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Blickt man auf die Wand, vor der die Interviews getätigt werden, und erinnert sich daran, wie diese vor einem Jahr noch aussahen, man könnte sie für Wände zweier unterschiedlicher Promotions halten, wenn denn nicht Tammy vor dieser Werbewand stehen würde und zumindest ein einzelnes „Lerbitz Performance Group“ Logo nach wie vor existieren würde. Vorbei sind die Zeiten, in denen sich die LPG und das Switziverse Unlimited gegenseitig mit den absurdesten Werbeplakaten und sogenannten „Angeboten“ für Leute mit viel zu offenen Geldbörsen gegenseitig zu überbieten suchten. Stattdessen dominiert Refuse to Age die Szenerie und einige lokale sowie globale Sponsoren, die man kaum noch wahrnimmt, weil sie eh überall sind.
Vorbei ist auch die Zeit, in der die beiden Frauen, die bei Tammy stehen, auf die LPG angewiesen waren, um bei GFCW auftreten zu können. Ausgerechnet der frühere Konkurrent Darragh Switzenberg hat den beiden Frauen von der LPG – und dem Rest der LPG – GFCW Verträge geschenkt. Ja, geschenkt. Was früher ein Akt gewesen wäre, um den Einfluss von Entrepreneurin Lerbitz zu brechen und ihr eins auszuwischen, war nun ein Geschenk ohne Erwartung einer Gegenleistung. Und so stehen die kleine Französin Brigitte Reflet und die ein gutes Stück größere Japanerin Shizuku Shikishima erstmals bei Tammy als offizielle Rostermitglieder von GFCW. Wirklich glücklich sehen die gemeinsam als Black Wyrms bekannten Frauen mit den so unterschiedlichen Körperformen allerdings nicht aus.
Ob es Tammys Ernst war oder nicht – wir werden es so schnell nicht erfahren. Denn ganz nach dem Motto „Wenn man vom Teufel spricht“, sieht man im Hintergrund der Szene jene Wrestler näherkommen, die grade Thema waren. Auch wenn Bella und Io nun wirklich keine Teufel sind.#
Bella Venera: „Fertig?“
Tammy dreht den Kopf. Bella Venera steht neben der Interviewkulisse, die Arme vor der Brust verschränkt. Hinter ihr kommt Iokepa zum Stehen. Sein Blick geht zu den Black Wyrms.
Bella Venera: „Oder müssen wir uns noch anhören, wie viele Punkte ihr mehr habt als Leute, die in einer anderen Division unterwegs sind oder seit Morbeus‘ Pause nicht mal mehr gemeinsam antreten?“
Tammy zieht das Mikrofon zu sich. Ein neuer Gesprächsansatz. Einer, für den sie nicht einmal selbst jemanden provozieren musste. Sie öffnet bereits den Mund, doch Bella legt zwei Finger an den Mikrofonschaft und dreht ihn wieder in ihre Richtung.
Bella Venera: „Aber erstmal Glückwunsch zu den Verträgen. Ehrlich. Schön, wenn ihr eure Rechnungen bezahlen könnt. Aber das mit den Pseudo-Lovern erklärst du mir jetzt, bitte.“ Iokepa: „Wir streiten uns, wir versöhnen uns. So ist es in der Liebe. Nicht unser Problem, wenn euch das unbekannt vorkommt.“
Bella macht einen Schritt auf Brigitte zu. Iokepa kommt mit, bleibt allerdings ein wenig hinter Bella stehen. Was diese bemerkt. Ein kurzer Blick über die Schulter, dann deutet sie ungeduldig auf den freien Platz neben sich. Er tritt vor.
Iokepa: „Zurück zum Wesentlichen: Ihr habt gewonnen. Das bestreitet keiner. Aber Tammy hat recht. Wir haben es euch verdammt leicht gemacht.“ Bella Venera: „Zu leicht.“ Iokepa: „Weil wir mit uns selbst beschäftigt waren.“ Bella Venera: „Wir? Weil DU während des Matches meintest…“
Sie bricht ab. Die Lippen werden schmal. Auf der anderen Seite des Mikrofons scheint man gegen eine Fortsetzung dieses Satzes wenig einzuwenden zu haben. Bella sieht es. Also atmet sie durch und stellt sich etwas gerader hin.
Bella Venera: „Das haben wir besprochen.“ Tammy: „Abschließend?“
Bella dreht nur den Kopf zu ihr. Was soll diese provokative Zwischenfrage? Auf den bösen Blick der Liebenden hin verzieht Tammy verschmitzt das Gesicht.
Tammy: „Ich frage ja bloß.“
Iokepa reibt sich über das Kinn. Dann wendet er sich wieder den Wyrms zu.
Iokepa: „Wir haben Fehler gemacht. Gut, vor allem ICH. Ihr habt es genutzt. Dafür bekommt ihr euren Respekt, weil das zum Wrestling dazugehört. Aber wenn ihr daraus macht, dass wir kein richtiges Team sind, dann will ich sehen, ob ihr das auch beweisen könnt, wenn wir euch den Sieg nicht auf dem Silbertablett hinstellen.“
Bella nickt. Endlich sind sie und ihr Lover mal 100% einer Meinung.
Bella Venera: „Und was wir miteinander sind, geht euch einen Scheiß an. Dafür gibt es keine Punkte. Ihr könnt euch von mir aus zuhause eure Tabelle einrahmen und jeden Abend nachzählen, wie weit ihr vor uns steht. Nur solltet ihr aufpassen, dass ihr vor lauter Zahlen nicht vergesst, wie knapp das sportlich begründet ist.“
Sie deutet auf Brigitte.
Bella Venera: „Du reißt den Mund auf wie ein Pelikan, weil wir uns vor zwei Wochen selbst im Weg standen. Gut. Dann wirst du ja nichts dagegen haben, es nochmal zu versuchen.“
Jetzt schiebt Tammy das Mikrofon wieder ein Stück zu sich. Diesmal lässt Bella sie.
Tammy: „Das klingt nach einer Herausforderung.“ Iokepa: „Ist es auch. Blue Blood. Die Black Wyrms gegen uns. Ein Re-Match.“ Bella Venera: „Da könnt ihr euch den Sieg holen, über dessen Zustandekommen ihr hinterher keine fünf Minuten diskutieren müsst.“
Ein kurzer Blickwechsel zwischen Bella und Iokepa. Er nickt ihr zu. Sie erwidert es, etwas knapper. Für eine große Versöhnung reicht das nicht. Aber immerhin stehen sie noch nebeneinander, ohne sich gegenseitig zu erklären, wo genau der andere versagt hat. Tammy nutzt den seltenen Moment.
Tammy: „Und ihr seid sicher, dass ihr bis dahin als Team funktioniert? Eure letzte gemeinsame Vorstellung spricht nicht unbedingt dafür.“
Bella öffnet den Mund. Iokepa ist schneller.
Iokepa: „Tammy! Es gibt keine Krise zwischen Bella und mir!“
Die Interviewerin nickt und wirkt doch keineswegs überzeugt. Aber damit muss sie sich abfinden. Ihre Aufmerksamkeit gehört wieder den Black Wyrms. Bella legt eine Hand unter Tammys Mikrofon und schiebt es sanft, aber bestimmt in deren Richtung.
Bella Venera: „Also? Wollt ihr noch über uns reden oder bei Blue Blood gegen uns antreten?“
Brigittes Blick wandert von Bella zu Iopeka.
Tatsächlich machen Bella und Iokepa einen Schritt auf die Wyrms zu, in den Augen der Venera brennt das Feuer, doch auch beim Surfer hat die Provokation gezündet. Dennoch richtet er sein Augenmerk auf Bella und greift sie am Unterarm. Ein Kontakt des Wassermanns, der das Feuer einen Moment zähmt.
Bella Venera: „Eure Großkotzigkeit wird euch noch im Halse stecken bleiben, Bitches! Ihr wollt nur eure einfältige Sicht loswerden. Dabei hat’s Io eben noch gesagt… wir streiten uns, weil der andere es uns wert ist, mit ihm zu streiten.“
Sie zieht den Arm aus der Hand ihres Partners, mustert die Wyrms laut ausatmend von oben bis unten und ergreift dann demonstrativ die Hand Iokepas.
Bella Venera: „Im Gegensatz zu euch… Ihr seid uns persönlich gar nichts wert! Das einzige, um das wir uns mit euch streiten, ist der Sieg im Ring! Also stellt euch nicht an wie beschissene Waschweiber, sondern setzt uns was entgegen. Dieses Mal werden wir uns nämlich nicht selbst schlagen!“
Finster starre sich Brigitte und Bella in die Augen, als Iokepa sie an der Hand etwas nach hinten zieht. Zwei Worte hat er noch mit drohender Klarheit für die Black Wyrms übrig.
Iokepa: „Blue. Blood!“
2–0.
Die Zahl steht auf der Leinwand. Groß. Dann wird sie noch größer, was technisch unnötig ist, weil man sie bereits vom anderen Rheinufer aus hätte lesen können.
UNBESIEGT.
SEIT MEHR ALS EINEM HALBEN JAHR.
ZWEI MATCHES. ZWEI SIEGE.
DIE ZUKUNFT TRÄGT SCHACHBRETT.
Und da kommt die Zukunft auch schon. Celo Marx tritt auf die Stage, legt die Daumen unter die Träger seines schwarz-weiß karierten Ringeranzugs und zieht sie mit einem zufriedenen Grinsen nach vorn. Anschließend lässt er sie gegen seine Brust schnalzen. Das kommt heftig – denkt er zumindest. Der Leipziger bleibt breitbeinig stehen und hebt zwei Finger in die Luft. Für alle, die mit der umfangreichen statistischen Auswertung auf der Leinwand überfordert waren.
Marx schreitet zum Ring. Ein paar Fans klatschen, andere betrachten die Siegesgewissheit des Mannes mit Stirnrunzeln. Celo deutet auf seinen Anzug.
Celo Marx: „DIE ZUKUNFT TRÄGT SCHACHBRETT! Merkt euch das!“
Er stutzt kurz. Ihm scheint etwas einzufallen.
Celo Marx: „Und gebt mir mehr Geld!“
Am Ring angekommen, steigt er auf den Apron und dreht sich noch einmal zum Publikum. Wieder die zwei Finger. Dann deutet er mit dem dritten bereits an, was heute folgen soll. Unglaubliche Logik und doch so allgemeinverständlich dargestellt Ein Mann, der vorausschauend plant.
Die nächste Musik unterbricht Celos Selbstausstellung. Sie kündigt Hollywood Jake an, doch zuerst kommen die Transporter angefahren. So nah an den Ring, wie es von der Veranstaltungstechnik her geht.
Die Türen werden geöffnet. Männer in dunklen Jacken. Breite Männer. Männer, die beim Gehen nicht im Takt der Musik bleiben, sondern ihre Köpfe wachsam nach links und rechts drehen. Erst zwischen ihnen erscheint der Riesaer, den Pelzmantel um die Schultern gelegt. Robbin Zick geht dicht neben ihm.
Pete: „Ist das noch gesunde Vorsicht oder schon Paranoia?“
Zick deutet auf die Bereiche neben der Rampe, dann auf die Absperrung am Ring. Seine Anweisungen gehen im Lärm unter, doch die Männer verstehen ihn. Sie verteilen sich rings um das Seilgeviert. Einer bleibt am Fuß der Ringtreppe stehen, zwei andere wenden dem Match schon jetzt den Rücken zu, um die Zuschauer zu beobachten. Jake schaut zur Stage zurück. Dann zu einem Durchgang zwischen den Fanblöcken.
Celo beobachtet das Treiben mit gerunzelter Stirn. So viel Personal hat er für seine Streak noch nie benötigt. Naja, kann halt nicht jeder krass sein.
Jake steigt in den Ring. Er streift den Mantel ab, reicht ihn nach draußen und vergewissert sich mit einem letzten Blick, dass Zick seinen Platz eingenommen hat und auch keiner der Sicherheitsmänner einen nachlässigen Eindruck macht. Mike Kontrak fragt ihn etwas. Jake nickt, ohne richtig hinzuhören. Das genügt.
Tammy hat sich den vielleicht schönsten Platz der gesamten Festung für ihr kommendes Interview ausgesucht: Die Terrasse mit Rheinblick. Hinter ihr liegt der Fluss, auf dem sich die Lichter vom Ufer spiegeln. Ein Schiff zieht durchs Wasser. Auf der anderen Uferseite bewegen sich stecknadelgroße Menschlein entlang der Promenade. Eine leichte Brise sorgt sorgt, dass die Reporterin zum dritten Mal eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht streichen muss. Sie tut es mit einem Lächeln. Für diese Kulisse nimmt man ein wenig Arbeit an der Frisur in Kauf.
Tammy: „War Evening auf der Festung Ehrenbreitstein. Gibt es einen geeigneteren Ort, um vor einem Match noch einmal tief durchzuatmen?“
Sie dreht sich ein Stück zur Seite, damit die Kamera mehr vom Panorama einfangen kann. Ein großzügiger Akt. Normalerweise gibt Tammy nur ungern Bildfläche ab.
Tammy: „Wobei tief durchatmen für meine Gäste gleich vielleicht besonders wichtig wird. Denn kurz vor ihrem Six-Man-Tag-Team-Match gegen die Luxembirdies darf ich ein Trio begrüßen, das heute gemeinsam gewinnen will…und sich in zwei Wochen zumindest teilweise gegenseitig an die Gurgel gehen wird.“
Ihr Lächeln wächst. Genau diese Art von Gespräch versüßt ihr den Arbeitstag. Es verspricht Reibung. Es verspricht Sen-sa-tio-nen.
Tammy: „Bei Blue Blood verteidigt Zac Alonso seinen Intercontinental Title gegen Monica Shade. Heute stehen die beiden zusammen mit Milly Vermillion auf derselben Seite. Und wie gut das funktionieren kann, das finden wir jetzt heraus. Kommt zu mir!“
Sie deutet einladend zum Zugang der Terrasse.
Rosa. Flauschig. Schweinisch.
Die Attribute von „Lady Rosi“, dem Stoffschwein, welches Monica Shade ihre „Strategin“ zu nennen pflegt. Selbiges ist erwartungsgemäß unter dem Arm der rosarot bezopften Leopardin aus Long Island, die heute nicht nur ein Leoparden Halstuch trägt, sondern auch ein bauchfreies Top und ein dazu passendes Unterteil im Leopardenstil. Ihre Stiefel und Unterarmschoner sind hingegen violetter Farbe, einen Tick dunkler als das Violett ihrer Augen, mit denen sie die Örtlichkeit wohlwollend begutachtet.
Monica Shade: „Joah, hallo. Ein schönes Plätzchen hast du hier gefunden.“ Tammy: „Monica, schön, dass du da bist. Dein heutiger Partner und kommender Gegner dürfte auch jeden Moment…“
Ein leises Klackern auf dem Terrassenboden nimmt ihr den Rest der Ankündigung ab.
Zac
Alonso kommt.
Der schokoladenbraune Labrador hat die Nase bereits am Boden. Es gibt viel zu erkunden. Neue Gerüche, neue Ecken, vielleicht sogar etwas Essbares, das jemand unvorsichtigerweise zurückgelassen hat. Zac hält die Leine locker in der Hand. Auf seiner Schulter liegt der Intercontinental Title, dessen Platte er im Näherkommen noch einmal zurechtrückt.
Zac Alonso: „Guten Abend zusammen.“
Eine freundliche Begrüßung, die an Monica Shade komplett vorbei geht. Kritisch hält sie den Zacidog im Auge und hält Lady Rosi sofort ein gutes Stück höher, wie um sicherzustellen, dass der Zacidog selbst dann nicht so leicht an ihre „Strategin“ herankommen kann, wenn er sich an ihr aufstellen sollte.
...nicht, dass der Zacidog das auch nur im Ansatz versuchen würde.
Monica Shade: „Und schon ist es hier ein gutes bisschen weniger idyllisch. Ich weiß, wir sind auch zu Zweit, von daher ist es vielleicht etwas seltsam, wenn ausgerechnet ich das frage, aber… du musstest den Hund mit auf die Terrasse schleppen, ja? Auf dass meine arme Lady Rosi sich bedroht fühlen muss? Siehst du, wie sie zittert? Da frage ich mich doch nun unweigerlich, ob das hier nicht zumindest eine gezielte Provokation ist, wenn nicht gar eine aktive Drohung.“
Es ist natürlich Monicas eigene Aufregung, die Lady Rosi eine zittrige Bewegung vollführen lässt – vorausgesetzt Lady Rosi hat nicht doch ein Eigenleben.
Alonso bleibt stehen. Sein Blick geht von Monica zum Hund. Der Labrador schnuppert gerade an einem Stuhlbein und wirkt nicht, als hätte er den Auftrag zu einer gezielten Provokation erhalten.
Zac Alonso: „Er ist mit mir rausgekommen, weil er ein Hund ist und wir draußen sind. Den böswilligen Hintergrund dahinter müsstest du mir erklären. Ich werde einem Tier nicht seinen Auslauf verwehren, um Rücksicht auf ein Stofftier zu nehmen.“
Klingt einleuchtend. ...außer man heißt Monica Shade.
Zac schaut auf Lady Rosi. Dann wieder zu Monica.
Zac Alonso: „Er ist angeleint. Und gerade interessiert er sich mehr für Gartenmöbel als für euch. Ich würde sagen, wir haben die Lage im Griff. ES KOMMT NICHT ZU EINER KATASTROPHE, OKAY?“
Der Zacidog hebt den Kopf. Sein Schwanz beginnt zu wedeln.
Ungünstiges Timing.
Monica Shade: „Ich hoffe die Leine ist nicht so fadenscheinig wie deine Argumentation und du weißt sie zu benutzen. Wobei Wissen alleine nicht reicht, der Wille dazu muss schon auch da sein und du scheinst mir verdächtig die Marke Hundehalter zu sein, der „er will doch nur spielen“ sagt, anstatt die Gefahr ernstzunehmen, die von so einem großen Hund ausgeht.“
Tammy verfolgt den Austausch mit wachen Augen. Das Mikrofon wandert zwischen den beiden hin und her. So schön die Aussicht auf den Rhein auch ist: Gerade schaut sie lieber hierhin.
Tammy: „Wir haben noch nicht über einen einzigen eurer Gegner gesprochen und streiten bereits darüber, wer hier neben wem stehen darf. Damit lautet die große Frage vor diesem Match wohl tatsächlich…“
Sie macht eine kleine Pause. Für den Nachdruck.
Tammy: „CAN THEY COEXIST?“ Zac Alonso: „Ja, Tammy. Können sie.“
Der Champion dreht sich zum Terrassenzugang um und winkt einen Mitarbeiter heran, der bislang mit deutlichem Sicherheitsabstand zum Interview gewartet hat. Alonso drückt ihm die Leine in die Hand.
Zac Alonso: „Kannst du mit ihm eine kleine Runde drehen? Danke dir.“
Der Labrador braucht keine Überredung. Neue Begleitung, neue Gerüche. Er trottet los. Zac schaut ihm kurz hinterher, ehe er sich Monica mit offenen Händen wieder zuwendet.
Zac Alonso: „Friedensangebot. Hund weg. Schwein sicher. Können wir jetzt über das Match reden?“
Der Abzug des Zacidogs sorgt dafür, dass Lady Rosis Zittern aufhört und kaum ist das Schwein still und friedlich auf Monicas Arm wird auch ihr Gesichtsausdruck weniger verspannt.
Zac Alonso: „Ich will heute gewinnen. Sandro und seine Golftruppe nerven mich. Ich habe keine Lust, hinterher hören zu müssen, dass Luxemburg mich sportlich annektiert hat, weil wir uns vorher über meinen Hund streiten und den Kampf aus den Augen verlieren.“
Tammy nickt. Ein vernünftiger Ansatz. Einer, den sie fast ein wenig bedauert.
Tammy: „Dann haben wir zumindest zwischen euch beiden eine Grundlage. Fehlt nur noch Milly. Was ein gutes Stichwort ist: Sollen wir auf sie warten?“
Alle Blicke gehen zur gut einsehbaren Fläche, die auf die Terrasse führt. Dort ist niemand. Zumindest niemand, der zum angekündigten Team gehört.
Monica Shade: „Diese Frau hat echt ne Meise. Kein Wunder, dass Miria es auf uns abwälzt uns um Milly kümmern zu müssen. Also abgesehen davon, dass Miria eh alles auf andere abwälzt, was sie kann. Eigentlich war unser Phönix eben nicht weit hinter uns. Keine Ahnung wo sie hin ist, aber einen Schrei haben wir nicht gehört, also ist wohl auch nichts passiert.“
Schulterzucken bei der Interviewerin. Dann machen sie eben ohne die vierte Person weiter.
Tammy: „Gut. Vielleicht kommt sie gleich nach. Zac, dann zunächst zu dir: Sandro war vor zwei Wochen fuchsteufelswild, weil du ihn als Herausforderer abgelehnt hast. Mit einer Niederlage würden seine Ambitionen auf den Titel möglicherweise sinken. Ist das ein zusätzlicher Anreiz?“
Zac streicht mit dem Daumen über den Rand seiner Titelplatte.
Zac Alonso: „Ich brauche keinen zusätzlichen Anreiz, um Sandro zu schlagen. Das bekommt er mit seiner Nervigkeit gut von selbst hin. Aber ja. Wenn er glaubt, dass man sich diesen Titel mit einer Flagge und zwei Männern mit Golfschlägern sichern kann, darf er heute gerne mal ausprobieren, wie weit er damit kommt.“ Tammy: „Und gleichzeitig musst du einer Frau vertrauen, die dir genau diesen Gürtel in zwei Wochen abnehmen möchte.“
Seitenblick zu Shade. Die Leopardin wartet mit wachsender Ungeduld auf ihren Einsatz. Doch noch liegt Tammys Aufmerksamkeit bei Zac.
Zac Alonso: „Für heute reicht es, wenn sie die anderen lieber schlägt als mich.“
Er schaut zu Monica.
Zac Alonso: „Das kriegen wir hin. Oder?“
Monicas violette Katzenaugen verengen sich leicht zu Schlitzen.
Tammy: „Dann dürfte es für eure Gegner ja schwierig werden, einen Keil zwischen euch zu treiben. Vorausgesetzt natürlich, eure dritte Frau findet noch rechtzeitig…“
Wenn man vom Phönix spricht: da ist Milly! Die blond gelockte Frau im feurig gefiederten Poncho tritt gemütlich an das Trio heran, als wäre ihr spätes Erscheinen das Selbstverständlichste auf der Welt.
Milly Vermillion: „Beim Catering.“
Tammy: „Schwein gegessen. Schwein wie…Lady Rosi?“
Zac presst die Lippen aufeinander. Es hilft nicht.
Ein erstes Lachen entweicht durch die Nase. Er dreht den Kopf weg, versucht noch, sich mit einem Räuspern zu retten, und scheitert endgültig.
Unter einem wütenden Blick seiner Herausfordererin wischt sich Alonso eine Träne aus dem Auge. Er muss tief durchatmen, um das Lachen zu unterdrücken.
Zac Alonso: „Entschuldigung. Ich…“
Er schaut zu Milly. Dann zu Lady Rosi. Schwerer Fehler: Der Champion lacht erneut los. Eine Hand hält den Titel auf der Schulter, mit der anderen stützt er sich kurz auf seinem Oberschenkel ab.
Zac Alonso: „Ich schicke meinen Hund weg für den Teamfrieden und Milly verschnabuliert Lady Rosis Bruder. Ihr macht es einem wirklich nicht leicht, ernst zu bleiben.“
Milly sieht in die Runde und versteht sichtlich nur Bahnhof.
Alonso richtet sich wieder auf. Er wischt sich mit einem Finger unter dem Auge entlang und atmet durch.
Zac Alonso: „Okay. Ist gut. Ich bin wieder da.“
Sein Mundwinkel zuckt. Mit einem Mal wirkt er wieder deutlich ernster.
Tammy entscheidet, dass dies der richtige Moment ist, selbst wieder Aufmerksamkeit zu bekommen.
Tammy: „Vielen Dank euch dreien für diese…aufschlussreichen Einblicke in eure Matchvorbereitung.“
Sie dreht sich zur Kamera. Das Mikrofon sitzt plötzlich etwas höher. Die Schultern werden gerade. Wer Tammy kennt, weiß, dass nun etwas kommt, für das sie gerne einen Trommelwirbel hätte.
Tammy: „Aber wir sind noch nicht fertig.“
Zac hebt die Augenbrauen. Auch er weiß, was jetzt kommt. Ein Schmunzeln bildet sich auf seinen Lippen und er reibt vorfreudig die Hände.
Tammy: „Denn ich darf heute WELTEXKLUSIV verkünden, welche drei Matcharten für die Intercontinental-Titleverteidigung bei Blue Blood zur Wahl stehen!“
Da ist er. Ihr Höhepunkt.
Tammy: „Zac hat sich ein Fan’s-Choice-Match gewünscht. Wir erinnern uns. Und Dynamite hat es gewährt. Das bedeutet: Die GFCW-Galaxy entscheidet im Vorfeld des PPVs, nach welchen Regeln die Beiden auf Burg Satzvey um den Titel kämpfen werden.“
Der Champion nickt zufrieden. Shade spitzt gespannt die Ohren. Währenddessen holt Tammy Luft für ihre beste Hypestimme.
Tammy: „Möglichkeit Nummer eins: BANNER BASH! Auf der Burgmauer wehen eure beiden Flaggen. Ein Labrador und ein Schwein, nehme ich an? Eure Aufgabe ist es, die Flagge des Gegners herunterzulassen und sie in einer mittelalterlichen Feuerschale zu verbrennen. Wer die gegnerische Flagge verbrennt, gewinnt das Match und den Intercontinental Title.“ Monica Shade: „Natürlich etwas potenziell Schweinefeindliches. Nicht, dass ich das zulassen würde, aber auch um das arme Hundebanner wäre es doch echt Schade.“
Tammy: „Möglichkeit Nummer zwei: FORTRESS FRENZY! Ihr müsst auf ein Burgtor hinaufklettern und dort eure eigene Flagge anbringen. Weht sie zehn Sekunden lang, habt ihr gewonnen. Der andere hat also nur ein sehr kurzes Zeitfenster, um den Sieg noch zu verhindern.“
Alonso schaut kurz über die Terrasse hinweg. Auf die Mauern der Festung. Dies ist auch eine Art Burg…sucht er schon nach geeigneten Wegen zum Sieg? Schon mal Üben im Kopf?
Tammy: „Und Möglichkeit Nummer drei…es kommt zum ersten und sicher auch einzigen Burggraben-Match der GFCW-Geschichte. Ein fünfzehnminütiger Kampf, wie ein Ironman-Match. Doch der Kniff: Man kann Punkte dadurch erzielen, dass man den Gegner oder die Gegnerin in den Burggraben wirft. Wer nach fünfzehn Minuten mehr Punkte erzielt hat, ist neuer oder alter Champ.“
Die Reporterin lässt das Mikrofon ein Stück sinken. Mit ihrem Gesichtsausdruck ist sie sehr zufrieden. Weltneuigkeiten vor Rheinpanorama. Viel besser wird dieser Arbeitstag nicht mehr.
Tammy: „Drei Möglichkeiten. Eure Entscheidung, liebe Fans. Und einer dieser beiden wird Burg Satzvey als Intercontinental Champion verlassen.“
Monica wedelt erst korrigierend mit dem Zeigefinger, ehe sie mit selbigem auf sich deutet.
Zac nickt. Er rückt den Gürtel zurecht und streckt Monica die Hand entgegen.
Zac Alonso: „FAKT. Jetzt machen wir genau das.“
Monica zögert kurz, aber dann nimmt sie den Handschlag an. Kaum hat dieser geendet, fährt sie mit dem Dinger nachdenklich zur Wange. Vielleicht ist Zac ja doch gar nicht so übel und… Moment. Sie schnüffelt am Finger. Dieser Geruch. Es riecht dezent aber merklich nach Hund. Und schon ist der Gedanke verworfen und ihre Mundwinkel zeigen wieder nach unten...
Beide sitzen vollkommen regungslos. Der jüngere Prüfer hat mehrere Kreuze auf seinem Bewertungsbogen gesetzt.
Jüngerer Prüfer: „Interessant.“ Älterer Prüfer: „Was?“ Jüngerer Prüfer: „Ich hätte anders bewertet.“
Der Ältere schaut ihn an.
Älterer Prüfer: „Das dürfen Sie.“
Kurze Pause.
Älterer Prüfer: „Sie dürfen nur nicht falsch liegen.“
Der Jüngere radiert sofort etwas weg.
Hollywood Jake: „DREI ZU NULL!“
Der Ruf hallt über den Weg zu den Transportern. Jake läuft so schnell, dass Robbin Zick Mühe hat, neben ihm zu bleiben. Den Pelzmantel trägt der Riesaer über einem Arm. Für das Anziehen fehlt ihm die Geduld. Für alles andere auch.
Hollywood Jake: „Wegen diesem Security-Trottel hat dieser karierte Vollidiot jetzt drei Siege! Drei! Er wird sich T-Shirts drucken lassen. Er wird seine Fresse nie mehr halten. Und jedes Mal, wenn er darüber redet, wird MEIN NAME fallen!“
Der große, dicke Sicherheitsmann schaut auf den Boden. Seit sie den Zuschauerbereich verlassen haben, hat er kein Wort gesagt. Er weiß, dass er Scheiße gebaut hat. Seine Kollegen begleiten die Gruppe mit etwas Abstand. Niemand scheint gerade Interesse daran zu haben, mit dem Mann verwechselt zu werden, der Celo Marx zum nächsten Erfolg verholfen hat.
Hollywood Jake: „Du solltest mich beschützen. Das war dein einziger verfickter Auftrag. Stattdessen prügelst du mich in die Niederlage!“ Robbin Zick: „Jake, wir sollten erstmal…“ Hollywood Jake: „Was? Durchatmen? Soll ich durchatmen, Robbin? Ich habe gegen jemanden verloren, dessen größte Leistung darin besteht, sich ohne Hilfe einen hässlichen Anzug anzuziehen!“
Zick lässt es bleiben. Auch ihm steht der Ärger ins Gesicht geschrieben. Allerdings schaut er häufiger über die Schulter als Jake. Die Erinnerung an zwei maskierte Fans reicht inzwischen aus, um seinen Puls zu beschleunigen. Er möchte hier weg. In einen Wagen. Türen zu.
Die Transporter stehen dort, wo sie bei ihrer Ankunft gehalten haben. Auf dem Boden glänzt noch immer das Regenwasser. Ein Sicherheitsmann eilt voraus und öffnet die Fahrertür des hintersten Wagens. Jake wirft seinen Mantel hinein. Auf der anderen Seite steigt Zick bereits auf den Beifahrersitz.
Der
dicke Security-Mann setzt einen Fuß auf das Trittbrett der
Schiebetür.
Hollywood Jake: „Du nicht.“
Der Mann schaut ihn an.
Hollywood Jake: „Ich kann allein fahren. Dafür brauche ich dich nicht auch noch. Oder willst du uns unterwegs disqualifizieren lassen?“ Security: „Wir sollen bei Ihnen…“ Hollywood Jake: „WEG! Du Trottel und ihr alle! Geht rein und erklärt Danny, warum er sein Geld zurückverlangen sollte. Wir fahren alleine.“
Die Sicherheitsmänner tauschen Blicke aus. Dann setzt sich der Erste in Bewegung. Die anderen folgen. Mit gesenktem Kopf trottet auch Jakes persönlicher Unglücksbringer zurück zur Festung. Jake sieht ihnen nach, bis sie weit genug entfernt sind, um ihn nicht mehr unmittelbar aufzuregen. Dann steigt er ein und zieht die Tür zu. Endlich Ruhe.
Nur sein eigener Atem und das Rascheln von Zicks Jacke sind zu hören. Robbin reibt sich über die Brust, wo Celos Dropkick getroffen hat. Jake wirft den Pelzmantel nach hinten und greift neben das Lenkrad.
Hollywood Jake: „Wo ist der verdammte Schlüssel?“ Robbin Zick: „War der nicht drin?“ Hollywood Jake: „Offensichtlich nicht.“
Jake klopft die Ablage ab, als könnte sich der Schlüssel darin versteckt haben. Dann seine Hosentaschen. Er beugt sich vor, schaut in den Fußraum und richtet sich mit einem genervten Stöhnen wieder auf.
Hollywood Jake: „Das fehlt noch. Da bekomme ich Falten von, Mann.“
Eine
Hand schiebt sich von der Rückbank zwischen den Vordersitzen
hindurch.
Hollywood Jake: „Danke.“
Er nimmt ihn, dreht ihn in die richtige Position und führt ihn zum Zündschloss. Neben ihm klappt Zick die Sonnenblende herunter. Prüft im kleinen Spiegel eine Rötung an seiner Wange.
Dann
hält Jake inne.
Es war nicht Robbins Hand.
Auf der Rückbank sitzen zwei Männer.
…
…
Rasmus Rantanen lächelt. Neben ihm sitzt Iray Burch, dessen Schultern einen erheblichen Teil der Sitzbank beanspruchen. Seine kleinen Augen liegen ausdruckslos auf den beiden Männern vor ihm.
Rasmus Rantanen: „Hallo.“
Burch legt den Kopf etwas zur Seite und schaut Rasmus an.
Iray Burch: „Diese Jagd ist sehr einfach.“
Der Unmensch grunzt.
Zick stößt einen schrillen Laut aus und greift nach dem Türöffner. Jake lässt den Schlüssel fallen. Beide wollen gleichzeitig hinaus. Doch während Jake seine Tür aufbekommt, schließt sich Burchs Hand bereits in Robbins Haaren.
Ein Ruck nach hinten. Dann nach vorn. Zicks Stirn schlägt von innen gegen die Seitenscheibe. Ein dumpfer Knall erfüllt den Wagen. Im Glas erscheint ein Riss, von dem feine Linien abzweigen. Robbins Hand gleitet vom Türgriff. Sein Körper sackt schlaff auf den Sitz zurück.
Jake sieht es noch. Dann packt Rasmus ihn am Kragen. Der Kieler ist hinter ihm an der geöffneten Fahrertür, drängt ihn hinaus und gibt ihm einen heftigen Stoß. Jake stolpert vom Trittbrett. Seine Knie schlagen in den weichen Boden, die Hände rutschen weg. Mit der Brust landet er im Matsch.
Hollywood Jake: „Warte! Warte, bitte!“
Er dreht sich halb herum und hebt die Arme vor das Gesicht. Rasmus steigt aus, setzt den Fuß neben Jakes Knie und betrachtet ihn. Der Riesaer versucht, rückwärts Abstand zu gewinnen.
Hollywood Jake: „Wir können…“
Der Tritt trifft ihn an der Brust. Jake fällt zurück, schnappt nach Luft und rollt sich instinktiv auf den Bauch. Hinter Rasmus öffnet sich die Schiebetür. Burch steigt aus. Er schaut kurz zum Eingang der Festung. Dann zu Jake. Und setzt sich auf ihn. Mit seinem ganzen Gewicht.
Jakes Körper wird in den schlammigen Boden gedrückt. Burch greift um seinen Hals und zieht den Kopf nach hinten. Die Finger schließen sich unter dem Kiefer. Jake stößt ein ersticktes Geräusch aus. Seine Hände krallen sich um die Handgelenke des Unmenschen, doch an dessen Griff verändert sich nichts.
Rasmus sieht zu. Unter seinem Shirt holt er die Kreuzkette hervor. Er umfasst den Anhänger, hebt ihn an die Lippen und küsst ihn. Dann geht er vor Jake in die Hocke. So nah, dass der Gepeinigte ihn sehen muss.
Rasmus Rantanen: „Wie fühlt sich das an, Jake?“
Ein Krächzen. Mehr kommt nicht.
Rasmus Rantanen: „So mit mehreren gegen einen. Wenn man selbst der eine ist.“
Jakes Finger rutschen von Burchs Handgelenk. Er greift erneut zu, schwächer diesmal. Sein Mund steht offen. Rasmus betrachtet ihn mit fest aufeinandergepressten Lippen.
???: „Aufhören.“
Die Stimme kommt vom Festungseingang.
Rasmus erhebt sich. Es ist Danny Rickson. Der Engländer nähert sich trotz Jakes Notlage im gemächlichen Tempo. Kontrolliert. Neben ihm geht Robert Rickson, der Sohn. Der Junge schaut erst zu Jake, dann zum Transporter. An der Scheibe ist ein Umriss zu sehen, wo Zicks Kopf mit dem Glas kollidiert ist. Mit roten Flecken. Robert Gesicht verändert sich. Er bleibt stehen und versucht, sich umzudrehen, doch Dannys Hand liegt bereits an seinem Rücken, Der Vater schiebt ihn weiter. Den Minderjährigen.
Danny Rickson: „Ihr habt mich gehört.“
Es
passiert etwas Unerwartetes: Burch lässt los. Doch nur,
damit er die Hände frei für sein nächstes Opfer
hat. Jake fällt mit dem Gesicht nach unten und hustet in den
Matsch. Der Unmensch richtet sich auf. Beim Anblick Ricksons
zieht sich seine Oberlippe hoch. Er macht einen Schritt auf ihn
zu.
Rasmus Rantanen: „Warte.“
Burch schaut auf die Hand. Doch Rasmus nickt in Richtung des Sechszehnjährigen an Ricksons Seite.
Rasmus Rantanen: „Nicht vor dem Kind.“
Ein unzufriedenes Grunzen. Doch Burch bleibt stehen. Rickson hält einige Meter entfernt an. Robert steht etwas vor seiner rechten Schulter. Als der Junge zur Seite treten will, legt Danny den Arm um ihn und hält ihn nah bei sich.
Danny Rickson: „Ich wusste, dass du ein Mann von Verstand bist, Rasmus. Also reden wir. Was willst du?“ Rasmus Rantanen: „Du weißt genau, was WIR wollen. Nach dem, was ihr ihm angetan habt…“
Burch ignoriert das Gespräch. Er macht einen Schritt auf den Jugendlichen zu. Dessen Knie werden weich, als der Gestank Irays in seine Nase tritt und der massige Körper sein Blickfeld ausfüllt.
Iray Burch: „Ich möchte deinem Vater sehr weh tun.“
Der Junge starrt ihn an. Sein Blick wandert zu Jake, der auf den Unterarmen liegt und würgt. Dann zurück zu Burch. Robert zieht die Schulter unter dem Arm seines Vaters zurück.
Robert Rickson: „Dad! Lass uns gehen.“
Danny hält ihn fest.
Danny Rickson: „Ein Rickson läuft nicht weg.“ Rasmus Rantanen: „Warum machst du es dann so oft, Danny? Erst Wiesbaden. Heute die Eskorte. Und jetzt stellst du deinen Sohn vor dich. Wenn du so wenig Angst hast, Danny, warum stehst du dann nicht für das gerade, was ihr Iray angetan habt?“
Der Kieler tritt einen Schritt vor. Danny bewegt sich kaum merklich hinter Roberts Schulter. Er geht nicht weg – aber wirkt bereit, es jederzeit zu tun.
Rasmus Rantanen: „Es gibt zwei Möglichkeiten. Wir klären es hier. Im Schlamm. Im Schatten dieser Festung. Und dein Sohn muss dabei zusehen, weil du ihn unbedingt bei dir behalten willst. Oder du schickst ihn jetzt rein und wir machen es bei Blue Blood. Unter fairen Bedingungen.“
Ricksons Blick geht zu Jake. Dann zum Wagen, in dem Zick noch immer reglos hängt. Er befeuchtet seine Lippen.
Danny Rickson: „Ein Match.“ Rasmus Rantanen: „Du und einer von den beiden. Such dir aus, wen du neben dir haben willst.“
Beinahe unmerklich schüttelt Rickson den Kopf
Danny Rickson: „Refuse to Age tritt gemeinsam an. Wenn du dieses Match willst, bekommst du uns alle drei.“ Rasmus Rantanen: „Du bist nicht in der Position, Forderungen zu stellen.“
Rickson antwortet ihm nicht. Stattdessen dreht er sich zu Burch. Sein Arm bleibt um Robert gelegt. Es kostet den Hall of Famer Überwindung, dem Blick aus den kleinen Schweinsäuglein stattzuhalten. Doch die Entfernung – die Fluchtdistanz – macht es möglich. Mit schiefgelegtem Kopf spricht er direkt zum Unmenschen.
Danny Rickson: „Er traut es dir nicht zu, Iray.“
Burch starrt ihn an.
Danny Rickson: „Hör doch hin. Er will unbedingt gleiche Zahlen. 2 gegen 2. Weil er gesehen hat, was aus dir geworden ist. Du bist nicht mehr das unaufhaltsame Monster, Iray. Das weiß Rasmus genauso gut wie ich.“
Die Stimme des Hall of Famers wird durchdringender. An den Rändern seiner Lippen bildet sich ein lächelt.
Danny Rickson: „Wir haben dich gebrochen.“
Burchs Atem wird lauter. Seine Hände öffnen und schließen sich.
Danny Rickson: „Du lagst im Krankenhaus. Wochenlang. Konntest nicht kämpfen. Nicht einmal vernünftig essen. Du musstest liegen bleiben und warten, bis andere Leute entschieden haben, was dein Körper wieder aushält.“
Der Unmensch schiebt den Unterkiefer vor. Seine Augen wandern für einen Moment zu Rasmus, dann wieder zu Danny.
Danny Rickson: „Und wo war sein Gott?“
Rasmus macht einen Schritt auf Rickson zu. Danny zieht Robert enger an sich. Der Junge schaut zu seinem Vater hoch. Dessen Aufmerksamkeit bleibt bei Burch.
Danny Rickson: „Warum hat er dich dort leiden lassen? Warum durfte diese Schwäche immer weiter in dich hineinkriechen? Wenn er dich so liebt, hätte er dir doch helfen können. Doch alles, was er dir gab, war eine alberne Kette. Dann ließ er dich monatelang warten. Du kehrtest allein zurück. Ohne Shelly Nafe, ohne Halt, ohne Richtung.“ Rasmus Rantanen: „Du hast keine Ahnung, wovon du sprichst.“ Danny Rickson: „Vielleicht musste er dich erst schwach genug machen, Iray. Damit Rasmus dich zähmen kann.“
Burch dreht langsam den Kopf. Sein Starren in Richtung Rantanen wird durchdringender. Rickson sieht es. Er redet weiter. Das ist sein Spiel. Und er spielt es gut.
Danny Rickson: „Ein Kreuz um den Hals. Ein paar freundliche Worte. Und schon bleibst du stehen, wenn er die Hand hebt. Schau dich an, Iray. Aus dem Monster ist ein Schoßhund geworden.“
Burch schüttelt den Kopf. Es wirkt so, als wolle er viel mehr abschütteln. All die Worte, die aus Ricksons Mund in seine Ohren treten.
Danny Rickson: „Dann frag ihn, warum er dir nicht zutraut, gegen uns drei zu bestehen. Ihr seid keine gleichberechtigten Jäger. Er bestimmt, wann du beißen darfst. Dein Platz ist zu seinen Füßen. Du bist der Hund bei dieser Jagd.“
Burch wendet sich Rasmus zu. Die Wut ist noch immer da. Nur ihr Ziel scheint für einen Augenblick nicht mehr eindeutig.
Rasmus Rantanen: „Er versucht, dich gegen mich aufzubringen.“ Iray Burch: „Bin ich dein Hund?“ Rasmus Rantanen: „Du weißt, warum ich hier bin. Ich habe dir meine Hand angeboten. Er hat dich ins Krankenhaus gebracht.“
Burch schaut auf das Kreuz in Rasmus’ Hand. Dann auf dessen Gesicht. Der Kieler will weitersprechen, doch Iray dreht sich bereits wieder zu Rickson.
Iray Burch: „Also gut. Alle drei.“ Rasmus Rantanen: „Iray!“ Iray Burch: „Bei Blue Blood. Du. Und die beiden.“
Er deutet auf Jake und den Transporter. Rasmus presst die Lippen zusammen. Seine Finger schließen sich fester um die Kette.
Danny Rickson: „Dann sind wir uns einig. Zwei gegen drei. Du hast doch nichts gegen dieses Abkommen, Rasmus, oder?“
Der Kieler beißt sich auf die Lippe.
Danny Rickson: „Gut.“
Er klopft seinem Sohn auf die Schulter. So als wolle er ihm sagen: So macht man es. Merke es dir und lerne.
Danny Rickson: „Und jetzt, wo das geklärt ist, habe ich ein kleines Geschenk für euch.“
Er schnippt mit den Fingern.
Hinter Rasmus knirscht eine Schuhsohle.
Der Kieler dreht sich herum und bekommt bereits einen Unterarm gegen den Hals. Die Sicherheitsmänner kommen zwischen den Transportern hervor. Ein Angriff im Rücken! Einer packt Rasmus von hinten, ein anderer schlägt ihm in den Bauch. Drei weitere stürzen sich auf Burch.
Rickson ist sofort in Bewegung.
Danny Rickson: „Robert. Hilf mir.“
Während die Security den Angriff koordiniert, greift Danny Jake unter einen Arm. Sein Sohn nimmt den anderen. Gemeinsam ziehen sie ihn hoch und schleppen ihn aus der unmittelbaren Reichweite der Prügelei. Jake kann kaum auftreten. Schlamm tropft von seinem Gesicht auf Roberts Ärmel.
Hinter ihnen kracht ein Sicherheitsmann gegen die Seitenwand des Transporters. Burch hat ihn abgeschüttelt. Einen zweiten packt er am Kragen und schleudert ihn gegen den Kollegen, der gerade erneut auf ihn zulaufen will. Rasmus rammt seinem Angreifer den Ellenbogen ins Gesicht und befreit sich.
Danny drängt Jake zum Festungseingang. Dann zurück zum Wagen. Der Sohn öffnet die Beifahrertür. Zick kippt ihnen entgegen, blinzelt benommen und versucht etwas zu sagen. Es bleibt bei einem Stöhnen. Danny zerrt ihn vom Sitz, sein Sohn fängt dessen Schulter ab. Gemeinsam bringen sie ihn auf die Beine.
Rasmus sieht sie. Er will hinterher, doch ein Sicherheitsmann klammert sich um seine Hüfte. Der Kieler schlägt auf dessen Rücken ein. Neben ihm geht der große, dicke Mann vor Burch zu Boden. Der Unbeherrschte vom Celo-Match. Diesmal hält er selbst die Hände vors Gesicht.
Als Rasmus sich endgültig losreißt, ist der Eingang leer. Danny, Robert, Jake und Zick sind in den Katakomben verschwunden. Zurück bleiben die offenen Türen des Transporters, mehrere Männer im Schlamm und zwei Jäger, die bis Blue Blood warten müssen.
Sven: „Neeiiiiiin! Tu das nicht, Pete.“
Pete hat noch gar nichts gesagt. Er hat lediglich sein Headset abgenommen und die Jacke glattgestrichen. Doch offenbar reicht das seinem Kollegen, um die Situation zu erfassen.
Sven: „Setz dich wieder hin.“
Pete erhebt sich.
Sven: „Pete. Ich meine das ernst. Wir haben eine Show zu kommentieren und niemand will hören, was auch immer du vor hast. Setzt dich wieder hin. Sofort.“
Der Angesprochene hebt den Zeigefinger. Einen Moment, soll das wohl heißen.
Sven: „Du hast den ganzen Abend auf dein Handy geglotzt. Wenn jetzt das kommt, was ich denke, dann…“
Pete geht.
Sven: „…ja. Natürlich. Geh ruhig. Scheiß auf deinen Arbeitsplatz.“
Entschlossenen Schrittes steuert der Kommentator auf den Ring zu. Unterwegs lässt er sich ein Mikrofon geben. Dann nimmt er die Ringtreppe, streift beim Einstieg etwas ungeschickt mit dem Hosenbein über das mittlere Seil und steht schließlich dort, wo er sonst nur hinschaut. In der Ringmitte. Mit einem Lächeln, das Großes verspricht.
Sven: „Ich entschuldige mich vorsorglich bei allen Fans und der Menschheit, dass ihr ertragen müsst, was jetzt kommt.“
Dem Mann auf der Matte ist die Nörgelei vom Kollegen herzlich egal. Er grinst wie ein Honigkuchenpferd.
Pete: „Liebe GFCW-Galaxy! Ich darf euch heute ein Match präsentieren, das es in dieser Form noch NIE gegeben hat!“
Vereinzelter Applaus. Überwiegend abwartende Gesichter. Dass Pete persönlich im Ring steht, gehört zumindest nicht zum üblichen Ablauf.
Pete: „Doch dafür brauche ich zunächst jemanden hier bei mir. Einen jungen Mann, an den ich fest glaube. Einen Kämpfer, der heute die Gelegenheit bekommt, ein ganz neues Kapitel aufzuschlagen. MEIN EIGEN FLEISCH UND BLUT! MEIN GELIEBTER SOHN! Jona! Komm zu mir!“
Svens genervtes Stöhnen wird vom Ertönen einer Musik überrollt. Und zwar die Musik, die vor zwei Wochen auch bei Monicas Open Challenge erklangt. Soll heißen: Pex erscheint auf der Stage. Ohne große Geste. Ohne große Freude. Er bleibt kurz stehen und schaut zu seinem Vater hinüber, als hoffe er, das Ganze noch aus der Entfernung absagen zu können. Doch Pete winkt ihn heran. Ein paar Fans klatschen. Einer ruft seinen Namen. Andere nutzen die Gelegenheit, um den Füllstand ihrer Bierbecher zu prüfen und zu checken, ob die Toilette grad frei ist. Es ist eine Reaktion, die Pex nicht gerade auf dem Weg zum Ring beflügelt. Er schlendert die Rampe herunter und steigt durch die Seile. Sofort schließt Pete ihn in die Arme. Herzlich. Fest. Ein wenig zu lange. Pex klopft ihm zweimal auf den Rücken. Beim dritten Mal steckt schon eine Bitte um Freilassung darin. Mit einem bedauernden Lächeln lässt Pete los. Pete greift seinen Sohn an der Schulter und dreht ihn zur Stage. Pex lässt es mit sich geschehen. Seine Hände hängen neben dem Körper.
Pete: „Für einen besonderen Wrestler braucht es einen besonderen Gegner. Und deshalb habe ich keine Mühen gescheut, euch heute einen Mann nach Koblenz zu holen, dessen Erfolge für sich sprechen!“
Pex dreht langsam den Kopf.
Pete: „Eine lebende Legende.“
Ein Raunen geht durch die Reihen.
Pete: „Einen MEHRFACHEN World Champion!“
Jetzt werden Köpfe gereckt. Gespräche verstummen. Auf der Stage passiert noch nichts, aber plötzlich wollen alle freie Sicht haben. Auch Pex. Allerdings aus anderen Gründen. Er wirkt plötzlich noch verunsichertes, wenn das irgendwie geht. Soll das etwa der Aufbaugegner sein?
Jona Pexianer: „Papa?“
Der zögerliche Zwischenruf des Sohns wird ignoriert. Pete nimmt seine beste Zirkusdirektoren-Rolle ein und dreht die Stimme auf Hype-Maximum.
Pete: „Einen Mann, dessen Name weit über die Grenzen seiner Heimat hinaus Ehrfurcht auslöst. Der im Wrestling nicht weniger als HEILIGENSTATUS genießt!“
Jubel brandet auf. Erste Namen werden gerufen. Große Namen. Mit jedem davon verliert Pex ein wenig Farbe.
Jona Pexianer: „Papa, was hast du gemacht?“
Pete drückt seine Schulter. Vertrau mir.
Pete: „Einen Mann, der die Wrestlingwelt nicht nur geprägt hat, sondern sie GERADE JETZT dominiert! Der zum heutigen Zeitpunkt SECHS World Titles hält!“
Die Zahl schlägt ein. Sechs? Sechs World Title?
Pete: „GLEICHZEITIG!“
Sechs?!
Pete: „In SECHS VERSCHIEDENEN LIGEN AUS SECHS VERSCHIEDENEN LÄNDERN!“
Pex löst sich unter dem Arm seines Vaters hervor.
Jona Pexianer: „Dad! Willst du mich demütigen!?“
Doch Pete hört schon nicht mehr zu. Er deutet mit ausgestrecktem Arm zur Stage. Seine Stimme überschlägt sich beinahe.
Pete: „Hier kommst der dickste Fisch, der je für einen Gastauftritt in die GFCW gekommen ist. Er ist eine Ikone im Wrestling, ein Außerirdischer geradezu. Aus Brasiliieeeeeeeen!“
Der Tonfall wird geradezu orgasmisch leidenschaftlich. Pex wirkt nur noch wie ein Häufchen Elend. Auch die Fans halten es nicht mehr aus. Einige stehen mit offenem Mund da, andere beginnen vor Aufregung zu tanzen.
Pete: „Es ist der BESTE LEBENDE WRESTLER! Der Heilige Bison! Der unvergleichliche! Der unaufhaltsame! BISONTEEEEE…DIVINOOOOOO!“
… …
Wer?
Die eben noch erhobenen Hände sinken stellenweise wieder herunter. Dann ertönt ein Chor. Ein gewaltiger Chor. Stimmen voller Andacht, die den Eindruck erwecken, als würde gleich jemand vom Himmel herabsteigen, um die Menschheit zu erlösen. Auf der Leinwand erscheint ein goldener Bison. Er dreht sich. Hinter ihm dreht sich eine Weltkugel. Um die Weltkugel drehen sich sechs weitere, kleinere Bisons.
Sven: „Was zur Hölle ist das?“
Ein dumpfer Trommelschlag. Nebel quillt über die Stage. Viel Nebel. Genug, um den ersten Auftritt des angekündigten Weltstars vollständig zu verschlucken. Man sieht zunächst nur eine Hand. Sie winkt den Nebel weg. Dann setzt ein Sambabeat ein. Der Chor singt weiter. Offenbar konnte man sich nicht entscheiden. Was dem Auftritt noch fehlt, ist eine Spur Sexyness. Und auch dieser Wunsch wird erfüllt: Sechs Cheerleaderinnen tanzen auf die Stage. Gelbe Tops, grüne Röcke, blaue Schleifen. Die Farben Brasiliens. Jede trägt einen goldglänzenden Titelgürtel, den sie mit beiden Händen über den Kopf hebt. Da sind sie: Die SECHS World Titel, die gleichzeitig gehalten werden von diesem gottgleichen Wrestler. Die Cheerleaderinnen tanzen zur Seite. Und zwischen ihnen erscheint… …das Bison. Bisonte Divino trägt eine braune Bisonmaske mit breiter Schnauze, schwarzen Knopfaugen und zwei ausladenden Hörnern. Um seine Schultern liegt ein weißer Umhang, dessen goldener Kragen bis auf Höhe der Ohren reicht. Darunter funkelt ein grüner Einteiler. Goldene Fransen hängen an seinen Oberarmen, an seinen Stiefeln und an Stellen, an denen Fransen keinen erkennbaren Zweck erfüllen. Über seinem Kopf wippt ein Heiligenschein. An einem dünnen Draht.
Sven: „ICH HABE DIESEN MANN NOCH NIE IN MEINEM LEBEN GESEHEN!“
Das Bison beginnt zu tanzen. Pete applaudiert. Die Cheerleaderinnen kreisen um den Brasilianer. Er hebt die Arme, lässt die Hüften kreisen und macht drei kleine Schritte zur Seite. Der Umhang bleibt unter seinem Absatz hängen. Ein kurzer Ruck. Dann ist er wieder frei. Die Würde des Auftritts leidet nicht darunter. Dafür müsste sie vorhanden sein. Im Publikum werden fragende Blicke ausgetauscht. Ein Fan tippt hastig auf seinem Handy. Sein Nachbar beugt sich über den Bildschirm. Er zuckt mit den Schultern.
Sven: „SECHS WORLD TITLES? WO DENN?“ Pete: „In sechs Ligen, Sven! Hör doch zu!“
Der Kommentator am Pult steht halb auf.
Sven: „WELCHE LIGEN? WELCHE LÄNDER?“
Doch Pete wendet sich bereits wieder seinem Sohn zu. Bisonte Divino setzt sich in Bewegung. Die Cheerleaderinnen begleiten ihn hüpfend, die sechs Titelplatten blitzen im Scheinwerferlicht. Der Brasilianer steigt in den Ring. Zwei seiner Begleiterinnen nehmen ihm den Umhang ab, die übrigen präsentieren ihre Gürtel an den Seilen. Bisonte dreht sich einmal um die eigene Achse. Schüttelt die Schultern. Die Fransen zittern nach. Pete strahlt.
Pete: „Bisonte Divino! Es ist uns eine außerordentliche…“
Eine behaarte Hand reißt ihm das Mikrofon weg. Der HEILIGE BISON hat etwas zu sagen. Er deutet auf Pex, der vor Schreck zusammenzuckt, als hätte man ihn gepeitscht. Als das Bison spricht, ist es die tiefste Stimme der Welt.
Bisonte Divino: „PEX! EU VOU TE DESTRUIR! VOU TE FAZER EM PEDAÇOS!“
Die Schnauze zeigt direkt auf Jona. Dieser weicht einen halben Schritt zurück. Er hat zwar nicht verstanden, was gesagt wurde, aber die Stimme war auch so krass genug.
Bisonte Divino: „ICH WERDE DICH ZERREISSEN! HÖRST DU? ZERREISSEN!“
Er stampft mit dem Fuß auf. Die Matte wackelt. Der Heiligenschein hüpft. Hinter ihm strecken die sechs lächelnden Frauen sechs World Titles in die Luft. Pex schaut zum Bison. Zu den Gürteln. Zu seinem Vater.
Pete: „Eine Riesenchance, Jona.“ Sven: „ICH FINDE NICHT MAL EINEN WIKIPEDIA-EINTRAG!“
Pete klopft seinem Sohn auf den Rücken.
Pete: „Jetzt kommt dein Durchbruch, Sohn.“
Pete: „JAAAAAAAA!“
Pex lässt das Bein los. Er rollt vom Brasilianer herunter und bleibt sitzen. Die Hände auf der Matte. Der Mund offen. Sein Blick wandert zum Ringrichter. Der nickt. Pex schaut zu Bisonte Divino. Der liegt noch immer. Dann wieder zum Ringrichter. Ja. Wirklich. Er hat es geschafft. Sieger des Matches durch Pinfall: Pex! Der junge Mann fährt sich über den Mund. Sein Brustkorb hebt und senkt sich. Er scheint etwas sagen zu wollen, bringt aber keinen Ton hervor. Dafür werden andere laut. Ein Schluchzen am Ringrand. Dann noch eines. Die Cheerleaderinnen weinen. Alle sechs. Eine sinkt neben den Titelgürteln auf die Knie. Eine andere schlägt die Hände vors Gesicht. Zwei liegen sich in den Armen und betrachten den gefallenen Bison mit einem Entsetzen, das sportliche Niederlagen gewöhnlich nicht auslösen.
Sven: „Es geht ihm gut. Er atmet. Falls das jemanden interessiert.“
Bisonte dreht sich mühsam auf den Bauch. Die Frauen steigen in den Ring. Doch statt ihrem Champion aufzuhelfen, versammeln sie sich vor Pex. Und werfen sich zu seinen Füßen. Stirnen berühren die Matte. Hände werden nach ihm ausgestreckt. Jona zieht erschrocken die Beine an.
Jona Pexianer: „Ihr müsst das nicht tun…“
Sie tun es trotzdem. Dann erheben sie sich und wenden sich ihrem Bison zu. Dieser sitzt inzwischen zusammengesunken an den Seilen. Die breite Schnauze zeigt auf seinen Bauch. Eine Cheerleaderin streicht ihm über die Hörner. Gemeinsam helfen sie ihm aus dem Ring. Die Gürtel werden eingesammelt, der Umhang um seine Schultern gelegt. Bisonte lässt alles mit sich geschehen. Ein gebrochener Mann. Mit sechs World Titles auf dem Heimweg.
Sven: „Und damit endet offenbar eine Weltordnung, von der wir vor zehn Minuten erfahren haben.“
Neben ihm fällt ein Headset auf den Tisch. Pete ist unterwegs. Er schnappt sich das Mikrofon, steigt in den Ring und zieht seinen Sohn auf die Füße. Noch bevor Pex richtig steht, wird er umarmt.
Pete: „DU HAST ES GESCHAFFT!“
Direkt ins Mikrofon. Direkt neben Jonas Ohr. Pete löst sich, greift nach dem Handgelenk seines Sohnes und reißt dessen Arm in die Höhe.
Pete: „Eine lebende Legende! Ein sechsfach amtierender World Champion! BESIEGT! Mitten in diesem Ring!“
Pex schaut auf seinen erhobenen Arm. Dann ins Publikum, wo tatsächlich für ihn applaudiert wird. Langsam bildet sich ein Lächeln. Ein unsicheres. Aber es wächst.
Pete: „Das ist dein Durchbruch, Jona! Endlich! Ich hab es dir gesagt! Ich hab IMMER an dich geglaubt!“
Wieder fällt er seinem Sohn um den Hals. Diesmal erwidert Pex die Umarmung. Über dessen Schulter hinweg ballt Pete die Faust zur Kamera.
Pete: „DAS IST ERST DER ANFANG!“
Sven sitzt allein am Pult.
Sven: „Genau das befürchte ich.“
In Gedanken versunken sitzt Zereo Killer, der letzte Show eine tolle schauspielerische Leistung unter Beweis gestellt hat, auf einen Klappstuhl. Dank des Open Air Spektakels kann man die Crowd viel besser und lauter hören. ZK ist bereits in seinem Wrestlingoutfit, die grün-blaue Variante, mit der dazu passenden Gesichtsbemalung. Er legt die Hände in den Schoß, blickt auf den hellen, von Sonnstrahlen durchtränkten Boden und scheint in Gedanken versunken zu sein.
Plötzlich hört er Schritte, die immer ein bisschen lauter werden. Jemand kommt auf den Kalifornier zu, der es heute Abend mit einem Mitglied der Apocrypha zu tun bekommt.
Zereo Killer: „Heute Abend… habe ich viel Verantwortung… und dann ist‘s damit eigentlich noch nicht getan, wenn ich gewonnen habe… denn…“
Ja, wir alle kennen seinen Plan. Genau deshalb sind es auch die amtierenden GFCW Tag Team Champions, die den Weg des Mannes der tausend Gesichtsbemalungen kreuzen. MacKenzie blickt auf und sieht Stella Nova und Mad Dog. Mr. #IASH erhebt sich von seiner Sitzgelegenheit, schaut den Champs in die Augen.
Zereo Killer: „Mad Stars…“
Er ist erfreut, die Beiden zu sehen, dass es ihnen – hoffentlich – gut geht. Daher auch die logische Frage.
Zereo Killer: „Ihr seid Champions geblieben, Gott sei Dank. Dennoch ist das Ergebnis zur erfolgreichen Verteidigung anders ausgegangen als erwartet und erhofft, würde ich mal annehmen.“
Ohne etwas darauf zu antworten, blicken sie Mike an. Ja, das war kein schönes Finish.
Zereo Killer: „Ich hoffe, dass es euch halbwegs gut geht. Ich kenn es, wie es ist von Apocrypha zugerichtet zu werden… aber ihr musstet mindestens genauso viel einstecken.“
Der Night Fighter rückt das Gold auf seiner Schulter zurecht, als wolle er die erfolgreiche Titelverteidigung noch einmal unterstreichen. Doch als durch MacKenzies Worte die Erinnerungen an das Match der letzten War Evening Ausgabe hochkommen, verzeiht sich die Miene des Hundes zu einer bösartigen Fratze, was ebenso die Worte des Zereo Killers zu unterstreichen scheint.
Mad Dog: „Yeah, wir wollten Titan & Tha Bomb im Ring besiegen und ihnen zeigen, dass wir das bessere Team sind. Es sollte das dritte große Match in Folge werden! Aber haben wir das geschafft?! Nein! Die halbe GFCW stand am Rand, konnte aber doch nicht verhindern, dass es wieder so lief, wie Apocrypha es wollten. Und auch wenn ihr Bestreben lieber auf DQ statt auf den eigenen Sieg zu gehen, nicht wirklich für ihr Interesse am Titelgold spricht, kann ich diesen Ausgang nicht so stehen lassen! Sie wollen uns fertig machen? Durch Tische schmeißen? Weich kriegen!? No Way! Wir werden erneut gegen sie antreten und ihnen heimzahlen, nun schon zum zweiten Mal ihre verfickten Spielchen mit uns abgezogen zu haben.“
Kurz geht der Blick zu Stella Nova, die mit ihrer Reaktion ebenso ein Rematch zu fokussieren scheint. Dann aber wandert der Blick wieder zu Zereo Killer.
Mad Dog: „Aber heute bist erstmal du an der Reihe, huh?!“
Stella nickt knapp, während sie Zereo Killer mustert. Dann nickt die Stellare mit den massiven schwarz-orangenen Flechten erneut, dieses Mal anerkennend.
Der Night Fighter nickt nach den Worten seiner Partnerin und macht dann einen Schritt auf Zereo Killer zu.
Mad Dog: „Sofern wir gemeinsam am Apron stehen, wird es schließlich davon abhängen, wie gut wir harmonieren können, huh?! Wir beide. Im Ring muss man sich auf den anderen verlassen können – gerade gegen the Apocrypha. Mit Stella habe ich dieses Band geknüpft; wir sind zusammengewachsen… Und wenn wir Drei eine Chance haben wollen, müssen die Alleingänge wie letzte Show abgestellt werden.“
MD fährt mit der Hand vor MacKenzie auf und ab, um zu verdeutlichen, dass er wieder voll bei Kräften war, als er ringside als Lumberjack auftauchte. Die Mad Stars jedoch waren selbst davon ebenso wie T&B im Unklaren gelassen worden.
Mad Dog: „Auch dieser riskante Plan mit dem heutigen Match wäre eine Absprache wert gewesen, huh?!“
Es braucht sehr lange, bis Zereo Killern antwortet, er atmet schwer durch und man sieht ihn deutlich an, was für eine Last auf seinen Schultern liegt. Er blickt die Champions mit einem sehr ernsten Gesichtsausdruck an.
Zereo Killer: „Wir haben eine heftige Vergangenheit, doch die jüngste Vergangenheit zeigt, dass man Seite an Seite kämpfen kann. Wenn ihr mir tatsächlich nicht vertrauen könnt, aufgrund Dinge, die in der Vergangenheit liegen, kann ich es sogar irgendwo nachvollziehen. Immerhin war es für mich auch ein Schritt der Überwindung und ich weiß selbst, wie riskant mein Plan ist. Ich weiß auch genauso, dass ich in einem heftigen Handicap Match beim PPV antreten werden könnte. Ja… davor habe ich tatsächlich ein wenig Angst! Und weil ich es zugeben kann, macht mich das noch stärker für heute!“
Wieder eine kurze Redepause.
Zereo Killer: „Worauf ich definitiv hinaus will… Ihr könnt darauf vertrauen, dass mir das Wohl der Liga am wichtigsten ist! Ich liebe die Fans, ich liebe die GFCW, ich liebe diesen Sport über alles! Ich will die Apocrypha fallen sehen und werde absolut alles dafür geben! Darauf könnt ihr zu 100% vertrauen… egal ob ihr mich mögt oder was weiß ich. Ich werde für alle kämpfen, denen die GFCW am Herzen liegt. Was ihr damit anstellt… das ist eure Sache…“
Double M blickt in die Richtung, in der der Ring steht. Mit einem Fingerzeig deutet er in diese Richtung.
Zereo Killer: „Ich gehe heute da raus, gebe gegen dieses Apocrypha Arschloch mehr als nur mein Bestes und kämpfe für alles, wofür die GFCW steht! Ich werde ihn aus dem PPV Match rausnehmen, egal was es mich kosten wird! Dann gehe ich erhobenen Hauptes zum PPV und nehme mir den Rest der Truppe vor.“
Wieder eine kurze Pause in seinem Monolog, ehe sich die Blicke der drei Beteiligten kreuzen.
Zereo Killer: „Mit euch, ohne euch, egal wie, ich stelle mich der Apocrypha solange ich kann. Ich fühle, dass die GFCW untergehen könnte, wenn diese Sekte so weitermacht wie bisher.“
Er klopft den Champions auf die Schultern.
Zereo Killer: „Denkt dran… eventuell könnte es um mehr gehen als um Titelgold. Die Entscheidung liegt aber bei euch, was ihr machen werdet.“
MacKenzies Worte lassen die Champions nachdenklich zurück, denn er dreht sich um und zieht von dannen. Sie werden gezeigt, wie sie dem davonziehenden Kalifornier noch ein Weilchen hinterherblicken.
Mad Dog: „Er ist vollkommen verbissen…“
Stella stellt sich neben ihren Partner und schaut ihn dabei direkt an.
Stella Nova: „Das bin ich auch. Als Leitstern des Professional Wrestling kann ich es mir nicht bieten lassen von Apocrypha wieder und wieder derart verdroschen zu werden. Es wird Zeit von der Verdroschenen zur Verdrescherin zu werden. Das Extreme mag nicht mein Metier sein, aber diesen wunderbaren Gürtel hier...“
Kurz atmet MD ein und aus. Nickt dann und legt den Kopf anschließend schief.
Mad Dog: „Yeah… wir sind einer Meinung: Wir wollen alle Apocrypha besiegen und uns an ihnen rächen; dabei wissen wir, dass dies allein nicht funktionieren wird. Und genau das ist mein Problem! Unsere Rachsucht wie unser Siegeswille können nämlich die größten Gegner des gemeinsamen Agierens werden! Tagge ich im richtigen Moment ein oder haue ich ihnen lieber noch einen Forearm in die Fresse und verspiele damit das Momentum? Lass ich mich auf ihre Spielchen ein und renne vom Apron, wo ich dann zum Eintaggen fehle… und so weiter und so weiter.“
Der Hund schaut seine Partnerin eindringlich an.
Mad Dog: „Reichen die gemeinsamen Ziele also?! Nach meinen Erlebnissen bei Forge am Sonntag, wo uns… oder mir… wieder von der vermeintlich zugewandten Seite Misstrauen entgegenschlug, weiß ich’s wirklich nicht mehr…“
Stella verschränkt wie zur Demonstration einer offenen Deckung die Hände hinter dem Rücken.
Die nachdenkliche Töle lässt die Worte für einen Moment wirken, dann nickt sie und die Kamera fadet aus.
Die Luxembirdies stehen Milly Vermillion, Monica Shade und Zac Alonso gegenüber. Am Apocrypha-Tisch liegt diesmal ein deutlich dickerer Bewertungsbogen.
Der jüngere Prüfer blättert. Und blättert. Und blättert.
Jüngerer Prüfer: „Sechs Teilnehmer.“ Älterer Prüfer: „Korrekt.“ Jüngerer Prüfer: „Das sind sehr viele Kriterien.“
Der Ältere blickt zum Ring.
Älterer Prüfer: „Dann hoffen wir für die Beteiligten, dass sie nicht sehr viele Fehler machen.“
Der Jüngere nimmt seinen Stift.
Ringglocke.
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