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Robert Breads: „Machst du eigentlich jede Scheiße mit?“ Maximilian Lunenkind: „Nun… ja. Im Gegensatz zu solchen, die nur so tun.“
Kameramann Conny hat sichtlich Mühe, den beiden zu folgen, ohne sich auf’s Maul zu legen. Wir staksen durch einen Wald. So wie es aussieht, haben wir die Kirche verlassen – vermutlich durch einen Hintereingang, oder in diesem Falle Hinterausgang – und nun folgt Breads seinem alten Bekannten durch trockenes, kaltes Gehölz. Die Wolken vor ihren Mündern deuten auf bittere Kälte hin, und der beginnende Sonnenuntergang, der alles in ein gold-orangefarbenes Licht hüllt, beginnt, sie der letzten Quelle von Wärme zu berauben.
Robert Breads: „Soll heißen?“ Maximilian Lunenkind: „Dass „Cultural Appropriation“ wohl auch mit der GFCW funktioniert.“ Robert Breads: „Muss ich das verstehen?“ Maximilian Lunenkind: „Ist eh zu spät, du SACK. Hättest du vor zig Jahren schon raffen müssen. Zu sagen, man stecke mittendrin, aber immer schön auf ironischer Distanz bleiben, falls jemand noch auf falsche Gedanken kommt, ist richtig POOOOIIIIINLICH. Der abenteuerlustige Trash-Typ sein, aber auch der rhetorisch clevere Punchline-Witze-Pisser, der über diesem Trash steht.“ Robert Breads: „Wer sagt denn, dass man nicht beides sein kann?“ Maximilian Lunenkind: „Man kann auch beides behaupten und nichts davon sein.“ Robert Breads: „Vielleicht denkst du einfach nur zu viel drüber nach.“ Maximilian Lunenkind: „Ah, auf einmal kann ich denken? Alles Idioten, bis man halbwegs kritisch wird, dann ist es „nicht so deep“, was? Immer ist an den anderen was falsch, immer hat man selbst den richtigen Blickwinkel.“ Robert Breads: „Ich kann doch auch nichts dafür, wenn man mir verbal nicht gewachsen ist. Soll ich mich absichtlich zurückhalten, damit andere sich nicht so dumm fühlen, wie sie eigentlich sind, oder was?“ Maximilian Lunenkind: „Das ist keine „schwarz und weiß“-Frage, du HONK. Es gibt GRAUZONEN. Du weißt schon, aus großer Macht folgt große Verantwortung.“ Robert Breads: „Jetzt zitieren wir schon Spiderman?“ Maximilian Lunenkind: „De Robespierre, du BANAUSE.“ Robert Breads: „Hätte dich nicht für einen Intellektuellen gehalten.“ Maximilian Lunenkind: „Du bist so scheiße selbstverliebt, du denkst, jeder der IRGENDWAS weiß, das du nicht weißt, wäre ein INTELLEKTUELLER. Ich hoffe echt, du HEULST wie ein OPFER, wenn du hier fertig bist.“
Sie steigen weiter durch das Laub und das Unterholz. Zielstrebig läuft Lunenkind, dessen etwas ernsthaftere Blickweise auf die Welt nach seiner Nahtoderfahrung im letzten Herbst ihm wohl erhalten geblieben ist, auf irgendetwas zu, und Breads folgt ihm, darauf achtend, nicht zu stolpern. Kameramann Conny folgt so gut es geht hechelnd auf dem Fuß.
Robert Breads: „Du hast unser Ende in der LPG also nicht so gut verkraftet.“ Maximilian Lunenkind: „Du meinst, als du uns alle GEFICKT hast, nur weil dein EGO ein bisschen gekränkt wurde? Als ich mich nur RETTEN KONNTE, als ich wie ein FEIGLING vor allen Augen DAVONRENNEN musste? Als du meine einzigen Freunde GEBROCHEN und VERLETZT hast? Du denkst, das könnte mich VIELLEICHT ein BISSCHEN anpissen?“ Robert Breads: „Ich werte das als „ja“, schätze ich.“ Maximilian Lunenkind: „Richtig gut im Schätzen, wow. Und?“ Robert Breads: „Und was?“ Maximilian Lunenkind: „…war ja klar.“ Robert Breads: „WAS war klar?“ Maximilian Lunenkind: „Schon gut, du strunzdummer, GAMMELFICKE schlürfender RAMSCHRAMBO.“ Robert Breads: „Aber zufällig irgendwelche Wörter aneinanderreihen, bis mal irgendwas zufällig lustig klingt, ist dann hohe Kunst, hm? Tu nicht so, als wären meine angeblichen Fehler was anderes als-“ Maximilian Lunenkind: „WIR SIND DA!“
Tatsächlich sind wir das. Breads hat nicht so richtig aufgepasst, zu sehr war er in sein Streitgespräch mit Lunenkind vertieft, und die Kamera verpasst mehr, als dass sie einfängt. Man hört gar ein leises Japsen hinter der Linse, aber nun sind wir da. Wir stehen vor einer hölzernen Hütte, die im Gegensatz zu der Kirche brandneu wirkt, als hätte man sie vor kurzem erst zusammengezimmert. Sie ist nicht besonders groß, einstöckig, quadratisch, vermutlich im Inneren bloß ein einzelner Raum. Vor der Tür steht eine einzelne, gebückte Gestalt. Sie trägt einen schwarzen Umhang mit einer Kapuze, die tief ins Gesicht gezogen ist. Auf der Kapuze ist ein blutiges Pentagramm abgebildet. In der linken Hand hält das Geschöpf einen etwa mannshohen Stab, der in einer Sense mündet. In der rechten Hand trägt es ein altes, vergilbtes Buch mit einem dicken, braunen Ledereinband, auf dem etwas in einer fremden Sprache eingraviert wurde.
Robert Breads: „Oh, wow, ein mysteriöser Unbekannter! Lass mich raten – aus der Klapse? Kommt jetzt die Geschichte über die toten Eltern? Oder ist er doch heimlich CEO von irgendeinem Millionenunternehmen? Nein, warte – er kommt aus der Hölle! Und diese Hütte ist ein Portal in-“ Maximilian Lunenkind: „Das ist DER WÄCHTER!“
Mit überzogener Theatralik macht Lunenkind einen Sprung, dreht sich in der Luft in einer Pirouette, bei der seine Zunge spektakulär umher schlackert und seinen Speichel in sprühregenartiger Form über alles um sich herum verteilt, inklusive der Kameralinse. Er landet fest auf beiden Beinen neben der Gestalt, verschränkt die Arme in einer völlig bescheuert aussehenden Pose, die Lunenkind sicherlich verdammt cool findet, und deutet mit der Zungenspitze auf DEN WÄCHTER.
Maximilian Lunenkind: „Sage das Passwort und lerne die WAHRHEIT kennen!“ Robert Breads: „Die kenne ich schon. Waren Tag Team Champions, vor ein paar Jahren.“ Maximilian Lunenkind: „Findest du dich eigentlich selbst lustig?“ Robert Breads: „Nicht so wirklich. Ist manchmal nur schwierig, zu der ganzen dummen Scheiße, die so passiert, was zu sagen.“ Maximilian Lunenkind: „Du könntest auch einfach gar nichts sagen.“ Robert Breads: „Wäre für unser Medium nicht sonderlich gewinnbringend, oder?“ Maximilian Lunenkind: „Errate einfach das Passwort.“ Robert Breads: „Und wenn nicht? Ich will da sowieso nicht rein. Kann ich dann einfach gehen? Ich meine, es könnte jedes Wort auf der Welt sein. Eigentlich sehr unwahrscheinlich, dass ich es errate.“ Maximilian Lunenkind: „DER WÄCHTER gibt dir einen Tipp.“ DER WÄCHTER: „Hehe…“ Robert Breads: „…und was ist jetzt der Tipp?“ DER WÄCHTER: „Hehe…“ Robert Breads: „Nein, ernsthaft, was ist der Tipp?“ Maximilian Lunenkind: „Hehe…“ Robert Breads: „Ich habe ihn akustisch schon verstanden, aber ich weiß nicht, was er mir damit sagen will?“ Maximilian Lunenkind: „Hehe…“ DER WÄCHTER: „Hehe…“ Robert Breads: „Ist das Heinrich Firion?“ Maximilian Lunenkind: „Das ist DER WÄCHTER.“ DER WÄCHTER: „Hehe…“ Robert Breads: „Aber ist DER WÄCHTER auch Heinrich Firion?“ Maximilian Lunenkind: „Spielt das eine Rolle?“ Robert Breads: „Naja, keine Ahnung. Wenn es um den Tipp geht…“ Maximilan Lunenkind: „Hehe…“ Robert Breads: „…wäre es wohl gut zu wissen.“ DER WÄCHTER: „Hehe…“ Robert Breads: „Elf? Elfen?“ DER WÄCHTER: „Hehe…“ Robert Breads: „Okay, kann ich vielleicht noch einen Tipp kriegen?“ DER WÄCHTER: „Hehe…“ Maximilian Lunenkind: „Hehe…“ Robert Breads: „Wie wäre es mit einem Tipp, der nicht „Hehe…“ ist?“ Ruckartig tritt die extrem mysteriöse Gestalt, deren Identität niemals jemand erraten wird, zur Seite. Robert Breads: „Hä? Ich habe doch gar nichts gesagt.“ Maximilan Lunenkind: „Doch, das Passwort.“ DER WÄCHTER: „Hehe…“ Robert Breads: „Was? Was war das Passwort?” Maximilian Lunenkind: “Hehe…” DER WÄCHTER: “Hehe…” Kameramann Conny: “Hehe…” Robert Breads: “…”
Ohne
ein weiteres Wort seufzt der Kanadier. Kurz sieht er zur Kamera
und scheint zu überlegen, ob er irgendeinen One-Liner
droppen soll, aber anscheinend hat ihn das Gespräch mit
Lunenkind self-aware gemacht. So tritt er an Breads tritt über die Schwelle in das kleine Gebäude, und die Kamera folgt ihm. Hinter eben jener kann man die Tür hören, die heftig zugeschlagen wird. Kurz darauf brtnimmz man ein Klicken – vermutlich das Schloss.
DER WÄCHTER: „Hehe…“
Ein noch tieferes Seufzen entweicht Breads, ehe er sich kopfschüttelnd umblickt. Während die Kamera sich rückwärts in Richtung einer der Ecken des quadratischen Raumes bewegt und dort ein wenig gesenkt wird – vermutlich kann sich die Person hinter der Kamera irgendwo setzen und nun relativ statisch beinahe das komplette Zimmer einfangen – sieht Robert sich um. Das Zentrum bilden ein überaus bequem aussehender, luxuriöser Sessel, inklusive Getränkehalter, Fernbedienung und verstellbarer Kopfstütze, und ein dieser Sitzgelegenheit gegenüber gelegter, fleckiger Sitzsack. „Canada’s Own“ hat keine Zweifel daran, welcher Platz ihm zu Teil werden soll. Aber für wen ist der Sessel? Er sieht sich weiter um. Der gesamte Raum ist mit einem flauschigen Teppich ausgelegt, der zwischendurch von einer Pastellfarbe zur nächsten wechselt. Das Besondere ist: Wirklich der ganze Raum ist gemeint. Der Boden, die Wände, sogar die Decke. Eine flauschige, kuschlige Kiste, in die man Breads gesperrt und sie dann verschlossen hat. Sein Blick fällt dann auf etwas, das mit großen, selbstgebastelt wirkenenden Buchstaben als „Wall of Vulnerability“ gekennzeichnet ist. Es ist eine übergroße, mit Fotos übersäte Pinnwand. Neben Phrasen wie „ES IST UNTER UMSTÄNDEN OKAY, SCHWÄCHE ZU ZEIGEN“ und „NICHT JEDE PUSSY IST EINE BITCH“ sind dort Bilder der peinlichsten, niederschmetterndsten und brutalsten Niederlagen aus der Karriere von Robert Breads zu sehen. Von seiner ersten Pleite im Jahr 2009 bis hin zu der Schlappe gegen Mad Dog von vor zwei Wochen ist eine ganze Menge dabei. Robert
Breads, wie er betreten guckt. Der tatsächliche Robert Breads zieht eine Grimasse, wendet sich aber schon dem nächsten „Artefakt“ zu. Es ist ein „Buch des Dankes“, welches auf einem Tisch liegt (der überaus Euter-förmig aussieht, wobei die Zitzen die Beine darstellen) wohl dafür gedacht, dass man etwas hineinschreiben kann, für das man dankbar ist, wenn man diesen Ort besucht. Breads blättert ein paar Seiten um. Alle sind leer. Direkt daneben steht eine Box für Taschentücher mit der Aufschrift „DON’T WORRY: TRAUMA MAKES YOU FUNNY“ und einem Zwinker-Smiley, der passiv-aggressiv wirkt. Die Box ist ebenfalls leer. Apropos Trauma: Auf der anderen Seite des Raumes befindet sich eine weitere Pinnwand. Sie ist über und über mit pinken Fäden versehen, ein wenig so, als wäre das hier eine Detektiv-Show, und der Fall, den es zu lösen gilt, wäre die Karriere von Robert Breads. Das Ganze ist mit „TRAUMA TIMELINE“ betitelt, und auf Karteikarten, die mit Heftzwecken befestigt wurden, ist unleserliches Gekrakel geschrieben. Vielleicht besser, dass man es nicht erkennen kann. Direkt daneben wurde ein Boxsack mit der Aufschrift „YOUR INNER CHILD“ befestigt, auf den Kindheitsfotos von jemandem gedruckt wurden. Dem Schlucken von Breads nach zu urteilen, dürften das seine eigenen sein. Aber das Prunkstück ist die Wand gegenüber der Tür. Dort, auf dem flauschigen Hintergrund, prangt ein (vermutlich KI-generiertes Bild) von Sigmund Freud, der in nichts als einer Latex-Unterhose und Stiefeln in einem Wrestling-Ring posiert. Sein Oberkörper ist vollkommen überzeichnet muskulös, während ihm ausschließlich weibliche Menschen, die alle ein Bündel Laken in den Armen halten, zujubeln. Ein wenig in Gedanken versunken, aber langsam realisierend, mit wem er es hier zu tun bekommen könnte, senkt Breads den Blick leicht und erblickt die Blumenkästen, die unter das gewaltige Bild gestellt wurden. Es sind allerdings keine Blumen, die dort wachsen, sondern irgendeine andere Pflanze.
Robert Breads: „Dann ist das hier also…“
Die Tür zum Raum wird aufgeschlossen. Auf das Geräusch des sich drehenden Schlosses folgt ein weiterer Klang: Es ist, als würde man einen kleinen Gumminoppen auf Fliesen drücken und dann abziehen, immer und immer wieder. Als Breads den Kopf dreht, erblickt er den Quell: Es sind die nackten Füße eines Mannes auf dem Boden, die bei jedem Schritt einen sohlenförmigen Abdruck hinterlassen. Die Augen des Kanadiers wandert an einem Mann in weiten Stoffhosen und einem Freizeithemd hinauf. Vor einer breiten Brust trägt der Eintreffende mehrere große Aktenordner, die er mühevoll balanciert. Weil er gerade so über den Ordnerrand hinwegschauen kann, ist nur ein Teil seines Gesichts zu erkennen – doch „Schuhwerk“ und Habitus des Mannes machen auch so deutlich, wer es ist.
Dreamweaver: „Der Aktenordner ist im Büro etwa das, was Gespräche über Mütter für Psychologen sind: Sobald man das Innere aufgeschlagen hat, geben sie Auskunft über alles Wichtige.“
Mit Tippelschrittchen tritt Dreamweaver, der renommierte GFCW-Psychologie, über die Türschwelle. Sobald er im Raum ist, wird von außen abgeschlossen.
DER WÄCHTER: “Hehe...”
Dreamweaver lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Er beginnt, sich auf komplizierte Weise zu verrenken und schnippt mit dem Zehennagel gegen die Pflanze im Kasten.
Dreamweaver: „Diese Pflanzen hier sind Cuscuta. Kannst du dich damit identifizieren, Robert?“ Robert Breads: „Ich bin leider kein Experte für Pflanzen.“
Mit einem „Mhhm“ nickt Dreamweaver. Er sieht aus, als würde er die Information gerne notieren. Doch weil er keine Hand frei hat, belässt er es bei einem nicken. Dann findet er einen Tisch, um die Aktenordner abzulegen. Als er seine Bewegungsfreiheit wiedererlangt hat, fläzt er in den bequemen Sessel und überschlägt die Beine, wobei er Breads die verfärbte Sohle entgegenhält. Er deutet in Richtung des Sitzsacks. Eine Aufforderung an Breads, genau dort Platz zu nehmen.
Dreamweaver: „Ich verstehe. Nun, es gibt Schlimmeres. Man muss nicht Experte für alles sein, solange man damit niemand anderem schadet. Deswegen bin ich Psychologe und nicht Chirurg. Und wer keine Ahnung von Pflanzen hat, sollte kein Botaniker sein. Eine einfache Logik, oder?“
Breads bekommt noch einmal die Gelegenheit, auf die Frage zu antworten, denn Dreamweaver hat kaum ausgesprochen, schon nickt er für sich selbst.
Dreamweaver: „Jemand, der keinen Plan von jungen Menschen hat, sollte demnach keinen Posten als Head Coach annehmen.“ Robert Breads: „Autsch.“
Breads ergibt sich in sein Schicksal und probiert dabei, so würdevoll wie möglich auf dem Sitzsack zu hocken. Keine Position scheint ihm so richtig zu gefallen, also verharrt er irgendwann einfach leicht nach hinten gebeugt, die Arme verschränkt, die Füße fest auf dem Boden, den Blick auf Dreamweaver.
Robert Breads: „Bekomme ich jetzt also Gratis-Therapie?“
Der Finger Dreamweavers schnellt beim Wort „Gratis“ tadeln nach oben.
Dreamweaver: „Ein Virtuose arbeitet niemals gratis. Das gebietet die Kunst. Nein, diese Therapiestunde ist mitnichten gratis. Aber ich darf dir sagen, dass jemand anderes dafür bezahlt hat. Mein absoluter Lieblingspatient nämlich…“
Der Psychologie klatscht die Hände ineinander und kichert freudig.
Dreamweaver: „…Maximilian Lunenkind. Als Gegenleistung für diese Therapiestunde hat er sich bereiterklärt, Proband in den Untersuchungen für meine Habilitation zu sein. „Zur differenziellen Bedeutung der Zungenlänge für die Ausprägung sexueller Devianz beim Menschen unter besonderer Berücksichtigung mütterlicher Einfluss- und Sozialisationsfaktoren“ - ich werde dir ein Exemplar zusenden, sobald sie veröffentlicht ist. Doch auch wenn jemand anderes für diese Stunde zahlt, so sollst du natürlich die volle Dreamweaver-Erfahrung erhalten.“ Robert Breads: „Ich habe ein gutes Verhältnis zu meiner Mutter.“
Die Gesichtszüge des Psychologen entgleisen für einen Augenblick. Sobald er sich wieder gefangen hat, streckt er sich auf dem Sessel und schiebt Fuß voran einen Großteil der mitgebrachten Aktenordner vom Tisch.
Robert Breads: „Generell habe ich keine großen Probleme mit Frauen, denke ich.“
Klatsch – eine weitere Akte wird zu Boden geschoben. Sie bleibt auf dem Rücken liegen, so dass ihr Titel „C. Brooks“ noch aus dem Augenwinkel erkennbar ist.
Dreamweaver: „Nun, Robert, du bist ein wirklich außergewöhnlicher Patient. Wahrscheinlich ist dies…“
Nicht ohne eine Spur Traurigkeit blickt Dreamweaver auf die am Boden liegenden Aktenordner.
Dreamweaver: „…die verrückteste Therapiestunde aller Zeiten. Wir müssen in wirklich trüben Gewässern fischen. Unser kleines Therapiebötchen muss geradezu in unbekannte Gewässer des Psychologiemeeres aufbrechen, um eine Erklärung für dich zu finden. Aber ich bin bereit, diese Gedankenreise auf mich zu nehmen. Ich werde mich um dich bemühen: Du hast schließlich SO VIEL für mich getan.“
Der Kanadier hebt die Augenbrauen und wuchtet den Oberkörper etwas nach vorn. Es scheint ihm zu stinken, dass er zu Dreamweaver aufsehen muss.
Robert Breads: „Ich wüsste nicht, dass ich einem wie dir geholfen habe.“
Der Psychologe lacht derart glockenhell auf, dass Breads zusammenzuckt. Dreamweaver beugt sich im Sessel vor, zieht die Beine heran und beginnt, konzentriert an seinen Füßen zu kneten.
Dreamweaver: „Oh, das hast du, Breads. Die ganzen GTCWler, die du damals eingestellt und dann fragwürdig betreut hast. Sie waren für meinen Terminkalender wie ein Füllhorn. Minderwertigkeitskomplexe, Aggressionsprobleme, eine verzerrte Wahrnehmung des eigenen Körpers, das volle Programm – so einfach habe ich selten Patienten gewonnen. Mein Artikel zum Thema „Gewalt im Ring als psychodynamischer Bewältigungsmechanismus: Zur Funktion des Gegners bei der Verarbeitung traumatischer Erfahrungen aus unerfüllten Sehnsüchten nach der eigenen Mutter“ erhielt hervorragende Reviews. Du solltest ihn lesen. Und DU hast sie alle zu mir gebracht.“
Er hält mit dem Reiben der eigenen Füße inne, um Breads intensiv anzublicken.
Dreamweaver: „Es ist tatsächlich BEEINDRUCKEND, auf wie viele verschiedene Arten du andere Leute versauen kannst. Ich bin mir sich nicht sicher, was beeindruckender wäre – wenn du das absichtlich hinkriegst, oder wenn du das Gegenteil versuchen würdest, und es dann dermaßen versaust.“ Robert Breads: „Ich habe mein Bestes gegeben.“ Dreamweaver: „Wie toll!“
Freudlos klatscht Dreamweaver in die Hände. Er beugt sich im Sessel vor.
Dreamweaver: „Aber warum bist du überhaupt Head Coach geworden. Weil du jungen Menschen helfen wolltest – oder weil du den Gedanken mochtest, Head Coach zu sein? Wenn alle zu dir aufsehen und dir gehorchen müssen? Hat es dir vielleicht gefallen zu wissen, das zukünftige Generationen dir danken müssen, wenn sie sie irgendwann Erfolge feiern?“ Robert Breads: „Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, das hätte keine Rolle gespielt. Aber dennoch: Ich wollte helfen. Letzteres deutlich mehr als Ersteres.“ Dreamweaver: „Aber das Hast – Du – Nicht, Robert. Du bist kein Psychologe. Du kannst niemandem helfen. Deine Wischi-Waschi-Unterstützung war ein Einfallstor für Frustration und Unsicherheiten. Du kannst keine Ersatz-Mutter sein, du zitzenloser Hochstapler. Wenn überhaupt hast du den Leuten den Spaß geraubt, die Leidenschaft genommen, und ihr Selbstvertrauen zerstört.“ Robert Breads: „Dann waren sie vielleicht auch nie in der Lage, dass man ihnen überhaupt hätte helfen können!“
„Canada’s Own“ springt auf. Für eine Sekunde wirkt es beinahe so, als wolle er auf Dreamweaver losgehen, doch dann beginnt er, horizontal vor ihm auf- und abzutigern, um sich abzureagieren. Dabei quillt es auch ihm heraus.
Robert Breads: „Der Hauptteil von ihnen wollte doch keine Hilfe, sie wollten, dass man ihnen eine einfache Karriere auf dem Silbertablett serviert. Neunzig Prozent der Arbeit für sie machen, und dann für die restlichen, gerade so mühsam geschafften zehn Prozent auch noch überschwänglich loben. Sie weigern sich zu lernen, egal, wie lange die Vorträge sind, die man ihnen hält. Sie studieren die Tapes nicht, die sie studieren sollen. Und dann heulen sie rum, wenn der Coach ihnen sagt, dass sie sich nicht verbessern! Ich weigere mich, unterdurchschnittliche Ergebnisse als überdurchschnittlich zu verkaufen.“ Dreamweaver: „Wie uneinsichtig. Wusstest du, dass Leute, die sich als besonders hart verkaufen, an anderen Stellen oftmals weich sind. Also…körperlich gesehen?“
Der Blick des Psychologen bleibt auf Breads Hose hängen, ohne näher darauf einzugehen.
Dreamweaver: „Deine Rechtfertigungen täuschen nur über das zentrale Problem hinweg. Du solltest die Leute besser machen – das hast du nicht geschafft.“ Robert Breads: „Ich kann den Leuten zeigen, wie es geht. Es ist leicht, sich darauf einzuschießen, dass der Fehler bei mir liegt, wenn keinerlei Mühe, keinerlei Gedanken in die eigene Entwicklung fließen! Ich habe nie Unmögliches verlangt. Ich habe verlangt, dass man es ernsthaft probiert, mit ein kleinwenig Gehirnschmalz. Wenn der eigene Anspruch so gering ist, dass man das für zu viel hält, dann ist es ein Witz, sich zu beschweren, ich hätte irgendwen unten gehalten, weil ich das Verbrechen begehe, über Dinge nachzudenken.“
Vehement schüttelt der Psychologe mit dem Kopf.
Dreamweaver: „Du sollst nicht nachdenken, Robert. Denken sollte man den Pferden überlassen, die haben den größeren Kopf. Oder einem Psychologen. So wie mir!“
Freudig, als habe er sich grad an seinen Beruf erinnert, klatscht Dreamweaver in die Hände.
Dreamweaver: „Es erscheint mir eindeutig, dass du nicht in der Lage bist, Leute zu führen und zu leiten. Das hat man ja nicht nur bei GTCW gesehen, sondern auch bei der LPG. Schau einmal hier hin.“
Als wäre sein Körper Wasser, rutscht Dreamweaver vom Sessel herunter und bleibt davor liegen. Er greift nach einem Aktenordner und wendet ihn im Liegen so in Richtung Breads, dass dieser die Aufschrift lesen – Marcia.
Dreamweaver: „Marcia Hill. Marcs Mutter. Seit dem, was du mit ihrem Sohn gemacht hast, zählt sie zu meinen Dauerpatientinnen. Es ist furchtbar für sie, dass ihr Sohn seinen Traum Marc seinen Traum nicht mehr leben kann. Sie hasst es, ihren Marc so zu sehen.“
In der Hoffnung, Mitleid bei Breads zu erwecken, hält Dreamweaver – noch immer auf dem Boden liegend – inne. Als keine Reaktion vom Kanadier kommt, rappelt er sich auf und krabbelt auf den Sessel zurück. Liegt wie eine Brezel zusammengeknüllt da.
Dreamweaver: „Aber noch mehr Angst hat sie um ihren anderen Sohn – Mark. Der nun den Traum FÜR Marc leben will. Der nun selbst Wrestler werden will. Mark will den gleichen Pfad betreten wie Marc, sich der gleichen Gefahr ausliefern, und es macht Marcia fertig.“
Und nicht nur Marcia, sondern offenkundig auch Dreamweaver. Der Psychologie führt den Fuß zum Gesicht, um sich eine Träne aus dem Augenwinkel zu wischen.
Dreamweaver: „Du hast jemanden gebrochen, zerstört, vernichtet. Und das hätte nicht passieren müssen, Robert. Du hattest eine freie Wahl. Aber du entschiedest, Marc Hill zu attackieren, trotz aller anderen Wege. Am Ende des Tages hast du jemandes Traum, Karriere und Leben zerstört, um dir eine winzige Unannehmlichkeit zu sparen.“
Er legt den Aktenordner zurück in die Unordnung auf dem Boden.
Dreamweaver: „Mein Rat als Professioneller: Du solltest nie wieder Verantwortung übernehmen, nachdem deine Karriere vorbei ist. Jeder deiner Schritte hinterlässt Traumata. Ich komme mit den Patienten bald gar nicht mehr hinterher.“ Robert Breads: „Sind wir jetzt fertig?“
Der Hall of Famer hämmert die Hacken in den flauschigen Fußboden und steckt die Hände in die Taschen seiner Jacke. Trotz der ergrauten Mähne wirkt er wie ein bockiges Kind.
Robert Breads: „Erst diese Melissa, jetzt irgendeine Marcia… Was soll dieser Trip? Karrt ihr Lorenz‘ Großmutter als Nächstes um die Ecke?“ Dreamweaver: „Warum stört dich die Erwähnung von Menschen, denen du das Leben versaut hast? Vielleicht, weil es dir vor Augen führt, welch enormer Masse du geschadet hast? Oder weil es dich daran erinnert, dass niemand um dich trauern wird, sobald du verschwunden bist?“
Das entlockt Breads ein ehrliches, kehliges Lachen, als könne er die Absurdität von Dreamweavers Worten kaum fassen.
Robert Breads: „Sie werden mich vermissen, glaub mir. Alle werden sie das. Auf wen sonst soll die Welt da draußen zeigen, um zu beweisen, dass die GFCW nicht doch wieder die alberne, belächelte Freakshow ist, als die sie vor mir galt?“ Dreamweaver: „Was hast du für das Ansehen der GFCW getan, Robert? Als du in die PCWA gingst, hast du die GFCW stark geredet, weil man die Liga untrennbar mit dir verbunden hat. Das half vor allem dir – du warst selbstsüchtig, wolltest nicht als billiger Freak gelten. Dem Rest der Liga, die damals auch WIRKLICH in der GFCW waren, war ziemlich egal, was man in Berlin über sie dachte. Du hast nichts wirklich für die Liga getan, nur für dich. Du hast auch nie was für die PCWA getan. Als du in der GFCW alles gewonnen hattest, gingst du, weil es nichts mehr gab, um dein Ego zu füttern. In der PCWA später genauso. Du hast beide Ligen im Stich gelassen. Und du wirst die GFCW bald wieder im Stich lassen, sobald sie nicht mehr der rote Teppich für deine Retirement-Ego-Show ist.“ Robert Breads: „Wenn diese Promotion ohne mich nicht in der Lage ist, zu existieren, dann bin ich froh, wenn sie untergeht.“
Der Psychologe japst nach Luft.
Dreamweaver: „Und dann behauptest du, die GFCW wäre dir wichtig. Eine faszinierende Auslegung der Wahrheit.“ Robert Breads: „Die GFCW ist mir wichtig.“ Dreamweaver: „Aber nur, solange man dich feiert und bewundert, nicht wahr?“
Aufgeregt springt Dreamweaver auf. Er klatscht in die Hände und tapst auf dem flauschigen Boden hin und her, wobei er immer wieder über die verstreut liegenden Aktenordner stolpert.
Dreamweaver: „Du bist durchschaut. ICH habe dich durchschaut. Du weißt, du wirst nie mehr an alte Zeiten rankommen. Das letzte bisschen Liebe und Verehrung, das du kriegen kannst, entsteht durch dein Retirement. Wenn alle über „Weißt du noch, damals?“ sprechen können. Man wird dabei das Schlechte ausblenden, und sich nur daran erinnern, was die heilige Kuh Robert Breads selbst sagt, seine verzerrte Version der Realität: das Genie, der Alpha, die unbestrittene zentrale Figur der GFCW.“ Robert Breads: „Ach, komm schon. Dieses Narrativ hilft doch dem Rest dieser Versagertruppe viel mehr als mir.“
Er holt die Hände aus den Taschen und lässt sich mit genervtem Blick wieder in den Sitzsack plumpsen. Dabei stützt er den linken Ellbogen auf das linke Knie, und sein Kinn auf die linke Faust.
Robert Breads: „Klingt viel besser, wenn der Typ, gegen den man chancenlos und jammernd untergeht, irgend so eine Art Genie ist, gegen das man nie eine Möglichkeit zu gewinnen hatte, oder? Ich bin die Anomalie. Ich bin unfair. Das ging ja gar nicht. Klingt viel besser als sich eingestehen zu müssen, dass man einfach WIRKLICH so viel schlechter ist, weil der Typ im Ring gegenüber die Frechheit besitzt, sich verfickt nochmal mehr Mühe zu geben. Ich bin kein Genie? Ganz richtig! Bin ich nicht! Aber ich habe STOLZ und ich habe einen ANSPRUCH an mich selbst. Und für den bin ich bereit zu arbeiten. Wie oft habe ich in den letzten Monaten, ach was, JAHREN verloren? Und wie oft habe ich es danach trotzdem wieder versucht? Ich bin nicht schlauer oder stärker oder talentierter als sonst wer. Ich war gut. Ich war vielleicht sogar sehr gut. Aber vor allem habe ich mich um meine Performance geschert.“
Dreamweaver stemmt die Hände in die Luft und betrachtet Breads mit seinem analytischen Blick. Während des Nachdenkens scharren seine Zehennägel über den Boden wie Hühnerkrallen.
Dreamweaver: „Um deine Mitmenschen hast du dich nie geschert. Der unsichere Rookie mit der strottrigen ersten Promo wurde nicht verschont, sondern als Punchline für irgendeinen Witz verballert. Du bist auf den Gefühlen anderer herumgetrampelt, hats grundlos gegen alles und jeden geschossen. Du hast junge Menschen im Ring bloßgestellt und gedemütigt, statt ihnen echte Chancen zu geben.“ Robert Breads: „Ich habe kein Mitleid. Diese jammernden Loser hätten sofort das Gleiche mit mir gemacht, wenn nicht noch Schlimmeres, wenn sie könnten. Das hier ist Pro-Wrestling. Ich werde mich nicht dafür entschuldigen, dass es Leute gab, die schlicht nicht in der Lage waren, mit mir mitzuhalten. Dann seid ihr ihm falschen Business.“
Der Kopf des Psychologen schnellt vor, bis er so nah ist, dass Breads dessen Pfefferminzatem riechen kann.
Dreamweaver: „Tut dir also nichts leid? Nicht Marc Hill, nicht das Sprachrohr, nicht Aiden Rotari? Tut dir irgendjemand leid?“
Breads sieht zu Dreamweaver, und für einen echten, sich lang ziehenden Augenblick, denkt er über seine Antwort intensiv nach.
Robert Breads: „Manche. Nicht viele. Die meisten haben nicht mehr verdient als das, was sie bekommen haben. Aber doch… manche tun mir im Nachhinein leid. Manche wenige.“ Dreamweaver: „Also wäre der erste Schritt, sich zu…“
Der Kanadier starrt nur. Das hat er schon bei Lunenkind vorhin nicht verstanden.
Robert Breads: „Was?“
Der Psychologe zappelt mit den Händen vor Breads‘ Kopf herum, so als könne er damit – im Stile eines Dirigenten – die Worte aus dessen Mund hervorbringen. Aber Robert bleibt stumm und wartet darauf, dass Dreamweaver den Satz selbst vollendet.
Dreamweaver: „…entschuldigen.“ Robert Breads: „Was würde das nützen?“
Diesmal muss er seine Antwort keine Sekunde lang überdenken. Sie sprudelt sofort aus ihm heraus.
Robert Breads: „Als ob sich irgendwer besser fühlt, wenn ich mich entschuldige, wie heftig ich jemanden fertig gemacht habe. Ob es mir leid tut oder nicht ist vollkommen irrelevant für jeden außer mir selbst. Es ist, was es ist. Die Wahrheit ist, ich würd’s in den meisten Fällen auf jeden Fall genauso wieder machen. Und in den paar wenigen Fällen… würde ich es wahrscheinlich genauso wieder machen.“ Dreamweaver: „Jetzt hast du dich endgültig als Tyrann entlarvst, Robert. Meine Diagnose ist eindeutig: Du hast weder Liebe noch Respekt verdient. Du bist ein Diktator, der sich vollkommen absurd selbst belügt. Wahrscheinlich glaubst du sogar, Dynamite aus der Liga zu kicken und alles umschmeißen zu wollen, hättest du damals für die GFCW getan.“ Robert Breads: „Zu einhundert Prozent.“
Mit aufgerissenen Augen sinkt Dreamweaver tief in den Sessel und schlägt sich die Hände vor den Kopf.
Dreamweaver: „Du bist ein furchtbarer Mensch. Du hast keinen Jubel verdient. Die Welt wird jubeln, wenn du zurücktrittst. Wer zu deinem Match kommt, tut nur Dynamite einen Gefallen – und nicht dir. Meiner Meinung nach bist du verrückter als alle Monster und dunklen Gestalten, die das Wrestling heimsuchen. Denn du hältst es nicht nur vor der Welt, sondern auch vor dir selbst geheim. Ich glaube nicht, dass du ein gutes Verhältnis zu deiner Mutter hast, Robert. Keine Mutter könnte dich lieben. Man kann nur hoffen, dass du in deinen letzten vier Wochen nicht noch eine weitere Gräueltat begehen wirst, die du auf vollkommen wahnsinnige Art und Weise irgendwie rechtfertigen wirst. Deine Weltsicht ist krank und egoistisch. Schuld sind immer die anderen.“
Nach seiner Wutrede atmet Dreamweaver tief durch. Er nimmt einen Schneidersitz ein und legt die Hände auf dem Schoß ab. Es hat den Anschein, als bediene er sich zur Selbstkontrolle einer Yogaübung.
Dreamweaver: „Es gibt eigentlich nur noch eines, was du jetzt tun kannst, um alles wieder gut zu machen…“
Breads ist es ihm Rahmen seiner über anderthalb Dekaden langen Karriere natürlich gewohnt, harsche Worte hören zu müssen. Aber es gebündelt so zu hören, selbst von einem Spinner wie Dreamweaver – würde das irgendjemanden kalt lassen? Hat dieser Mann denn wirklich mit allem Unrecht? Hat er nicht vielleicht sogar eher Recht als Robert Breads?
Robert Breads: „Und das wäre?“
Dreamweaver holt Luft…
…da geht der Alarm.
Dreamweaver: „Die Therapiestunde ist vorbei.“
Er schaut auf sein Handgelenk. Wo keine Uhr ist. Trotzdem nickt der Psychologe zustimmend. Breads hingegen hat einen fragenden Ausdruck im Gesicht. Eine Stunde war das jedenfalls nicht.
Dreamweaver: „Mit den Minuten verhält es sich an diesem Ort wie mit den Lebensjahren einer Mutter, Robert. Es müssen nicht 60 sein, um voll am Ende zu sein. Deswegen haben wir das Ende unserer Sitzung erreicht. Ich bitte dich, jetzt zu gehen.“
Das Breads das angesichts der geschlossenen Tür gar nicht kann, scheint Dreamweaver nicht zu interessieren.
Dreamweaver: „Ich bin dir noch eine Antwort schuldig, doch die wirst du nicht gratis bekommen. Und…ich bin ohnehin nicht an dir als Patienten interessiert. Du bist ein schlechter Mensch, Robert. Du brauchst keine Therapie, du brauchst Buße.“
Der Psychologe baut sich vor dem Kanadier auf.
Dreamweaver: „Deine Aura ist dunkel.“
Er hebt den Fuß und bekreuzigt damit sich vor der Brust, während er flamingogleich auf dem freien Bein balanciert. Dann marschiert der Psychologe auf die Tür zu. Vorher fällt sein Blick auf die Pflanze, mit der diese Therapie begonnen hat.
Dreamweaver: „Weißt du, wie man Cuscuta auch auf Deutsch nennt?“ Robert Breads: “Nein.” Dreamweaver: „Teufelszwirn.“
Angewidert rümpft der Psychologie die Nase. Er zerreibt ein Blatt zwischen den Fingern.
Dreamweaver: „Bist du immer noch sicher, dass du dich damit nicht identifizieren kannst?“
Ohne auf eine Antwort zu warten, wendet der Seelenklempner seinem Gesprächspartner den Rücken zu. Seine nackten Füße graben sich in den Teppich, als er schnellen Schrittes auf den Ausgang zuläuft. Auf ein Klopfen hin wird ihm geöffnet. Ein erleichtertes Seufzen des Therapeuten ist zu hören, als er Breads zurückgelassen hat.
FORTSETZUNG FOLGT…
Wir befinden uns im Backstage Bereich der Ischelandhalle. Die Kamera fängt zwei Personen ein, die nebeneinanderstehen. Auf der linken Seite des Bildes erkennt man die GFCW-Interviewerin Tammy und auf der rechten Seite ein noch relativ frisches Gesicht der Liga.
Ivor Ruskin steht dort, fast auf Augenhöhe von Tammy. Allgemein wirkt der schmächtige Mann neben ihr wie ein Ultra-Fan, anstatt eines Wrestlers aus dem Ring. Sein Kinn hebt er nach oben, wie ein Dackel, der sich gerade groß machen will, seine beiden Arme an die Hüfte gelehnt und mit einem Blick, der pure Selbstüberschätzung ausstrahlt.
Tammy: „Ich stehe hier mit einem jungen Neuling der GFCW! Mit gerade mal 24 Jahren ist er Teil dieser Liga und vielleicht sieht er nicht so aus, aber im Ring gibt er alles und ist Feuer und Flamme für das Match. Ivor Ruskin ist sein Name und ich frage mal gerade aus: Wenn du die ganzen renommierten, kräftigen Wrestler der GFCW siehst. Wie gedenkst du gegen solche Athleten anzutreten?“
Ruskin atmet einmal kurz tief durch, er wirkt, als hätte ihn gerade jemand gefragt, ob er sich nicht Richtung Spielplatz verlaufen hätte. Nach der Atempause setzt er mit gedrückter Stimme fort.
Ivor Ruskin: „Ich könnte dieses Interview auch direkt abbrechen, so eine Fehleinschätzung meines Könnens im Ring dulde ich für gewöhnlich nicht. Aber weil du es bist, Tammy, lass ich das durchgehen. Zu deiner Frage habe ich aber nicht viel zu sagen, ich habe keine Angst und solange ich nicht benachteiligt werde, kann ich jeden besiegen. Bisher waren aber alle Ringrichter parteiisch für meine Gegner, das ändert sich hoffentlich in der GFCW.“
Tammy schaut überrascht und hatte sich eine deutlich bodenständigere Antwort von dem kleinen Mann erwartet, der jetzt schnaufend vor ihr steht und sie anguckt, als hätte sie Schulhofgerüchte von Ivor gestreut. Sie bleibt professionell und setzt das Interview fort.
Tammy: „Das nenne ich mal eine Ansage an die Offiziellen da draußen. Nehmt bloß Rücksicht auf die Fairness bei diesem Wrestler…“
Ivor Ruskin schnappt sofort über, er fuchtelt wild mit den Händen rum und dreht sich paar Mal hin und her, als wüsste er nicht, in welche Richtung er jetzt gehen soll. Er rafft sich nochmal zusammen und spricht ins Mikro von Tammy, welche leicht überfordert mit seinem Verhalten zu sein scheint. Ivor
Ruskin: „Nochmal verständlich: Ich brauche niemanden,
der mich wie einen Schutzwelpen behandelt oder Rücksicht
gibt. Ich bin kein kleiner Junge!“
Ivor Ruskin: „Wenn hier jemand Rücksicht braucht, ist das mein erster Gegner! Wer auch immer das wird, ich hole mir meinen ersten Sieg der Karriere!“
Wütend stampft Ruskin davon. Die Kamera verfolgt ihn weiterhin, wie er kopfschüttelnd Richtung Umkleidekabine geht. Er bemerkt die Kamera und dreht sich nochmal um, bevor er die Tür betritt.
Ivor Ruskin: „Egal wer, ich beweise euch ALLEN mein Können im Ring! Ivor Ruskin wird bald die Nummer 1 der GFCW!“
Mit diesen Worten macht er die Tür auf und will in seine Umkleide eintreten, da stößt er auf heftigen Widerstand, sobald er den ersten Schritt macht und ein breitgebauter Körper im Seidenmantel vor ihm steht. Ruskin prallt leicht ab, schaut jetzt noch entsetzter und wütender als zuvor schon eskaliert in einem Wutausbruch.
Ivor Ruskin: „Wer zur Hölle bist du? Was machst du in meiner Kabine? Und…“
Es ist Ben Slate! Welchen man vorhin noch in einem kurzen Videosegment sehen durfte. Jetzt steht er vor Ivor, in seiner Umkleide und schneidet ihm sofort das Wort ab.
Ben Slate: „Psch, psch, psch… ganz ruhig, kleiner. Das wie und warum spielt doch gar keine Rolle. Ich bin hier und das zählt gerade. Du bist ein wenig spät, ich habe dich paar Sekunden früher erwartet.“
Auch Ruskin begreift, dass er sich gerade besser zusammenhalten sollte und nicht direkt wieder in Rage geraten darf. Das fällt ihm sichtlich schwer, was man an den zusammen gepressten Fäusten und dem angespannten Kiefer erkennen kann.
Ivor Ruskin: „Und was willst du jetzt von mir? Ich habe dich noch nie gesehen.“
Mit einer geschmeidigen Geste holt der Schweizer ein Notizbuch aus der Brusttasche seines Seidenmantels hervor und notiert sich ein paar Worter. Nicht viel, niemand weiß, was genau er dokumentiert hat.
Ben Slate: „Weißt du Ivor, viele sehen in dir einfach nur einen kleinen Jungen, der immer wieder an die Decke geht, sobald ihm was nicht passt. Aber ich sehe einen Mann, der nicht genug Anerkennung für sein Durchhaltevermögen bekommt.“
Ivor wird auf einmal sehr ruhig. Ein Kompliment? Oder ist da eine versteckte Botschaft hinter? Ruskin schaut Ben Slate irritiert an und hört ihm zu.
Ben Slate: „Ehrlich. Mein Respekt dafür, dass du trotz zerschmetternder Niederlage nach Niederlage immer noch in den Ring steigst. Das zeugt von starker Überzeugung. Du arbeitest hart, lässt Schweiß und Tränen beim Training und zeigst immer sehr lautstark, dass du an deine Fähigkeiten glaubst. Dennoch gibt es da was…“
Ivor weiß sich gerade kaum zu halten. So viele positive Worte hat er noch nie zuvor vernommen und dann auch noch von einem anderen Wrestler? Er kneift sich einmal in den Oberschenkel, um sicher zu gehen, dass das hier kein Traum ist.
Ben Slate: „… du hast dich nicht unter Kontrolle. Dein Ehrgeiz ist derzeit größer als dein Können und deine Selbstüberschätzung deutlich höher als du selbst. Was nicht gerade schwer ist, bei deiner Statur.“
Nun unterbricht Slate kurz seine Rede, um tiefer in Ivor seine Umkleide zu gehen und dieser folgt ihm still. Ben dreht sich wieder zu Ruskin und setzt fort, Ivor gespannt und aufmerksam.
Ben Slate: „Ich weiß genau wie ein Kampf zwischen uns ablaufen würde, Ivor. Kurzfassung, du verlierst. Nicht weil du zu wenig Einsatz zeigst oder dir die Kreativität beim Kämpfen ausgeht. Aus dem einfachen Grund, dass du zu viel willst. Ich würde das Match dominieren, du hast deine Momente, aber das war es auch. Die Endsequenz ist eindeutig: du befindest dich in einer Submission von mir, welche dich Luft und Kraft kostet, doch du denkst nicht mal dran aufzugeben. Du machst weiter und willst dich zu den Seilen retten und an dem Punkt hast du verloren. Entkommen ist für dich unmöglich und mir bleibt nichts weiter übrig, außer dir Knochen während dem Hold zu brechen und dir langsam deinen Atem abzuschnüren.“
Jetzt macht der 1.88m große Mann aus der Schweiz einen Schritt auf Ruskin zu, dieser wirkt mittlerweile nicht mehr so erfreut, dennoch aufmerksam. In Ivors Blick sieht man, er ist eingeschüchtert worden von den Worten, aber er will und kann es nicht wahrhaben, dass Bens Prognose zu einem möglichen Ablauf im Match Wahrheit beinhalten sollte.
Ben Slate: „Und ich? Ich werde mit einem Grinsen dastehen. Auf dich herabblickend. Mein Respekt für dein Einsatz ist nicht verschwunden, aber meine Abscheu gegenüber deiner Schwäche ist stärker.“
Ivor Ruskin will gerade Luft holen um wie gewohnt seinem gegenüber Kontra zu geben, aber die Zeit lässt ihm Ben gar nicht. Er geht entspannt, mit einer starken Autorität an dem 24-Jährigen vorbei, lässt seinen Wrestling-Kontrahenten einen kleinen Shoulder-Check spüren, welcher Ivor so dreht, dass er direkt auf Bens Rücken blickt und während dieser aus dem Bild verschwindet.
Der schmächtige Amerikaner steht jetzt völlig überfordert, vor Wut kochend und sichtbar entsetzt in seiner Umkleidekabine. Er starrt Ben Slate noch eine Weile hinterher, als würde er nach den Worten, welcher er gerade gehört hat, greifen wollen. Dann blickt er in die Kamera, verzieht das Gesicht und geht den Kameramann an, damit er die Aufnahme beendet.
Ein Locker Room, wie geschaffen für eine kleine Gruppe, die in diesem Raum auch zu dinieren und eine Lagebesprechung abzuhalten gedenkt. Und doch sind nur zwei Personen im Raum, zwei Frauen um genau zu sein. Zwei sehr, sehr große Frauen. Zudem Schwestern. Aus Norwegen. Genau, richtig geraten: es sind Skaði Fenrir, die lässig an eine Wand gelehnt dasteht, sowie ihre Schwester Iðunn Jörmungandr; die steht nicht an eine Wand gelehnt, sondern sitzt auf einem unter ihrem 2 Meter großen Körper fast zusammenbrechenden Stuhl und isst vergnüglich Nudeln mit Gemüse und Fleisch in einer Paprikasoße. Lecker. Nachdem das Essen in ihrem Mund verschwunden ist stellt sie den Teller ab, putzt sich nicht ganz damenhaft, aber doch sehr manierlich den Mund mit einer Serviette ab, ehe die Ouroboros-Schlange das macht, was Ouroboros-Schlangen halt so machen: sich selbst in den Schwanz beißen – in ihrem Fall das Ende ihres massiven Flechtzopfs. Dann knallt sie gemütlich die Füße übereinander auf den Tisch und es macht
KRACH!
Der Tisch ist hin. Definitiv kein japanischer Tisch. Iðunn guckt verdutzt auf den geborstenen Haufen vor ihr, während der Blick der Schneewölfin mit der grauweißen Zottelmähne gen Tür wandert. Die öffnet sich nämlich und herein tritt die Frau, die mehr oder minder ihr Mentor und ihre Vorgesetzte ist: „The Aion“ Miria Saionji.
Skaði Fenrir: „Ihr seid spät dran, Miss Eternity. Während ihr mit dem Commissioner hoffentlich zu unserer Zufriedenheit verhandelt habt, sind die anderen Mitglieder unseres LPG Förderrudels von niederen Gestalten blutig attackiert worden. Eine Peinlichkeit dies mit sich machen zu lassen und doch ein Frevel, der gesühnt werden möchte.“
Sagt sie tadelnd und doch mit einem Schulterzucken.
Skaði Fenrir: „Doch bin ich sicher, dass sie dies selbst zu erledigen gedenken, was es mir und meiner Schwester erlauben würde bei der Anniversary Show unsere volle Konzentration dem Tag Team Gold zu widmen. Also?“
Die Erwähnung, dass Milly Vermillion und die Black Wyrms blutig attackiert worden, löst bei der schwarzblonden Frau im weißen Minikleid keinerlei Regung aus, außer vielleicht einem dezenten Augenrollen, da sie eigentlich gern fragen würde, was sie das angeht, nur um in ebendiesem Moment zu realisieren, dass sie das auf jeden Fall etwas angeht, immerhin ist sie ja das Oberhaupt des LPG Förderkaders.
Miria Saionji: „Was denkt Ihr, wer ich bin? Natürlich habt ihr euer Titelmatch...“
Fenrir nickt zufrieden. Was Jörmungandr gesehen hat und also auch zufrieden nickt. Auch wenn sie nicht die Hellste ist, so versteht sie den simplen Zusammenhang zwischen „Schwester zufrieden, also alles gut“. Aber tatsächlich hat Miria noch gar nicht zuende gesprochen.
Miria Saionji: „...unter einer Bedingung...“
Der Hauch von Zufriedenheit ist schlagartig aus Fenrirs Miene gewichen, während ihre Schwester komplett verwirrt guckt.
Idúnn Jörmungandr: „Wasss für eine Bedingung?“
Miria zuckt zusammen – sie hatte nicht erwartet Worte aus dem Mund der Riesenschlange zu hören. Worte, vorgetragen mit einem bedrohlichen, schlangenhaften Lispeln, wie das Zischen einer Boa, bevor sie beginnt ihr Opfer zu zerquetschen. Grund genug für Miria einen beiläufig wirkenden und doch höchst intentionalen Schritt zur Seite zu machen, um für alle Fälle etwas mehr Distanz zwischen sich und der über zwei Meter großen Norwegerin zu wissen.
Miria Saionji: „Sieh an, du kannst also doch sprechen. Die Bedingung ist Folgende: GFCW hat neue Tag Teams verpflichtet, die sich bisher noch nicht präsentieren konnten. Daher wird Euch nun die Aufgabe zuteil das Tag Team namens Punk n’ Jump-Alliance im GFCW Ring willkommen zu heißen. Besiegt sie und ihr habt euer Titelmatch...“
Das klingt jetzt nicht so schlecht, aber dieses mal weiß Skaði es besser: Mirias Satz ist noch nicht zuende.
Miria
Saionji: „Besiegt sie und ihr habt euer Titelmatch…
So also heißt der Satz komplett. Fenrit stößt sich lässig von der Wand ab, bohrt kurz mit einem Zeigefinger in linken Ohr und geht einen bedeursamen Schritt auf Miria zu.
Skaði Fenrir: „Verzeiht, ich fürchte meine Ohren haben mir einen Streich gespielt. Mir war als hätte ich gehört, dass Ihr „Titelmatch beim Easter Special“ gesagt hättet. Sicherlich habt Ihr dies aber nicht gesagt, sondern „Titelmatch bei der Anniversary Show“ intoniert, richtig?“ Idúnn Jörmungandr: „Ne, sssie sssagte „Titelmatch beim Eassster Ssspecial… glaub ich… meine Ohren sssind ja nicht ssso gut...“
Skaði wirft ihrer Schwester einen scharfen Blick zu und was diese mit Worten nicht begreift, das versteht sie durch diesen Blick sofort. Und so wird auch ihr Blick scharf und richtet sich auf Miria, die zu begreifen beginnt, dass diese dämliche Riesenschlange zwar dumm, aber eben doch nicht dämlich ist. Und vor allem: dass diese Schwestern nicht so pflegeleicht sind wie Milly, die mit ein paar warmen Worten und einem leckeren Grillhähnchen sogar Hinterlist in Matches gegeneinander rasch verzeiht. Und dennoch ist Miria klar, dass sie jetzt die Kontenance bewahren muss, um gegenüber den Schwestern keine Schwäche zu zeigen.
Miria Saionji: „Ihr habt Euch nicht verhört. Euer Titelmatch ist beim Easter Special, insofern ihr beim PPV diese Punk n’ Jump-Alliance besiegt. Ein hervorragender Deal, weil...“ Skaði Fenrir: „Dem muss ich entschieden widersprechen. Das Gold bei der großen Anniversary Show zu gewinnen ist weitaus größer als eine Spezialausgabe der gängigen Show. Wenn man uns also die verwehren möchte, dann...“
Mirias rechter Zeigefinger findet ruckartig den Weg zu Skaðis Mund und bedeutet ihr ruhig zu sein. Das kam so plötzlich und souverän, dass Fenrir den Reflex zuzubeißen unterdrückt, aus einem Hauch von augenblicklichem Respekt für diese mutige Tat.
Miria Saionji: „Würdet Ihr mich wohl ausreden lassen? Es ist ein hervorragender Deal, weil ich erwirkt habe, dass Ihr in diesem Titelkampf beim Easter Special die Matchart bestimmen dürft. Denkt Ihr wirklich, ich hätte mich mit weniger zufrieden gegeben?“
Mirias setzt ein erhabenes Lächeln auf, aber Skaði lächelt nicht zurück und weil Skaði nicht zurück lächelt, lächelt auch Iðunn nicht zurück, sondern zischt bedrohlich.
Skaði Fenrir: „Ihr Närrin! Als ob wir besondere Regeln bräuchten, um das Gold zu gewinnen! Aus einem momentanen Gefühl des Respekts heraus habe ich es Euch erspart meinen Zahnabdruck in Eurem Finger zu hinterlassen, doch nun scheint mir, ich hätte zubeißen sollen.“
Miria Saionji: „Oh? Starke Worte von einer Frau, die sich vor nicht allzu langer Zeit darüber beklagt hat dreifach bestohlen worden zu sein. Strebt Ihr an ein viertes Mal bestohlen zu werden? Wer die Regeln diktiert hat den Vorteil – ich denke, es ist an der Zeit, dass wir aufhören uns bestehlen und unter Wert verkaufen zu lassen, denkt Ihr nicht auch? Was nutzt eine ehrenvolle Jagd, wenn die Gegner ehrlos sind?“
Mirias setzt ihr zuckersüßestes Lächeln auf und blickt Skaði lieblich an. Doch ist es weniger ihre Mimik, die zu Skaði durchdringt.
Skaði Fenrir: „Ich gestehe zu, es ist Wahrheit in Euren Worten.“
Mirias Lächeln wird breiter – das ist jetzt ihr Gewinnerinnenlächeln. Dieses Gespräch ist vorbei und sie hat es erfolgreich in die Richtung gelenkt, die sie haben wollte.
Skaði Fenrir: „Also gut. Dann werden wir bei der Anniversary Show dieses neue Tag Team unsere Stärke spüren lassen. Oder um es mit den Worten meines ehemaligen Teamkollegen zu sagen: unsere Power~!“ Idúnn Jörmungandr: „Ganzzz genau! Unsssere Power wird diessse Allianzzz zzzerssstören!“
Es ist eine Stimme in seinem Rücken, die Jona Pexianer innehalten lässt. Grad noch war er auf dem direkten Weg zu einem Ziel, das nur er kennt, jetzt jedoch wirbelt er herum. Er braucht einen Moment, um sich zu orientieren; woher genau wurde er angesprochen? Erst als der Satz noch einmal wiederholt wird, findet Pex den Urheber. Creed Gibson, der aus seiner geöffneten Kabinentür hervortritt.
Creed Gibson: „Pex. Du solltest mal mit jemandem reden.“
Der Zirkusmann trägt bereits sein Ringoutfit: eine lange, gestreifte Haremshose, darunter Ringstiefel. Kein Wunder: In wenigen Minuten wird er die mit Abstand größte Gelegenheit seines Wrestlinglebens haben und Darragh Switzenberg um den Intercontinental-Title herausfordern. Petes Sohn zieht die Augenbrauen zusammen. Er wirkt halb irritiert, halb misstrauisch.
Jona Pexianer: „Worüber sollte ich mit jemandem reden?“
Vor der Brust verschränkte Arme machen die Abwehrhaltung Jonas deutlich. Also versucht Gibson es mit offener Sympathie und einem breiten Lächeln.
Creed Gibson: „Sei mir nicht bös, Mann. Aber man bemerkt deine Anspannung. Fällt mir jedes Mal auf, wenn du mir heute über den Weg läufst.“
Keine Antwort von Pexianer. Ungeduldig scharrt er mit der Fußspitze über den Boden. Dem Blick Gibsons weicht er bestmöglich aus.
Creed Gibson: „In zwei Wochen geht es für dich um alles. Monatelang hast du darauf hingearbeitet, auch wenn sich der Gegner kurzfristig noch einmal geändert hat. Dein GFCW-Debüt…gegen einen Hall of Famer. Es ist keine Schande, deswegen angespannt zu sein. Aber du solltest es nicht in dich reinfressen. Sprich mit jemandem, hol dir Ratschläge. Niemand in dieser Liga steht ganz allein da, wenn man es nicht drauf anlegt.“
Trotz der gutmütigen Worte scheint es, als ob Gibson nicht an Pexianer herankommt. Petes Sohn hat seinen Stolz erst vor zwei Wochen bewiesen, als er unbedingt Reed Bunton vor der Kamera K.O. schlagen wollte, um eine Wette zu gewinnen – und jetzt wirkt er nicht bereit, eine vermeintliche Schwäche einzugestehen. Also versucht es Gibson mit einem Strategiewandel.
Creed Gibson: „Schau, im Grunde sind wir in der gleichen Position. Wir beide.“
Er deutet erst auf Pex, dann auf sich.
Creed Gibson: „Auch auf mich wartet eine Challenge, die größer ist als alles, was davor kam. Ich gehe gleich nach draußen und stelle mich Darragh Switzenberg in einem Match um den Intercontinental Title. Und natürlich bin ich verdammt froh darüber. Zac und ich haben das gut eingeleitet.“
Ein Lächeln huscht über seine Lippen, als er die Erinnerungen an den letzten War Evening vor seinem inneren Auge sieht. Gemeinsam mit Alonso gelang es Creed, Hollywood Jake zu übertölpeln und sich so nicht nur ein Titelmatch zu sichern, sondern seinem Partner Andrew Costalago auch einen Vertrag.
Creed Gibson: „Trotz allem war ich mit Blick auf den Kampf auch ziemlich nervös. Es geht um so viel. Wer weiß, ob eine solche Chance noch einmal wiederkommt? Wahrscheinlich bin ich in den letzten Tagen genau so angespannt rumgelaufen wie du jetzt…“
Noch einmal geht der Blick zu Pex. Noch ist dessen Schale nicht gebrochen, aber zumindest hört der Youngster aufmerksam zu.
Creed Gibson: „…aber dann habe ich ein paar gute Gespräche geführt. Mit Andrew, mit einigen erfahrenen Leuten. Mir Ratschläge geholt. Und auf einmal war es viel einfacher, meinen anstehenden Kampf positiv zu sehen. Als Gelegenheit, nicht als Drucksituation. Deswegen bin ich ziemlich sicher, dass ich gleich da nach draußen gehen werde und den Kampf meines Lebens abliefere. Wir werden sehen, ob es gegen Switzenberg langt. Ich bin guter Dinge.“
Damit spielt Gibson den verbalen Ball an Pexianer zurück. Petes Sohn hat den Kopf schräg gelegt und blickt den Zirkusmann nachdenklich an. Dann tritt ein Lächeln auf seine Lippen. Doch es ist ohne Freude, nur grimmig.
Jona Pexianer: „Ich brauche keine Gespräche oder Ratschläge, um in zwei Wochen Danny Rickson zu besiegen.“
Endlich löst sich Pex aus der bockigen Körperhaltung. Er streckt einen Arm vor, spannt ihn an und klopft sich mit der freien Hand auf den Unterarm.
Jona Pexianer: „Alles, was ich brauche, ist meine Lariat. Ich werde Danny Rickson ausknocken. So wie ich es bei Dutzenden Wrestler im Performance Center gemacht. So wie es mir gegen Reed Bunton vor zwei Wochen gelungen ist.“
Gibsons Mundwinkel gehen nach unten. Er ist offenkundig nicht zufrieden damit, dass seine Ansprache so überhaupt kein Gehör findet.
Jona Pexianer: „Welchen Ratschlag soll mir denn irgendwer geben? Knock ihn aus? Das habe ich sowieso vor. Ich brauche keine Hilfe, um Danny Rickson zu besiegen. Ich weiß auch so, dass ich gut genug bin.“ Creed Gibson: „Schon gut, schon gut. War nicht böse gemeint, Pex. Ich wollte dir nur deutlich machen, was für mich funktioniert hat. Aber wenn du es anders siehst: In Ordnung. Dann mache die größte Herausforderung deines Lebens mit dir selbst aus. Ich gehe dann mal. Ich habe einen Titel zu gewinnen.“
Und damit schiebt sich der Zirkusmann an Pexianer vorbei. Er marschiert in Richtung Ring. Der Blick ernst, der Gang selbstbewusst. Schon bald ist er aus dem Blickfeld von Jona verschwunden. … … Und als er allein zurückbleibt, ändert sich die Miene von Jona Pexianer. Er steht unschlüssig da. Sein Blick geht zu Boden. Als er wieder aufblickt, scheint er eine Entscheidung getroffen zu haben. Er setzt sich in Bewegung. Geht an der Kabine vorbei, aus der Creed Gibson gekommen war. Seine Augen schweifen über die anderen Namensschilder. Und dann bleibt er stehen. Er hebt eine Hand, bringt sie bis kurz vor das Holz von der Tür – aber hält inne.
Es ist die Kabine von Ask Skógur.
Noch immer zögert Pexianer. Er blickt nach links, blickt nach rechts. Niemand beobachtet ihn, vor allem nicht Creed Gibson – dem gegenüber er gerade genau das Gegenteil dessen behauptet hat, was er jetzt vorhat. Dann nimmt Pex seinen Mut zusammen. Und klopft an die Tür. Nichts geschieht. Auf Pexs Klopfen hin ist kurz ein Geräusch vernehmbar. So als wäre jemand aufgestanden, aber dann unschlüssig stehengeblieben.
Ask Skógur: „Wer ist da?“
Spricht es aus dem Inneren der Kabine. In der Stimme liegt noch immer eine Betroffenheit – auch, wenn Ask die Niederlage ‚gut‘ weggesteckt hat, beeinflusst sie ihn trotzdem, vor allem, da das Match nicht das erreicht hat, was es erreichen sollte. Und dementsprechend… scheint Ask jetzt nicht unbedingt in großer Redelaune zu sein. Man hört recht leise und abweisend ein Grunzen, so sehr man es eben durch eine geschlossene Tür vernehmen kann und dieses Grunzen sagt aus: „Die Tür bleibt zu.“
Jona Pexianer: „Ich bin es. Ich habe einige Fragen an dich, Ask. Wenn du erlaubst.“
Selbstbewusst von Pex anzunehmen, dass seine Stimme schon so bekannt ist, dass er durch ein „Ich bin es“ zu identifizieren ist. Vielleicht liegt es genau daran, dass die Tür noch immer nicht geöffnet wird. Nur zögerliche Schritte sind zu hören. Im Inneren scheint Ask zu überlegen, ob er seinem Besucher öffnen soll. Jona scheint zu überlegen, ob er ein zweites Mal klopfen soll. Dann jedoch, im nächsten Moment, sackt er stöhnend zusammen. Ein Schlag hat ihm am Kopf getroffen. Er wird unter den Achseln gepackt und weggezogen.
Verantwortlich dafür: Robbin Zick.
Der Refuse to Age-Gehilfe zerrt Pexianer von Skógurs Tür weg. Ohne, dass der Mann im Inneren etwas mitbekommen hat. Und da… öffnet sich die Tür schließlich dennoch und ein ernster Ask schaut heraus… allerdings ins Nichts, denn er sieht niemanden. Das „Ich“, dass hier geklopft hat, ist nicht da.
Ask grunzt erneut. Diesmal doch etwas angespannt, da er für so einen Kram jetzt sicher keine Nerven hat. Falls das also ein Scherz gewesen sein sollte, dann war es ein schlechter Scherz und noch dazu zu einem unpassenden Zeitpunkt. Skógur ist im Begriff, die Tür wieder zu schließen, als Schritte ertönen. Nicht aus der Richtung, in der Zick und Pexianer verschwunden sind – sondern von der anderen Seite. Als der Schwede den Kopf wendet, taucht dort Danny Rickson auf. Mit beiläufiger Gelassenheit schlendert der Engländer auf die Kabine zu. Irritiert und noch immer wenig erfreut scheint Ask nun Dinge zu verknüpfen.
Ask Skógur: „Hey Mann, hast du gerade geklopft? Was soll das?“ Danny Rickson: „Geklopft? Ich? Nein, Ask. Ich bin nur zufällig hier.“
Das gerissene Lächeln, welches bei diesen Worten über seine Züge huscht, entgeht Skógur. Er weiß schließlich nichts von den Begleitumständen. Oder davon, dass bis vor einigen Sekunden noch jemand anderes vor der Tür stand.
Danny Rickson: „Aber ich glaube, dass es ein wirklich schöner Zufall ist. Ich denke, es gibt Einiges, das wir besprechen können.“ Ask Skógur: “Das denke ich nicht, wüsste nicht was. Und falls du hier bist, um mich aufzuziehen, spars dir lieber.“
Ask ist eigentlich nicht wirklich der ruppige und doch ist seine Art gerade ziemlich ruppig. Nicht mal, weil er in die nächste Sinneskrise stürzt, sondern vielmehr, weil ihn die Umstände seiner aktuellen Situation einfach nerven. Schön wäre es gewesen, er hätte gewonnen und die Bestätigung bekommen, dass er wieder bereit für den Titel ist – das er bereit ist, hat er zwar bewiesen, aber dabei eben die eigentliche Chance verspielt. Und deshalb… ist er wohl gerade zu jedem etwas ruppiger als sonst.
Danny Rickson: „Glaub mir, ich freue mich kein bisschen über deine Niederlage gegen Monica Shade. Im Gegenteil: Ich habe wirklich gehofft, du würdest sie noch einmal besiegen. Ich sehe mehr Potenzial in dir. Würde ich sie dir gegenüber bevorzugen, wäre Robbin vor zwei Wochen bei ihr aufgeschlagen, nicht bei dir.“
Der Hall of Famer spiegelt Asks enttäuschten Gesichtsausdruck, den dieser bei der Erinnerung an seine Niederlage aufsetzt. Das schafft Verbindung – oder soll es zumindest.
Danny Rickson: „Und das führt uns zu einem wichtigen Thema, nicht wahr? Deine Niederlage heute war…sehr knapp. Ich frage mich, wie viel gefehlt hat zu deinem Sieg. Zehn Prozent, fünfzehn?“
Er zuckt mit den Schultern. Kommt ganz nebenbei Schritt für Schritt näher. Bis er einen Fuß in Asks Tür stellen kann.
Danny Rickson: „Wie ärgerlich. Nur ein paar Prozent mehr Leistung hätten den Ausschlag für dich geben können. Wie es dir gelingen kann, diese Prozent zu erlangen, hat Robbin dir vor zwei Wochen aufzeigen wollen. Er mag nicht der geborene Salesman sein, aber im Kern hatte er mit allem recht. Ask Skógur, du bist hervorragend. Du bist es in meinen Augen wert, dein Optimum zu erreichen. Aber vielleicht brauchst du etwas Hilfe, um dieses Potenzial abzurufen.“
Mit diesen Worten reicht Rickson etwas an Skógur. Er ist das gleiche Paket von „Refuse to Age“, welches schon Zick vor zwei Wochen mitgebracht hatte. Damals wurde es noch brüsk abgelehnt. Nun – eine wichtige Niederlage später – könnte die Entscheidung möglicherweise anders aussehen. Ask schaut wieder irritiert, aber im Vergleich zur letzten Show, scheint er zumindest nicht ganz so rigoros zu reagieren, er bleibt… skeptisch und distanziert, aber… lehnt zumindest erstmal nicht gänzlich ab. Warum nicht? Das weiß Ask gerade wohl selbst nicht.
Ask Skógur: „Hmm… „
Ein grunzendes „Hmm“, welches die Ablehnung schon irgendwie widerspiegelt und dennoch eine gewisse Note Unsicherheit einfließen lässt.
Danny Rickson: „Du brauchst dich heute nicht rechtfertigen, Ask. Einen solch lebensverändernden Schritt sollte man nicht entscheiden, wenn man emotional noch aufgewühlt ist. Und das ist man nach einer vergebenen Titelchance. Glaub mir, ich weiß das. Aber in den nächsten Tagen – wenn du wieder runtergekommen bist und klarer denkst – dann wirst du merken, welcher Weg der richtige ist.“
Weil Skógur noch keine Anstalten macht, das „Geschenk“ anzunehmen, stellt Rickson es vor der Kabinentür ab.
Danny Rickson: „Heute hast du eine große Chance verpasst. Wie viele Chancen wirst du noch erhalten? Und was ist, wenn du wirklich wieder Champion wirst – hast du die mentale Stärke oder wird es dich brechen?“
Asks Miene verfinstert sich minimal, diesmal kein Grunzen und genau dieses Ausbleiben seines Lieblingsgeräusches scheint zu zeigen, dass Rickson hier seinen wunden Punkt getroffen hat.
Danny Rickson: „Es lebt sich leichter, wenn man weiß, dass man unverwundbar ist.“
Mit dem Fuß schiebt Rickson das Paket über Asks Türschwelle.
Danny Rickson: „Denk darüber nach.“
Der Engländer tippt sich an die Tür und ohne auf eine Antwort zu warten, marschiert er davon. Ask ist… wie gesagt… irritiert. Er hat keine Ahnung, was dieser ganze „Refuse to Age“-Kram mit ihm zu tun hat, was Leute wie Robbin Zick oder Danny Rickson von ihm wollen, wer da geklopft hat und wieso und eigentlich passt das gerade alles so gar nicht in seine Realität hinein und doch… wirkt er zumindest interessiert, was es damit auf sich hat. Mit einem subtilen Schmunzeln, dass sich nun bei ihm abzeichnet, signalisiert er, dass diese Abwechslung… vielleicht sogar recht erfrischend ist? Aber das Paket braucht er nicht. Er schaut Rickson kurz nach und verschwindet schließlich wieder in seiner Kabine, mit dem Paket davor.
… … …
Die Tür öffnet sich erneut. Wir sehen nur noch Asks Arm, der das Paket in die Kabine zieht, bevor er die Tür wieder schließt.
Al Simmons: „Bravo!“
Mit einem breiten Lächeln klatscht Spawn in die Hände, als Breads durch die Tür der Hütte nach draußen tritt. Das Dunkel wird erleuchtet von einer einzelnen LED-Lampe, die an der Außenwand des hölzernen Quadrats befestigt wurde, und lässt Schatten über die Gesichter in den düsteren Abendstunden hüpfen. Der Applaus klingt dumpf, schlägt Simmons doch behandschuhte Hände gegeneinander, doch die Wirkung auf Breads wird nicht abgeschwächt. Betont lässig lehnt der Vize-Präsident der GFCW direkt neben der Tür, die Beine gekreuzt, den Rücken an der Wand. Direkt neben ihm, leicht fröstelnd, steht seine Assistentin, deren Blick sich vernichtend in Breads hineinzubohren versucht. Die Kamera wackelt kurz in Position, dann scheint Conny hinter der Cam einen Weg gefunden zu haben, alles einzufangen. In dem fahlen, künstlichen Licht wirkt Breads beinahe gespenstisch.
Robert Breads: „Und wofür war die ganze Chose jetzt gut?“ Al Simmons: „Für die Wahrheit.“
Er stößt sich von der Wand ab, reibt die Hände aneinander und atmet aus.
Al Simmons: „Ich weiß doch, was du in zwei Wochen vorhast. Du wirst der ganzen Welt deine verdrehte Version der Geschichte erzählen, in der du der Held bist, was du alles für die GFCW getan hast, und wie sehr du uns alle liebhast. Klar, du wirst so tun, als wäre das nicht deine Intention, du wirst dich wie immer hinter Distanz und Sarkasmus verkriechen, aber im Endeffekt wirst du doch nur alles so erzählen, dass du möglichst gut dastehst, dass man dir Blumen zu Füßen legt und dass du abtreten darfst, wenn alle denken, du hättest wirklich jemals irgendwas für irgendwen getan außer dir selbst. Das ist dein gutes Recht. Vielleicht würde ich es genauso machen. Aber du kannst nicht so leben, wie du es getan hast, und keine Konsequenzen fürchten. Ich kann dir dein Retirement-Match nicht wegnehmen und hey, es verkauft vielleicht ein paar Extra-Tickets, also habe ich so insgesamt auch kein großes Problem damit. Aber ein Abgang als Held? Nah nah nah. Mir fallen kaum Menschen ein, die das noch weniger verdient haben als du. Ich, vielleicht. Aber hier geht es ja nicht um mich. Wie immer, wenn dein Name fällt, geht es um dich. Das gefällt dir doch, oder?“
Breads rührt sich nicht. Durch die unzureichende Beleuchtung ist sein Gesicht nicht wirklich auszumachen. Die Art, wie die Schatten auf ihn fallen, lassen lediglich seine Mundpartie und ein bisschen von der Nasenspitze erkennen.
Al Simmons: „Ich sehe nicht ein, dass du einfach davonkommst. Die Leute sollen die Wahrheit kennen. Das ist alles.“ Robert Breads: „Die Leute interessiert die Wahrheit nicht.“
Seine Stimme ist ruhig und gefasst. Hinter Breads’ Worten steckt echte Überzeugung.
Robert Breads: „Du hast doch nichts anderes gemacht als ich. Ich habe meine überspitzte Version der Wahrheit verbreitet, und du deine. Nur weil deine Version negativ ist, macht sie das nicht echter. Wer wirklich interessiert an der Wahrheit ist, kann in das Archiv gehen und sich ansehen, was ich getan habe, was ich gesagt habe, welche Gräueltaten mir zur Last gelegt werden können und welche nicht. Aber das tut keiner, denn so sehr will man es vielleicht gar nicht wissen. Man will überhaupt nicht hören, dass Robert Breads kein Held ist, der einen respektvollen Abschied verdient. Man möchte jemanden und etwas haben, woran man glauben kann.“ Al Simmons: „Da gibt es genug bessere Alternativen als dich.“ Robert Breads: „Das ist nicht an uns zu entscheiden.“ Al Simmons: „Achja?“ Robert Breads: „Was man mir wie auslegt, was man mir verzeiht oder nicht, das legt jede Person für sich fest, die sich das hier ansieht. Sie mag in die Archive gehen oder es sein lassen. Sie mag deine Scharade glauben, oder eben auch nicht. Wir können versuchen, so viel wir wollen, zu manipulieren wie die Dinge gesehen werden, am Ende entscheidet doch jeder selbst.“ Al Simmons: „Was für eine schöne Rede. Du musst wirklich verzweifelt sein.“
Breads zuckt mit den Schultern.
Robert Breads: „Du wolltest nochmal allen zeigen, wie ich die GFCW angeblich sehe, und was für ein schlimmer Mensch ich vermeintlich bin. Das hast du getan. Ich glaube ich bin besser als alle, ich bin selbstsüchtig, ich habe viele Fehler, ich bin ein Monster. Okay. Danke für die kostenlose Sektion meines Charakters.“
Eine gewisse Gleichgültigkeit ist in die Stimme des Kanadiers getreten.
Al Simmons: „Spar dir den Zynismus. Du kannst froh sein, dass die Leute deine Errungenschaften mit denen von Danny Rickson durcheinanderwerfen, damit du besser dastehst.“ Robert Breads: „Aber schon interessant, dass ich der Einzige bin, der überhaupt gut genug ist, um mit ihm verwechselt zu werden, was?“ Al Simmons: „Und dennoch ist die Laudatio für ihn bei der Hall of Fame das, an das sich die meisten Leute von dir erinnern werden.“ Robert Breads: „Große Worte für den Mann, dessen definierendes Charakteristikum es ist, der Bruder von irgendwem zu sein.“ Al Simmons: „Große Worte, da hast du Recht! Davon haben wir beide heute einige vom Stapel gelassen, nicht wahr? Du hast ja nicht Unrecht. Wir reden und reden darüber, wer du warst und ein bisschen darüber, wer du immer noch bist, aber wir ZEIGEN es den Leuten nicht. Sei froh, dass ein Supercut deiner schlimmsten Taten die Sendezeit sprengen würde.“ Robert Breads: „Du möchtest es also den Leuten zeigen?“ Al Simmons: „Ganz Recht. Siehst du… ach, warte mal kurz. Melissa, würdest du bitte?“
Ansatzlos stapft die Assistentin von Spawn los. Die Absätze ihrer Stiefel bohren sich ins langsam erfrierende Laub, als sie schnurstracks auf die Kamera zugeht. Ohne ein Wort tritt sie dahinter, und sanft scheint die Führung zu wechseln – von den Händen von Kameramann Conny in die von Melissa. Sofort wird das Bild stabil und ruhig. Der Bildausschnitt ist mit einem gewissen Sinn für Ästhetik gewählt. Melissa weiß, was sie da macht. Und Conny…
Al Simmons: „Komm doch mal her, Junge.“
Brav geht Conny zu „Onkel Al“, der ihm breit und auf eine Art und Weise zulächelt, die man mit viel Wohlwollen als „väterlich“ auslegen könnte. Conny ist vermutlich Anfang 20, vielleicht sogar noch ein Teenager. Seine von Akne-Narben gezeichneten Wangen sind rosig, und auf seinem recht schmalen Körper thront ein Kopf, der zu groß für ihn zu sein scheint. Seine Augen sind leicht eingefallen, und die Form seines Schädels ist dank des kurzen Buzzcuts gut zu erkennen. Er wirkt schüchtern und gedrungen. Simmons legt einen Arm um ihn und zieht Conny zu sich heran. Zögerlich blickt dieser auf zu Spawn, dann herüber zu Breads.
Al Simmons: „Das hier, mein guter Freund Robert, ist Constantin. Und er ist…“
Eine dramatische Kunstpause, in der das Lächeln von Spawn zu seinem ausgewachsenen Grinsen wird. Die Veneers in seinem Mund reflektieren das LED-Licht.
Al Simmons: „…dein Sohn.“ Robert Breads: „Bullshit.“ Al Simmons: „Erwischt! Sorry, ich musste es einfach-“ Robert Breads: „Du musstest einen Scheiß. Du wolltest das machen. Komm zum Punkt.“ Al Simmons: „Spielverderber. Der alte Mann hat keinen Humor, nicht?“
Spawn blickt zu Conny und erwartet eine Reaktion, die er auch bekommt – ein kurzes, pflichtbewusstes Nicken.
Al Simmons: „Sein Name ist wirklich Constantin. Constantion Firion.“ Robert Breads: „Bullshit.“ Conny: „D-das ist… wirklich mein Opa.“ Robert Breads: „Der Elfenfreak? Der „Hehe…“-Idiot? Mein Beileid.“ Conny: „R-rede nicht so über meinen Opa.“ Robert Breads: „Sonst was?“ Al Simmons: „Weißt du, Conny möchte auch Wrestler werden.“ Robert Breads: „Natürlich. Was auch sonst.“ Al Simmons: „Und sein Opa unterstützt ihn dabei.“ Robert Breads: „Wie gesagt: Mein Beileid.“ Al Simmons: „Denn Heinrich hat versprochen, seinem Enkel jede Unterstützung zu geben, die er möchte, wenn Conny sich nur richtig reinhängt. Denn er hat einen Traum: Als Inspiration für alle, denen das Leben-“ Robert Breads: „Na klar. Und er hat außerdem ein Heilmittel gegen Krebs, AIDS und Chris McFly gefunden, die Wale gerettet, den Welthunger beendet und ich bin so, so, so fies, weil ich ihm nicht den Kopf tätschle. Was soll diese Nummer?“ Al Simmons: „Das ist keine Nummer.“ Conny: „Ich bin w-wirklich dein Gegner.“ Robert Breads: „Glaube ich dir schon, aber was soll das beweisen?“ Al Simmons: „Nun, ganz einfach: Wenn Conny dich besiegt, kriegt er einen GFCW-Vertrag. Bezahlt von deinem Retirement-Match-Geld, natürlich.“ Robert Breads: „Was?“ Al Simmons: „Keine Sorge, du kriegst natürlich dein Match. Aber so ein Gauntlet? Das sind viele Namen auf deiner Liste. Und die wollen volle Bezahlung, unabhängig davon, wie lange so ein Match geht. Wie viele Top-Stars müssen wir bezahlen? Drei? Fünf? Zehn? Hundert? Viele, auf jeden Fall. Das Budget ist hoch, aber endlich. Wenn wir aber nur einen bezahlen müssten, wäre das natürlich einfacher. Wir würden das niemals alles abblasen, dafür erwarten unsere Fans zu viel. Aber diese ganze Gauntlet-Nummer ist doch sowieso komisch, oder? Wo ist das Feeling? Wo ist die Epik?“ Robert Breads: „Es ist mein Retirement, nicht das von irgendwem sonst.“ Al Simmons: „Egoistisch bis zum Schluss. Wäre ein Duell mit Danny Rickson denn nicht verlockend? Oder vielleicht können wir Zereo Killer bekommen? Wer weiß, Antoine Schwanenburg lässt sich vielleicht überzeugen. Ein letztes, großes Singles Match, und von dem Geld, das wir bei den restlichen Wrestlern sparen, kann Conny seinen Traum leben.“ Conny: „Und ich k-könnte wirklich allen zeigen, dass man selbst m-mit-“ Robert Breads: „Nein.“
Es ist ein simples, aber mit Nachdruck ausgesprochenes Wort.
Robert Breads: „Ich will gar nicht wissen, was dein Handicap ist. Ihr sagt mir, ich bin ein Riesen-Arschloch, weil ich mich nicht für jemanden hinlegen will, der es ohne meine Hilfe niemals allein schaffen würde, in die GFCW zu kommen?“ Al Simmons: „Er könnte so viele Fans inspirieren.“ Robert Breads: „Zu was? Man muss nur die richtigen Leute kennen, dann braucht man keinen Fleiß, keine Arbeit und kein Talent? Wenn es dir wirklich ernst ist, Constantin, Enkel von was auch immer dieser Heinrich eigentlich sein soll, dann verdienst du es dir. Was ist ein Sieg schon wert, den man geschenkt bekommt, weil jemand Besseres gütig ist oder Mitleid hatte? Ich will von jedem Gegner, dass er sich mit Händen und Füßen wehrt, dass ich ihm den Sieg mit aller Macht entreißen muss. Wenn er mir danach die Hand gibt? Gut. Wenn er danach angepisst ist, mich hasst? Auch gut. Hauptsache, er findet die richtige Motivation für sich, weiterzukämpfen und besser zu werden. Wenn du wirklich so in die GFCW kommen willst, dann tust du das aus den falschen Gründen. Es soll Spaß machen und verrückte Dinge können passieren, manchmal auch zu deinen Gunsten, aber du brauchst ein Mindestmaß an Disziplin und Willen, etwas leisten zu wollen.“ Conny: „Aber w-wenn ich nur eine Chance kriege, ich schwöre, wirklich, auf a-alles was mir heilig ist-“ Robert Breads: „Ich schenke dir nichts. Ich habe das schon so oft gehört. Weißt du, was mit den Leuten passiert, die so reden wie du? Die überlegen sich drei Monate später, dass das hier doch nicht ihre Passion ist. Ich bin es leid. Ich bin das alles hier leid. Ich bin es so, so, so leid, Dinge bewusst zu übersehen, mit Absicht über sie hinweg zu sehen. Ich bin es leid, blind Chancen zu verteilen und am Ende die Suppe auslöffeln zu müssen, weil ich wider besseres Wissen jemandem eine Tür geöffnet habe, bei dem ich von Anfang an wusste, dass er meine Mühe nicht wert sein wird. Also, bitte. Macht doch eure „moralisches Dilemma“-Scheiße und verkauft es als dramatische Entscheidung, bei der ich mich zum Bösen wende oder was auch immer. Ich bin es nur noch leid.“ Al Simmons: „Oh, ich zweifle gar nicht daran, wie deine Entscheidung ausfallen wird. Du hast es selbst gesagt: Reden ist eine Sache. Zeigen ist eine Andere. Die Menschen sollen dich sehen, wie du bist.“ Robert Breads: „Und du spielst da mit? Als designiertes Opfer?“
Ein kurzes Nicken in Richtung Conny. Der beißt sich auf die Unterlippe, ehe er den Mund öffnet.
Conny: „O-Onkel Al glaubt nicht, dass du mir helfen wirst, aber i-ich schon. Du glaubst w-wirklich an die Jugend, an d-die nächste Generation. Es w-wäre eine tolle Geschichte, und ich glaube, du w-würdest mir das gönnen, wenn du mich erstmal k-kennen lernst.“ Robert Breads: „Da liegst du falsch. Ich gönne niemandem etwas, der mir keinen Grund dazu gibt. Ich will dich nicht kennen lernen. Ich will nicht dein Freund sein. Ich kümmere mich einzig und allein um meinen eigenen Scheiß. Ich habe noch vier Wochen bis zu meinem wohlverdienten Ende, und im Moment stehst du mir einfach bloß im Weg.“ Al Simmons: „Du bist also bis zum Schluss nicht bereit, zu Gunsten von jemand anderem einen Kompromiss einzugehen?“ Robert Breads: „Wenn du es mir so auslegen willst. Du bist hier nicht im Recht.“
Simmons und Breads haben die Köpfe zueinander gewandt. Wir können es nicht so wirklich ausmachen, aber es scheint, als würden sie einander anstarren. Unterbrochen werden sie erst von einem Schniefen, das unter der linken Achselhöhle von Spawn hervordringt, aus dem Mund des jungen Mannes, der das Kinn gesenkt hat.
Conny: „B-bitte?“
Der Briefumschlag liegt in seinen Händen und er wird immer wieder von der einen in die andere Hand geführt. In ihm steckt sein GFCW-Vertrag – bereits unterschrieben, doch abgegeben hat er diesen noch nicht. The Ends Offerte hatte ihn überrascht und ihn beim GFCW Office noch einmal um Bedenkzeit bitten lassen… Und so steht der Night Fighter links neben einer Bürotür, auf welcher mit großen Lettern „Office“ geschrieben steht. In der Mitte der Türe ein Briefkastenschlitz, um Nachrichten zu überbringen. Rechts neben dem verrückten Hund hingegen ein Mülleimer. Sinnbildlich von Tammy drapiert für jene zwei Optionen, die der unbekannten Konstante zur Verfügung stehen und die seine nahe Zukunft bestimmen werden. Die neugierigen Augen der Interviewerin, der MD in der letzten Show dieses Gespräch angeboten hat, können wie einige Fans die ausstehende Antwort kaum abwarten.
Tammy: „Ich stehe hier mit Wrestling Legende Mad Dog, der in der letzten Show GFCW Hall of Famer Robert Breads besiegen konnte. Zu Beginn der heutigen Show wurde er dann sogar als möglicher Herausforderer auf den GFCW Titel ins Spiel gebracht – und das von Champion The End höchstpersönlich. Was also, Mad Dog, hält dich noch davon ab, dein Engagement bei der GFCW fortzusetzen und den unterschriebenen Vertrag hier beim Office abzugeben?“
Der Night Fighter schaut mit ruhigem Blick zur Interviewerin, doch in ihm brodelt es. Die zwei Seiten der Medaille, die schon im Gespräch mit End hochkochten, bewegen ihn noch immer.
Mad Dog: „Ich habe es zu Beginn der Show bereits klar gemacht. Jede Liga, in der ich war, habe ich überlebt – nie habe ich meinen Vertrag gelöst, habe stets bis zum bitteren Ende gekämpft… ob nun bXq, cWc oder PCWA. Wenn die Ligen noch existieren würden, so wäre ich noch in ihnen aktiv, huh?! Nie wird ein Kenner dieser Ligen meinen Namen vergessen, wenn er über sie spricht. Mein Leben habe ich diesen Ligen gewidmet… Wenn ich also irgendwo unterschreibe, dann tue ich das nicht einfach so oder für ein paar Shows, sondern ich tauche ein... mit allem, was ich geben kann. Und mit all dem, was es mit mir macht… Meine Entscheidung werde ich also weise wählen müssen.“
Nun wird es spannend. Tammy hebt fragend die Augenbrauen empor. Der verrückte Hund hat alle positiven wie negativen Konsequenzen und Argumente versucht abzuwägen. Sein Herz schlägt fürs Wrestling, aber auch für die Familie. Sein Verstand bangt um die Gefahren, doch giert nach dem letzten Run seines Lebens.
Mad Dog: „Letztlich bin ich zu…“ „Alt!“
Überrascht wandern sowohl Mad Dogs als auch Tammys Blicke in die Richtung, aus der die Stimme kam. Man sieht Iokepa heranschlendern. Er trägt nicht mehr sein Ringoutfit, sondern Zivilkleidung – ein weißes Shirt und helle Jeans. Seine Haare sind nass, doch nicht vom Kampfschweiß, sondern weil er bereits geduscht hat. Die Ansicht des Kampfes zwischen Ask und Shade hat Iokepa sich offenbar gespart.
Iokepa: „Das ist die einfache Wahrheit. Du bist zu alt. Ich weiß, ich weiß, du redest gerne und hättest sicher etwas Ausschweifendes ausgeführt – aber wenn du dich selbst nicht traust, die Wahrheit auszusprechen, dann tue ich es.“
Der Tonfall des Surfers ist harsch. Und steht damit im Kontrast zu seinem lockeren Auftritt. Eine Hand versenkt Iokepa betont lässig in der Hosentasche, mit der anderen schiebt er sich die nassen Strähnen aus dem Gesicht.
Iokepa: „Wie lange ist es her, dass du in den Ligen warst, die du aufgezählt hast, hm? 10 Jahre, 15 Jahre…vielleicht 20? Ich bin mir sicher, dir wird ein großer Unterschied nicht entgangen sein: Der Mad Dog von früher, der von dem du erzählst, war noch kein alter Mann, der zum Abcashen einen Nostalgie-Kampf gegen Robert Breads bestreitet. Damals warst du im Vollbesitz deiner Kräfte. Das bist du jetzt nicht mehr. Ich habe es gesehen, als du mich zum Kampf gegen Breads eingeladen hast.“
Ohne Angst, dass seine Worte in Richtung Mad Dog zu einer körperlichen Auseinandersetzung führen könnten, stellt sich der Hawaiianer neben den Veteranen und Tammy.
Iokepa: „Scheinbar sehen alle anderen nur mit halbem Auge hin und blenden deine Defizite aus. Tammy, die dich bekniet, dass du bleibst. Die Liga, die den Vertrag anbietet. Selbst The End. Von dem ich Besseres erwartet habe.“
Der Unterarm Iokepas spannt sich an. Ballt er etwa eine Faust in der Tasche?
Iokepa: „Wenn schon der Rest blind ist, dann gestehe es dir zumindest selbst ein. Du bist nicht mehr der PCWA-Mad Dog. Du bist über dem Haltbarkeitsdatum. Deswegen schlage ich vor, du nimmst den angebotenen Vertrag und schmeißt ihn weg. So bleibt dir erspart, dass deine altersbedingten Defizite on camera von einem Besseren und Jüngeren aufgedeckt werden.“
Blickt man auf das schiefe Grinsen in Iokepas Gesicht bleibt keine Fragen offen, auf wen er dort anspielt.
Iokepa: „Du hättest keine Chance gegen The End. Doch vor allem…hast du es auch nicht verdient, nur weil du früher mal groß warst. Also tritt zur Seite. Und überlasse das Spotlight jemandem wie mir.“
Der Night Fighter mustert den Jüngling und lässt dessen Worte verhallen. Sein Herz beginnt zu rasen. Zwar schaut er kurz Iokepas Fingerzeig nach auf den Mülleimer, dann aber schnellt der Kopf der Legende zurück und starrt Iokepa aggressiv in die Augen.
Mad Dog: „Du wagst es tatsächlich hierher zu kommen und mir deinen Scheiß ins Gesicht zu sagen? Ist das jugendlicher Leichtsinn oder Naivität, huh?!“
Die Augenbrauen verengen den Sehbereich zu engen Schlitzen. Seine Wangen röten sich. Die rhetorische Frage hingegen steht im Raum; ehe aber Iokepa reagiert, setzt der Hund schon fort.
Mad Dog: „Ich habe weder behauptet, einen Spot hier verdient zu haben, noch habe ich selbst Titelansprüche gestellt – ich war hier, um ein letztes Mal mit meinem alten Rivalen Robert Breads zu tanzen. Nostalgie hin oder her. Die Entscheider dieser Liga fanden die Idee cool – und offenbar besser als deine Ideen, Junge. Was hast du auch zu bieten, huh?! Der Champion einer Farmliga? Viggo besiegt, Kaspersky… Du steckst in den fuckin‘ Kinderschuhen, aber forderst wie ein abgewichster Weltmeister. Mach deine Arbeit, geh deinen Weg, hol dir die Siege und fordere die Champions. Switzenberg oder The End. Aber halt verdammt nochmal die Goschen!“
Mit
verachtendem Blick geht MD einen Schritt an Iokepa ran.
Mad Dog: „Was zur Hölle habe ich auch damit zu tun? Neidest du mir meinen Namen? Neidest du mir die Jubelrufe? Ich hab‘ mir das alles erarbeitet, du Idiot. Aber du willst Geschenke, huh?!“ Iokepa: „Ich will Geschenke? Wie ironisch, dass es von demjenigen kommt, der seit seinem Comeback ein Geschenk nach dem anderen bekommt. Ein Kampf gegen Breads im Main Event. Ein Vertragsangebot nach einem einzigen Sieg. Jetzt bringt man dich sogar ins Spiel für den Titel. Bin ich neidisch, hm?“
Das Grinsen in Iokepas Gesicht ist verschwunden. Er hat sich seinem Ärger hingegeben, die Wangen sind gerötet.
Iokepa: „Vielleicht bin ich das sogar. Aber sicher nicht auf deinem Namen oder auf deinen Jubel. Sondern weil du dich ohne Konsequenzen hier hinstellen und glauben kannst, du hättest dir irgendetwas erarbeitet. Du hast einen verdammten Kampf bestritten in den letzten Jahren! EINEN! Und schon küssen sie dir den Arsch. Verdammt. Ich habe hundert Matches im Nachwuchs bestritten, dreimal den Titel gewonnen…und wenn ich nicht für mich selbst eingestanden wäre, würden sie mich noch immer an der langen Hand verhungern lassen.“
Der Hawaiianer verzieht das Gesicht und schnaubt.
Iokepa: „Du warst doch auch mal jung. Versuch mal, dich daran zu erinnern und objektiv zu sein. Was hast du mir voraus außer irgendwelchen Meriten aus dem letzten Jahrzehnt? Ich bin jünger, ich bin dynamischer. Ein zukünftiges Gesicht dieser Liga. Ich bin es nicht, der sich vor Herausforderungen im Ring ziert – sondern bin immer bei 100%, wenn ich mal eine Chance bekomme.“
Und eben jene Chancen, das hat Iokepa schon mehrfach deutlich gemacht, vermisst er. Der Surfer rauft sich ärgerlich die Haare. Noch macht sein Gegenüber keine Anstalten, den zorngenährten Monolog zu unterbinden.
Iokepa: „Es fühlt sich nicht gut an, das einzugestehen, aber du kannst nicht mehr mithalten. Das ist der Lauf der Dinge. Also tritt zur Seite und mach selbstständig Platz, wenn schon das Office den Generationswechsel verpasst. Und wenn du dich mit einer guten Tat verabschieden willst, dann leg ein gutes Wort bei The End ein. Schließlich scheint der ja viel von dir zu halten.“
Mad Dog zieht laut hörbar Luft durch die Zähne ein. Jetzt schüttelt er den Kopf. Schiebt mit Daumen und Zeigefinger die eigene Stirn in Falten, während die Handfläche die Augen vergräbt. Genervt stöhnt er auf. Einmal, zweimal. Der Brustkorb hebt und senkt sich schneller. Dann
schaut er zurück zum Briefumschlag.
Mad Dog: „Meinst du, ich bin dämlich?! Ich kenne den verfickten Lauf der Dinge – besser als du. Und trotz des ein oder anderen Chairshots kann ich mich durchaus an meine Anfangszeit erinnern. Aber klar: mein Match gegen Breads und dass mich ein paar Leute hier halten wollen, sind der Grund für die systematische Missachtung des ach so großen Talents Iokepa! BULLSHIT! ICH habe gar keinen verfickten Platz beansprucht… und wenn DU so gut wärest, wie du behauptest, hättest du längst Chancen bekommen! Oder läuft die GFCW vor Talenten über, huh?! Hier also ein kleiner Tipp des alten Mannes: Vielleicht… und nur ganz… ganz vielleicht liegt der Grund für dein beschissene Lage bei dir selbst!“
Die Rechte kribbelt. In der Linken vernimmt er auch ein Zucken. Die Muskeln spannen. Der Rücken knackt. Die Beißer blitzen auf. Erneut ein Kopfschütteln.
Mad Dog: „Verdammt! Du regst mich grad echt auf. Tritt zur Seite… Du kannst nicht mehr mithalten… Du glaubst nicht, welche Lust ich gerade verspüre, mit dir den Boden zu wischen.“ Iokepa: „Nun, wenn du irgendwann deine Lust in Taten umwandeln willst, dann sag Bescheid. Ansonsten ist das einfach nur Gerede von dir, mit dem du Airtime verbrauchst, die uns Jüngeren fehlt.“
Und ohne Mad Dog noch einmal zu Wort kommen zu lassen, dreht sich Iokepa um und verschwindet. Sein Gang ist ein ganz anderer als zuvor: War er vor einigen Minuten lässig herangeschlendert, stapft er nun schnaufend davon.
Wie angewurzelt steht der Night Fighter immer noch an Ort und Stelle. Atmet schwer, als kämpfe er immer noch um seine Beherrschung. Um seine Vernunft. Seine Impulse sind klar. Wie gerne würde er ihm nachjagen, ihn gegen die nächste Wand klatschen. Wieder eintauchen… in dieses Geschäft.
Indes schleicht sich die Interviewerin wieder heran.
Tammy: „Breads besiegt, ja – aber wie sieht es mit einem deutlich jüngeren Gegner aus?“ Mad Dog: „Ich muss nichts und niemandem mehr etwas beweisen!“
Der
Night Fighter legt den Kopf schief. Auch der Nacken knackt.
ER?
Tammy: „Und wie sieht es mit dem Gold aus?“
Mad Dog: „Ich habe alles gewonnen, was man gewinnen kann.“
MD dreht herum. Stiert in die Richtung, in die Iokepa soeben entschwunden ist. Sein Herz schlägt hörbar, als er auf die Unterlippe beißt und die Fäuste ballt. Zur
Seite treten? Platz machen?
Mad Dog: „Fick dich!“
Mit
einer schnellen, fast unscheinbaren Bewegung wirft er den Brief
in den Briefkasten des GFCW Office. Der Vertrag ist
geschlossen.
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