ahnung. Ich habe das Gold und offenbar… will es niemand. Aber, wenn die Herausforderer nicht zum Champion kommen… kommt der Champion eben, zu den Herausfordern.“


Die Skala von Salvatore Corleones nichtvorhandenen Emotionen wird nun sich-stetig-aufbauend gesprengt, als er langsam anfängt zu lachen, dabei kommt die Limousine nun auch zum Stehen und Sal… naja, der lacht nun immer lauter. Es ist ein gesprochenes Lachen, stockend, hölzern, man könnte meinen er tut nur so, als würde er es tatsächlich lustig finden, aber genau das tut er.


Salvatore Corleone: „HA HA HA HA HA. Immer noch der selbe Raufbold wie früher, ich mag das.“


Sal versteht, was End meint. Vor zwei Wochen hat End eine Ansage in alle Richtungen gestreut, dass er bereit dafür ist seinen Titel zu verteidigen und offensichtlich hat sich bisher wohl niemand gemeldet, was End aber natürlich nicht auf sich sitzen lässt. Dann sucht er sich eben seine Gegner selbst aus. End ist nicht kleinzukriegen und wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann kämpft er auch dafür. Ein Charakterzug, den Salvatore Corleone scheinbar schon in Ends jungen Jahren bei ihm erkannt hat.

Nun öffnet Salvatore aber die Tür, um auszusteigen, wobei auch End andeutet ihm folgen zu wollen.


Salvatore Corleone: „Bleib sitzen, Junge. Ich weiß, wie man in einen Flieger steigt. Und du hast dich vorzubereiten, auf die Kämpfe, die vor dir liegen.“


Salvatore steigt aus. Es ist nicht nötig, dass er zum Kofferraum geht, um seine Tasche zu nehmen, denn alles, was er braucht, hat er in einem Beutel, den er mit sich aus dem Auto nimmt. End regt sich nicht und schaut ein letztes Mal zu Onkel Sal, dessen kurzer, aber vermutlich wohl bedachter-absichtlicher Lachausreißer, inzwischen wieder verflogen ist. Kurz wird Sal nun noch einmal ernst.


Salvatore Corleone: „Ich hatte das Kämpfen schon lange aufgegeben, das weißt du. Aber du hast mir bewiesen, dass es sich immer zu Kämpfen lohnt. Du bist ihm entkommen und ganz oben gelandet. Ich bin stolz auf dich.“


Fünf simple Worte, die selten irgendwo den Impact haben werden, wie sie ihn in diesem Moment auf The End haben. Worte, die er wohl noch nie so aufrichtig und ohne Hintergedanken gehört hat, wie jetzt. Und aus dem Kamerawinkel sieht man auch, wie sehr ihn diese Worte treffen. Man sieht, wie sehr ihn diese Worte bestärken und ihn sprachlos stimmen.


Salvatore Corleone: „Und wenn du das schaffst… wird auch Aldo es schaffen. Solltest du ihn wiedersehen… dann pass auf ihn auf.“


Nach einem letzten finalen Blick schließt Salvatore Corleone die Tür. Vermutlich sind wir an einem Flughafen und Sal bricht nun die Reise zurück nach Sizilien an, während nun weiter in dem Auto verweilt. Auch diese letzten Worte erreichen ihn auf eine besondere Art und Weise.

Wird er das können? Wird er Aldo so einfach „vergeben“ können?

Eine Frage, mit der er sich jetzt noch nicht beschäftigen muss.

Aldo Nero ist weg.

James Corleone ist weg.

Salvatore Corleone ist weg.

Nun ist End allein, zumindest so halb, denn er hat die Fans, vor allem aber hat er den GFCW World Championship und das unterstreicht umso mehr, dass er allein an der Spitze ist… und somit potenziell erst einmal ALLE gegen sich hat.

Aber dieser Herausforderung wird sich The End gerne stellen.




War Evening, Jahrhunderthalle (Bochum), 23.01.2026


In Kooperation mit



Pete: “Hallo.”

Sven: “Hey, Leute.”

Pete: “Es ist Zeit für War Evening, Sven.”

Sven: “So ist es, Pete.”

Pete: “Und wir müssen die Card durchgehen, für die Fans.”

Sven: “Absolut.”

Pete: “Auf der Card stehen diesmal fünf Matches.”

Sven: “Wow, fünf?”

Pete: “Ja, fünf.”

Sven: “Nicht vier?”

Pete: “Nein, fünf.”

Sven: “Auch nicht sechs?”

Pete: “Nein, fünf.”

Sven: “Irgendwas mit deiner Mutter?”

Pete: “Nein, fünf.”

Sven: “Du hast fünf Mütter?”

Pete: “Nein, sechs.”

Sven: “Also genauso viele, wie wir heute Matches haben!”

Pete: “Nein, fünf.”

Sven: “Ah, stimmt ja.”

Pete: “Genau.”

Sven: “Fünf Matches.”

Pete: “Ja, fünf.”

Sven: “Und das heute Abend!”

Pete: “Genau.”

Sven: “Sozusagen jetzt gleich, oder?”

Pete: “Genau.”

Sven: “Dann lass uns anfangen.”

Pete: “Okay.”

Sven: “Okay.”


Singles Match
Iray Burch vs Lukas Meyer-Gittenstein


Pete: “Das Debüt von Lukas Meyer-Git-”

Sven: “LMG!”

Pete: “Was?”

Sven: “So sollte sein Spitzname sein, oder Rufname, wie auch immer. Wie CR7, peilst du?”

Pete: “Ja, ich weiß, wer Cristiano Ronaldo ist. Der Fußballspieler. Früher war er bei Madrid, aber ist er jetzt nicht mehr. Er ist Portugiese. Bumm, Tor, SIIIIIIIU. Im besten Fall wird Lukas heute auch eine Pirouette nach einem großen Erfolg drehen, er könnte aber kaum einen schwereren Gegner bekommen haben.”

Sven: “Fat-shamest du gerade Iray Burch?”

Pete: “Ich fat-praise.”

Sven: “Chillig. Natürlich ist das eine verdammt unglückliche Aufgabe beim Debüt für LMG, aber hey, sollte er gewinnen, dürfte er verdammt gute Chancen auf eine richtige GFCW-Karriere haben. Burch hat bei Title Night Rasmus Rantanen böse auseinandergenommen, und er wirkt nicht so wie der Typ, der damit zufrieden ist. Meyer-Gittenstein sollte sich hüten.”


Singles Match
Monica Shade vs Mike Müller


Pete: “Das ist-”

Sven: “OINK!”

Pete: “Machst du jetzt den Pigster nach?”

Sven: “Nein, sondern-”

Pete: “Ja, ja, meine Mutter. Schon klar. So hat sie dich genüsslich angequiekt, nachdem du sie die ganze Nacht zum Grunzen gebracht hast, was? Das wolltest du doch sagen?”

Sven: “...Lady Rosi. Ich wollte auf Lady Rosi anspielen.”

Pete: “Achsooooo.”

Sven: “Das Match! Monica Shade, Pigster-Fan #1, ist nicht happy damit, dass Mike Müller, immerhin der originale Pigster, dabei geholfen hat, den neuen Pigster aus der Liga zu vertreiben.”

Pete: “Das ist ganz schön verwirrend für alle, die nicht in der #SchweineLore drin sind, aber was ganz simpel ist, ist folgendes: Shade ist angepisst und will Müller eine Lektion erteilen, und Müller will die Chance nutzen, sich für eine dauerhafte Anstellung zu empfehlen.”

Sven: “Leider Gottes muss Mike Müller dafür etwas tun, worin er nicht sonderlich gut ist, nämlich GEWINNEN. Monica wird sich nach Title Night mit Sicherheit nicht die Blöße geben, nochmal zu verlieren, und schon gar nicht gegen Obergurke Numero Uno, Mike “Loserjockel” Müller. Hatte ja einen Grund, warum er mit Schweinekopf besser dran war. Blöder Pisser.”


Tag Team Match
Black Wyrms (Brigitte Reflet & Shizuku Shikishima) vs Iðunn Jörmungandr & Skaði Fenrir


Pete: “Unser nächstes Match-”

Sven: “Hey, Pete! Welcher von diesen Namen ist der größte Zungenbrecher?”

Pete: “Kannst du nicht einfach einmal deine Fresse halten? Ich versuche seit JAHREN, einfach nur EINMAL eine Cardansage zu machen, sogar nur mal EIN Match, bei dem du KEINE beschissenen Witze reißt und mich lächerlich machst, und JEDES MAL muss ich mir dein BLÖDES Gedöns anhören.”

Sven: “Woah, jetzt chill doch mal, Pete.”

Pete: “CHILLEN? Wie soll ich CHILLEN, wenn du mir mit deiner BESCHISSENEN Laberei ständig im Ohr liegst? Ich bin fast schon TRAURIG, dass Aldo Nero weg ist, weil ich mich so sehr gefreut hätte, ihn gegen MEINEN SOHN verlieren zu sehen. Du erbärmlicher, dreckiger, fieser-”

Sven: “Also, das Match!”

Pete: “...ja, das Match.”

Sven: “Offenbar hat sich der Rest der LPG ein Vorbild an Breads und Rotari genommen und bekämpft sich nun gegenseitig.”

Pete: “DAS liest du aus dieser Ansetzung?”

Sven: “Immerhin kann ich lesen, ich habe den Eindruck, viele unserer Zuschauer können das nicht.”

Pete: “Zwischen “wollen” und “können” liegt ein Unterschied.”

Sven: “Achsooooo. Um einen Title Shot geht es hier nicht, dazu kommen wir später noch, aber zumindest dafür empfehlen kann man sich hier alle mal. Die Black Wyrms sind in der GFCW das etabliertere Team, haben schon einige starke Performances gezeigt, aber Resultate sind leider eher Mangelware. Sie wirken immer, als wären sie kurz davor – der letzte Schritt fehlt aber noch.”

Pete: “Machen Würmer überhaupt Schritte? Die glitschen doch eher so rum, oder?”

Sven: “Die Wyrms sind keine Würmer, sondern Drachen.”

Pete: “Achsooooo. Woher hätte ich das denn bitte wissen sollen? Ja, die haben Füße.”

Sven: “Genau, vier meistens.”

Pete: “So wie Wölfe. Und damit sind wir bei dem anderen Team, Iðunn Jörmungandr und ihre Schwester Skaði Fenrir.”

Sven: “Ich finde es ist eher Skaði Fenrir mit ihrer Schwester Iðunn Jörmungandr. Jemand, der seine Zöpfe im Mund hat, ist für mich nicht so die Frontfrau, weißt du?”

Pete: “Würdest du ihr das auch persönlich sagen?”

Sven: “Natürlich nicht, ich bin doch nicht lebensmüde.”

Pete: “Dachte ich es mir doch.”

Sven: “Ich würde sogar auch an ihren Haaren lutschen, wenn sie das wollen würde.”

Pete: “Niemand hat danach gefragt.”

Sven: “Nach dir auch nicht, und dennoch bist du hier.”

Pete: “Sehr wohl gefragt wurde aber nach diesem Match, und so bekommen wir nun ein relativ neues Schwestern-Team - nun, zumindest neu in der GFCW – gegen die Black Wyrms, um indirekt das Top-Team der Lerbitz Performance Group zu küren.”

Sven: “Körperlich überlegen: Eindeutig JöRir, aber das heißt noch lange nicht, dass man die Wyrms abschreiben darf. Wer weiß, vielleicht hatten die ja auch eine fixe Idee, was die Komplettierung ihres Move-Sets angeht. Lassen wir uns überraschen!”


GFCW Tag Team Championship No. 1 Contendership Match
Douglas Dynasty (Raymond “Morbeus” Douglas & Kyle Douglas) vs T’n’B (Titan & Tha Bomb)


Pete: “Morbeus ist back!”

Sven: “Selten wurde ein Satz in der GFCW-Geschichte so oft gesagt.”

Pete: “Morbeus hat Kyle Douglas dabei.”

Sven: “Selten wurde ein Satz in der GFCW-Geschichte so oft gesagt.”

Pete: “Auf der anderen Seite stehen T’n’B, die sich nochmal mit der jungen Tag Team Generation messen wollen.”

Sven: “Selten wurde ein Satz in der GFCW-Geschichte so oft gesagt.”

Pete: “Nostalgie steht gerade groß auf dem Programm, wir haben einen Geburtstag anstehen.”

Sven: “Achsoooo. Wir haben hier ein Duell von ehemaligen Champions, Titan und Tha Bomb sind sogar die Rekordchampions, die sich darum streiten, wer die komplett geisteskranken abgefuckten Hasen bei der Anniversary Show um die Titel herausfordern darf. Das Duell wird heißer als die Flirts zwischen Tha Bomb und Firebird!”

Pete: “Die waren so heiß, Firebird ist glatt verbrannt.”

Sven: “...nicht cool, Pete. Die Wunde ist noch frisch.”

Pete: “Ob Tha Bomb weiß, dass wir mit Milly Vermillion einen neuen Feuervogel am Start haben?”

Sven: “Nein.”

Pete: “Das war eindeutig.”

Sven: “Ja.”

Pete: “Eindeutig ist der Ausgang dieses Matches allerdings nicht! Beide Seiten haben wir länger nicht mehr im Ring gesehen, mit Ausnahme von Morbeus – der sah beim JCI nicht sonderlich gut aus, gegen Jay Taven konnte er aber gewinnen.”

Sven: “Jay vermisst Aya sicher fürchterlich.”

Pete: “Vielleicht wird er ja darüber rappen.”

Sven: “Ich denke eher nicht.”

Pete: “Ich auch nicht.”

Sven: “Aber möglich wäre es.”

Pete: “Schon, ja.”

Sven: “Halt eher unrealistisch.”

Pete: “Denke ich ebenfalls.”

Sven: “Kyle Douglas ist heftig.”

Pete: “Unnormal.”

Sven: “Main Event Zeit!”


Singles Match
Robert Breads vs Night Fighter Mad Dog


Pete: “Hier steckt eine Menge Historie hinter.”

Sven: “Aber nicht in der GFCW, also könnten wir sie ignorieren.”

Pete: “Tun wir aber nicht. Schließlich haben wir die PCWA überlebt und können die gönnerhaften Gewinner geben.”

Sven: “25th Anniversary, nicht mehr lange und wir sind da!”

Pete: “Es gab bereits mehrere Duelle zwischen Breads und Mad Dog, mit jedem erdenklichen Resultat, inklusive einem Draw. Aber das ist Jahre her, und wir haben absolut keine Ahnung, in welcher In-Ring-Verfassung der Night Fighter heute Abend auftauchen wird.”

Sven: “Nacht Kämpfer Verrückt Hund. Krasser Name.”

Pete: “Sein Gegner heißt wie Gebäck.”

Sven: “Aber Tiere sind üblicher und häufiger, was Namen angeht. Vor allem auch bei Nicknames. Das wird ja nicht sein richtiger Name sein. Oder ist Night Fighter sein Vorname und Mad Dog sein Nachname? Ist Mad sein Vorname und Dog sein Nachname? Stell dir vor, du bist einfach Herr Dog.”

Pete: “...”

Sven: “...”

Pete: “...komm schon, ich weiß, dass du es sagen willst. Bringen wir es hinter uns.”

Sven: “Das sagt auch DEINE MUTTER, wenn ich sie DOGGY-”

Pete: “Zuvor wollen sich beide zu einem Wortgefecht im Ring treffen, denn offenbar hat Breads noch das Bedürfnis, seinem heutigen Gegner etwas ins Gesicht zu sagen.”

Sven: “Bestimmt was Fieses.”

Pete: “Kann sein. Kann aber auch nicht sein.”

Sven: “Ich vermute schon.”

Pete: “Okay.”

Sven: “Du nicht?”

Pete: “Möglich. Aber nicht sicher.”

Sven: “Hm.”

Pete: “Ja.”

Sven: “Schwierig.”

Pete: “Jo.”

Sven: “Und sonst so?”

Pete: “Mir geht’s heute eigentlich ganz gut, die allergische Reaktion auf das Aciclostad war nicht-”

Sven: “Ich meine die Show, nicht dein Leben, du Hampelmann.”

Pete: “Achsooooooo.”

Sven: “Ist doch wohl klar, oder?”

Pete: “Wenn du’s so sagst, schon, ja.”

Sven: “Also?”

Pete: “Wir hören mit Sicherheit auch noch von unseren beiden Singles Champions – The End und Darragh Switzenberg, die jeweils noch keinen Gegner für die Anniversary Show haben! Stellt sich das Switziverse neu auf? Was hat Danny Rickson vor? Hat Miria Saionji nach ihrem Sieg in der letzten Show etwas vor? Wie nice ist eigentlich mein Sohn? Das und noch vieles mehr erwartet euch heute bei War Evening!”

Sven: “VIELES mehr? Klar, es gibt immer ein bisschen was Überraschendes, aber VIELES?”

Pete: “Möglich wäre es.”

Sven: “Ich weiß ja nicht. Ziemlich spekulativ. Kommt mir wie False Advertisement vor.”

Pete: “Das ist eine interessante Sichtweise.”

Sven: “Ja, oder?”

Pete: “Ne.”

Sven: “Hä?”

Pete: “Verarscht.”

Sven: “Wow.”

Pete: “Ja.”

Sven: “Gemein.”

Pete: “Schon.”

Sven: “Joana Sexianer.”





Danny Rickson: „Die Zukunft ist vorbei.“


Er ist zurück. Mit langsamen, festen Schritten war Danny Rickson die Rampe heruntergekommen; jede Sekunde, die sein Marsch dem Showplan abverlangte, hatte er mit der Selbstverständlichkeit eines Kaisers genommen.


25 Jahre GFCW.
20 Jahre Danny Rickson.


Er hätte die treuen, jungen Zuschauer, die mit gespannten Gesichtern auf seine Ansprache harren, in den Veranstaltungshallen dieser Welt heranwachsen sehen können. Sie haben ihm zugeschaut, als sie Kinder auf den Schößen ihrer Eltern waren. Als Teenager. Und jetzt als junge Erwachsene. Dies jedoch hätte eine Aufmerksamkeit bedurft, die Danny Rickson nie erübrigte – außer für sich selbst.


Danny Rickson: „Das war die Aussage, mit der ich vor zwei Wochen War Evening beendet habe. Ich bin mir sicher, dass seitdem viel über ihre Bedeutung gegrübelt und diskutiert wurde. Von euch und auch dort hinten im Locker Room bei meinen sogenannten Kollegen.“


Es ist ein vertraut und gleichsam anders aussehender Danny Rickson, der im Ring steht und Richtung Backstage-Area gestikuliert. Das arrogante Lächeln, die Sonnenbrille auf der Nase, die Körperhaltung, die gebräunte Haut. Alles, das den Kern des Hall of Famers ausmacht, ist geblieben, doch zu einem neuen Ganzen zusammengesetzt.


Seine Gesichtszüge sind schmaler, der bullige Bau ist der athletischen Silhouette eines Leichtathleten gewichen. Brust raus, Bauch rein: Er steht auf der Matte mit der Körperspannung eines Soldaten.


Danny Rickson: „Schließlich gilt seit 20 Jahren in dieser Liga eine Regel: Stecke zwei GFCWler lange genug in einen Raum und sie fangen irgendwann an, über Danny Rickson zu reden.“


Er streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht. Danny Rickson trägt sein Haar wieder so lang und hellblond wie einst vor Jahrzehnten. Der Haaransatz ist dicht und gerade.


Danny Rickson: „Doch was habe ich gemeint? Keine Angst, heute werde ich euch nicht nur eine Antwort liefern, sondern auch klar machen, warum ihr es lieben werdet.“


Seinen Satz schließt er nicht als Drohung ab, sondern in einem feierlichen Tonfall. Er rückt die Sonnenbrille auf seiner Nase zurecht und schaut sich um. Die Zuschauer kleben an seinen Lippen. Noch hat man in Bochum nicht entschieden, welche Haltung man dem Mann gegenüber einnimmt, der in seiner Karriere den Hass und die Liebe der Massen nach Belieben getauscht hat.


Danny Rickson: „Seht, es ist so: Im Grunde basiert Wrestling auf einer ganz einfachen Fragestellung. Wer ist der Beste? Die erste Antwortmöglichkeit ist Danny Rickson, die zweite jedoch ziemlich kompliziert. Dabei scheint es die Herleitung zunächst noch simpel. Zwei Personen treten in einen Ring und wer gewinnt, kommt ein Stück näher an das Label, der Beste zu sein. Und wenn man alle besiegt, dann hat man es geschafft, was?“


Er zuckt mit den Schultern. Nein, diese Argumentation überzeugt ihn nicht.


Danny Rickson: „Interessant wird die Frage erst, wenn man den Faktor Zeit berücksichtigt. Dann landet man bei der Überlegung, wer der Beste aller Zeiten ist. Und hier ist es gar nicht mehr so einfach mit der Antwort, auch wenn Danny Rickson eine valide Option bleibt. Plötzlich hat man keine klaren Kriterien mehr, denn es fehlt der direkte Vergleich. Ist jeder Champion aus 25 Jahren GFCW als gleichwertig zu betrachten? Auch wenn die Titel in unterschiedlichen Rostern gewonnen wurden, zu anderen Zeiten?“


Kopfschütteln.


Danny Rickson: „Weil Wrestling-Fans von der Frage besessen sind, fluten sie die Diskussionen mit Quervergleichen. Mit hypothetischen Fragestellungen. Hätte Robert Breads bei Heir to the Throne in London gegen The End gewonnen, wenn er seine Version von 2011 oder 2015 gewesen wäre? Wer würde einen Kampf zwischen Stormy Boy und Darragh Switzenberg gewinnen, lägen nicht mehrere Generationen zwischen ihnen? Hätte Jason Crutch auch den Status als Rekordchampion, wenn seine Prime drei Jahre vorher gelegen und die Konkurrenz anders ausgesehen hätte? Könnte Tommy Cornelli in der heutigen Ära seine Erfolge noch einmal wiederholen? Ihr versteht, worauf ich hinauswill.“


Der Engländer hält es nicht für nötig, sich dessen zu vergewissern. Er ist in seinem Leben stets davon ausgegangen, dass es läuft, wie er es will. Und mit dieser Haltung immer durchgekommen.


Danny Rickson: „Es bleibt die große Tragik des Wrestlings, dass der größte Gegner für einen Wrestler offenbar kein Rivale im Squared Circle ist, sondern der eigene Körper. Das Alter, der Verfall. Grüße an Morbeus. Grüße an Robert, der auch wieder mein bester Freund sein darf, wenn ich ihn endlich nicht mehr als Schatten seiner Selbst im Ring ertragen muss.“


Im Publikum erwacht der Unmut. Noch schlägt er sich nicht in offener Ablehnung nieder, doch vereinzelte Buhrufe machen die Richtung deutlich, in die Rickson manövriert.


Danny Rickson: „Im Wrestling wird so verdammt viel über die Jugend gesprochen. Die GFCW baut ein Performance Center, die GFCW führt eine Nachwuchsliga ein, die GFCW bringt einen Förderkader. Und jede dieser Investitionen wird beklatscht, als wäre Zukunft eine Zeit, die irgendetwas grundsätzlich besser macht und die man herbeisehnen muss. Dabei ist es eigentlich eine traurige Sache. Es ist das Eingeständnis, dass die Gegenwart wieder einmal zur Vergangenheit geworden ist.“


Der Engländer wendet sich zur Kamera, winkt sie näher heran. Als seinem Befehl nachgekommen wird, nimmt er die Sonnenbrille ab und stiert direkt in die Linse. Seine Augen sind eisblau. Er streicht sich über die dünne Haut darunter, deren feine Linien wie ausgefüllt wirken.


Danny Rickson: „Aber hier und heute sage ich euch, dass es eine Alternative gibt. Wir, mein neuer Premium-Partner Refuse to Age und ich, haben einen Weg gefunden, wie Wrestler auch den größten Kampf ihres Lebens gewinnen können: den Kampf gegen den Verfall.“


Er lässt seine Worte wirken. Nimmt sich die Zeit, die Zerrissenheit des Publikums auszukosten. Dann, mit dem Ausdruck von Triumph im Gesicht, führt er das Mikrofon zurück an seine Lippen.


Danny Rickson: „Bio-Tracking. Mit dem Adaptive Longevity Wearable. Dem Precision Blood Panel. Am Tag, im Schlaf, beim Sport. Wir müssen unseren eigenen Körper vermessen wie die Welt, um ihn letztendlich von der Zeit zurückerobern zu können. Mit der Hilfe des besten Tag-Team-Partners, den ein Wrestler je hatte: Longevity von Refuse to Age.“


Diejenigen, die Rickson Plänen mit Ablehnung begegnen, gewinnen die Oberhand. Es wird gebuht, es wird gepfiffen. Rickson ergeht es nicht anders als Sven, nachdem dieser vor zwei Woche bereits von den gleichen Dingen gesprochen hatte. Doch anders als beim Kommentator wirkt es bei Rickson nicht wie eine Werbeveranstaltung, sondern wie der Teil eines großen Plans. Wie eine Zutat, durch die ein ausgeklügeltes Rezept erst magisch wirkt.


Danny Rickson: Ich bin das beste Beispiel: Es ist mir gelungen, die biologische Uhr rückwärts zu drehen. Mit Refuse to Age wird Danny Rickson nicht älter, er wird jünger. Er wird unendlich.“


Rickson wirft die Haare zurück. Das unnatürlich helle Blond glänzt im Scheinwerferlicht. Er wird ausgebuht, aber er kostet den Augenblick dennoch mit Genuss aus. Er ist Danny Rickson – ihm ist es immer nur um sich selbst gegangen.


Danny Rickson: „Ich bin nun offiziell in meiner Benjamin Button-Ära. Ich bin gekommen, das letzte große What If des Wrestlings zu beantworten: Wer wäre wirklich der Beste, wenn die Uhren nicht mehr gegen die Heroen der Vergangenheit ticken?“


Auch wenn er den Plural verwendet, bestehen keine Zweifel, wer derjenige sein wird, um diesen Plan zu verwirklich. Wer die eine große Frage beantworten wird, von der die Natur nicht wollte, dass es jemals eine Antwort gibt.


Danny Rickson: „The End, Aiden Rotari, Zane Levy, Keek Hathaway. Sie alle sind und waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Aber ihre Titel haben sie nicht allein gewonnen, sondern weil die Vergänglichkeit einer alten, besseren Generation ihnen den Weg freigeräumt hat. Das ist nun vorbei. Refused to Age und ich sind gekommen, dem schwachen Jetzt diesen Vorteil zu nehmen und die große Illusion platzen zu lassen…“


Er schnalzt mit der Zunge. Die Finger halten eine imaginäre Nadel in die Kamera, deren Spitze in die Luft vor der Kamera sticht.


Danny Rickson:. „…, dass alle Generationen gleichwertig waren.“


Wieder geht die Geste Richtung Backstage-Area. Die Zuschauer chanten die Namen jener Aktiven, wegen denen sie heute hier sind. Sie lassen nicht zu, dass Rickson ihnen die Daseinsberechtigung abspricht. Eine Kritik, an der der Engländer ohne Reaktion vorbeigeht.


Danny Rickson: „Nun brauchen wir keine Zukunft mehr, weil die Vergangenheit wieder Gegenwert werden kann und die Gegenwart für immer ist. Das ist der neue Lauf der Dinge. Und ihr werdet es lieben.“


Er setzt sich die Sonnenbrille wieder auf. Dann, mit der freien Hand, beginnt er die Knöpfe seines Hemdes zu öffnen. Er lässt es zu Boden gleiten, steht oberkörperfrei da. Der Neunundvierzigjährig ist schlanker als er es in den letzten zwanzig Jahren war. Aber sehnig und muskulös. Er hat den Körperfettanteil eines jungen Kriegers.


Danny Rickson: „Denn ich bin Teil davon.“


Der Fingerzeig geht zur Videoleinwand. Dort ist eine Einblendung zu sehen.





Danny Rickson hat einen Vertrag für das gesamte Jahr 2026 unterschrieben.



Sven: „Fantastisch, dieser neue alte Danny Rickson.“

Pete: „Mein Hype hält sich in Grenzen, solange er noch nicht im Ring bewiesen hat, dass er wirklich in seiner Benjamin Button-Ära ist. Der Mann ist vor einigen Wochen 49 Jahre alt geworden. Ich habe die Befürchtung, dass er sich mit seiner Refuse to Age-Sache in etwas verrennt.“

Sven: „Wir sollten über unsere Wette sprechen, Pete.“


Vom abrupten Themenwechsel überrascht, bleibt Pete für einen kleinen Augenblick die Sprache weg. Doch dann tritt ein triumphierendes Lächeln in sein Gesicht.


Pete: „Ich hätte nie gedacht, dass du es von selbst ansprichst. Unsere Wette. Nun, es scheint, als würde Aldo Nero nicht für dich antreten. Damit ist der Gegenstand unserer Wette hinfällig, denn er kann meinen Sohn nicht besiegen…“


Der Kommentator ist so aufgeregt, dass er sich Hinstellen muss, um die Konsequenz von Neros Verschwinden auszusprechen.


Pete: „…und somit habe ich die Wette gewonnen. Dir wird der Mund mit Seife ausgewaschen werden.“

Sven: „Ich werde einen Ersatzkandidaten einberufen.“

Pete: „Nein! Das war nicht abgemacht.“


Mit vor Wut funkelnden Augen stiert Pete auf Sven. Er sagt sich, dass er hart bleiben muss. Nicht auf Svens Bitte eingehen.


Sven: „Willst du etwa, dass deine Brut…“

Pete: „Er heißt Jona. Jona Pexianer. Sag seinen Namen, wenn du von ihm sprichst.“

Sven: „…kampflos gewinnt? Was wäre damit bewiesen – nur, dass er zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Doch jedem in der Halle wäre bewusst, dass er trotzdem ein Loser ist.“

Pete: „ER IST KEIN LOSER.“

Sven: „Aber du kannst nicht das Gegenteil bewiesen.“


Der Mann, der vor zwei Jahrzehnten forsch in Joana Sexianer hineinschwengelte, rauft sich die Haare und hat ein Fuck auf den Lippen. Das ist wirklich ein Argument, welches Sven da hervorbringt. Kopf sagt, er muss hart bleiben und den Sieg abstauben. Aber Herz sagt…



Pete: „Wer wäre denn dieser Ersatzkandidat?“

Sven: „Danny Rickson. Mein freundlichen Grüßen unseres neuen Premium-Partners Refuse to Age.

Pete: „Nein.“

Sven: „FEIGLING.“

Pete: „Ich…das wäre nicht richtig. Wir haben Rickson zuletzt vor Jahren im Ring gesehen und…“

Sven: „…du weißt tief in deinem Inneren, dass dein Bastardbursche ihm nicht gewachsen ist.“

Pete: „Ich finde einfach, er sollte gegen jemanden antreten, der nicht 30 Jahre mehr Erfahrung hat. Das ist doch ein Argument, findest du nicht?“

Sven: „Weißt du, wie das Eskimo-Wort für Argument lautet?“


Pete kräuselt die Stirn. Er schüttelt mit dem Kopf.


Sven: „Es lautet FEIGLING. Denn das bist du, Peterchen.“

Pete: „BIN ICH NICHT!“

Sven: „DOCH!

Pete: „NEIN!“




(Video)


Inmitten von Pete und Svens Zwist ist ein Klicken zu hören, als die Videoleinwand anspringt. Dann beginnt die Übertragung einer Szene aus dem Backstage-Bereich.


Und wir sehen Jona Pexianer.


Jona Pexianer: „Vater.“


Der junge Mann spricht direkt in die Kamera. Er steht vor einer grauen Backstagewand. Nicht die Interview-Area, dafür fehlt es an Sponsorenlogos. Vielmehr scheint die genaue Location irrelevant zu sein.


Jona Pexianer: „Sven…“


Der „Gruß“ an den Kollegen seines Vaters fällt deutlicher kälter aus. Pex kratzt sich an seinem Dreitagebart.


Jona Pexianer: „Verzeiht, dass ich euren kindischen Streit unterbrechen muss. Aber ich möchte euch etwas zeigen, dass euch interessieren wird.“


Nicht könnte, sondern wird. Aus Pex strotzt ein Hochmut, dessen Ursprung noch nicht ausgemacht werden kann.


Jona Pexianer: „Denn es wird euch anders darüber denken lassen, was für ein Match Jona Pexianer gegen Danny Rickson potenziell sein könnte. Meinem Vater wird es die Bedenken nehmen. Aber dir, Sven, wird es die Zuversicht nehmen.“


Ohne erkennbaren Grund hebt Jona einen Arm.


Jona Pexianer: „Ich habe Title Night nicht vergessen. Den Betrug mit Betze. Ich habe es vor allem nicht verziehen. Es hat mir die Chance genommen, der Wrestling-Welt zu beweisen, dass dieser Arm jeden Wrestler mit einem Schlag ausknocken kann. Ein guter Treffer und ein Fight mit mir ist nach zehn Sekunden vorbei. Nur…es hat noch nie jemand vor der Kamera gesehen. Heute aber will ich das Gegenteil beweisen. Deswegen habe ich eine kleine, eigene Wette abgeschlossen…“


Auf einen Fingerzeig von Pex hin wird die Kamera herumgeschwenkt. Und erst dadurch fällt auf, dass der blonde Jungspund gar nicht alleine ist. Neben ihm steht ein Berg von einem Mann. An die zwei Meter hoch und locker hundertfünfzig Kilo schwer. Seinem Gesicht sieht man nicht nur fünfundvierzig Jahre an, sondern auch unzählige Prügeleien. Der Mann trägt eine Lederjacke. Das Shirt darunter spannt über dem Bauch.


Jona Pexianer: „Das da ist Reed Bunton.“


Der Vorgestellte zieht verächtlich seine Nase hoch. Es wirkt, als wolle er auf den Boden spucken.


Reed Bunton: „Ich kann mich selbst vorstellen, Junge.“

Jona Pexianer: „Gut.“


Pex tritt zur Seite. Der Mann blickt ernst in die Kamera.


Reed Bunton: „Ich bin Reed Bunton.“


Nachdem das geklärt ist, dreht er sich schwerfällig zur Seite und deutet mit einem Anflug von Amüsement auf Pex.


Reed Bunton: „Dieser Grünschnabel wettet mit mir, dass er mich mit nur einer einzigen Lariat ausknocken kann. Deswegen bin ich in ein paar Sekunden hundert Euro reicher.“


Da also ist offenbar die Wette, von der Pex sprach. Zum Beweis holt Petes Sohn zwei Fünfziger aus der Tasche. Bunton will gierig danach greifen, doch Pex legt sie außer Reichweite auf einer Kiste ab.


Jona Pexianer: „Bereit?“


Pex zieht seine Jacke aus und tritt einen Schritt zurück, um Anlauf zu nehmen. Bunton verzieht das Gesicht.


Reed Bunton: „DU fragst MICH, ob ich bereit bin? Was glaubst du, wer du bist? Ich habe Dinge unter meinen Fußsohlen zertreten, die härter waren als du. Mit Lappen wie dir haben wir früher in der Kneipe unsere Kotze aufgewischt.“


Zufrieden mit dieser Ansage bleckt Bunton die Zähne. Aber er ist noch nicht fertig.


Reed Bunton: „Denk daran: Du hast genau einen Schlag. Ich empfehle dir, meinen Kopf abzuschlagen. Denn ansonsten ist es letzte Punch, den du für sehr, sehr lange Zeit ausführen wirst. Ich breche dir deine Arme. Ich hole mir dein Geld. Dann nehme ich mir, was von dir übrig ist.“


Mit einem Selbstbewusstsein, dass nur ein testosteron- und adrenalingeladener Twen besitzen kann, bleibt Jona Pexianer von Buntons Drohungen unbeeindruckt. Er tritt nur noch einen weiteren Schritt zurück und schwingt seinen Arm.


Bunton reckt hämisch sein Kinn vor.
Er ist völlig unbesorgt.
Alles sieht nach einem Desaster für Pex aus.


Der Sohn trabt los. Nach wenigen Schritten schon steigert er sich in einen Sprint. Sein Arm schwingt neben dem Körper wie eine Fahne. Kurz vor Bunton holt er noch einmal aus.


Sein Arm fliegt durch die Luft.
Pex legt all sein Gewicht in diesen einen Schlag.



Und Reed Bunton stürzt wie ein gefällter Baum.


Es ist, als wäre von einer Sekunde auf die andere alles Leben aus ihm gewichen. Die Augen, die eben noch auf einen jungen Nobody namens Pex hinabsahen, nehmen nur noch Schwärze war. Dann geben die Beine nach. Aus dem Mund kommt nicht einmal mehr ein Stöhnen. Da ist einfach…Nichts mehr.


Der Koloss kollabiert auf der Stelle. Er fällt gegen die Betonwand hinter sich um bleibt verdreht liegen.


Langsam dreht die Kamera zurück zu Pex. Petes Sohn schüttelt seine Hand aus. Dann schnappt er sich die beiden Fünfziger und steckt sie zurück in die Tasche.


Jona Pexianer: „Nun, Sven. Frag meinen Vater doch noch einmal, ob er einen Ersatzkandidaten akzeptiert.“


(Ende des Videos)


Ein stiller Sven. Es ist immer Zeit für ein erstes Mal. Der Kommentator gibt vor, in seinen Moderationskarten zu stöbern und vermeidet es, Pete anzublicken. Einen Pete, dessen Herz vor Triumph pocht.


Endlich haben sie es gesehen. Alles haben es gesehen. Was für ein geiles Stück sein Sohn ist. Er, dessen Lariat wie ein Kopfschuss ist.


Pete: „Nun, Sven, ich akzeptiere…mein Sohn gegen deinen Ersatzkandidaten. Es ist mir egal, ob es Danny Rickson ist.“


Pete setzt das Headset ab und steht auf. Doch das ist nicht genug. Er klettert auf das Kommentatorenpult.


Pete: „Mein Sohn hätte Aldo Nero besiegt. Nun wird er einen Hall of Famer besiegen. Und dann wird Sven nicht nur endlich einsehen, dass er nie so etwas Herrliches hervorgebracht hat wie ich, sondern er wird auch seinen Mund mit Seife ausgewaschen bekommen.“


Im Hintergrund ertönt ein Knurren von Sven. Doch für den euphorischen Pete ist es nichts weiter als ein Hintergrundgeräusch, völlig belanglos.


Pete: „Die ursprüngliche Wette sah vor, dass der Kampf bis spätestens zur Anniversary Show stattfinden muss. Daran sollten wir uns weiter halten. Deswegen schlage ich die letzte Gelegenheit vor, Sven. Am 20.02, im Hansesaal von Lünen. Die Go-Home-Show vor dem großen Geburtstag.“

Sven: „So…soll es sein.“




WAR EVENING, 20.02.2026
Der Abschluss der Wette von Sven und Pete
Comeback vs. Debüt


Danny Rickson vs. Jona „Pex“ Pexianer

Dem unterlegenen Kommentator wird im Anschluss der Mund mit Seife ausgewaschen.




Dröhnend scheppern die Klänge von Lynyrd Skynyrd durch die Halle und die Menge reagiert verhalten. Einzelne aber reißen sofort erfreut die Arme hoch und springen aus ihren Sitzen. Als die Kamera einen älteren Fan mit einem alten „Unbekannte Konstante“-Shirt aus PCWA Zeiten einfängt, dämmert es den Menschen vor den Bildschirmen ebenfalls. Die Menge in der Halle wird merklich lauter, als der verrückte Hund jetzt den Vorhang beiseite schiebt und seit ewig anmutenden vier Jahren ein erstes Mal den Schritt in eine Wrestlinghalle wagt.


Broken bones, broken hearts

Stripped down and torn apart

A little bit of rust - I'm still runnin'

Countin' miles, countin' tears

Twisted roads, shiftin' gears

Year after year - it's all or nothin'


Vor allem sind es die Langzeitfans und jene, die sich inzwischen informiert haben, die massig Respekt für die Leistungen des Hundes in den vergangenen 25 Jahren zeigen - auch wenn er von diesen 14 mehr oder weniger durchgehend in der PCWA verbrachte. Mad Dog ist mit den Fans durch dick und dünn gegangen - und einer der Wenigen, die zu ihrer Liga gestanden haben.


But I'm not home, I'm not lost

Still holdin' on to what I got

Ain't much left

No there's so much that's been stolen


Die Töle scheint die Ovationen für einen Moment zu genießen. Sie lächelt mit dem Blick durch die Fans schweifend. Dann klopft sich der Night Fighter mit leicht befeuchteten Augen auf die Brust – dorthin, wo sein Herz klopft. Er nickt voll Dankbarkeit…


Doch ehe ihn die Gänsehaut vollends zu übermannen droht, macht er sich nun auf den Weg, die Bretter, die die Welt bewegen, ein weiteres Mal zu entern.
Auf dem Weg dorthin klatscht er mit einigen Fans ab, die ihm die Hände entgegenstrecken, ehe er kurz vorm Squared Circle stehen bleibt. Ein paar andere verneigen sich mit großer Geste vor dem Mann, den sie selbst schon seit Kindheitstagen kennen.


I guess I've lost everything I've had

But I'm not dead, at least not yet

STILL ALONE,

STILL ALIVE,

STILL UNBROKEN

I'm still alone, still alive,

I'm still unbroken


Die letzten Worte des Chorus flüstert der mehrfache World Champion fast unmerklich mit. Dann rutscht er geradeaus unter dem untersten Ringseil hindurch in den Ring – so als wolle er keine weiteren Umwege machen, so als wäre er angezogen von der Magie des Seilgevierts und könnte nicht mehr abwarten.

Im Ring angekommen erklimmt er das Turnbuckle und streckt die Fäuste in die Luft. Auch hier blickt er sich um und schaut ins Rund, versucht in den Gesichtern der Fans zu lesen, ihre Energie, ihre Freude und ihren Respekt aufzusaugen.


Dieses Prozedere wiederholt er in jeder Ringecke, ehe die unbekannte Konstante schließlich von Laura das Mikrofon überreicht bekommt und die Musik verstummt.

Doch die Zuschauer sind noch nicht fertig. Sie haben Spaß an der Sache und die Bochumer stimmen für den alten Mann einen Chant an.


MAD DOG!
MAD DOG!
MAD DOG!

Ein Lächeln bei der Legende und dann beklatscht er die Zuschauer.


Mad Dog: „Guten Abend, Bochum!“


Der Cheap Pop funktioniert und stachelt die Fans noch mehr an.


MAD DOG!
MAD DOG!
MAD DOG!


Mad Dog: „Es freut mich, dass ihr mich so warm empfangt und mir so viel Liebe entgegenbringt. Verdammt! Ich hab‘ eben neben den Leuten mit PCWA Shirts sogar jemanden mit einem bXq-Shirt gesehen. Wow. Geil, man!“


Der Angesprochene, welcher den Night Fighter wohl schon zu Beginn seiner Karriere Anfang der 2000er Jahre in Deutschland bei der XPW und späteren bXq gesehen hat, grölt laut los, als er hier Extraerwähnung findet. Von MD bekommt er dafür den Daumen nach oben.


Er scheint allerdings nicht der Einzige zu sein, den allein der Name „Mad Dog“ heute in die Jubiläumshalle nach Bochum geführt hat.


Mad Dog: „Ja, natürlich hat es mich im Rahmen meiner langen Karriere auch mal nach Amerika, nach Jamaika verschlagen… XFWA, cWc, XAW… aber den Großteil dieser langen Zeit habe ich doch hier in Deutschland gewrestlet. Ob am Anfang in bXq, kurz bei GCW oder später meine Blütezeit in der PCWA – hier bin ich Zuhause. Hier gehöre ich hin… und hier soll es enden!“


Der Anschlusssatz lässt die Menge für einen Moment still werden.

Mad Dog: „Denn wie ihr sicher wisst, habe ich nicht nur die gleiche Heimat wie die GFCW, sondern bin ebenso lange in diesem Business tätig. 25 Jahre GFCW – und 25 Jahre Night Fighter Mad Dog!“


Erst jetzt scheint den Fans die Koinzidenz der Ereignisse wie Schuppen von den Augen zu fallen und sie jubeln erneut lauthals los.


Mad Dog: „Die PCWA ist durch den Mord an Jona Vark von jetzt auf gleich geschlossen worden. Und obwohl ich am Ende den zweitwichtigsten Titel der Liga in den Händen hielt und Lara Lee endlich besiegt hatte, war es kein wirkliches Ende für mich. Keine Möglichkeit, ein letztes Mal Lebewohl zu sagen, keine Chance sich irgendwie mental darauf einzustellen, dass die Stiefel ein letztes Mal geschnürt wurden… Und deswegen schnüre ich sie heute wieder!“


MAD DOG!
MAD DOG!
MAD DOG!


Mad Dog: „Robert Breads – du hast in Oberhausen gesagt, dass du mich vor unserem Match noch einmal sehen willst. Nun – here I am!“



Es folgt sogleich der nächste Song, der den allermeisten GFCW-Fans nichts sagen dürfte – es sei denn, sie haben vor rund einem Jahrzehnt auch mal den Blick über den Tellerrand gewagt, ins nicht ganz so weit entfernte Berlin.


Denn diesen Track hat man nicht mehr gehört, seit ein gewisser Robert Breads in der PCWA sein Unwesen trieb. Ein kleiner Throwback, wahrscheinlich an erster Linie an den Mann gerichtet, der bereits im Ring steht.


Das letzte Mal, als Mad Dog dieses Theme vor einem Match mit Robert Breads gehört hat, hat der Night Fighter verloren. Nostalgie für Leute, die Tom Nowak mehr vermissen als Johnboy Dog.


Mit einem beinahe verschmitzten Lächeln tritt Robert Breads auf die Stage. Er trägt ein „Robert’s Retirement Road“-T-Shirt, auf dem einmal mehr der Weg zu seinem Rücktritt, Show für Show, aufgelistet ist.


Und heute Abend steht die unbekannte Konstante auf dem Terminplan.


Der Kanadier hat seinen alten Rivalen fest im Visier, als er seinen Weg zum Ring beschreitet. Er wirkt nicht unbedingt nervös, aber definitiv neugierig. Die zwei haben sich nie so sehr gehasst oder sich solch schreckliche Dinge angetan wie andere ihrer Feinde – Kriss Dalmi und der Schlächter lassen grüßen – aber wir sprechen hier von zwei Menschen, die bedingungslos kompetitiv sind.


Und von zwei Männern, die ihre Konflikte im Ring klären.


Canada’s Own“ ist angekommen, und als er durch die Seile steigt (ein wenig langsamer und vorsichtiger, als er das noch vor einigen Jahren getan hätte) verstummt auch die ungewohnte Musik.


Wer hätte gedacht, dass wir Robert Breads noch einmal mit diesem Teil seiner Vergangenheit konfrontiert sehen?


WHAT A TIME TO BE ALIVE


Selbstredend ist ein Ringside-Mitarbeiter zügig zur Stelle, um dem GFCW Hall of Famer ein Mikrofon zu reichen. Er hebt es zum Mund, ehe er kurz innehält. Von oben bis unten mustert er den Night Fighter, als wolle er sich versichern, dass noch alles da ist, wo es seiner Erinnerung nach hingehört.


Robert Breads: „Mensch, Nelson. Wir sind alt geworden.“


Dem lässt sich nur schwerlich widersprechen. Breads hat vor Monaten aufgehört, die Haare und den Bart zu färben, und die grauen Haare sind mehr als deutlich erkennbar. Die Krähenfüße im Augenwinkel sind ebenso ein Anzeichen für seinen körperlichen Niedergang wie der gemächlichere Entrance.


Der Strom der Zeit fließt nur in eine Richtung und macht für niemanden eine Ausnahme.


Robert Breads: „Und es ist ein ungewohntes Gefühl, der Jungspund zu sein.“


Ein leicht verschmitztes Lächeln ziert Breads‘ Lippen, als er das sagt. Ob das ein Scherz unter alten Freunden oder eine bösartige Stichelei ist lässt sich aus seinem Tonfall nicht wirklich herauslesen. MD aber schmunzelt leicht.


Mad Dog: „Nicht, dass du in vier Jahren auch nochmal Lust bekommst, huh?!“


Der Hund zwinkert dem Kanadier zu – will es doch die Ironie des Schicksals, dass das letzte Match des Night Fighters genau die Zeitspanne entfernt ist, welche die beiden Männer im nummerischen Alter voneinander trennt.

Nun schmunzelt auch Breads.


Robert Breads: „Ich freue mich wirklich, dass du hier bist. Das mag der eine oder andere für Sarkasmus halten, aber ich meine es ernst. Du und ich, wir sind uns gar nicht so unähnlich.“


Breads hält den Blickkontakt, während er einen Schritt auf Mad Dog zugeht. Immer noch weit genug entfernt, um fliehen zu können, sollte sich der Night Fighter – warum auch immer – für eine Attacke entscheiden. Wahrscheinlich ist das nicht, aber so kurz vor dem eigenen Rücktritt geht man wohl besser kein Risiko ein.


Robert Breads: „Wir beide repräsentieren mehr als jeder andere für eine bestimmte Generation unsere Promotion. Und die, die das anders sehen, sind größtenteils ausgestorben. Es ist eben bloß eine von zwei Promotions, obwohl wir jeweils ein Gastspiel am anderen Ufer hatten. Der eine vielleicht etwas langfristiger und erfolgreicher als der andere.“


Natürlich eine Anspielung darauf, dass Breads in der PCWA alles gewinnen konnte – jeden Titel, den es zu seiner Zeit gab, den Brawlin‘ Rumble, das Quest For The Best, während Mad Dog’s Zeit in der GFCW bedeutend kürzer und unerfolgreicher unter einem anderen Namen stattfand.


Robert Breads: „Wir beide gehören in die Hall of Fame der Promotion, mit der man uns assoziiert. Und einer von uns hatte das große Glück, dass ihm das auch vergönnt wurde.“


Der Kanadier hebt den linken Ringfinger, und auch wenn dieser nackt ist, ist die Implikation eindeutig.

Diese Tatsache im Auge versteinert sich die Fratze des verrückten Hundes. Bei seiner Heimat ist er verwundbar.


Mad Dog: „Du sprichts von Glück?! Das ehrt dich, Robert. Aber wir wissen beide, dass auch dein Name in einer potentiellen Hall of Fame der PCWA nicht fehlen dürfte. Bei deinem ersten Auftritt kam ein ganzer Tross von GFCWlern rüber, wollte sich im Brawlin‘ Rumble mit den Großen dieses Sports messen und sich einen Namen in Berlin machen. Doch auch wenn einige es versuchten, letztlich bliebst nur Du als derjenige übrig, der sein Versprechen wahr gemacht hat.“


Anerkennend nickt MD seinem damaligen wie heutigen Gegner zu.


Mad Dog: „Auch ich kam damals aus einer kleinen Promotion nach Berlin. War genau wie du der Fremde – und fremdelte genau wie du mit dieser PCWA. Aber ich habe mich reingebissen, gegen die Obrigkeiten gekämpft – und gegen all diese Irren, die uns manches Mal in ihren Sumpf haben mitgezogen…“


Die Gedanken der beiden schweifen kurz ab. Bilder längst vergangener Tage, Bilder von Kriss Dalmi, Eleven, Azrael Rage und Robert Barker wabern wie in einem Astro Happy Rausch vor ihrem inneren Auge vorbei.


Mad Dog: „Ja, wir sind uns nicht unähnlich, Robert. Denn ebenso wie du machte ich meinen Weg als ehemaliger Champion einer anderen Liga auch in der PCWA – Tribune Champion, Quest for the Best, Cryption Crown, Tag-Team Champion und natürlich der Gerasy!“

Robert Breads: „Wir beide haben Robert Barker bei einem Brawlin‘ Rumble diesen Undisputed Gerasy Title abgenommen.“


Sogar in solch kleinen Details scheinen sich die Karrieren der beiden zu überschneiden. Während ein paar Menschen jubeln, nickt MD erneut.


Robert aber forciert nun wieder den Blickkontakt.


Robert Breads: „Du bist das Herz, die Seele, das Rückgrat der PCWA gewesen. Sucht euch eure Lieblings-Metapher aus, keiner würde etwas dagegen sagen. Wenn ich an die PCWA denke, bist du einer der ersten fünf Namen, die jedem in den Kopf kommen. Im positiven Sinne! Das ist nicht so einfach, wie viele glauben. Du verkörperst, mehr als jeder andere, die Werte und Ideale, für die diese Promotion stand.“


Für eine Meinung vom Fach müsste man an dieser Stelle vermutlich Milly Vermillion fragen, aber was Breads damit sagen will, scheint klar zu sein: Vor ihm steht nicht nur Mad Dog, der Wrestler, sondern mit ihm eine Historie und in gewisser Weise auch Last, die in den Augen des Kanadiers die mittlerweile geschlossenen Tore der PCWA untrennbar mit dem Mann vor seinen Augen verbindet.


Robert Breads: „Du bist alles, was diesen Ort ausgemacht hat. Jede dunkle Ecke im düsteren Keller hast du erkundet und dabei nicht nur grässlich Hässliches gefunden, sondern auch getan, genauso wie du als Schutzengel im strahlenden Licht über der Promotion als solche standest und umjubelte Triumphe feiern konntest. Du hast alles in dich aufgesaugt, alles Gute sowie alles Schlechte, von Blake Milton über Azrael Rage, von Gabriel Lucifer über James Godd.


Für mich bist du die fleischgewordene PCWA.


Und genau deswegen freue ich mich, dass du mir noch einmal über den Weg läufst.“


Das Lächeln des Kanadiers wirkt ehrlich, die Falten um seine Augen werden ein wenig tiefer. Er scheint tatsächlich sehr zufrieden, dass Mad Dog ihm noch einmal unter die Augen tritt.


Robert Breads: „So kann ich vor meinem Karriere-Ende noch ein letztes Mal zeigen, dass ich ein besserer Wrestler bin als die Personifikation dieser von Seifenoper und Melodrama besessenen Circle Jerk Trümmertruppe, die in sich zusammengefallen ist, sobald ich ihr den Rücken gekehrt habe.“


Auch die Falten des verrückten Hundes sind tiefer geworden – vor allem bei den letzten Sätzen, die ihm Breads genau ins Gesicht gesprochen hat.
Doch ohne Wegsehen, ohne Beidrehen erwidert der Kämpfer der Nacht diesen Blick. Führt langsam, als die Worte verklungen sind, das Mikro zum Mund.


Mad Dog: „Da ist tatsächlich der Unterschied, Robert. Während ich mich vollends mit der PCWA identifizierte, sie zu meiner Heimat machte – und alle diese angesprochenen Höhen und Tiefen durchlebte, die heute im politischen Deutschland ebenso hochkochen, wenn von Heimat geschwafelt wird – bist du im Gegensatz dazu bei dir geblieben. Hast stetig allein vorm Spiegel masturbiert, um in deinem Bild zu bleiben…“


Angeekelt spuckt die Töle auf den Ringboden.


Mad Dog: „Und weil du nichts Größeres als dich selbst erkennen kannst, bist du blind für das Wesentliche. Ja, ich habe mich für die PCWA aufgeopfert und dafür womöglich weniger zurückbekommen als andere – vielleicht auch als du – aber ich bin dennoch viel mehr als die PCWA. Und ich war es schon immer. Mehr als Herz und Seele der Liga, mehr als fleischgewordene PCWA! Deutungen und Zuschreibungen, die mich zu einer Figur auf deiner Abschiedstour machen wollen, huh?!

Aber da spiele ich nicht mit. Ich bin keine fuckin‘ Projektionsfläche für dein kränkelndes Ego, das jetzt im Karriereabend wehmütig den alten Erfolgen hinterher trauert. Den Rücken gekehrt, den Rücken gekehrt… Fick dich, alter Sack! Du hast dich verpisst! Weil du die anbrechende Nacht deiner PCWA Karriere gefürchtet hast. So wie jetzt in der GFCW – nur halt damals ohne diesen Abschiedsbullshit. Mir käme sowas nie in den Sinn, ich hab‘ stets für meine Heimat gekämpft, dafür aus der Nacht auszubrechen und wieder im Licht zu stehen. Nicht nur in der PCWA – auch im cWc oder für die bXq!“


Ein Fingerzeig geht zum Typen mit dem Shirt mit den Lettern der besagten Liga.


Mad Dog: „Gleich im Ring wirst du sehen, dass ich mehr bin als eine Personifikation der PCWA. Dieser Name ist nur ein weiterer in der langen Liste von Zuschreibungen, die sie mir gaben oder ich mir verlieh. MD, Simargl, Nelson Friedrich Töle, Night Fighter – und selbst die Summe all dieser Eigenschaften, vermag mich nicht vollends zu beschreiben. Ich hab‘ dich beim letzten Mal gewarnt: Ich bin die unbekannte Konstante auf deiner Tour. Das Konstante magst du beschrieben haben, das Unbekannte aber lauert. Heute bin ich weder von Astro Happy noch von Selbstzweifeln zerfressen – heute bring ich mein A-Game. Und du…“


Der Hund macht einen letzten Schritt auf Breads zu. Sie stehen Stirn an Stirn. Nase an Nase.


Mad Dog: „Du enterst endlich die Nacht.“


Für einen Moment, der sich länger anfühlt, als er eigentlich ist, stehen sie da, keiner willig, einen Schritt rückwärtszumachen. Kollektiv scheint in der Halle der Atem angehalten zu werden.


Fliegen schon vor dem eigentlichen Match die Fäuste?


Nein.


Dafür sorgt Robert Breads, als er einen Schritt zurücktritt. Feige oder weise, man lege es ihm aus, wie man möchte, als er das Mikrofon noch einmal an den Mund hebt.


Robert Breads: „Viel Glück beim Versuch. Im Gegensatz zu mir wirst du es brauchen.“


Mit diesen Worten lässt Breads das Mikrofon fallen – sich des dramatischen Effekts sicherlich bewusst – und wendet Mad Dog den Rücken zu. Oder: Verpisst sich.


Immer alles Ansichtssache, was?


Der Kanadier steigt durch die Seile aus dem Ring, während man sich bei der GFCW Production Crew entscheidet, noch einmal Lynyrd Skynyrd zu spielen. Der Theme Song des Night Fighters spielt, während „Canada’s Own“ sich zurrückzieht. Eine Vorahnung für das, was uns heute im Main Event erwartet?


Das werden wir noch heute Abend herausfinden.




Mac Müll: „Liebe GFCW-Galaxy, ich stehe hier...“

Lukas Meyer-Gittenstein: „Jepp.“

Mac Müll: „...mit einem neuen GFCW Superstar...“

Lukas Meyer-Gittenstein: „Jepp.“

Mac Müll: „...Lukas Meyer-Gittenstein!

Lukas Meyer-Gittenstein: „Jepp, Jepp. Der bin ich.“



Lukas Meyer-Gittenstein klatscht in die Hände. Er trägt heute eine Hose, Schuhe und über seinem Fleisch Haut.


Mac Müll: „Lukas Meyer-Gittenstein, heute steht dein erster Kampf bei War Evening an. Schon vorfreudig?“

Lukas Meyer-Gittenstein: „Jepp. Total.“

Mac Müll: „Aber bist du auch nervös, Lukas Meyer-Gittenstein? Schließlich geht es gegen einen Mann, der sich innerhalb kürzester Zeit einen unheimlichen Ruf aufgebaut hat.“

Lukas Meyer-Gittenstein: „Jepp.“

Mac Müll: „Wofür genau hast du jetzt gejeppt, Lukas Meyer-Gittenstein? Auf die Frage der Nervosität oder als Bestätigung des Rufs von Iray Burch?“

Lukas Meyer-Gittenstein: „Auf Beides, jepp.“


Lukas Meyer-Gittenstein schenkt seinem Gegenüber ein keckes Grinsen.


Mac Müll: „Wie wirst du mit dieser Belastung umgehen, Lukas Meyer-Gittenstein?“

Lukas Meyer-Gittenstein: „Auf die Lilienthaler Art, jepp. Wie ein echter Meyer-Gittenstein.“


Er blickt sein Gegenüber mit feierlichem Ernst an. Seine Augen glänzen wie rasierte und eingecremte Katzenhaut.


Mac Müll: „Das heißt?“

Lukas Meyer-Gittenstein: „Man nennt mich nicht ohne Grund Lukas Meyer-Gittenstein. Willst du wissen, wie ich zu diesem Namen kam?“

Mac Müll: „Oh, natürlich. Bitte berichte davon, Lukas Meyer-Gittenstein.“


Das eifrige Nicken des Hall of Famers zahlt Lukas Meyer-Gittenstein zurück, indem er die Oberlippe hochzieht und seine Schneidezähne forsch durch die entstandenen Lücken hindurchlugen lässt (Hierbei handelt es sich um ein so genanntes Lächeln, Anm. d. Red.).


Lukas Meyer-Gittenstein: „Lilienthal, kurz vor dem Krieg. Meine Großeltern betrieben eine Bäckerei, jepp. Mit grauer Fassade und quietschender Tür. Mein Großvater hieß Karl Meyer, jepp. Er buk Brot, Brötchen und manchmal Hefezöpfe, während meine Großmutter Anna den Laden fegte, Rechnungen schrieb und Mehl bestellte. Jepp.“

Mac Müll: „Erzählst du jetzt einfach deine Familiengeschichte, Lukas Meyer-Gittenstein?“

Lukas Meyer-Gittenstein: „Vor dem Krieg war Karl kurz mit einer Nachbarin namens Elise liiert, was schnell wieder endete und das überraschte niemanden so wirklich, jepp. Anna wiederum war einmal mit einem entfernten Cousin verlobt, der später Soldat wurde und nie zurückkam.“

Mac Müll: „Hallo? Worauf läuft das hinaus, Lukas Meyer-Gittenstein? HALLO?“


Müll wedelt mit beiden Armen vor Lukas Meyer-Gittensteins Gesicht, obschon diese Geste keinerlei Wirkung entfaltet. Lukas Meyer-Gittenstein ist locked-in in seine Story. Er ist in einen mentalen Tunnel eingetreten.


Lukas Meyer-Gittenstein: „Nach dem Krieg heirateten Karl und Anna. Manchmal stritten sie über Hefe und Öffnungszeiten, jepp. Sie bekamen zwei Kinder, Paul und Gerda. Paul heiratete zuerst Maria Junglas, aber sie ließen sich kurz später schon wieder scheiden, jepp.“

Mac Müll: „STOP, Lukas Meyer-Gittenstein. Bitte, zum Punkt.“

Lukas Meyer-Gittenstein: „Paul heiratete dann Helga und blieb. Gerda liebte einen Bäckerlehrling, heiratete jedoch einen Beamten. Helga brachte in die Ehe mit Paul den Namen Gittenstein mit, den mein Vater annahm, jepp. Später heirateten meine Eltern nüchtern im Lilienthaler Rathaus. Danach bekamen sie einen Sohn. Sie gaben ihm den Namen Lukas, jepp.“


Lukas Meyer-Gittenstein deutet unmissverständlich auf sich selbst, indem mit seinen Daumen die Brustwarzen eindrückt.


Lukas Meyer-Gittenstein: „Der bin ich, jepp.“

Mac Müll: „Ich muss jetzt ganz dringend weiter. Tschüss, Lukas Meyer-Gittenstein.“


Lukas Meyer-Gittenstein legt den Kopf schief und blickt Mac Müll verdattert an. Er räuspert sich und löst die Hände vor der Brust, um sie sogleich empört in die Hüften stemmen zu können.


Lukas Meyer-Gittenstein: „Du hast mir noch nicht viel Glück für den Kampf gewünscht, jepp.“

Mac Müll: „Viel Glück, Lukas Meyer-Gittenstein.“

Lukas Meyer-Gittenstein: „Bitte sag: Schnapp ihn dir, Tiger.“


...


Lukas Meyer-Gittenstein: „Das hat meine Großmutter mütterlicherseits immer gesagt. Sie hieß Else, jepp, und sie war Friseuse. Damals, 1957 in Delmenhorst, da war sie...“


Mac japst panisch nach Luft.


Mac Müll: „Schnapp ihn dir, Tiger.“


Lukas Meyer-Gittenstein schüttelt heftig den Kopf. So als wäre er ein pianospielendes Krokodil. Nur dass es den Kopf schüttelt anstatt Piano zu spielen. Und es ist auch kein Krokodil, sondern Lukas Meyer-Gittenstein. Aus Lilienthal. Sohn von Helga und Paul. Aus Lilienthal.


Lukas Meyer-Gittenstein: „Lauter.“

Mac Müll: „SCHNAPP IHN DIR, TIGER.“

Lukas Meyer-Gittenstein: „RAAWR!“


Lukas Meyer-Gittenstein formt seine Hand zur Kralle und faucht. Mac geht davon.



Just als die Kamera abschalten will, läuft Mac Müll beinahe in einen Mann herein, dessen maßgeschneiderter Zweireiher in der gleichen Farbe wie die mausgrauen Backstage-Wände daherkommt. Der Mann ist gerade dabei, mit ernster Miene eine Aktentasche durchzugehen, die er offen vor sich auf einer Produktionskiste abgestellt hat.


Es braucht einen Moment, bis bei Mac der Groschen fällt.


Mac Müll: „Sie sind es, Mr. Jilley.“


Der Mann rümpft die Nase, als sei ein Affront, von jemandem wie Mac Müll angesprochen zu werden. Sein Blick fährt am Interviewer auf und ab.


Mark Jilley: „Ich bin geschäftlich hier. Im Auftrag meines Mandanten Darragh Switzenberg. Nicht, um mit Ihnen zu plaudern.“


Mac beugt sich zur Seite, um an Jilley vorbei in die Aktentasche zu lugen. Irgendetwas stimmt da nicht, das spürt er ganz genau. Irgendwo zwischen den Dokumenten in der unscheinbar wirkenden Tasche hat sich eine News-Meldung versteckt. Er merkt, wie sein Mund speichelig wird.


Mac Müll: „Nur eine Frage, Mr. Jilley.“

Mark Jilley: „Was für eine Frage denn? Es ist alles geklärt: Nachher im Ring werden Hollywood Jake, Bevollmächtigter meines Mandanten Darragh Switzenberg, und Creed Gibson zwei Verträge unterschreiben. Vertrag 1 ist eine Verzichtserklärung, mit der Mr. Gibson seine Rechte an einem Intercontinental-Titelmatch unwiderruflich abgibt. Sobald die Unterschrift ordentlich und rechtsgültig gesetzt ist, unterschreiben wir das nächste Dokument.“


Er deutet auf seine Tasche.


Mark Jilley: „Das wird der Vertrag für Andrew Costalago sein.“

Mac Müll: „So habe ich es mir auch schon gedacht. Aber meine Frage war eine andere.“


Die Augenbrauen des Anwalts gehen hoch.


Mac Müll: „Warum haben Sie vorhin so nervös in ihrer Aktentasche gesucht, als ich um die Ecke gekommen bin?“

Mark Jilley: „Wollen Sie etwas andeuten?“

Mac Müll: „Ich stelle nur Fragen.“


Mit unverhohlener Feindseligkeit blickt Jilley Mac an. Doch dann entscheidet er, dass dieser Wicht von einem Interviewer keinen Konflikt wert ist. Seine Miene wird milder.


Mark Jilley: „Nun, ich hatte den Eindruck…“


Er schließt seine Aktentasche und hält sie am Griff fest.


Mark Jilley: „…jemand habe sich an meiner Tasche vorhin zu schaffen gemacht. Ich war ein, zwei Minuten unaufmerksam. Dann fiel mir auf, dass die Tasche auf andere Weise geschlossen war, als ich das üblicherweise tue.“


Da ist sie. Die Newsmeldung. Mac muss die Lippen zusammendrücken, damit ihm der Geifer nicht herausfließt. Er beginnt, leise zu stöhnen.


Mac Müll: „Ooooh. Etwa ein…Diebstahl?“

Mark Jilley: „Das habe ich auch zuerst befürchtet. Vielleicht wollte jemand die Dokumente an sich bringen oder sie manipulieren.“


Der Anwalt tippt auf eine Lesebrille, deren obere Hälfte aus seiner Tasche hervorragt.


Mark Jilley: „Aber ich habe beide Verträgen durchgelesen. Sie sind noch da und unverändert. Vielleicht habe ich mich also einfach vertan und die Tasche in Gedanken anders geschlossen als sonst.“


Mac Müll merkt, wie die Lebensenergie aus ihm herausgesaugt wird. Er sackt förmlich zusammen.


Mac Müll: „Also keine News?“

Mark Jilley: „Ich denke nicht. Falls doch jemand an der Tasche war…dann hat derjenige zumindest nicht gefunden, was er gesucht hat. Alles ist noch da. Und nirgendwo wurde etwas an den Regelungen manipuliert.“


Ohne Mitleid für den gebrochen wirkenden Mac drängelt sich Switzenbergs Jurist am Reporter vorbei.


Mark Jilley: „Die beiden Vertragsunterzeichnungen können also ganz wie geplant ablaufen. Wir werden sie später im Ring abhalten. Und nun entschuldigen Sie mich.“



Es knackt, als Mike Müller genüsslich in die die gebratene Wurst beißt. Er hält ein simples Brötchen in Händen, in dem eine übergroße, braun-gold gebrannte Wurst liegt, versehen mit etwas, das wie eine Ketchup-Senf Kombination wirkt. Genießerisch kaut er das Fleisch, während die Kamera ein Stück zurück zoomt.

Das hier ist eindeutig ein Pre-Tape, denn das hier ist nicht Bochum. Stattdessen verrät uns eine Einblendung am unteren Bildrand, dass wir uns in “Rheda-Wiedenbrück” befinden. Mike trägt einen GFCW-Zip-Hoodie mit offenem Reißverschluss über einem GFCW-T-Shirt, dazu bei der Kälte eine GFCW-Beanie-Mütze.

Als wolle er ein bisschen zu sehr dazu gehören.

Mampfend grinst er verschmitzt in die Kamera, während er mit dem Wurstbrötchen herumwedelt wie mit einer Trophäe, die er sich hart erkämpfen musste. Mit einem gut hörbaren “GULP!”-Geräusch schluckt Mike alles herunter, während der Wind leise im Hintergrund pfeift.


Mike Müller: “Sie haben gesagt, ich muss richtig was reißen.”


Man merkt, er hat das hier einstudiert. Es wirkt nicht natürlich, wie er spricht. Der Eindruck entsteht, als würde hier jemand “Wrestler, der eine Promo hält” spielen. Er hat sich sichtlich irgendwas überlegt, ist extra an irgendeinen Ort gefahren, aber Mike kommt etwas hölzern rüber.

Das stoppt ihn aber nicht.


Mike Müller: “Weil diese schizophrene Kuscheltierflüsterin meint, sie habe ein Problem mit mir, kriege ich ein Match. Manchmal spielt das Leben so, und diesmal hat es aber so gespielt, und so bin ich jetzt hier, und so werde ich kämpfen, und wenn ich gut genug kämpfe, dann kriege ich eine Chance. So eine richtige! Als Mike! Nicht als... Pigster.”


Sehr wortgewandt, der Herr. Angeekelt rotzt er beim letzten Wort auf den Boden und wischt sich anschließend nicht den Mund ab.


Mike Müller: “Ich habe den Pigster rausgemobbt? JA, MAN. GEIL. Da bin ich stolz drauf, ey. Deshalb bin ich heute hier, vor dem Tönnies-Werk.”


Mit ausladender Geste deutet Müller auf das gewaltige Gebäude hinter sich.


Mike Müller: “Ich wollte dem Laden persönlich mitteilen, dass er nur noch die Nummer zwei ist – denn der krasseste SCHWEINESCHLACHTER IN DEUTSCHLAND IST AB SOFORT MIKE MÜLLER!”


Triumphal reckt er das Wurstbrötchen in die Höhe.


Mike Müller: “Pigster-Fan sein ist fast noch schlimmer als Pigster sein, was das für ein Leben? Und was ist denn bitte eine Schweinehirtin? Was soll das heißen, Long Island Leopard? Alte, würfelst du, wie du dich nennst, oder was? Oh, guck hier, ich bin die Castrop-Rauxel Seekuh! Und dank meiner Rivalität mit “The Dancing Chewing Gum” Zuleika Potobolinskivic in der FWBQT juckt das irgendwen. Digga, deine einzige Freundin ist ein Plüschtier, weil das nicht weglaufen kann, wenn du anfängst zu labern! Du redest so, wie ein 7-jähriger Fortnite-Junkie sich vorstellt, wie schlaue Menschen reden! Du... du... du...”


Müller struggled, weitere Worte zu finden, um verbal markige Ansagen zu machen. Fiebrig sieht er nach links und rechts, als würde die Inspiration für eine alles vernichtende rhetorische Meisterleistung in Richtung Monica Shade jeden Moment gemütlich ins Bild spazieren.

Wenig überraschend ist ihm das nicht vergönnt, und so muss er sich auf sein eigenes Gehirn verlassen, um eine vernichtende Schlussbemerkung für sein Feuerwerk an brillanten Beleidigungen zu finden.


Mike Müller: “...beklopptes Suppenhuhn!”


Müller wird selbst ein wenig rot, als ihm klar wird, dass dies ein wenig überzeugendes Finale seiner Tirade ist, aber er scheint das überspielen zu wollen, indem er zu schreien beginnt.


Mike Müller: “Du stehst nicht im Weg von meinem Traum, okay?! Es ist endlich so weit! Ich werde dich besiegen, und zwar so richtig mies, und dann schlachte ich Lady Rosi und mache aus ihr Hackfleisch, aber es ist dann kein geiles Hackfleisch, das so richtig krass zubereitet wird, sondern es kommt dann so in Fast Food Scheiße mit so richtig viel Chemikalien und Konservierungsstoffen, so wie ich deine Niederlagenserie konservieren werde, aber dann kommt so ein dummes Kind und will das Lady Rosi Fleisch essen, aber die schlaue Mutter sagt so “Nein, da ist doch das gammlige Schwein von der Ollen drin, wie Mike Müller richtig ZERBOMBT hat!”, und das Kind fängt sofort an zu kotzen und die Mutter muss so lachen weil Monica Shade so krass zerstört wurde und dann wird das Fleisch weggeschmissen, aber nichtmal die Ratten wollen es fressen, WEIL ES JA NICHTMAL ECHTES FLEISCH IST, ES IST JA NUR EIN PLÜSCHTIER! Das war metaphonisch, checkt ihr? Man KANN gar nicht Lady Rosi essen, es sei denn man ist krank. KRANK! EIN KRANKER BASTARD!”


Er hat völlig den Faden verloren, sich aber offensichtlich nun so dermaßen selbst mit seiner Improvisation in Rage geredet, dass er selbst nach diesem bizarren, Dhar Mann artigen Monolog nicht mehr stoppen kann.


Mike Müller: “Monica SHADE, man, ich throwe Shade nicht nur in einem Sinne, sondern gleich in ZWEI! Dein Name passt krass gut, weil du in den SCHATTEN gehörst, nicht ins RAMPENLICHT! Du bist keine RAMPENSAU, nur eine RAMPENBITCH. Du bist sowas wie... ich werde... ähm... deine Mutter ist ein... eh... Es ist MEINE ZEIT, MAN! ICH FICKE ALLE HATER! MIKE MÜLLER ÄRA, WER IST AM START?!”


Mit Innbrunst stopft sich Mike so viel wie möglich von seinem Wurstbrötchen in den Mund, breitet dann beide Arme aus, als hätte er gerade die heftigste verbale Bombe in der Geschichte der GFCW gedroppt und macht mit den Händen eine herausfordernde Geste, ehe er seine abschließenden Worte wählt, die man aufgrund seines vollen Mundes nur schwer verstehen kann.


Mike Müller: “Nd ti kahdis vuahn hit gaih!”



Die Frau geht voran und der Unmensch folgt ihr.


Sie treten ein in eine Lärmkulisse, in der die Schreie des Publikums von einer dröhnenden, unmelodischen Musik niedergerungen werden. Kreischende Gitarren, erstickter Gesang. Aggressive Klänge, die nicht in Einklang zu bringen sind mit dem geschäftlich wirkenden Auftritt der Frau, mit ihrem Hosenanzug, den Pumps und dem sorgfältig frisierten Haar, das den Eindruck erweckt, man habe sie in einer anderen Welt entwurzelt und an falscher Stelle wieder eingepflanzt.


Doch Shelly Nafe weiß, dass sie hier hingehört. Sie ist genau dort, wo sie sein will. Schnellen Schrittes lässt sie die Rampe hinter sich, Iray Burch folgt ihr wie ein dunkler Schatten. Nur dass dieser Schatten nicht über Shelly liegt. Sondern als Drohung über der GFCW.


Shelly Nafe: „Mein Name ist Shelly Nafe.“


Mit fester Stimme schneidet sie die Musik ihres Klienten ab. Es ist der Tonfall einer Frau, die Widerworte nicht gewohnt ist und auch keine Veranlassung sieht, das zu ändern. Die Regie folgt ihrem Wunsch. Die Boxen schweigen still, als Nafe die Ringtreppe emporsteigt. Ihre Absätze klacken auf dem Metall.

Shelly Nafe: „Auch wer nicht weiß, wer ich bin, hat in den vergangenen Monaten den Sturm gespürt, den ich in die GFCW gebracht habe.“


Mit der Geste einer Zirkusdirektorin deutet sie auf Iray Burch. Der Unmensch strafft die Schultern und grunzt. Es ist das das Höchstmaß an Emotionen, dass er hervorbringen möchte oder kann. Sein Gesicht bleibt kalt, die Augen wirken abweisend. Oder tot.

Shelly Nafe: „Als aktive Wrestlerin habe ich einst die Welt bereist. Als Managerin werde ich sie erobern.“


Mit der selbstsicheren Eleganz einer Aristokratin stolziert Nafe auf der Matte umher. Sie schaut ins Publikum. Wenn sich ihr Blick mit jenem eines buhenden Zuschauers aus der Front Row kreuzt, geht sie einfach darüber hinweg. Sie weiß: Der schlimmste Tadel ist es, nicht beachtet zu werden.

Shelly Nafe: „Der Nafe-Effekt macht Jungen zu Männern. Talente zu Stars. Und Monster...zu effektiven Maschinen.“


Burch lässt den Kopf im Nacken kreisen, dann kratzt er an seinem Bart. Seine plumpe Gestalt ragt hinter Nafes schmalen Schultern auf.

Shelly Nafe: „Ich bin die Frau, die das rohe Chaos zähmen kann. Wenn ich das will. Nach dem, was Rasmus Rantanen widerfuhr, mögt ihr mich anflehen, ich solle das tun.“


Ras-mus! Ras-mus!“, kommt es von den Rängen. Doch es sind kaum mehr als leere Parolen und Proteste. Niemand, der die Bilder von Title Night noch immer im Kopf hat, rechnet heute ernsthaft mit einer Rückkehr. Der Mann, der sich vom Schicksal geküsst sah, wurde besiegt. Nein, nicht besiegt. Vernichtet. Von einem Wesen, dass er trotz all seiner Finesse bis zuletzt nicht durchdringen konnte.

Shelly Nafe: „An manchen Tagen mag ich diesem Wunsch folgen. Aber es ist nicht die Rettung, die ihr euch für eure Lieblinge erhofft. Gelenktes Chaos entfaltet eine noch größere Kraft. Es gebärt Macht. Das herrlichste aller Dinge.“


Nafe streift mit der Hand über ihr Kinn, ihre rotbemalten Lippen ziert ein sanftes Lächeln; fast wirkt es, als wolle sie sich selbst dafür liebkosen, sie sehr ihr die Worte aus dem eigenen Mund gefallen.

Shelly Nafe: „Wer auf Seiten von Iray Burch steht, kontrolliert die Zukunft dieser Liga. Er ist das Damoklesschwert über der GFCW, das jederzeit auf jeden hinabstoßen kann - falls mir danach ist.“


Sie wendet ihren Kopf und blickt Burch an. Der legt den Kopf schief und starrt zurück. Mit dem Ausdruck eines Mastiffs, der seinen Besitzer nach Gusto zerfleischen könnte und ihm doch in unbedingter Treue ergeben ist.

Shelly Nafe: „Wer gegen Iray Burch steht jedoch, der muss bezahlen. Hierfür offeriere ich in Zukunft zwei Möglichkeiten.“


Sie hebt einen Finger in die Luft. Es ist mindestens genauso sehr eine Mahnung wie das Anzeigen der Zahl.

Shelly Nafe: „Möglichkeit 1: Ihr habt etwas anzubieten, das meinen Plänen dient. Eine Währung, die den Weg von Shelly Nafe und Iray Burch an die Spitze ebnet. Wie Prestige. Oder interessante Gelegenheiten.“


Der zweite Finger folgt.

Shelly Nafe: „Möglichkeit 2: Ihr habt nichts anzubieten. Dann bezahlt ihr direkt an Iray. Die einzige Währung, die er akzeptiert...“

Burch leckt sich über die Lippen. Seine kleinen Augen bleiben ausdruckslos. Was bei anderen als Spiegel zur Seele erscheint, wirkt bei ihm, als habe man zwei Murmeln genommen und sie kunstlos in einen Schädel gedrückt.


Shelly Nafe: „...ist euer Leid.“


Sie blickt vor den Ring. Dort steht Lukas Meyer-Gittenstein. Er blickt zu Boden und atmet tief durch. Dann slidet er auf die Matte. Es ist soweit.



McMüll: „Hallo liebe Fans der GFCW…wir befinden uns heute in der schönen Jahrhunderthalle in Bochum….“


Vor der Halle stehen viele Fans der GFCW und jubeln neben, vor und hinter McMüll in die Kamera. Mittendrin…Tsuki Nosagi und El Metztli. Die Tag Team Champions der GFCW. Sie schreiben geduldig Autogramme und erfüllen Fotowünsche.


McMüll: „Tsuki…Metztli…wie geht’s euch? Wie geht’s euch vor allem in dieser uns ungewohnten neuen Rolle…hier inmitten der Fans…“


Die Fans jubeln. Man sieht sehr viele Hasenohren auf den Köpfen der Fans. Die Farben pink werden immer präsenter.


Tsuki Nosagi: „McMüll…danke, dass wir hier sein dürfen. Diese Rolle ist für uns nicht neu. Neu ist nur die Art und Weise. Wir haben der Liga immer alles gegeben. Wir haben den Fans immer alles gegeben. Jedoch war es eher die Art und Weise das wir am Ende davon profitieren wollten.“

McMüll: „Und was…bzw. wann habt ihr gemerkt das es sich ändern muss?“

El Metztli: „McMüll…wir haben den Menschen letztes Jahr das genommen was ihnen am wichtigsten ist…die Hoffnung…den Glauben an das Gute…den Weihnachtsmann…das war nicht das was unsere Väter uns mit auf den Weg gegeben haben…“

Tsuki Nosagi: „Genau. Unsere Väter gaben uns einen Traum mit auf den Weg. Diesen gilt es zu bewahren. Diesen gilt es zu erfüllen. Genauso wie allen Fans hier das zu erfüllen was sie glücklich macht.“

McMüll: „Die Gürtel…die Gürtel die im Müll landeten…“

El Metztli: „Ja…und dieser Punkt war ein Wendepunkt…ein Wendepunkt in unserem Leben…und ein Wendepunkt in der Tag Team Szene der GFCW…die alten dunklen Zeiten der GFCW Tag Team…“


Der Mexikaner kommt nicht mehr dazu die Worte auszusprechen. Plötzlich springen zwei Personen aus der Menge und attackieren die Hasen. Überrascht von dem Angriff können die beiden nur versuchen das Schlimmste zu verhindern. Die Fans springen zur Seite und man erkennt wer die Angreifer sind.


Tha Bomb und Titan…


Die beiden alten Lehrmeister der Hasen prügeln wie wild auf Tsuki und Metztli ein. Mit allem was Ihnen in den Weg kommt werden die Hasen angegriffen. Brutal schleudern Tha Bomb und Titan die beiden mit großer Wucht gegen die harte Betonwand der Jahrhunderthalle. Ausgeknockt sacken die beiden zusammen. Mit Handschnellen werden die Arme der beiden unbrauchbar gemacht. An den Füßen werden die Hasen zu einem Transporter geschliffen. Auf der Pritsche stehen zwei Käfige in die die beiden Hasen nun verfrachtet werden.


Tha Bomb packt sich das Mikro von McMüll.


Tha Bomb: „HEY MAC ALTES HAUS… WIR SIND DIE KAMMERJÄGER UND BEFREIEN DIE LIGA VON UNGEZIEFR!!! NAGETIERE GEHÖREN IN DEN KÄFIG!!!“


So schnell der Angriff begann…so schnell ist er auch wieder beendet. Tha Bomb und Titan steigen ins Auto und rasen davon.


Singles Match:

Iray Burch vs. Lukas Meyer-Gittenstein

Referee: Karo Herzog

Es ist angerichtet für ein Schlachtfest.

Lukas Meyer-Gittenstein ist gerade auf die Matte gekommen, schon trifft ihn die erste Faust. Sie fühlt sich an wie ein Hammerschlag. Das ist nicht Lilienthal. Er strauchelt, der Kopf knickt zurück wie ein Ast im Wind. Er fällt auf ein Knie.

Links und rechts an seinen Ohren werden zwei schwitzige Hände angeschraubt, die Sekunde für Sekunde fester pressen. Lukas Meyer-Gittenstein hat das Gefühl, ihm würden die Augen aus dem Schädel getrieben.

Er hört einen Schrei. Und merkt, dass es seine eigene Stimme ist.

Doch die eigene Schwäche auf diese Art und Weise wahrzunehmen, gibt ihm Kraft. Lukas Meyer-Gittenstein schreit wieder, nun jedoch bewusst. Es ist ein wütendes, gutturales Geräusch. Er versucht, die Arme an seinem Schädel loszubekommen. Hoffnungslos. Also stemmt er sich über die Knie auf. Schafft es, sich aufzurichten. Als er wieder steht, schlägt er seinen Ellbogen in den Magen des Gegners. Nichts geschieht.

Dann jedoch lösen sich die Hände. Weil Burch die Lust verloren hat. Lukas Meyer-Gittenstein merkt, wie er gepackt und weggeschleudert wird. Er kann nicht rechtzeitig reagieren, ehe sein Rücken in die Ringecke schlägt. Die Luft wird ihm aus den Lungen getrieben, die Körperspannung lässt nach. Aber jetzt…jetzt darf er noch nicht aufgeben. So wie seine Eltern die Bäckerei damals in Lilienthal nach dem Krieg wieder aufgebaut haben, so muss auch er jetzt auferstehen aus Ruinen und…-

Er kriegt wieder einen Schlag in die Fresse.

Lukas Meyer-Gittenstein taumelt zu Boden. Iray Burch legt beide Hände um seinen Hals, betrachtet seinen Gegner so wie eine fette, alte Katze eine Maus betrachten würde, ehe sie die Freude verliert, mit ihr zu spielen. Burch hebt ihn an. Lukas Meyer-Gittenstein kann nichts machen. Er spürt, wie seine mehr als 120 Kilogramm die Bodenhaftung verlieren. Ein Leben lang hat er sich für einen schweren Jungen gehalten. Jetzt jedoch, da fühlt er sich unbedeutend und klein.

Burch hält ihn in die Luft.

In seinen rauschenden Ohren nimmt Lukas Meyer-Gittenstein die Stimme von Pete wahr. Der Kommentator sagt etwas von einer Chokebomb. Und dann fällt Lukas etwas ein. Damals, in Lilienthal. Als ihm ein Trainer sagte, man müsse nicht nur stark, sondern klug sein. Lukas sieht eine Chance. Er versucht nicht, die Chokebomb zu verhindern, indem er auf Burch einschlägt. Nein, er findet eine unerwartete Ruhe, führt seine freihängenden Hände an die Handgelenke von Iray Burch – und entlädt dann all seine Kraft. Er schafft es, Burchs Arme so weit auseinanderzudrängen, dass sich der Griff lockert. Lukas Meyer-Gittenstein fällt auf den Boden zurück. Er kann sich auf den Beinen halten.

Lukas Meyer-Gittenstein hört die Schritte von Iray Burch. Der Unmensch stürmt auf ihn zu. Aber er hat in Lilienthal noch eine andere Sache gelernt. Etwas, von dem alle sagten, es wäre nichts für einen so großen Mann wie ihn. Aber er kann es. Lukas Meyer-Gittenstein springt in die Luft und bringt seinen plumpen Körper in eine Drehung.

Spinning Wheel Kick!


Der Stiefel trifft. Nicht schön, nicht sauber. Aber Lukas Meyer-Gittenstein ist zufrieden. Iray Burchs Kopf ruckt zur Seite, ein dumpfes Geräusch, als hätte jemand einen Sack Zement umgetreten. Zum ersten Mal weicht der Koloss einen Schritt zurück. Nur einen. Doch Lukas Meyer-Gittenstein steht noch. Heute macht er Lilienthal stolz.

Lukas Meyer-Gittenstein stürmt nach vorn, rammt die Schulter in Burchs Brust. Einmal, zweimal, dreimal. Er treibt ihn bis in die Seile. Lukas schlägt zu. Ein Schlag, dann noch einer. Wie eine Furie. Er nutzt seine Fäuste als Werkzeuge des Schmerzes, will es Burch mit gleichen Mitteln zurückzahlen. Atem um Auge, Zahn um Zahn. Für einen Atemzug sieht es aus, als würde Iray Burch tatsächlich wanken.

Dann spürt Lukas Meyer-Gittenstein es. Es ist nicht genug. Ein Gegner wird nicht dadurch besiegt, dass der Vormarsch kurz gestoppt wird. Die Erkenntnis kommt schneller als der Schmerz: Das hier reicht nicht. Das wird nie reichen. Und Lukas Meyer-Gittenstein soll Recht behalten. Burchs Arm fährt hoch, greift zu. Der Lilienthaler Prophet versucht noch auszuweichen, doch seine Beine gehorchen nicht mehr. Er wird herumgerissen, hochgezogen. Die Welt kippt wieder. Abermals wird er zu Spielzeug degradiert. Die Seile verschwimmen in seinem Blick, als der Druck auf den Hals stärker wird.

Sitdown Chokebomb.

Die Matte bebt. Lukas Meyer-Gittenstein weiß, es ist vorbei. Über ihm steht Iray Burch, er spürt wie dessen Schweiß auf ihn heruntertropft.


Pete: „Iray Burch covert nicht. Dabei sieht es aus, als wäre Lukas Meyer-Gittenstein besiegt. Warum?“

Sven: „Nun, du hast Shelly Nafe gehört.“

Pete: „Du meinst, ihre Ankündigung war wörtlich gemeint?“

Sven: „Es gibt zwei Wege, um zu bezahlen. Du bezahlst entweder mit deinem Prestige, um den Aufstieg von Shelly und Iray zu beschleunigen. Dann würde Nafe sicher anweisen, jetzt zu pinnen. Doch Lukas Meyer-Gittenstein hat kein Prestige anzubieten.“

Pete: „Also lässt sie Iray freien Lauf. Und Lukas bezahlt mit der zweiten Währung.“

Sven: „Seinem Leid.“



Lukas versteht es noch nicht. Wieso hat er noch nicht verloren. Dann spürt er Gewicht auf seiner Brust. Dann folgt der Schmerz. Iray Burch hockt auf ihm. Lukas Meyer-Gittenstein fühlt die Matte im Rücken, den Mann auf der Brust. Der erste Schlag zerreißt ihn. Er sieht weißes Licht. Ein Knacken irgendwo im Gesicht. Der zweite Schlag kommt schneller. Dann der dritte. Die Zeit scheint sich unendlich zu dehnen.

Lukas versucht, die Arme zu heben. Sie reagieren nicht. Er hört die Stimme von Karo Herzog. Sie klingt, als käme sie aus einem anderen Raum. Sie schreit Ermahnungen, irgendetwas von Regeln. Dann hören die Schläge auf. Das Gewicht auf der Brust verschwindet. Luft strömt in Lukas’ Lungen. So fühlt sich Gnade an. Lukas Meyer-Gittenstein rollt zur Seite und spuckt einen Tropfen Blut auf die Matte. Er röchelt. Und glaubt, es überstanden zu haben. Er hat genug gelitten.

Ein Irrtum.

Ein Stiefel landet in seinem Gesicht. Ein Tritt. Dann noch einer. Die Welt dreht sich nicht mehr, sie zerfällt. Sein Kopf kippt zur Seite. Der Boden ist plötzlich weit weg. Schwarz sickert von den Rändern nach innen. Lukas Meyer-Gittenstein bekommt nicht mehr mit, wie Iray Burch auf die Ringseile klettert, sein Shirt auszieht und den fetten, schwitzigen Körper entblößt. Der tätowierte Turm auf der Brust.

Dann endlich, als der Big Splash Lukas Meyer-Gittenstein in die Matte gerammt hat, nicken Burch und Nafe einander zu. Lukas hat mit der zweiten Variante bezahlt. Und er wird nicht der Letzte sein.


Sieger des Matches durch Pinfall: Iray Burch!