Rückblick auf Title Night 2025

Fall Count Anywhere

Iray Burch vs. Rasmus Rantanen


Kapitel 1: Rasmus

Rasmus war in dem Glauben angereist, an diesem Tag vergeblich auf ein Zeichen von IHM warten zu müssen. Im letzten möglichen Moment erkennt er, dass er nur hätte geduldig sein müssen: Iray Burch steht mit dem Rücken zu Rasmus, wartet ungeduldig am Vorhang auf das Signal zum Einzug. Er hat ihn noch nicht gesehen.

Der Mund geht zur Kette. Danke, Jesus.

Wer sagt, dass ein Match, welches überall beendet werden kann, im Ring beginnen muss?

Leise zieht Rantanen sein Shirt aus und lässt es zu Boden gleiten. Bloß nicht auf den letzten Metern noch bemerkt werden. Er dehnt die Muskeln. Als ihn ein Mitarbeiter entdeckt, drückt Rasmus drohend einen Finger auf seine Lippen. Der Mann schweigt. Dann geht es schleichend zwei Schritte näher an Burch heran, wie ein Jäger im Walde pirscht er durch die Gorilla Position. Durch den Vorhang kommt ein Luftzug, mit ihm werden die Geräusche einer begeisterten Zuschauerschar herangetragen.

Rasmus stürzt sich auf seinen Gegner. Er erwischt Burch am Rücken, schiebt ihn mit voller Wucht an die Wand neben dem Vorhang. Von dem großen, bösen Bastard geht ein ersticktes Keuchen aus. Dann schlägt er um sich. Wild, orientierungslos. Als Iray Rasmus erkennt und die Situation versteht, hat sich die Faust des Kieler schon mehrfach in sein Gesicht gegraben. Es sind stumpfe Schläge. Burch bekommt seine eigene Medizin zu schlucken.

Die herumstehenden Mitarbeiter bringen sich in Sicherheit. Rasmus sitzt auf Burch, der zu Boden geht. Prügelt weiter auf ihn ein. Der Gedanke an Gnade – einem solchen Unmenschen gegenüber – kommt Rasmus nicht in den Sinn. Nein, Burch hat nichts verdient außer Schmerz, Gewalt und den Geschmack des eigenen Blutes in seinem Mund.

Mit einem Mann legt sich die Hand Irays um Rasmus‘ Hals.

Rasmus keucht. Nimmt beide Arme zur Hilfe, um sich freizukämpfen. Doch der fleischige Schraubstock Irays ist nicht zu lösen. Millimeter für Millimeter wird der Hals weiter zugeschnürt, der Adamsapfel drückt bedenklich. Rantanen hat das Gefühl, seine Augen würden aus dem Schädel gepresst. Er lässt von Burch ab. Nun geht es nur noch um seine Rettung. Er spürt, wie der massige Körper unter ihm sich aufrichtet. Ohne Rasmus loszulassen kommt Burch auf die Beine, trägt die Beute im Halsgriff vor sich heran.

Dann wird Rasmus‘ Hinterkopf an die Wand geschlagen. Sein schwarzes Haar ist an die Wand gepresst. In den tiefliegenden Schweinsaugen Irays erkennt er perverse Euphorie. Rasmus nimmt einen Arm, der bedenklich schwergängig ist. Schlägt ihn an Burchs Schulter. Keine Reaktion. Er nimmt die andere Faust, jagt sie seitwärts an Burchs Gesicht. Nichts.

Dann geht der Griff zur Kette. Getragen vom Gedanken an Rettung von IHM. Deus ex machina. Aber als Rasmus das Metall des Kreuzes zwischen den Fingern spürt, fühlt er etwas anderes. Eine Idee.

Er nimmt die Kette und drückt sie tief in Burchs Ohr.

Ein gutturales Grunzen des Bastards. Das Metall in seinem Gehörgang, der Druck auf dem Trommelfell. Wie ein Tier schüttelt er den Schmerz ab, eine instinktive Reaktion. Rasmus ergötzt sich an dem Leid des Feindes. Aber der Zeitpunkt für Freude ist noch nicht gekommen. Noch hat eine Mission zu füllen – Burch zu vernichten. Er nutzt den Moment, in dem Iray mit seiner schmerzvollen Verwirrung kämpft, und zieht das Bein hoch. Rammt sein Knie tief in dessen Schritt. Burch grunzt erneut. Und lässt los.

Ein schneller Kuss für die Kette, dann gleitet sie zurück an den Platz, wo sie hingehört. Als Emblem des Schicksals um Rantanens Hals. Im nächsten Augenblick schießt er heran, unterwirft Burch einem Trommelfeuer aus Schlägen und Tritten. Ein jeder Treffer wird durch Fleisch, Fett und Muskeln abgefedert, aber in ihrer Gesamtheit entfalten sie doch die Wirkung, die er erhofft hat. Zentimeter für Zentimeter treibt Rasmus Burch vor sich her, immer weiter auf den Vorhang zu. Dort, wo ihre Schlacht begann, soll nun das nächste Kapitel geschrieben werden.

Als Burch unter dem Stoff steht, reißt Rasmus ihn herunter. Mit einem Ratschen löst sich der Vorhang aus den Ringen. Rasmus wirbelt ihn in seinen Händen, dreht ihn zu einem langen Seil. Dann schließt er es um Burchs Hals. Und drückt zu.

Burch zerrt an dem Stoff. Versucht ihn zu zerreißen.

Es gelingt ihm nicht.

Rasmus stellt sich vor, es wäre eine Eisenkette, mit der er das Monster stranguliert. Es lässt ihn noch mehr Genugtuung fühlen. Die Bewegungen Irays werden langsamer, unkontrollierter. Burch hat zunehmend Probleme, die Koordination zu halten. Schafft es nicht mehr, die Hand zur Faust zu ballen. Der Luftausstoß aus seinen Nüstern wird seltener, kommt nur noch stoßweise in Eruptionen, die mit auslaufendem Speichel garniert werden. Langsam sinkt Burch zu Boden. Rasmus hockt auf ihm. Und es fühlt sich gut an.

Er löst den Vorhang, als von Burch keine Gegenwehr mehr kommt. Blickt auf sein Werk. Und lächelt. Die Finger gleiten über das Metall seiner Kette, dann wirft er den Vorhang zu Boden und schaut sich um, welches Instrument als Nächstes in dieser Symphonie dieser Gewalt zu spielen hat. In der Gorilla Position entdeckt er angespannt herüberstarrende Crew-Member, die das Kampfspektakel verfolgen wie Gaffer einen Autobahnunfall. Rantanen stapft auf sie zu, scheucht sie mit wedelnder Bewegung zur Seite. Dann greift er nach dem Stuhl, auf dem einer der Gaffer saß, klappt ihn zusammen und bringt ihn herüber.

Burch liegt noch immer da. Er hat sich auf den Rücken herumgedreht. Sein Gesicht ist rot wie Blut, das Weiß der Augen hat die gleiche Farbe angenommen, geplatzte Äderchen erzählen vom Leid der vergangenen Minuten.

Iray hustet. Er kann nicht aufstehen.

Aber dann…lächelt er.

Rasmus Rantanen: „Was stimmt nicht mir dir, du Wichser?“

Er reißt den Stuhl hoch. Und hämmert ihn auf den am Boden liegenden Burch. Einmal, zweimal, dreimal. Jeder Punch untermalt mit einem Stöhnen des Opfers. Dann lässt Rasmus ab. Blickt zu seinem Feind herüber. Zu seinem Werk. Das gerade im Begriff ist, sich auf eine Faust zu stützen. Will hochkämpfen.

Ein weiterer Chairshot trifft Burch frontal. Er sackt wieder zu Boden.

Die Augen sind geschlossen. Aber das Gesicht umspielt ein Lächeln.

Rantanen wirft den Stuhl weg. Verdammt zähes Stück Scheiße. Wenn er wieder auf die Beine kommen will, soll er doch. Er umkreist Burch wie eine Raubkatze ein größeres Stück Beute. Und tatsächlich: In den folgenden Sekunden kommt wieder Leben in die 140 Kilogramm des Amerikaners. Er drückt sich mit beiden Händen vom Boden ab. Schafft es, ein Bein aufzustellen. Wuchtet dann den Körper hinterher. Er schwankt, er hustet. Aber er steht.

Rasmus jagt ihm einen Superkick ins Gesicht. Burch stolpert nach hinten. Und fällt über die Schwelle, dort wo eigentlich der Vorhang sein müsste, in den Innenraum der Halle.

Kapitel 2: Lino

Er ist zwölf und das erste Mal in einer Halle live dabei. Jahrelang hatte er seinen Eltern in den Ohren gelegen. Immer hatte es geheißen: Es ist nur eine Phase, Junge. Doch nachdem die Phase vier Jahre dauerte, hat sich sein Vater endlich erweichen lassen. Die Eintrittskarte zu Title Night – mit Plätzen direkt am Entrance – war das schönste Geschenk aller Zeiten.

Vor lauter Aufregung weiß Lino gar nicht, wo er hinschauen soll. Mehr als 15.500 Menschen in der Hanns-Martin-Schleyer-Halle, aufgestachelt vom Adrenalin. Es wird geschrien, es wird gejubelt, es wird gefilmt. Linos Blick wandert zwischen der irren Stimmung in der Videoleinwand hin und her, auf der die Bilder live aus dem Backstagebereich übertragen werden.

Erst als sein Vater ihm auf die Schulter tippt und zum Entrance deutet, merkt Lino, dass dort etwas passiert. Aber die großen Männer vor ihm versperren ihm die Sicht. Er drückt sich zwischen den Achseln anderer Zuschauer durch, bis er direkt an der Absperrung zur Rampe steht. Gerade noch sieht er, wie der massige Körper von Iray Burch auf den Metallboden stürzt. Geschieht ihm recht. Ich hasse diesen Typen.

Dann tritt Rasmus Rantanen in den Innenraum. Lino wird von der Euphorie mitgerissen, stimmt in den Jubel der hunderten Kehlen um ihn herum ein. RAN-TA-NEN! Der Kieler blickt auf Burch herab. Austrainiert, langhaarig, stolz. Der Junge ist selbst überrascht, wie sehr er sich in das Brüllen des Namens steigert. Normalerweise traut er sich das nicht. Aber Zeuge in einem Hexenkessel der Gewalt zu sein hat etwas Befreiendes, Enthemmendes. Er würde gerne sehen, wie Rasmus diesem Bastard den Schäd…-

Burch rappelt sich auf.

Dass das so schnell geschieht, damit hatte Rantanen nicht gerechnet. Er hatte sich gerade einen Blick durch die Zuschauer gegönnt, die hinter ihm stehen wie ein geschlossenes Heer. Doch jetzt muss er reagieren. Ein Ruck geht durch seinen Körper, er läuft an. Direkt auf Burch zu. Springt vom Boden ab. Jetzt sind sie keine fünf Meter mehr von Linos Platz am Zaun getrennt. In der Luft dreht sich Rantanen in die Waagerechte. Wie heißt diese Aktion noch mal…? Es will Lino in der Aufregung der Situation nicht einfallen.

Die Leute um ihn herum beginnen zu stöhnen. Scheiße, was ist passiert? Jetzt sieht Lino es auch. Burch hat seinen Gegner in der Luft aufgegangen. Rantanen zappelt in seinem Griff wie ein Fisch im Netz. Alle buhen sich die Seele aus dem Leib, rufen Iray Ausdrücke entgegen, die Lino selbst auf dem Schulhof noch nicht gehört hat. Er sieht nach unten ausgestreckte Daumen, ausgestreckte Mittelfinger. Aber für all diese Gesten hat keine Burch keine Aufmerksamkeit. Er trägt Rantanen umher. Steht mit dem Rücken zu Linos Platz.

Im nächsten Augenblick reißt ein Mann in schwarzer Kleidung Lino an der Schulter. Auf seinem Shirt ein GFCW-Logo.

Mann: „Aus dem Weg, Junge!“

Lino versteht nicht. Er öffnet seinen Mund, will protestieren. Was erlaubt dieser Typ sich? Nur weil er kurz von seinem Platzt weggegangen ist, um besser zu sehen? Doch der GFCW-Typ lässt nicht mit sich reden. Er packt Lino am Arm und zerrt ihn zur Seite. Lino schreit nach seinem Vater.

Warum sieht der GFCW-Typ so panisch aus?

Dann schlägt Rasmus Rantanen genau dort ein, wo Lino und die anderen eben noch gestanden haben.

Oh, Fuck. DAS hat der Typ gewollt.

Iray Burch steht auf der Rampe und lächelt sein Tierlächeln, als er sein Werk betrachtet. Rasmus Körper, der nach dem Wurf in den Zuschauerraum ein halbes Dutzend Stühle unter sich zerquetscht hat. Der Bastard labt sich an der Panik der Umstehenden, die gerade noch rechtzeitig von der Security aus dem Gefahrenbereich gebracht wurden. Lino würde ihn am Liebsten anspucken. Aber er hat Angst. Als Burch über die Absperrung steigt, duckt sich der Junge hinter einen größeren Mann.

Burch greift mit der Faust in Rantanens Haar, zerrt ihn auf die Beine. Das Gesicht des Kielers ist schmerzverzerrt, die Augen sind im Schädel herumgerollt. Er wirkt derart getroffen, dass den Zuschauer selbst die Rasmus-Gesänge im Hals stecken bleiben. Erst als eine Faust Burchs Rasmus nach hinten schleudert, erwachen sie aus ihrer Paralyse und feuern ihren Favoriten an. Die Unterstützung aktiviert etwas in Rantanen. Er schafft es, sich auf die Beine zu stemmen und Burch entgegenzutreten. Und kassiert einen Kick in den Magen.

Rantanen wird nach hinten geschleudert. Landet direkt vor Lino. Dem Idol so nah. Einem schwer getroffenen Idol. Lino weiß selbst nicht, woher den Mut nimmt. Aber er beugt sich zu Rasmus herunter und klopft ihm auf die Brust.

Komm schon, Mann. Steh auf, Rasmus.

Und dann sieht er Iray Burch. Nein, zuerst riecht er ihn. Der Bastard stinkt fürchterlich, er schwitzt wie ein Schwein. Linos Blick wandert langsam an ihm hoch. Zuerst die dreckigen, schwarzen Kampfhosen. Dann das ärmellose Tank Top, unter dem sich ein mächtiger Bauch wölbt. Die Haare auf den Armen, die nassen Achselhöhlen. Der krause, filzige Bart. Blassrot. Und das Lächeln auf Burchs Lippen.

Scheiße.

Burch blickt ihn einfach nur an. Ihn, den Jungen, der sich hat mitreißen lassen. Lino beginnt zu zittern. Dass Rasmus zu seinen Füßen liegt, hat er schon ganz vergessen. Er ist locked-in. So muss es sich anfühlen, im Wald von einem Bären entdeckt zu werden. Dann macht Burch einen Schritt nach vorne. Schweiß tropft von seinem Bart auf die Brust, das Tanktop ist durchnässt. Von Angst und Ekel fasziniert starrt Lino auf die Schweißtropfen. Und Burch starrt zurück. Er greift sich ins Gesicht. Wischt sich den Schweiß ab. Streckt die nasse Hand Richtung Lino aus.

Dann geht ein Ruck durch seinen Körper. Ansatzlos schlägt er Rasmus ins Gesicht. Keinen halben Meter von Lino entfernt. Der Junge spürt die Erschütterung in Rasmus Körper. Sieht den Speichel, der beim Treffer aus Rantanens Mund geschleudert wird, wie durch ein Mikroskop.

Kapitel 3: Ina

Ina würde es anderen Anwesenden gegenüber nie zugeben, aber sie ist eigentlich nicht wegen der Schreie, der Kämpfe und des Blutes hier. Sondern wegen der Inszenierung. Den Farben. Der Kreativität. Wegen der Plakate, die von hunderten Zuschauer in die Höhe gereckt werden. Plakate wie von ihr selbst. RASMUS RANTANEN steht auf ihrem, darunter ein grobes Kreuz, das sie extra schief gezeichnet hat, weil es stärker wirkt, wenn es nicht perfekt ist. Nach den Geschehnissen der letzten Minuten hält sie es besonders trotzig hoch.

Rasmus, ihr in schweren Wassern kämpfendes Idol, liegt näher, als sie gedacht hätte. Viel näher. Als er von diesem Unmenschen durch die Reihen geschleudert wird, ist er nicht mal mehr zwei Meter von ihr entfernt. Sie kann ihn so nah sehen, wie noch nie. Die Poren auf seinem Rücken. Der Glanz in seinen Haaren. Die vielen kleinen Schrammen. Sein Kreuz hebt und senkt sich unregelmäßig. Ina ruft seinen Namen nicht. Sie kann nicht. Ihr Hals ist wie zugeschnürt.

Aber sie hat ihr Plakat. Sie dreht es extra in Rasmus‘ Richtung. Vielleicht kann er es trotz seiner verdrehten Augen irgendwie sehen. Vielleicht versetzt es ihm noch einmal einen Schub. Man darf ja hoffen.

Dann fällt ein Schatten über sie.

Eine Hand greift nach dem Plakat.

Ina will etwas sagen. Es kommt nur Luft. Sie ist wie erstarrt. Iray Burch reißt ihr das Plakat aus der Hand. Er hebt es vor sein hässliches Gesicht, liest mit farblosen Augen, als wäre ihm nicht schon längst klar, was darauf steht. Der Name seines Gegners. Seines Opfers. Burchs Finger beginnen, Inas mühevoll gestaltetes Plakat zu zerknüllen. Sie will protestieren, aber sie schafft es nicht. Sie lässt es geschehen.

Burch lächelt. Mit einer ruckartigen Bewegung zerreißt er das Plakat. Einmal. Zweimal. Die Pappe gibt nach, wird zu Fetzen, zu ausgefransten Stücken. Ina hört das Reißen, und es tut ihr mehr weh, als sie erwartet hätte. Burch kniet sich zu Rasmus hinunter.

Wieso hilft ihm niemand?

Burch stopft Rasmus die Papierfetzen in die Mundwinkel. Füttert den Hilflosen wie ein Vogeljunges mit der ekligen Speise. Rasmus würgt. Sein Körper bäumt sich auf. Ein röchelndes Geräusch kommt aus ihm heraus. Ina sieht, wie sich seine Kehle bewegt, wie sich sein Gesicht verzieht. Rasmus hustet, versucht das Papier auszuspucken. Seine Finger krallen sich in den Boden. Durch seinen Speichel hat sich die Pappe in faserigen Brei verwandelt.

Dann richtet er den Kopf ruckartig nach vorne und spuckt. Das nasse, zerkaute Knäuel trifft Burch mitten ins Gesicht. Für einen Augenblick blinzelt der Bastard. Rasmus nutzt den Moment.

Jaaaa!

Rantanen zieht das Bein hoch und tritt Burch aus liegender Position mit aller Kraft in den Unterleib. Burch grunzt. Er geht einen Schritt zurück. Rasmus springt auf, nimmt Anlauf. Die Zuschauer links und rechts von Ina ballen euphorisch die Fäuste.

Rasmus schafft keine drei Schritte. Burch kommt ihm entgegen, als habe der Tritt nicht bewirkt außer einen kleinen Augenblick der Konfusion. Er fängt Rasmus ab, hebt ihn aus und schleudert ihn mit einem Back Body Drop über sich hinweg. Rasmus fliegt. Scheiße, er fliegt wirklich. Ina verliert ihn aus den Augen. Sein Körper verschwindet über mehrere Zuschauerreihen hinweg nach unten, verschluckt von Menschen, Stühlen, Schreien. Ina sieht nur Arme, die erschrocken hochgehen. Köpfe, die sich wegdrehen. Menschen, die zur Seite fliehen.

Zwischen Körpern hindurch sieht Ina Rantanen, der verdreht liegen geblieben ist. Mitarbeiter drängen heran, springen über Stühle, rufen etwas, das im Lärm untergeht. Einer kniet sich zu Rasmus hinunter. Burch stößt ihn weg, als wäre er lästig. Er greift Rasmus am Bein und zieht ihn hinter sich her. Wie einen Sack. Wie etwas, das keine eigene Würde mehr hat. Stufe für Stufe, Reihe für Reihe. Rasmus’ Kopf schlägt gegen Treppen, seine Schultern bleiben an Knien hängen. Ina sieht, wie seine Augen offen sind. Aber leer. Es wirkt wie eine leblose Keule, die ein Oger hinter sich herzieht.

An der Absperrung bleibt Burch stehen. Er packt Rasmus an den Schultern, ruckt ihn hoch und stellt ihn auf die eine Schaufensterpuppe. Die Clothesline trifft Rasmus mit der Kraft eines Autounfalls. Ina sieht, wie er den letzten Pappbrei ausspuckt. Dann wird sein Körper über die Absperrung geschleudert, hinein in den Innenraum.

Kapitel 4: Thorsten Baumgärtner

Thorsten Baumgärtner hat sich noch nie so hilflos bei einer Matchführung gefühlt. Seit Minuten läuft es. Und es gibt’s, was er machen kann. Er steht im Ring wie bestellt und nicht abgeholt. Er konnte nichts machen, außer Zeuge der Gewalt zu sein. Bis jetzt. Endlich – nach Minuten des elenden Wartens – kommen die Wrestler in den Ring. Auch wenn es nicht das ist, was Baumgärtner erwartet hat. Im Grunde ist dies kein Match mehr. War es nie. Fall Count Anywhere, ja. Aber das hier fühlt sich anders an. Entgleitet.

Burch schiebt Rasmus durch die Seile in den Ring. Gleitet hinterher. Setzt sich auf Rasmus’ Rücken, ohne Baumgärtner zu beachten.

Er schlägt. Immer wieder. Seitlich ins Gesicht. Die Faust hebt und senkt sich. Trifft Rasmus mal voll, dann wieder als Streiftreffer. Rasmus’ Körper gibt nach. Erst die Arme, dann der Oberkörper. Schließlich bleibt er einfach liegen, unter Burch begraben. Thorsten Baumgärtner geht in die Hocke, will näher ran. Doch Burch macht einfach weiter. Er dreht Rasmus auf den Rücken und prügelt weiter. Blut spritzt nicht. Noch nicht. Aber Thorsten sieht, wie sich die Haut verfärbt, wie das Gesicht anschwillt. Er denkt an einen Pin. Es wäre die Rettung für Rantanen.

Wenn Burch nur etwas mehr auf seinen Schultern säße. Baumgärtner zählt innerlich schon. Aus einem Impuls heraus wirft er sich zu Boden und schlägt das erste Mal auf die Matte. Ruft „Eins“. Burch bricht sofort ab. Sein Kopf dreht sich in Richtung des Referees. Baumgärtner muss schlucken. Iray steht auf. Thorsten setzt an, will etwas sagen. Er bekommt keine Worte heraus, denn plötzlich ist da eine Hand an seinem Mund. Was – zur – Hölle? Burch drückt Baumgärtners Lippen auseinander, mit seiner schweißen Fleischerhand.

Im Hintergrund kommt Rasmus auf die Beine. Thorsten weiß, er sollte nicht parteiisch sein. Aber es ist der beste Anblick des Tages.

Ein Kick trifft Burch im Rücken.

Nichts.

Ein zweiter.

Burch taumelt, lässt Baumgärtner los, prallt in die Seile. Die Halle ist auf den Beinen, als Rasmus irgendwoher Energie schöpft und Anlauf nimmt, aufs Top Rope springt.

Springboard Dropkick. Burch geht zu Boden.

Kapitel 5: Rasmus

Es fühlt sich an, als würde sein Körper aus fremden Teilen bestehen. Beine, die nicht ganz dazugehören. Arme, die zu spät reagieren. Aber er steht. Für einen einzigen Gedanken: Jetzt oder nie. Er läuft erneut an. Die Lariat, die er in die Fresse des widerlichen Bastards jagen will, kaum dass dieser aufsteht, ist nicht Technik, sie ist Instinkt. Schulter voran, alles nach vorne, alles in diesen einen Treffer gelegt. Er sieht Burchs Kopf. Groß. Zielscheibe.

Dann wird der Boden plötzlich sehr nah. Der Spinebuster kommt aus dem Nichts. Burch greift, hebt, dreht und schmeißt ihn auf die Matte, als wolle er den Ring spalten. Rasmus’ Rücken explodiert. Die Luft schießt aus seinen Lungen. Gedämpft hört er einen Schrei im Publikum. Entsetzen. Aber Rasmus hat nicht einmal mehr die Kraft zu überlegen, ob dieses Entsetzen ihm selbst gilt.

Er will einfach liegen bleiben. Für immer. Es wäre so einfach. Er zwinkert durch seine Augen hindurch, die sich geschwollen anfühlen. Und er sieht, wie Burch auf das Rope klettert. Schwerfällig, aber bestimmt. Ein Koloss, der sich gen Himmel aufrichtet. Burch zieht das Tanktop hoch, dass vor Schweiß an der Haut klebt. Also reißt Iray es einfach auseinander. Er entblößt die Brust. Rasmus sieht einen schwarzen Turm, der in die Haut getackert wurde.

Ich muss etwas tun. Ich muss hoch. Sein Körper hört nicht. Die Matte ist Treibsand, der ihn nicht loslässt. Seine Beine zittern, als er sich aufrichten will. Seine Arme versagen beim Versuch des Aufstützens. Das Gewicht auf seiner Brust ist noch nicht Burchs, nein, der Bastard ist noch nicht gesprungen. Das Gewicht ist ein Gefühl.

Das Gefühl, versagt zu haben.

Dann geht die Hand ans Kreuz. Er spürt das Metall unter den Fingern.

Rasmus schließt die Augen für einen Wimpernschlag. Da ist es wieder, das Gefühl: Jetzt oder nie. Er küsst die Kette, doch diesmal ist ein neuer Satz auf den Lippen. Kein Dank. Sondern ein Flehen. Bitte, Jesus.

Rasmus federt hoch. Die Halle explodiert in ein Johlen. Burch verpasst die Gelegenheit, rechtzeitig abzuspringen. Ein Schritt. Noch einer. Sprung. Rasmus ist auf dem Top Rope, bevor sein Verstand begreift, wie er dorthin gekommen ist. Seine Hände greifen nach dem fetten Biest. Sein Körper spannt Muskeln an, von denen er nicht wusste, dass er sie hatte.

Superplex.

Er schleudert Burch über sich hinweg. Eine Sekunde Stille, dann ein lauter Knall. Der Aufprall ist brutal. Fleisch auf Matte. Rasmus rollt sich ab, kommt hoch, macht einen Schritt. Dann lässt er sich auf Burch fallen. Halb Hinstürzen, halb Hechtsprung. Wieder einmal will er für immer liegenbleiben. Diesmal wäre es ein Happy End. Aus den Augenwinkeln sieht er, wie Baumgärtner neben ihm auf die Matte springt. Seine Hand trommelt auf den Boden.

Einmal.

Zweimal.

Der Körper unter ihm lebt wieder. Er schleudert Rasmus von sich. Aber der ist sofort wieder auf den Beinen. Legt all seine Wut, seine Verzweiflung, seinen Hass in ein Stakkato von Tritten. Immer wieder gegen Burchs Kopf. Jeder Kick ein Ventil, um die ganzen Scheißgefühle abzulassen, die sich in den vergangenen Monaten aufgeschaukelt haben.

Rasmus lässt von Burch ab und betrachtet sein Werk. Iray kommt hoch. Schwankend. Rasmus greift zu.


Crucifix Bomb.

Die Zuschauer sie schreien. Sie schreien FÜR IHN. Rasmus hebt und dreht den Unmenschen. Hämmert ihn auf die Matte. Der Ring bebt. Rasmus wirft sich auf ihn. Brust auf Brust.

Es muss das schönste Gefühl der Welt sein.


Eins.

Zwei.

Nein.


Nein. Nein. Nein. Nein! NEIN! Die gewaltige Brust unter ihm hebt sich. Dann folgt der gesamte Körper, er wird wie zu einem Sprungbrett. Rasmus wird fortgeschleudert, fliegt durch die Luft. Scheiße. Wo ist das Ende? Er versucht nach irgendetwas zu greifen. Er findet nichts. Rasmus segelt über das Seil hinweg. Die Welt scheint zu kippen und dreht sich.

Er landet draußen. Hart. Der Boden ist kalt. Sein Hinterkopf schlägt auf, sein Blick zieht sich zu. Geräusche werden dumpf, fern, als kämen sie aus einem anderen Raum. Rasmus blinzelt. Dann nichts mehr.

Die Welt ist schwarz. Und verdammt scheiße.

Kapitel 6: Thorsten Baumgärtner

Thorsten hat es geahnt. Dieser Tag ist nicht für Happy Ends gemacht.

Er sieht, wie Burch aus dem Ring rollt. Ohne Hast. Unten liegt Rasmus Rantanen und er macht nicht den Eindruck, als würde er sich so schnell wieder bewegen. Kann dieser Kampf nicht endlich zu Ende sein?

Aber diesmal lässt er sich die Leitung nicht nehmen. Es kann überall entschieden werden. Und es ist seine Verantwortung als Referee, den Wrestlern jede Gelegenheit dafür zu geben. Thorsten setzt sich in Bewegung. Burch stürzt sich auf Rasmus, greift ihn, lädt ihn auf die massige Schulter. Fireman’s Carry, denkt Thorsten automatisch, aber wofür? Zurück in den Ring geht es in die andere Richtung. Und dafür hätte er Rasmus einfach zurück über den Apron rollen können. Aber hier geht es in eine andere Richtung. Die, aus der sie vor Minuten gekommen sind. Unter anderen Vorzeichen. Als Iray hineinstürzte und Rasmus ihm folgte.

Es geht vorbei an den Fans. Die Leute, die beim ersten Eindringen in den Zuschauerraum evakuiert wurden, sind zurück auf ihren Plätzen. Thorsten sieht einen kleinen Jungen, vielleicht 12, der ängstlich dreinschaut. Neben ihm eine Frau mit weinerlichem Gesicht. Hatte sie eben nicht noch ein Plakat? Oh, war es das Plakat?

Müssen sie nun wieder ihre Plätze räumen? Doch Iray Burch, Rasmus noch immer wie erlegte Beute auf der Schulter, geht einfach weiter. Bis die Absperrung links und rechts der Rampe zu Ende ist. Und dann folgt…Verdammt. Thorsten entfleucht ein lautes „Nein“. Er weiß nicht, ob jemand es gehört hat. Wenn, dann kann man seine Neutralität anzweifeln. Aber im Grunde spielt das keine Rolle mehr.

Burch geht weiter. Er erreicht die Stelle, die Thorsten befürchtet hatte. Seitlich vom Entrance geht es in die Technikgrube herunter. Burch packt Rasmus fester, hebt ihn von der Schulter und hält ihn an den Armen. Er holt Schwung. Baumgärtner kann nichts machen außer erschrocken zusehen. Dann passiert etwas, das Thorsten nicht mehr für möglich gehalten hätte.

Rasmus lebt.

In der Luft, halb schon im Fallen, wickelt er sich um Burch herum. Ein verzweifelter und doch wunderschöner Impuls. Tornado DDT. Er überträgt den Schwung seines eigenen Körpers, den Drehmoment, auf Burch. Drückt ihn herunter. Burchs Kopf schlägt auf die Rampe. Ein hässliches Geräusch. Knochen auf Metall. Als Burch liegen bleibt, sieht Baumgärtner es rot glitzern. Blut. Es ist sofort da. Nicht viel, aber genug. Ein roter Schnitt über der Stirn.

Rasmus rollt sich auf ihn. Thorsten fällt auf die Knie, zählt.

Eins.

Zwei.

Nicht drei.

Burch wirft Rasmus ab, als würde ein Pferd seinen Reiter abwerfen. Mit erstaunlichem Geschick kann Rasmus diesmal den Flug abfangen, landet auf den Beinen und knickt nur kurz ein. Er taumelt vor Erschöpfen, aber stürzt sich erneut auf Burch. Doch aus dieser kommt hoch, ist für sein Gewicht erstaunlich schnell. Er wirft sich mit allen 140 Kilogramm Rasmus Entgegen. Bodycheck! Rasmus fliegt zu Boden.

Burch packt Rasmus an den Haaren. Als sich der erste Büschel löst und Rasmus‘ Kopf zu Boden fällt, greift Iray tiefer hinein. Thorsten muss hinterher, als Burch Rasmus hinter sich herschleift, hinein in den Backstagebereich. Die Geräusche ändern sich. Wie eine andere Welt. Keine Musik. Kein Chor von Fangesänger. Nur der Sound von Burchs dumpfen Schlägen, die er immer wieder setzt, sobald Rasmus sich bewegt.

Hier – wo es begann – soll es enden. Eine Produktionskiste. Rasmus’ Rücken prallt dagegen, er wird mit aller Wucht gestoßen. Thorsten zuckt zusammen, als das Metall scheppert. Er steht zu nah, fühlt sich zu klein. Rasmus bleibt, den Rücken durchgedrückt, benommen vor der Kiste stehen. Baumgärtner sieht, wie sich Burch umschaut. Er findet endlich, was er gesucht hat. Greift nach einem Schubwagen auf Rollen für den Transport von Technik und anderen Gerätschaften. Für alles außer Menschen.

Iray rammt den Roll-Wagen vor. Einmal. Rasmus wird zwischen Wagen und Kiste eingeklemmt. Luft entweicht aus ihm. Beeindruckend, dass er überhaupt noch irgendetwas in den Lungen hat. Noch einmal. Burch zerrt Rasmus auf die Kiste, legt sich quer über ihn. Ein Pin? Thorsten kommt näher, hebt die Hand. Rasmus rutscht von der Kiste herunter und landet auf dem Boden, ehe er überhaupt zu zählen beginnen kann. Burch grunzt. Er ist nicht verärgert. Es ist ein Geräusch, mit dem er einfach die Geschehnisse zur Kenntnis nimmt. Es gibt ihm die Gelegenheit für noch mehr Schmerz. Er greift nach Rasmus’ Hals.

Reißt die Kette herunter.

Das Kreuz fliegt zu Boden, klirrt, dreht sich einmal und bleibt liegen.

Thorsten sieht, wie Rasmus danach greift. Wie seine Finger über den Boden kratzen, als er sich Zentimeter für Zentimeter vorarbeitet. Und Thorsten sieht, wie Rasmus sie nicht erreicht. Er weiß, dass es in diesem Moment nicht um Schmuck geht. Sondern um Halt.

Kapitel 7: Rasmus

Die Kette ist zu weit weg. Er zieht sich über den Boden, über Staub, über Fußabdrücke. Das Metall liegt da, kaum eine Armlänge entfernt, aber sein Körper gehorcht nicht. Seine Schulter brennt. Sein Rücken schreit. Jeder Atemzug ist ein Kampf, den er gerade verliert.

Für einen Moment glaubt er, allein zu sein. Oder: Er glaubt nicht mehr. Er hat die Überzeugung verloren. An IHN. Aber dann merkt er es. Nicht als Stimme. Nicht als Zeichen. Sondern als etwas Tieferes. Als Widerstand in sich selbst. Als letzten Balken, der nicht bricht.

Danke, Jesus.

Der Gedanke kommt nicht laut zwischen seinen Lippen hervor. Er kommt in seinem Inneren. Zusammen mit einer Idee. Er lässt von der Kette ab und dreht sich herum, überrascht Burch damit. Rasmus reißt den Kopf hoch und stößt dem Bastard zwei Finger in die Augen. Burch brüllt, er wischt sich durch die Augen, als könne er damit die temporäre Blindheit kurireren. Rasmus nutzt die Gelegenheit. Er rappelt sich auf. Stemmt Burchs 140 Kilogramm, als würde sein Leben davon abhängen.

German Suplex.

Burchs schlägt hinter ihm auf. Der Aufprall zieht ihm selbst durch die Wirbelsäule, aber es ist egal. Er ist wieder da. Für diesen Moment. Aber Burch…kommt einfach wieder hoch. Wie ein Tier, das zu wild ist um zu verstehen, dass es besser liegen bleibt. Rasmus springt ihm auf den Rücken, schlingt den Arm um den Hals. Drückt zu. Seine Unterarme zittern, seine Hände klammern sich ineinander. Er würgt, zieht, presst alles hinein, was noch da ist.

Burch taumelt. Er läuft. Trägt Rasmus umher, während er stranguliert wird. Und das Schlimmste – wie Rasmus merkt – es ist nicht einmal ein panisches Davonlaufen. Es ist nicht ziellos. Sie prallen gegen Wände, gegen Kisten, gegen alles, was im Weg steht. Rasmus’ Kopf schlägt an. Seine Zähne klacken aufeinander. Er hält trotzdem fest. Dann steuert Burch auf eine Tür zu.

Er schleudert Rasmus dagegen. Rasmus hält fest. Dann noch einmal, mit mehr Schwung. Burch legt sein eigenes Gewicht mit hinein. Die Tür gibt nach. Sie fallen. Kalte Winterluft umfängt sie. Auf einmal ist es, als wären sie in einer anderen Welt. Dunkel, eisig. Sie sind vor der Halle. Auf dem Parkplatz. Rasmus landet auf dem Asphalt, als Burch durch das Nachgeben der Tür ins Stolpern kommt und hinschlägt. Rasmus löst sich, rollt zur Seite, kommt hoch, noch bevor der Schmerz ihn wieder einholt. Er dreht sich, sieht Burch, sieht das Blut, das ihm mehr denn je über die Stirn läuft und tropfend auf den Boden fällt.

Superkick.

Der Treffer sitzt. Burch taumelt zurück, kracht mit dem Rücken gegen eine Motorhaube. Gegen den Wagen irgendeines unglücklichen Mitarbeiters, der ausgerechnet hier parken musste. Das Blech beult sich ein. Blut tropft von Burchs fettem Gesicht auf den Lack und läuft als dünner Strich über die Haube.

Rasmus blickt sich um. Sieht weiteres Auto, ein höheres Cabriolet. Mit steinschweren Schritten marschiert er darauf zu. Steigt darauf. Seine Beine zittern, aber sie tragen ihn. Er richtet sich auf, blickt auf den Wagen gegenüber, an dem noch immer Burch genommen gelehnt steht.

Dann springt er. Flying Clothesline. Er landet auf Burch, der fällt nach hinten auf die Motorhaube. Rantanen bleibt auf ihm liegen. Flehentlich schaut er sich zu Thorsten Baumgärtner um. Und der ist tatsächlich da. Er braucht einen Augenblick, die Situation zu durchschauen. Schließlich wird Burch auf der Motorhaube gepinnt, nicht auf dem Apron. Aber Schulter unten ist Schulter unten. Er wirft sich hin. Er will zählen. Rasmus hat den Eindruck, der Referee will mindestens so sehr, dass es endet, wie er selbst. Ein Verbündeter.

Burch stößt ihn weg.

Einfach so.

Rasmus fliegt, landet mit dem Rücken auf dem Asphalt. Es fühlt sich an, als würde ihm jemand ein Messer zwischen die Schulterblätter rammen. Seine Haut reißt auf und brennt. Die Luft verlässt ihn vollständig. Er ringt, japst nach Rettung, findet nichts. Dann ist der Schatten wieder über ihm. Voran kommt ein schmutziger, schwarzer Stiefel. Auf seinem Hals. Auf dem Adamsapfel.

Der Druck ist sofort da. Rasmus’ Hände greifen hoch, krallen sich in den Schaft, versuchen zu drücken. Nichts bewegt sich. Seine Sicht wird enger. Schwarze Punkte tanzen am Rand. Er will einatmen. Es geht nicht. Sein Körper bäumt sich noch einmal auf, dann sackt er zusammen. Die Hände lösen sich vom Stiefel. Der Geist verlässt ihn, tropft irgendwohin, wo er ihm nicht mehr folgen kann. Schon wieder wird es um Rasmus Rantanen dunkel.

Kapitel 8: Thorsten Baumgärtner

Thorsten Baumgärtner hat aufgehört, an Regeln zu denken. Er sieht nur noch Rasmus’ Körper auf dem Asphalt. Reglos. Den Stiefel auf dem Hals. Den Druck, der nicht nachlässt. Thorsten ist egal, ob es ein korrekter Pinversuch ist oder nur der Versuch, Rantanen noch etwas mehr zu vernichten.

Eins“.

Er ruft es, ohne zu wissen, ob es wirklich zählt.

Zwei.“

Eigentlich, merkt er jetzt, ist Rantanens Schulter gar nicht komplett unten. Er ist leicht zur Seite gedreht, um den Druck auf seinem Hals abzumindern. Aber Thorsten winkt es durch. Aus Angst. Aus dem nackten Bedürfnis heraus, dass das hier endet, bevor etwas unwiederbringlich kaputtgeht.

Burch löst den Stiefel, bevor Baumgärtner die dritte Zahl sagen kann.

Er dreht sich. Und schubst Thorsten zu Boden. Der Aufprall ist hart. Thorsten landet auf der Seite, Ellbogen zuerst. Schmerz schießt ihm durch den Arm. Er schaut hoch. Iray Burch sieht ihn an. Ein Lächeln auf den Lippen, aber mit toten Augen. Er gibt ein abschätziges „Tss“ von sich, als habe ein Kind etwas falsch gemacht.

Thorsten spürt, wie ihm der Magen absackt. Für einen Moment glaubt er, dass er jetzt an der Reihe ist. Dass diese Grenze auch fällt. Dass Burch jedes Limit bricht. Baumgärtner richtet sich halb auf, redet hastig, hebt beschwichtigend die Hände. Seine Worte sind ohne Inhalt. Es sind im Grunde nur Geräusche, um Zeit zu gewinnen. Burch macht einen Schritt auf ihn zu.

Dann ein metallisches Krachen.

Ein Nummernschild trifft Burch seitlich am Kopf.

Burch taumelt, greift statt nach Thorsten ins Leere. Thorsten blickt sich um. Rasmus steht. Beide sind vollkommen verrückt geworden. Mit stummem Entsetzen betrachten Thorsten, was als Nächstes geschieht. Rasmus streift hektisch über den Parkplatz. Sieht einen Jeep stehen. Reißt einen Ersatzreifen von dessen Heck, hebt ihn mit letzter Kraft an und trägt ihn heran. Er stülpt ihn Burch über den Oberkörper. Der Gummi bleibt hängen, rutscht über Schultern und Arme. Burch brüllt und versucht zu fuchteln, aber seine Arme sind gefangen.

Rasmus tritt zu. Ein Kick gegen den völlig ungeschützten Kopf. Keine Chance, irgendetwas zur Abwehr hochzunehmen. Noch einer. Die einzige Defensive von Burch ist sein eigener, blutender Schädel. Noch ein Kick. Da, ein Vierter. Der Fünfte, direkt ans Kinn, bringt den fetten Koloss zum Sturz. Er rutscht aus dem Reifen.

Rasmus wirft sich auf Iray. Thorsten rutscht näher und zählt. Seine Stimme überschlägt sich.

Eins!“

Zwei!“

Burch reißt eine Schulter hoch. Im allerletzten Moment. Thorsten bleibt einen Augenblick kniend stehen. Atmet schwer. Sein Blick wandert zwischen den beiden Körpern hin und her. Rasmus ist es, der steht und nach einem Angriffsfenster sucht. Doch Burch stellt sich ebenso wieder auf. Das Blut hat seinen Bart mit roten Streifen gefärbt, er leckt es sich von den Lippen.

Rasmus stürmt heran. Und wirft am Bein gepackt.

Flapjack auf die Motorhaube.

Eine tiefe, menschförmige Delle bleibt im Metall zurück. Thorsten zuckt beim Aufprall zusammen. Fuck. Burch lässt Rasmus nicht einmal die Würde, einfach liegen bleiben zu dürfen. Er greift ihm in die Haare und lädt ihn sich auf die Schulter.

Burch wirft Rasmus Rantanen wie einen Dartpfeil auf eine Frontscheibe. Aber sie hält Stand. Das macht es noch schlimmer. Rasmus prallt ab, sein Körper wird unnatürlich gebogen. Er fliegt zurück wie ein Vogel, der eine unsichtbare Wand trifft. Thorsten verzieht das Gesicht.

Burch lächelt. Er wiederholt es.

Noch einmal kracht Rasmus gegen das Glas. Diesmal landet er noch unglücklicher, der Nacken verdreht, der Körper falsch. Er rutscht vom Auto herunter und bleibt auf dem Asphalt liegen. Völlig, in einer Haltung, die Thorsten nicht sehen will. Burch dreht ihn mit dem Stiefel um. Rasmus liegt jetzt auf dem Rücken. Sein Gesicht ist nach oben gerichtet. Die Augen halb geöffnet. Seine Lippen bewegen sich.

Thorsten glaubt, ein Gebet zu sehen.

Burch tritt zu.

Der Stiefel trifft Rasmus am Mund. Blut spritzt, färbt die Lippe rot, läuft am Kinn hinab.

Gott ist tot.“

Burch hebt Rasmus erneut hoch. Wie ein Spielzeug. Thorstens Magen zieht sich zusammen. Er schleudert ihn noch weg. Rasmus fliegt durch die Scheibe. Dieses Mal gibt sie nach. Glas explodiert. Rasmus’ Oberkörper verschwindet im Wageninneren, seine Beine hängen nach draußen, reglos. Um ihn herum die Glassplitter, die in den Aussparungen der Tür stehengeblieben sind.

Burch greift nach Rasmus’ Beinen und zieht. Der Körper wird hin und her, während Gesicht und Oberkörper über die hervorstehenden Scherben schrammen. Blut erscheint sofort. Rasmus‘ Haut sieht innerhalb von Sekunden aus, als wäre er mit einer Reibe bearbeitet worden. Als hätte man nach ihm gestochen.

Plötzlich hört Thorsten seine eigene Stimme. Er sagt: „Hör auf.“ Er bereut es sofort. Burch hält inne. Er dreht seinen Kopf langsam in Richtung Thorsten. Thorsten erstarrt. Sekunden vergehen. Vielleicht mehr. Burchs Blick bleibt auf ihm liegen. Burch hebt Rasmus‘ Bein an, das noch immer aus dem Fenster ragt. Er hält es Thorsten entgegen, als wolle er ihn einladen, auch einmal den Exzess der Gewalt zu kosten. Thorsten reagiert nicht. Er kann nicht.

Burch tut es noch einmal. Er zieht Rasmus erneut über die Scherben. Mit Genuss. Haut reißt. Blut zieht Linien auf dem Asphalt, dunkler als zuvor, dicker. Thorsten sieht weg und doch wieder hin. Er fühlt sich erleichtert, dass Iray ihn nicht gezwungen hat, es selbst zu tun. Was bin ich für ein Feigling. Seine Beine fühlen sich weich an, als gehörten sie nicht mehr zu ihm.

Dann öffnet Burch die Wagentür. Rasmus fällt heraus. Wie ein blutroter Sack. Er schlägt auf dem Boden auf und bleibt liegen. Arme verdreht. Brust reglos. Für einen Augenblick glaubt Thorsten, dass es vorbei ist. Nicht nur das Match. Das Atmen. Baumgärtner stürzt näher, kniet sich hin, starrt auf Rasmus’ Gesicht. Die Augen geschlossen. Der Mund ist leicht geöffnet. Dann ein schwacher, kaum sichtbarer Ruck in der Brust.

Er atmet. Aber kaum. Der Blutverlust ist erschreckend. Thorsten sieht es jetzt erst richtig. Die Schnitte am Oberkörper. Am Gesicht. Am Hals. Zu viele. Zu tief. Das hier ist kein Wrestling mehr.

Pin ihn!“, fleht er Burch an. „Setz den Pin!“

Keine Reaktion. Burch beugt sich stattdessen zum Auto, greift mit bloßen Fingern in die Scherben auf dem Fahrersitz. Glas schneidet in seine Haut, aber er scheint es nicht zu merken. Oder es ist ihm scheißegal. Er streut die Scherben über Rasmus’ Körper. Dann setzt er den Stiefel auf und reibt sie ein. Burch steht auf, greift nach dem Reifen und stülpt ihn dem bewusstlosen Rasmus über den Oberkörper.

Burch tritt gegen die Fahrertür. Aber es ist – wie Thorsten merkt – nicht einmal der Impuls eines Irren. Sondern folgt einem Plan. Es ist ein neues Werkzeug, das er sich besorgen will. Ein zweiter Tritt, dann ein Dritter. Die Fahrertür ist ab. Burch hebt sie hoch. Er schlägt zu. Einmal. Zweimal. Immer wieder. Auf Reifen. Auf Körper. Auf alles darunter. Wir brauchen einen Krankenwagen.

Burch hört nicht auf. Er tritt und schlägt weiter. Ohne klares Ziel. Es ist einfach das, was tut, wenn er kann.

Sirenen.

Jemand hat wirklich den Krankenwagen gerufen. Thorstens Wunsch wurde erhört.

Der Krankenwagen fährt vor, grelles Licht flutet den Parkplatz. Sanitäter kommen angerannt, schieben eine Trage heran. Burch stößt sie um. Die Trage wird wieder aufgestellt. Noch einmal ungeworfen. Das Monster schlägt abwechselnd mit der Tür nach Rasmus und der Trage. Als sie das dritte Mal stürzt, scheppert über den Asphalt. Thorsten steht zwischen allen Fronten, hilflos und zu klein, um irgendetwas auszurichten.





Kapitel 9: Shelly Nafe


Bekanntlich hat die Menschheit nie etwas Erregenderes hervorgebracht als Macht. Und ihren kleinen nützlichen Helfer: Die Gewalt.

Shelly sitzt auf dem Fahrersitz ihrer Limousine und raucht. Sie hat die Scheibe halb heruntergelassen, ascht auf den Boden. Im Tanz des Blaulichts betrachtet sie das herrliche Schauspiel, dessen Hauptdarsteller ihr Werkzeug ist. Das panische Nichts von einem Ringrichter. Die ratlosen Sanitäter. Der beinahe zu Tränen aufgelöste Arzt. Das blutende Bündel zu den Füßen ihres Werkzeugs. Er wirft ein viertes Mal die Trage um. Richtet sich brüllend auf.

Sie schnippst die Zigarette weg, greift nach ihrer Handtasche und steigt aus. Ihre hohen Absätze klacken auf dem Asphalt. Die Männer blicken sie verwundert an, als sie zwischen den Wägen hervorkommt und lächelnd stehen bleibt. Sie wissen nicht, wer ich bin. Fehlt noch, dass ihr jemand sagt, sie solle sich in Sicherheit bringen. Ma’am, hier ist es gefährlich für sie. Sie kommt näher heran. Iray hat sie noch nicht gesehen. Er ist mit den Sanitätern beschäftigt, schubst sie umher.

Shelly bleibt vor Rasmus stehen. Schade um sein schönes Gesicht. Eigentlich ein schöner Junge hinter der roten, strömenden Maske. Sie stupst mit der Fuß Spitze ihres Stilettos an seine Wange, um zu sehen, ob er sich noch regt. Rantanen öffnet die Lippen, aber seine Augen bleiben geschlossen. Er sagt nichts. Aus seiner Nase fließt karmesinroter Schleim, zwischen den Zähnen kommen Blasen hervor.

Sie geht zu Iray und legt ihm einen Arm auf die Schulter.

Als er sie aus seinen kleinen, toten Augen sieht, wird er ruhig. Ihre Hand wandert weiter zu seiner blutigen Wange.

Gut gemacht.“

Macht. Die Männer, die um die Szenerie herumstehen und sie ratlos mit offenem Mund anblicken, mögen eine Frau in ihren Fünfzigern sehen. Noch schön, aber schwach. Vernachlässigbar. Aber sie weiß es besser. Die Welt ist schöner, wenn man sie erobern kann.

Aber jetzt ist es vorbei, okay?“

Er grunzt. Scheint sich weigern zu wollen. Aber der Ansatz seines Kopfschütteln friert ein. Und wird zu einem Nicken. Er löst ihre Hand von seinem Gesicht, schubst die Sanitäter ein letztes Mal weg. Dann klettert er auf die Motorhaube.

Der tätowierte Turm auf seiner Brust im Blaulicht.

Er springt.

Als er auf Rasmus liegen bleibt, schließt Shelly die Augen. Und nickt ihm zu. Neben ihr stößt jemand erleichtert Luft aus. Bekanntlich hat die Menschheit nie etwas Erregenderes hervorgebracht als Macht.

Eins.

Zwei.

Drei.

Sieger des Matches durch Pinfall: Iray Burch!



Die Straßen von Oberhausen. Bedeckt von Schnee und Eis wirken die einzelnen Häuser in der Innenstadt dieser verfallenen Ruhrpott-Metropole nur trauriger, als sie es ohnehin schon sind. 1-Euro Läden, Spielhöllen und jede Menge Friseurangebote für nen Schmalen Talern säumen das Stadtbild. Die Menschen sind lieber zuhause, attraktiv wirkt das Einkaufsumfeld für Konsumenten aber ohnehin nicht. Schwere Caterpillar Boots sind nun zu sehen, getragen von zwei vermutlich breitschultrigen Männern. Dick eingepackt sind sie und dennoch ist eine gewisse Stabilität durch die übergroßen Parkas zu erkennen. Mütze und Schal benötigen Raymond Douglas und sein Sohn Kyle Douglas allerdings nicht – wie sollte einmal etwas verschneiter Winter in Deutschland auch nur annähernd zwei waschechte Kanadier beeindrucken. Die Kamera zoomt nun näher heran. Die beiden gehen durch die Straßen und unterhalten sich.


Kyle: „Und das soll mal hier besser gewesen sein?“

Morbeus: „Noch nie war diese Stadt eine wirkliche Perle. Aber der Zustand wie man ihn hier so vorfindet ist schon sehr alarmierend. Eine einst so bedeutende Industriestadt…“

Kyle: „Hätten auch in diese Mall gehen können neben der Arena.“

Morbeus: „Ich brauche die Realness dieses Ortes. Für mich und für unsere Aufgabe. Damit ich weiß, was die Stunde geschlagen hat. Der Verfall der Welt. Er ist hier so schön greifbar.“


Kyle Douglas rollt allerdings nur mit den Augen.


Kyle: „Puh, mach es bitte nicht wieder so bedeutungsschwanger. Wir sind zurück und gut. Wir können doch nicht bei jeder Rückkehr so tun, als wäre es JETZT das besonderste vom besonderen. Schließlich haben wir im letzten ¾ Jahr nicht nur auf der faulen Haut gelesen. Also ich!“

Morbeus: „Menschen leben in Narrativen. Ich brauche das.“

Kyle: „Ich hätte auch in Mexiko bleiben können, Ray. Die haben da auch gut gezahlt.“

Morbeus: „Mexiko? Das ist doch alles nicht mit der GFCW vergleichbar. Hier werden die Legacys geschrieben und am Horizont wartet schon die 25-jährige Anniversary-Show! Für diese Momente mache ich das auch noch mit Ende 40. Aber nicht nur für mich. Sondern mit dir!“

Kyle: „Mensch, was bist du heute so besinnlich?! Ich habe dir aber auch klar gesagt, dass das nun für mich hier der letzte Anlauf sein wird. Immer diese On/Off-Situationen sind mir zu blöd. Dann bleibe ich lieber langfristig auf dem amerikanischen Kontinent. Klar, eine Dynastie in der GFCW zu bauen ist Premium, aber deine ständige Sprunghaftigkeit hilft nicht für langfristige Pläne.“

Morbeus: „Ich bin, wer ich bin, mein Sohn.“

Kyle: „Auch wenn es biologisch stimmt, bitte sag es nicht. Für eine Vaterrolle ist das mit dir dann doch immer ne ganz schwierige Nummer. Weißt du ich bin hier mit dir wieder mitgekommen, weil wir als Dynasty die Tag Team Belts zurückbekommen sollten. Ich habe nun mehr Erfahrung und da die Hasen gerade Champions sind, sind es auch potenzielle Targets, die wir schon mal geschlagen haben! Danach allerdings soll mein Siegeszug durch die Organisation weitergehen. Ich bin auch weiter Mister….“

Morbeus: „……Unpinnable. Ja, das ist noch immer äußerst beeindruckend, Kyle. Keiner konnte dich bisher clean schlagen. Exzentrik ist mir nicht völlig fremd und dennoch ist nun deine Zeit angebrochen. Ich werde dich unterstützen, wo ich nur kann, damit die Dynasty wächst, gedeiht und du die Nummer 1 der Promotion werden kannst.“

Kyle: „ Danke. Das wollte ich hören. Bis dahin solltest du dich aber auf dein Match gegen Taven vorbereiten. Einen Schritt nach dem anderen….“

Morbeus: „….einen Schritt nach dem anderen. Und das auch im Oberhausener Schnee…“


Die Kamera zoomt wieder heraus und man erkennt noch, wie die beiden Protagonisten weiter durch die trostlose Stadt stapfen.




War Evening, Turbinenhalle (Oberhausen), 09.01.2026


In Kooperation mit



Pete: “FROHES NEUES JAHR, OBERHAUSEN!”

Sven: “Wir sind back so wie Favorite, aber im Gegensatz zu Favorite sind wir noch immer auf einem High: Title Night ist ein paar Wochen her, und gerade haben wir uns von diesem emotionalen Höhepunkt des Jahres 2025 erholt, da sind wir schon wieder am Start, und auf der Road zur vielleicht bisher größten Show in der Geschichte der GFCW.”

Pete: “Ein Vierteljahrhundert, Sven.”

Sven: “Es gibt Wrestler in der GFCW, die waren noch nicht geboren, als wir die Pforten öffneten.”

Pete: “Eine unglaubliche Leistung, so viel Selbstbeweihräucherung muss wohl mal sein. Aber wir müssen noch herausfinden, was uns eigentlich bei der Anniversary Show erwartet, und was bis dahin alles passieren wird. Wir haben durch die Bank neue – beziehungsweise alte – Champions.”

Sven: “Das, und ein sich veränderndes Roster. Die neuen Kandidaten mit einem Shot auf einen festen Roster-Spot wurden ja bereits auf der Homepage präsentiert, dazu sind weder Aiden Rotari noch Jason Crutch für heute Abend angekündigt. Morbeus hingegen steht auf der Card. Wir krempeln also vor dem Jubiläum noch einmal ein wenig das Roster um.”

Pete: “Und es gibt so viele Fragen. Was machen die neuen Champions? Wie geht es rund um die Tag Division weiter? Wie geht es Aldo Nero nach den Ereignissen von Title Night? Wie entwickelt sich das Switziverse? Hören wir mehr von Stella Nova? Was hat Creed Gibson nun vor? Was ist mit Night Fighter Mad Dog?”

Sven: “Was machen Rasmus Rantanen und Iray Burch nach ihrem Match Of The Year Kandidaten bei Title Night?”

Pete: “Wir haben unser Match Of The Year doch schon vergeben, Sven. Kann man alles online nachsehen, es war die Saloon Battle Royal.”

Sven: “Und du hast Father Of The Year gewonnen?”

Pete: “Können wir diese Querelen und Streitigkeiten nicht im letzten Jahr lassen?”

Sven: “...na gut.”

Pete: “Danke.”

Sven: “Das hat DEINE MUTTER zu mir gesagt, nachdem ich an Weihnachten den-”

Pete: “War ja klar.”

Sven: “Allerdings. Unsere epische Rivalität wird niemals enden. Apropos, was geht im Hause Pete? Habt ihr Weihnachten zusammen gefeiert, du und dein Sohn?”

Pete: “Lass uns zur Card für heute Abend kommen!”


Singles Match
Morbeus vs. Jay Taven
Referee: Mike Gard


Pete: “So ein halbes Comeback, schätze ich? Morbeus war im Rahmen des Jason Crutch Invitational schon einmal wieder in der GFCW, hat sich dort nicht mit Ruhm bekleckert, Title Night ausgesetzt und ist nun zurück. Die Anniversary Show will er sich wohl nicht entgehen lassen.”

Sven: “Jay Taven hingegen muss sich in der GFCW erstmal wieder zurecht finden. Sein alter Tag Team Partner und Co-Champion Aya hat sich verabschiedet, worüber Taven vielleicht gar nicht mal so traurig ist, aber er hat es auch versäumt, sich bei Title Night die Titel mit einem neuen Partner zu holen.”

Pete: “Dafür hat er allerdings gerappt. Und nun kann er sich eventuall als Singles Wrestler präsentieren. Wer hätte je gedacht, dass er noch einmal einen zweiten Frühling erlebt?”

Sven: “Niemand, vermutlich. Morbeus dürfte aber kein Interesse daran haben, Taven noch weiter an seiner potenziellen Cinderella Story schreiben zu lassen. Wo steckt eigentlich Kyle Douglas, hat Raymond den im Schlepptau? Wie dem auch sei, wir starten mit diesem Duell in das GFCW-Jahr – zwei ehemalige Champions im Opener!”


Open Challenge Match
Viggo vs ???
Referee: Peter Cleven


Pete: “Die Battle Royal konnte Viggo nicht für sich entscheiden. Ganz im Gegenteil, er ist sogar ziemlich früh baden gegangen.”

Sven: “Das kann man wohl sagen, und das in einem Match, wo er mit Abstand der Favorit gewesen sein dürfte. Ehemaliger Intercontinental Champion gegen einen Haufen Rotznasen und Mirkan Uysal? Title Night war nicht unbedingt ein Riesenerfolg für Viggo.”

Pete: “Ganz und gar nicht. Er wird sicherlich darauf aus sein, heute ein wenig Momentum aufzubauen, um sich für die 25th Anniversary Show in Stellung zu bringen. Niemand will diese Show verpassen, und es da auf die Card zu schaffen muss das Ziel von jedem Wrestler sein.”

Sven: “Was seinen Gegner angeht... wir haben keine Ahnung. Nichtmal ein Gerücht. Davon wird natürlich vieles abhängen. Wer weiß, vielleicht ein großes Comeback? Ein Debüt? Ein Outsider? Finden wir es heraus.”


Singles Match
Milly Vermillion vs. Miria Saionji
Referee: Thorsten Baumgärtner


Pete: “Main Event Time!”

Sven: “Zwei Frauen, die theoretisch auf der gleichen Seite stehen. Und nach dem eher unfreiwilligen Abgang von Aiden Rotari hat Miria Saionji bei der Lerbitz Performance Group wohl alle Trümpfe in der Hand, wenn sie das denn möchte.”

Pete: “Trotzdem kommt dieses Match nicht überraschend, ein wenig gezündelt - im metaphorischen Sinne, nicht im Milly-Sinne – wurde da schon länger, und nun soll es so weit sein. Ein rares Match von Miria, eine weitere Chance für Milly sich zu beweisen, nachdem das mit Meathook zuletzt nicht so ganz geglückt ist.”

Sven: “Der erste Main Event im Jahr 2026, und eine große Chance für beide, sich für Höheres zu empfehlen. Wir werden sehen, wer die Möglichkeit nutzen kann, und wer sich ein wenig Sorgen machen muss.”

Pete: “Doch bis dahin haben wir wie üblich eine pickepacke volle Show, mit einigen unserer größten Stars, und vielleicht der einen oder anderen unerwarteten Entwicklung. Oft werden nach Title Night die Uhren neu gestellt, und in einem Geburtstagsjahr ist das besonders oft der Fall.”

Sven: “Wenig überraschend ist aber der Auftritt dieses Mannes, der uns von der Regie angekündigt wurde. Einer seiner letzten Auftritte. Seine Karriere wird nur noch knapp 2 Monate andauern, und dann war es das mit einem der größten Namen der GFCW-Geschichte. Meine Damen und Herren, alle innerhalb und außerhalb des Gender-Spektrums, begrüßen Sie mit uns...”



Der Aiden Rotari Besieger tritt auf die Stage.

Title Night hat seine Spuren hinterlassen, das kann man im Blick des Kanadiers erkennen. Robert Breads tritt auf die Rampe, und physisch ist er nicht unbedingt allzu sehr gezeichnet. Die grauen Haare sind weiterhin prominent zu sehen, sowohl auf dem Kopf als auch im Bart, aber in seinem Blick liegt ein gewisses Maß an Apathie, als ihm mehr oder minder bedingungsloser Jubel entgegenschlägt.

Das hat er sich charakterlich nun wirklich nicht verdient, und das, was er Rotari bei Title Night angetan hat, ist nur die letzte Aktion auf einer langen Liste von ziemlich selbstsüchtigen, rücksichtslosen Unternehmungen auf seinem Weg zum “Traum-Rücktritt” bei der GFCW 25th Anniversary Show. Man könnte sagen: Fragt doch mal Marc Hill, fragt doch mal das Sprachrohr, fragt doch mal Lorenz. Aber das geht nicht, sie alle sind weg. Und wer ist dafür verantwortlich? Richtig, Robert Breads höchst persönlich.

Aber Wrestling-Fans sind Wrestling-Fans, Aiden Rotari hatte keinerlei positive charakterliche Eigenschaften vorzuweisen und war weniger bombastisch und spektakulär als Breads, und ein großer Star auf seinen letzten Metern wird nun einmal bejubelt, wo Nostalgie gerne einmal eine kollektive rosarote Brille auf die Nase der Massen setzt.

Im simplen Shirt mit “GFCW”-Aufdruck guckt “Canada’s Own” beinahe ein wenig schuldig drein. Als er vor etwa fünf Jahren in die GFCW zurückkehrte, und mit Zereo Killer kämpfte, hatte er nichts mehr gewollt als diesen ehrlichen, echten Respekt, der ihm seiner Ansicht nach so lange verweigert wurde. Nun kriegt er ihn, und kann bloß zu Boden starren.

Dann jedoch schluckt er einmal, hebt den Kopf und zeigt seinen besten Versuch eines breiten Lächelns. Wenn er diese letzten zwei Monate nicht vollends auskostet und genießt, dann waren alle diese “Opfer” umsonst, nicht? Mit jedem Schritt Richtung Ring, während er Leuten zuwinkt und auf Plakate deutet, die seinen Namen tragen, werden seine Beine lockerer, seine Schultern entspannen sich, und das Leben tritt in seine Augen.

Wie Sven bei Title Night schon sagte: Er wird sich selbst einreden, was immer nötig ist, um die Fakten so zu drehen, wie sie ihm passen.

Den Fans scheint es egal zu sein, was er getan hat, warum also ihm nicht auch?

Der Kanadier entert den Ring und lässt sich ein Mikrofon reichen, während die Musik verstummt. Tatsächlich muss der Hall of Famer einige Sekunden warten, bis nicht zu verachtende “RO-BERT BREADS!”-Chants verstummen.


Robert Breads: “Wehe, ihr macht mit “You still got it!” weiter.”


Eine halb-humorige, halb-ernsthafte Aussage des zweifachen GFCW World Champions, und natürlich gibt es einige Witzbolde in der Crowd, die sofort eben jenen Chant anstimmen, der synonym mit Zereo Killer war, und über den Breads sich lange genug lustig gemacht hat. Insgesamt allerdings bleibt es eher ruhig, und der Mann aus Toronto kann weitersprechen, ein verschmitztes Lächeln auf den Lippen.


Robert Breads: “Scheint mir, als wärt ihr alle ganz froh darüber, wie es bei Title Night gelaufen ist, was?”


Gerade noch über Zereo Killer hergezogen, sucht er nun beinahe bettelnd Bestätigung beim Publikum, die sein Handeln rechtfertigt – die er auch bekommt. Ob ihm die Ironie daran auffällt oder nicht lässt sich nicht sagen, er nickt lediglich kurz und spricht dann im selben Tonfall weiter, selbstbewusst und betont flapsig. Ihr kennt ja den alten Spruch: You either die a hero, or live long enough to see yourself become Mike MacKenzie.


Robert Breads: “Natürlich. Niemand wollte, dass die Geschichte so endet, dass MEINE Geschichte so endet. Am wenigsten ich selbst. Doch nun wird alles so laufen, wie ich es mir vorgestellt habe, und ich gedenke nicht, die Öffentlichkeit länger im Dunkeln zu lassen. Was steht für Robert Breads bei der Anniversary Show an, hm?”


Er stellt die Frage so, als wolle er tatsächlich eine Antwort haben. In seiner Hand wirbelt er das Mikrofon umher, richtet es neu aus, sodass es näher an der Crowd ist, und deutet mit der freien Hand auf sein Ohr. Selbstverständlich eine rein symbolische Geste, niemand kann einzelne Fans oder Vorschläge von ihnen hören, während Breads im Ring im Kreis läuft. Ein paar unkoordinierte Chants von großen Namen aus der Vergangenheit ertönen, aber es bildet sich keine große, einheitliche Stimme der anwesenden Fans. Und so führt Breads das Mikrofon wieder an den Mund.


Robert Breads: “Sein letztes Match, das ist natürlich klar. Und es gibt traditionell viele Arten, jemanden in den Ruhestand zu verabschieden. Ein Duell mit einem alten Rivalen, wie beispielsweise bei Lionel Jannek. Ein Duell mit der großen Zukunftshoffnung, eine Übergabe der Fackel, sozusagen. Eine letzte Re-Union mit dem wichtigsten Partner der Karriere. Alles Möglichkeiten, ein Retirement zu planen. Allerdings habe ich mich für keine davon entschieden.”


Ein kurzes Raunen geht durch das weite Rund, und mit einer Kunstpause – Breads trägt seit über 15 Jahren solche Promos vor, er weiß, wie er den maximalen dramatischen Effekt erzielt - fängt der Hall of Famer diesen Moment ein, ehe er selbstzufrieden fortfährt.


Robert Breads: “Stattdessen wird es etwas geben, dass hierzulande und im Westen nicht unbedingt gang und gäbe ist, weiter im Osten aber überhaupt nicht ungewöhnlich wäre. Ich habe mich für das Retirement Gauntlet entschieden.”


Erneut werden Murmeln und Tuscheln in der Oberhauser Crowd laut, wenn auch diesmal etwas fragender als zuvor. Deshalb setzt der Kanadier sogleich zu einer Erklärung an.


Robert Breads: “Es wird eine Reihe von Matches geben. Jedes Mal 3 Minuten Time Limit, einer nach dem anderen, wird in den Ring mit Robert Breads steigen. Ich habe dem Office eine Liste gegeben, mit Namen, die ich gerne sehen würde. Das Office selbst hat einige Vorschläge gemacht, und ich bin auch Überraschungen nicht abgeneigt – soweit vertraue ich dem Office, dass man mir das bestmögliche Retirement servieren möchte. Statt mich auf einen Gegner zu beschränken, warum nicht meine lange Karriere ausnutzen und schauen, wer auftaucht, um noch ein letztes Mal mit Robert Breads in den Ring zu steigen?”


Das ist also die Idee für das große Finale in der Karriere von Robert Breads – ein Gauntlet, bei dem möglicherweise Rivalen, Partner, Weggefährten oder sonstige Überraschungen auftauchen könnten, um sich noch einmal für maximal drei Minuten mit “Canada’s Own” zu messen, einer nach dem anderen. Eine Parade von Wrestlern, um noch einmal die komplette Karriere des Kanadiers zu zelebrieren.


Robert Breads: “Und um es möglichst spannend zu machen, werden wir keinen meiner Gegner ankündigen. Und auch ich werde nicht Bescheid wissen, wer tatsächlich auftaucht, wer abgesagt hat oder wer überraschenderweise auf der Matte steht. Das Office kennt die Namen, die ich gerne hätte. Das Office hat die Freiheit, für Überraschungen zu sorgen. Und somit werde ich bei der Anniversary Show in den Ring steigen, keine Ahnung haben wie viele Gegner mich erwarten, geschweige denn welche, und mit euch gemeinsam herausfinden, wer sich noch ein letztes Mal mit Robert Breads messen will. Das große Spektakel zum Karriereende, ein letztes Mal heißt es “Einer gegen alle”, und ich werde mich blind in dieses finale große Abenteuer stürzen... das “GOAT Gauntlet” zum Abschluss, wenn man denn so will.”


Und damit scheint Breads zufrieden zu sein. Das klingt deutlich eher nach Party als nach emotionsgetränktem, schwermütigem Duell auf Leben und Tod, aber nach dem, was ihm mit der Lerbitz Performance Group und Aiden Rotari passiert ist, verwundert es nicht, dass Breads für seinen letzten großen Auftritt eher auf der Party-Route unterwegs sein möchte. Obwohl man natürlich nie weiß: Vielleicht gibt es da ja noch den einen oder anderen alten Rivalen, der ein Hühnchen mit ihm zu rupfen hat.


Robert Breads: „Doch bis dahin…“


Er macht einen kleinen Schwenk, sowohl thematisch als auch physisch, und blickt in das weite Rund der anwesenden Zuschauer. Sein breites Lächeln wird von einem Hauch von Melancholie begleitet. Bald ist es wirklich vorbei.


Robert Breads: „…haben wir ja noch einige Shows. Und in Absprache mit Dynamite, unserem amtierenden Präsidenten, steht nun auch fest, was Robert Breads auf dem Weg zu seinem Rücktritt noch tun wird. Mein Gegner in zwei Wochen, in einem meiner letzten Matches vor dem Ende, stammt aus einer Promotion und einer Zeit, die eines zementiert hat: Robert Breads ist der GOAT des deutschen Wrestlings in diesem Jahrtausend.“


Eine großspurige, ziemlich verwegene Aussage, bei der sich die Fältchen um seine Mundwinkel noch etwas vertiefen.


Robert Breads: „Bin ich der GOAT in der GFCW? Wahrscheinlich nicht. Bin ich der GOAT in der Geschichte der PCWA? Nein. Aber hat irgendjemand in beiden Promotions das erreicht, was ich erreicht habe?“


Nun also der Schwenk zu der Zeit, als Breads nicht Dortmund, sondern Berlin seine Heimat nannte – ein Großteil der 2010er Jahre verbrachte er schließlich damit, die Phoenix Crossover Wrestling Association durchzuspielen, und auch wenn es diese Organisation mittlerweile nicht mehr gibt, ist es doch ein signifikanter Teil seiner Karriere.


Robert Breads: „PCWA Undisputed Gerasy Champion und GFCW World Champion – wer kann das noch von sich behaupten? Dazu habe ich die PCWA Cryption Crown nicht nur gewonnen, sondern mir zu eigen gemacht, so sehr, dass sich manche am Kopf kratzen, bis man „PCA Wrestling Title“ sagt. GFCW World Tag Team Champion? Natürlich. PCWA Cotatores Champions? Selbstverständlich. Gewinner des PCWA Quest For The Best? Gewinner des PCWA Brawlin‘ Rumble? Wrestler des Jahres, in beiden Promotions? Ja, ja, ja. Wer sonst hat Siege über Zereo Killer und Stevie van Crane, über Danny Rickson und Azrael Rage, über Eric Fletcher und Robert Barker, über Drake Nova Vaughn und… Night Fighter Mad Dog?“


Es wird etwas lauter in der Halle. Wir kommen nun offensichtlich zum Punkt.


Robert Breads: „Niemand. Auch wenn es Mad Dog als einer von wenigen versucht hat, zu einer Zeit, als mein alter Freund Kriss Dalmi und er sich Nummern in den Namen schrieben und die Keller von Berlin unsicher machten. Title Night Main Event, nicht wahr, S1margl? Nicht schlecht. Bewundernswert, wenn man möchte. Aber nicht das, was ich erreicht habe. Nicht mal ansatzweise.“


Der Kanadier dreht sich nun direkt in Richtung der Rampe, wo der Backstage-Bereich sich befindet – und wo vielleicht, vielleicht aber auch nicht, der Angesprochene momentan zuhört.


Robert Breads: „Du warst Herz und Seele der PCWA, im Guten wie im Schlechten, und das wird dir niemand absprechen. Aber du warst letztlich auch einer von vielen, die daran gescheitert sind, mich aufzuhalten, auch wenn es nicht einfach war, dich zu knacken.“


Tatsächlich besiegte Mad Dog Breads in ihrem ersten PCWA-Match. Im zweiten Anlauf gab es einen Draw. Und da aller guten Dinge nun einmal drei sind, brauchte es eine Trilogie, ehe Breads den Night Fighter schlagen konnte.


Robert Breads: „Deshalb freut es mich, dass wir uns noch einmal wiedersehen, bevor ich die Stiefel an den Nagel hänge. Du hast es mir nie leicht gemacht, und das können nur wenige von sich behaupten. In zwei Wochen holt mich die andere Hälfte meines Wrestling-Lebens ein. Das letzte Kapitel der PCWA wurde geschrieben, doch es scheint, als hätte das Schicksal einen Epilog für mich parat, wenn auch mit Claude Booker statt Jona Vark, mit Sven statt Mike Garland und im deutschen Westen statt im Osten. Doch eine Sache wird sich nicht geändert haben, Mad Dog, auch wenn meine Haare grauer und mein Atem kürzer geworden ist: Ich werde dich letzten Endes schlagen.

In zwei Wochen, meine Freunde, heißt es Robert Breads vs Mad Dog – GFCW gegen PCWA? GFCW gegen GFCW? PCWA gegen PCWA? Schreibt das Narrativ, das euch am besten in den Kram passt. Ich weiß nur, dass mir ein Duell im Ring nicht reichen wird. Und deshalb bitte ich meinen alten Weggefährten, mir in zwei Wochen vor unserem Match noch einmal im Ring gegenüberzutreten – mit Mikrofonen und Worten, bevor wir zu Holds und Strikes übergehen. Ich habe die Vermutung, wir könnten uns noch etwas zu sagen haben, huh?“


Er wirkt beinahe ein wenig süffisant, als er das sagt. Wenn Breads sich da mal nicht verzettelt. Wir haben schließlich keine Ahnung, was Mad Dog genau will, wie gut er in Form ist, und was Breads eigentlich genau erwartet, wenn er mit ihm in den Ring steigt.


Robert Breads: “Zwei Wochen später sind wir in Hagen, meine drittletzte Show. Und Dynamite hat mir versichert, dass mein Gegner für diese Show etwas Einmaliges sein wird. Nämlich... DISZ.”


Breads spricht das ziemlich holprig aus, ehe er sich verlegen am Bart kratzt.


Robert Breads: “Oder sind es einzelne Buchstaben? D-I-S-Z? Spricht man es englisch oder deutsch aus? Ich bin mir nicht sicher. Alles, was ich weiß, ist, dass Dynamite ein echtes Spektakel versprochen hat. Einen Gegner, der einzigartig ist, der mich auf eine Weise fordern und angreifen wird, wie es noch nie zuvor der Fall war. Da die GFCW sicherlich kein Interesse daran hat, mein Retirement-Match bei der 25th Anniversary Show abzusagen, mache ich mir keine großen Sorgen um meine physische Verfassung, aber ich bin... interessiert. DISZ, also. Was auch immer das bedeuten mag. In vier Wochen, Robert Breads gegen... D.I.S.Z.? D-I-S-Z? Was auch immer.”


Der Kanadier winkt ab, scheint allerdings tatsächlich ein wenig aufgekratzt und nervös zu sein. Er hatte Dynamite großspurig angeboten, auf der Road To Anniversary Show alles zu tun, was die GFCW von ihm verlangen würde, solange er das Match in Dortmund bekommt, das er haben möchte. Nun wird er mit etwas konfrontiert, das angeblich neu für ihn sein soll. Das nach über fünfzehn Jahren Karriere, und nachdem Breads einige der größten Freaks und Mutanten der GFCW-Geschichte überstanden hat, zu behaupten, ist schon einmal eine Ansage, schließlich will die GFCW sicherlich nicht zu viel versprechen, wenn es um diese letzten paar Wochen in der Karriere eines ihrer größten Stars geht. Wer oder was ist DISZ?


Robert Breads: “Und dann... der letzte Stopp vor der Westfalenhalle. In der “echten” Heimat der GFCW, in Lünen. Wisst ihr...”


Für einen Moment hält Breads inne, fährt sich mit der Zunge über die Unterlippe während sein Blick zu den Schweinwerfern an der Decke schweift, wodurch ein helles Funkeln in seine Augen tritt.


Robert Breads: “...ich möchte meine Karriere in meinem letzten Match zelebrieren. Ich möchte mit einem Lächeln auf den Lippen abtreten.”


Und da scheint nicht als Ehrlichkeit aus Breads zu sprechen. Er sieht direkt in die nächstbeste Kamera und scheint sich ohne Umschweife an jeden Fan zu wenden, der in diesem Moment zusieht.


Robert Breads: “Meine Karriere gibt das nicht unbedingt her, sie ist gefüllt mit düsterem, brutalem Gemetzel, mit moralisch fragwürdigen Taten, und ehrlich gesagt... mich dem zu stellen wird nicht spaßig. Aber ich werde es tun. Ich werde einige letzte Worte an die GFCW richten, den typischen Retirement-Speech, ihr kennt das Spiel, nur eben... vor meinem tatsächlichen Ende. Ich werde bei der Anniversary Show ein letztes Mal in den Ring steigen, und meine letzten Worte an die Fans, an das Roster, an alle, die mir je begegnet sind – die werde ich in Lünen von mir geben, sechzehn Tage vor meinem Ende.”


Es wird also im Falle von Breads keinen Auftritt mehr nach der Anniversary Show geben, bei dem er noch einmal alles und jeden adressiert und brav “Danke” sagt, er wird seine Abschlussrede bei der Show vor seinem letzten Match halten. Mit der letzten Ringglocke in der Dortmunder Westfalenhalle wird es das am 08.03.2026 gewesen sein.

Robert Breads hat sich erledigt, und man wird ihn nie wieder wrestlen sehen.


Robert Breads: “Das ist der Weg zum großen Finale. Mad Dog, DISZ, ein paar letzte Worte, und das GOAT Gauntlet. Nach heute sind es noch vier Shows, die ich habe, bevor meine Karriere ihr Ende findet. Ich hoffe, dass ihr mich bei diesen letzten Schritten begleitet, dass ihr die letzten paar Momente mit mir so genießen werdet, wie ich es genießen werde, meine verbliebenen Augenblicke im Ring der GFCW zu etwas Besonderem zu machen.

Wir nähern uns schneller und schneller der Ziellinie, dem letzten Akt meiner Karriere, und ich kann es gleichermaßen kaum erwarten und kaum ertragen.

Die letzten Tage in der Karriere von Robert Breads beginnen jetzt.”


ROBERTS RETIREMENT ROAD


23.01.2026
JAHRHUNDERTHALLE, BOCHUM

ROBERT BREADS VS NIGHT FIGHTER MAD DOG


06.02.2026
ISCHELANDHALLE, HAGEN

ROBERT BREADS VS DISZ


20.02.2026
HANSESAAL, LÜNEN

ROBERT BREADS RETIREMENT SPEECH


08.03.2026
GFCW 25TH ANNIVERSARY SHOW
WESTFALENHALLE, DORTMUND

RETIREMENT MATCH

GOAT GAUNTLET
ROBERT BREADS VS ???



Pete: „Sven!? Warum stehst du auf? Die Show beginnt.“

Sven: „Ein neues Jahr. Ein neues Zeitalter. Lass den König zu seinem Volk sprechen. Es dürstet nach einer Ansprache als Zeichen des Aufbruchs in ein glorreiches Jubiläumsjahr.“

Pete: „Aber wir haben doch grad schon die Card anges…-“


Pete kann protestieren, wie er will. Sein Kollege setzt die Kopfhörer ab und steht auf, hebt die Hand zum kaiserlichen Gruße ans Publikum und setzt sich in Bewegung gen Squared Circle.

Aus seinem Selbstbewusstsein sprich die Gewissheit, von den einfachen Menschen bewundert zu werden. Ein Heiliger, der unter Gläubigen wandelt. Ein Mikrofon-Messias zum Anfassen. Sven richtet sich den Kragen seines Jacketts und steigt die Ringtreppe empor. Er winkt Laura, auf dass sie ihm ein Mikrofon gibt. Dann scheucht er sie, das Gesicht schon abgewandt, per Handgeste davon.


Sven: „Ein neues Jahr bringt stets viele Veränderungen mit sich. Das kann verständlicherweise verunsichern, liebe GFCW-Fans. Doch damit ihr euch wohler fühlt, möchte ich gerne verkünden, dass eine Kontinuität – eine liebgewonnene Tradition - 2026 bestehen bleibt.“


Sein Blick richtet sich auf Pete, der für Svens Alleingang nur einen giftigen Gesichtsausdrück übrig hat.


Sven: „Natürlich werde ich weiter mit Petes Mutter intim sein. Das verspreche ich euch hier und heute. Dafür stehe ich mit meinem Namen. Das Uhrwerk rattert und knattert.“


Er senkt das Mikrofon, um der Menschenmenge die Gelegenheit zu geben, sich mit Applaus und anderen Formen der Ehrbekundungen zu bedanken. Petes frostigen Gesichtsausdruck ignorierend fährt die Legende fort.


Sven: „Doch andere Dinge werden sich verändern. Habt davor keine Angst, GFCWler. Veränderung kann auch etwas Gutes sein. Sie kann Fortschritt bedeuten.“


Jetzt nimmt Sven doch wieder die Anwesenheit seines Kollegen, der am Pult geblieben ist, wahr. Mit einem Haifischblick.


Sven: „Verändern wird sich, dass diesem unbedeutenden Klabautermann da hinten bald schon die letzte Hoffnung genommen wird, in den folgenden 25 Jahren seiner Karriere Würde zu erlangen. All seine Wünsche hat Peterchen in seinen lächerlichen Spross gesetzt…“


Seiner Ablehnung verleiht Sven Bildlichkeit, indem er die Schuhsohle demonstrativ auf der Matte abwischt, als sei er in Dreck getreten.


Sven: „…der natürlich bei Title Night 2025 gegen meine Wahl verloren hat.“

Pete: „ES WAR BETRUG!“

Sven: „Hat dort etwas gepiepst? Mir war, als würde ich etwas Fiepsiges hören. Klang so…gewohnt irrelevant. Egal, wo war ich? Ach ja, ich war damit beschäftigt, Petes Sohn zu beleidigen, das mangelhafte Produkt seines gleichsam mangelhaften Samens. Bei Title Night, da hast du, Pete…“


Fingerzeig auf den Bodensatz des Kommentatorteams.


Sven: „…selbstverständlich durch das Versagen deines Sohns Teil 1 unserer Wette verloren. So wie es jeder voraussehen konnte, dessen Gehirn nicht mit Leichtigkeit durch ein Nadelöhr gezogen werden kann. Aus diesem Grund steht es mir zu, nun Petes Bestrafung festzulegen, die er in dem Fall erhält, falls er auch die größere unserer beiden Wetten verliert. Den alles entscheidenden Kampf.“


Aldo Nero vs. Petes Sohn. Seit Monaten „angekündigt“. Zumindest haben Sven und Pete es so ausgemacht. Eine offizielle Bestätigung durch Nero steht weiterhin aus. Da hat auch kein Geschenkkorb an James Corleone geholfen – und nach den Ereignissen von Title Night muss der nächste Korb wohl auch eher an Aldo persönlich gehen.


Sven: „Doch bevor ich dazu komme, den Wetteinsatz für ALDO NERO gegen die plumpe Peterbrut zu verkünden, habe ich eine andere Ankündigung zu machen. Eine Veränderung für das Jahr 2026. Man darf die Blicke auf die Leinwand richten.“


Die Regie reagiert im genau richtigen Moment. Just als Sven mit großer Geste auf den Tron deutet, erscheint dort in einer aufwändigen Animation ein…

…unbekanntes Logo?



Sven: „Refuse to Age. Der neue Premium-Sponsor der GFCW-Galaxy. EUER persönlicher Partner, liebe GFCW-Galaxy, für Premium-Produkte im Bereich Longevity.“

Pete: „Long-was?“

Sven: „Wer kennt es nicht? Grad noch war man ein junger Mann, mitten im Leben. Eine Pflanze in voller Blüte. Dann schaut man eines Tages in den Spiegel und sieht plötzlich aus wie Pete. Wo ist nur die Zeit geblieben? Die grauen Haare sprießen, bei jeder Bewegung wölbt sich die wachsende Wampe in wabbelnden Wogen. Die Muskeln werden schlaff, der Stoffwechsel erlahmt…“


Ratlosigkeit im Publikum. Die Zuschauer blicken einander an. Sind sie in einer Werbesendung gelandet? Sven trägt seine Worte leidenschaftlich vor, wie ein Pfaffe bei der Predigt.


Sven: „…und die Haut verliert an Spannung. Da erwischt es einem mit dem Hammerschlag: Eines Tages wird man sterben. Man ist vergänglich. Lasst mich euch jedoch sagen: Es gibt eine Lösung. Es gibt einen Weg, die Natur zu besiegen.“


Wieder wird die Hand aufs Video gerichtet.


Sven: „Unseren PREMIUM-SPONSOR Refuse to Age. Longevity für jedermann. Treten wir gemeinsam in die Fußstapfen von Bryan Johnson, dem Blueprint der lebensverlängernden Maßnahmen. Refuse to Age ist nicht einfach nur eine Linie von Produkten, nein. Es ist die Entscheidung, sich dem Verfall nicht kampflos zu ergeben.“


Er hebt exakt einen Finger, und zwar um die Zahl Eins anzuzeigen. Sven > Lunenkind confirmed.


Sven: „Da wäre erstens das Cellular Reset Protocol – ein Supplement, das auf mitochondriale Effizienz zielt und dem biologischen Alter den Kampf ansagt. Zweitens das Adaptive Longevity Wearable, das Schlaf, HRV und Stressreaktionen liest wie ein offenes Buch und daraus Optimierungsstrategien ableitet.“


Auswendig gelernt oder nicht. Sven ist im Flow. Die aufkeimenden Buhrufe für seine spontane Dauerwerbesendung übergeht der göttliche Kommentator.


Sven: „Drittens das Precision Blood Panel, ein schonungsloser Blick auf Entzündungsmarker, Stoffwechselstatus und zelluläre Resilienz. Und viertens die Thermal Regeneration Unit – Kälte trifft Infrarot, Autophagie trifft Willenskraft. Die Selbstheilungskräfte des Körpers. Und fünftens…“

Sohn: „Halt deine Fresse, Mann.“

Pete: „JAAAAA!“


Sven erstarrt, als wäre ihm die Anti-Aging-Pille im Halse stecken geblieben. ER wagt es? Der Kommentator wirbelt herum, seine Augen fahren mit loderndem Hass die Rampe entlang, dass man denken muss, sie würden Brandspuren hinterlassen.

Dort, eine Hand in der Tasche und die andere am Mikrofon, steht jemand, der bislang nur in Einspielern auftrat. Der Mann, der Svens Verachtung qua Abstammung ererbt hat – Petes Sohn.


Sohn: „Ich halte nichts davon, alte Männer zu schlagen. Doch wenn ich noch einen Werbeblock von dir hören muss, wirst du erfahren, dass deine vermeintliche Unsterblichkeit genau eine Lariat davon entfernt ist, als Lüge entlarvt zu werden.“


Keine eloquente Ausführung, aber eine markige Ansage. Die Wrestling-Fans stehen drauf. Es gibt für den jungen, blonden Mann ersten Applaus.


Pete: „Labt euch an meinem Stolz. Seht, wie herrlich er ist. Mein Vermächtnis!“

Sven: „Er droht mir? SECURITY! POLIZEI! Die Brut ist außer Kontrolle.“


Selbige „Brut“ hebt jetzt beschwichtigend den Arm. Die Polizei kann noch ein bisschen im Revier bleiben.


Sohn: „Beruhige dich, Mann. Ich bin nur gekommen, um die Sache ein bisschen zu beschleunigen. Habe es nicht mehr bei deinem langen Gesabbel backstage ausgehalten darauf zu warten, dass du endlich die Katze aus dem Sack lässt.“

Sven: „Wie redest du denn mit mir? Was glaubst du, wer du bist? Das Einzige, was ich aus dem Sack lasse, landet in deiner Großmutter, Junge.“


Und sogleich geht die beschwichtigende Hand wieder runter. Das Gesicht des Sohnes verzerrt sich. Er marschiert breitbeinig und mit wackelnden Schultern los wie jemand, der auf Stress aus ist. Als sich sein Blick mit dem des Vaters kreuzt, beruhigt er sich wieder. Vorerst.


Sohn: „Ich bin gekommen, weil ich zwei Dinge wissen will. Erstens: Wann darf ich endlich Aldo Nero in seinen Arsch treten?“

Sven: „Ich bin dir keine Auskunft schuldig.“

Sohn: „Kann es nicht vielleicht sein, dass…“


Ein schiefes Grinsen zeichnet sich unter dem blonden Bart des Mittzwanzigers ab. Er legt den Kopf seitlich und taxiert Sven.


Sohn: „…Aldo Nero einen Scheiß auf dich gibt? Und bessere Dinge zu tun hat, als sich für deine Wette herzugeben?“

Pete: „GIB – ES – IHM!“


Wie ein bockiges Kind verschränkt Sven die Arme. Er ist nicht bereit, etwas zu sagen.


Sohn: „Gut, gut. Keine Antwort ist auch eine Antwort. Dann beantworte mir die zweite Frage: Was ist denn nun der Wetteinsatz, den du dir ausgesucht hast. Komm zum Punkt.“


Eine Frage mit weniger Fallhöhe für Sven. Der Kommentator lockert die abwehrende Haltung setzt ein Lächeln auf.


Sven: „Das bringt mich zu unserem PREMIUM-SPONSOR Refuse to Age zurück…“

Sohn: „Vorsicht. Ich habe dich gewarnt.“

Sven: „…denn es ist zwingend notwendig für unseren Wetteinsatz.“


Genervt schließt der Sohn die Augen. Wenn Sven ihn anlügt, dann gnade ihm Gott. Aber er lässt den Kommentator gewähren.


Sven: „Refuse to Age ist nicht nur der Stern am Longevity-Himmel. Sondern auch Hersteller großartiger Kosmetik-Produkte. Wie von diesem Stück Seife.“


Wer hat nicht immer ein Stück Seife dabei? Sven jedenfalls greift in die Jacketttasche und zieht es hervor. Ein stabiler, violetter Block.


Sven: „Eigentlich ist dieses Premium-Refuse to Age-Produkt zu schade, um es an Pete zu verschwenden. Aber ein solches Schandmaul, dass es wagt, Lügen über mich und Aldo Nero zu verbreiten, das muss klinisch gereinigt werden.“


Nun wendet sich Sven erstmals seit Monaten direkt seinem „Partner“ zu. Pete hört angespannt zu, lehnt sich am Pult nach vorne. Sven hält ihm das Seifenstück entgegen wie ein Kruzifix.


Sven: „Pete. Falls es Aldo Nero gelingt…ich meine, SOBALD es Aldo Nero gelingt, deinen Sohn zu besiegen, was ein Kinderspiel ist, so soll dir deine Drecksschleuder von einem Mundwerk mit hochwertiger Refuse to Age-Cosmetic-Line-Seife ausgewaschen werden. Gefesselt an den Ringpfosten. Live im Ring.“


Mit trotzig vorgeschobener Oberlippe steht Pete vom Pult auf.


Pete: „Nachdem mein Sohn Aldo Nero besiegt hat, wird DIR diese Strafe widerfahren, Sven!“

Sven: „Schon diese Möglichkeit überhaupt in Betracht zu ziehen ist Gotteslästerung.“


Bevor sich die Kommentatoren weiter aufstacheln können, fällt ihnen ein, dass weiterhin eine dritte Person anwesend ist. Petes Sohn hat mittlerweile die Ringtreppe betreten. Sven hebt fragend die Augenbraue. Und wirkt angespannt, dass der junge Mann so nahgekommen ist.


Sohn: „Gut, das ist also alles, Sven. Du hast gesagt, was du sagen wolltest. Jetzt setz dich wieder auf deinen Platz und kommentiere.“

Pete: „ZEIG ES IHM! GIB IHM.“

Sven: „DU hast mir gar nichts zu sagen. Ich rede so viel und so lange wie ich will, denn…“


Wortlos hebt der Sohn den rechten Lariat-Arm.

Die Waffe, die mittlerweile fast ein Dutzend Nachwuchsathleten ausgeknockt hat.


Sven: „Ach, mir fällt ein, ich war sowieso grad fertig mit Reden.“


Der Kommentator trollt sich auf seinen Platz, nimmt die Kopfhörer und setzt sie sich demonstrativ fest auf.


Sven: „Dann können wir ja jetzt ENDLICH mit der Show weitermachen…“


Doch daran denkt Pete gar nicht. Nun ist er es, der aufspringt. Und in den Ring kommt. Dort angekommen klopft er seinem Sohn mit feuchten Augen auf die Schulter. Der Stolz eines Vaters in seinem Ausdruck.


Pete: „Sieh dich an, Sohn. Wie groß du geworden bist.“

Sohn: „…“

Pete: „Du hast Sven vertrieben. Du bist ein echter Mann. Nur mit Betrug konnten Sven und dein Handlanger dich bei Title Night bezwingen. Doch jetzt wirst du im Namen unserer Familie Rache üben.“

Sohn: „Ja.“

Pete: „Ich glaube, unser Vater-Sohn-Verhältnis hat eine neue Ebene erreicht, Sohn. Es ist an der Zeit, dass ich dir eine Frage stelle.“


Er räuspert sich.


Pete: „Wie heißt du eigentlich?“

Sohn: „Jona.“

Pete: „J-j-ona? Deine Mutter, Joana, hat dich Jona genannt?“


Der Angesprochene legt den Kopf schief, verengt die Augen zu Schlitzen und blickt seinen Vater abwartens an.


Jona: „Hast du ein Problem damit, Vater? Als alleinerziehende Mutter hat man nicht die Zeit, um nachzu…-“

Pete: „Schon gut. Es ist ein…kreativer Name. Doch hier in der GFCW stellen wir uns noch eine andere Frage. Wie möchtest du im Ring heißen? Welchen Namen soll Laura euphorisch in den Himmel schreien, nachdem du Aldo Nero erobert hast?“


Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen.


Jona: „Jona Sexianer.“

Sven: „HAHAHA!“

Pete: „Ähm…“


Das Gesicht des eben noch so stolzen Vaters ist ein offenes Buch. In dem der Sohn liest. Und wieder blickt er seinen Erzeuger herausfordernd, wenn nicht gar drohend, an. Vom Youngster mit der magischen Lariat geht etwas Außergewöhnliches aus. Die latente Ahnung, er könne jederzeit die Schwelle zur Aggression übertreten. Die Folge einer harten Kindheit?


Jona: „Was is‘? Stört dich der Name, hm? Hast du deinem Sohn etwas zu sagen?“

Pete: „I-i-ch…dac-dachte nur, dass du vielleicht…“

Jona: „Stört - dich – etwas – an - Sexianer?“

Pete: „Also, äh…ich habe erwartet, du würdest deinen bürgerlichen Nachnamen nutzen.“

Jona: „Joana Sexianer. Oder kurz: SEX. Das ist der Name, unter dem meine Mutter vor rund 25 Jahren im nationalen TV gedemütigt wurde. Nun soll dieser Name der Name sein, unter dem…“


Er ballt entschlossen die Hand zur Faust.


Jona: „…meine Familie emporsteigt.“


Traurig blickt Pete zu Boden.


Jona: „Du bist immer noch nicht überzeugt, Vater. Respektierst du die Entscheidung deines Sohnes nicht?“

Pete: „Aber ich…ich bin doch auch deine Familie. Du nutzt den Vornamen, den deine Mutter dir gegeben hat. Und den Namen, den deine Mutter im Wrestling nutze. 2 mal Mama, 0 mal Papa. Was ist mit mir? Was ist mit deinem dich liebenden VATER?“


Man könnte bei Petes wehleidigem Insistieren vermuten, dass die Zündschnur Jona Sexianers wieder kürzer wird. Doch zur Überraschung aller wird der junge Mann nachdenklich.

Und nickt dann unmerklich mit dem Kopf.


Jona: „Vielleicht hast du Recht, Vater. Vielleicht sollte ich einen Teil deines Namens nutzen.“


Petes Augen strahlen.


Jona: „Wie heißt du denn mit Nachnamen?“

Pete: „Ich heiße…“


Stumme Lippen. Just im Moment, als sich Petes Mund öffnet, versagt die Verbindung des Mikrofons und wir hören ein Störgeräusch. Was für ein Pech aber auch. Eine kleine Sekunde Probleme und schon trägt die Stimme nicht mehr ins Publikum.

Nur Jona hat etwas gehört. Und tritt mit geweiteten Augen zurück als wäre er vor eine Scheibe gelaufen.


Jona: „Sorry, Dad. So kann ich mich auf keinen Fall nennen.“

Sven: „Hehe…“


Petes Sohn wirft einen ärgerlichen Blick zu Sven. Die Schadenfreude seinem Vater gegenüber scheint ihn zum Undenken zu bewegen.


Jona: „Das kann ich wirklich nicht benutzen. Aber ich glaube, etwas Anderes ist ohnehin viel mehr Teil deines Vermächtnisses, Vater, als dein Nachname. Seit jeher bist du unter deinem Vornamen bekannt. 25 Jahre Pete. Mit großem, stolzen P. Lass mich diesen Buchstaben übernehmen, um dich zu ehren.“

Sven: „Pona?“

Jona: „Sven, Aldo Nero…merkt euch diesen Namen, denn es ist der Name, der als Sieger verkündet wird, kurz bevor ihr den Mund mit Seife ausgewaschen bekommt. Ich bin…“


Er legt seinem Vater eine Hand auf die Schulter.


Jona: „…JONA PEXIANER!“


Vor Entzücken beginnt Pete zu schniefen.


Jona Pexianer: „Oder kurz: PEX!“




Mit gekonnter Präzision steht Tammy vor der mit Sponsoren gepflasterten Interviewwand, auf dass diese schön zur Geltung kommen und doch sie selbst und ihr jetziger Interviewgast ebenfalls zur Geltung kommen können. Oder besser gesagt ihre Interviewgäste, sind es doch derer zwei, auch wenn wir von einer der beiden Gäste sicherlich kein Wort hören werden.


Tammy: „Neues Jahr, aber keine neue Interviewpartnerin, wir hatten ja zuletzt regelmäßig das Vergnügen. Hallo Monica. Hallo Lady Rosi.“


Das rosa Stoffschwein im Arm der rosarot bezopften Leopardin aus Long Island nickt Tammy freundlich zu, während Monica ein Mal tief Luft holt, ehe sie den Gruß der Interviewerin erwidert.


Monica Shade: „Hallo Tammy. Ehe du irgendetwas anderes sagst oder fragst, lass mich dir erst einmal dafür danken, dass du bei Title Night Stella ein bisschen kontra gegeben hast, als sie gegen mich loslegte. Hab das Interview noch mal angesehen und es gab so viele Punkte, wo ich hätte einhaken können, aber ich und Lady Rosi waren nach dem Match gegen Ask mental ziemlich fertig und Stellas Auftauchen war zusätzlich anstrengend.“


Ein erfreutes Lächeln zeichnet sich auf Tammys Gesicht ab. Dank kriegt sie jetzt nicht gerade allzu häufig zu hören, von daher ein erfreulicher Start ins neue Jahr. Tammy hätte bei Title Night der angesprochenen Stella Nova gern noch mehr kontra gegeben, ist aber lieber vorsichtig geblieben, was in ihrem Beruf dem Selbsterhaltungstrieb durchaus förderlich ist. Wrestling ist ein hartes Geschäft und bei GFCW ist man traditionell nicht zimperlich, da ist Vorsicht nicht nur für Porzellankisten angesagt, insbesondere bei Neuankömmlingen, deren Gewaltbereitschaft man nur schwer einschätzen kann.


Tammy: „Nichts zu danken, ich bin nur meiner professionellen Tätigkeit als Interviewerin nachgegangen und fand, dass dieser selbsternannte Leitstern dabei war die Fakten etwas zu verzerren.“

Monica Shade: „Das war glaube ich nicht direkt Absicht von ihr. Sie hat zwar ein massives Ego, wie du sicherlich mitbekommen hast...“

Tammy: „Ja, hab ich.“

Monica Shade: „...aber eigentlich ist es nicht ihre Art Unwahrheiten zu verbreiten. Ich gehe schlicht davon aus, dass sie nicht alles mitbekommen hat, was ich wann und wo hier bei GFCW von mir gegeben habe und wenn ich auch nur ein Mal nicht erklärt habe, dass es andere, größere Namen bei WFW gibt als mich, da hat sie genau das gesehen und als Basis für ihre Tirade genommen. Zumal ich zu dem Zeitpunkt im WFW Ranking auch genau über ihr stand, was ihr sicherlich nicht gut gefallen hat.“


Tammy nickt verstehend, so wie Stella bei Title Night rüberkam, muss es ihr sogar mächtig gestunken haben, dass Monica in besagtem Ranking über ihr stand. Insbesondere so Monicas Rang tatsächlich damit verknüpft ist, dass sie dank ihrer GFCW Auftritte an Bekanntheit gewinnt und daher höher eingeschätzt wurde, während Stella als eigentlich größerer Star dem ein oder anderen GFCW Fan vor ihrem Title Night Auftritt eher unbekannt war.


Monica Shade: „Tja, seitdem hat Stella ihre große Ankündigung Standing Alone zu gewinnen wahr gemacht und mich dabei auch noch höchstpersönlich rausgeworfen. Ich dachte mit Startnummer 29 hätte ich es echt gut erwischt, aber ausgerechnet Stella hatte Startnummer 30. Aber hey, gut für sie, im nächsten Ranking steht sie dann über mir und sie darf erneut versuchen Miu Mitsurugi das Gold abzunehmen, was schon letztes Jahr nicht geklappt hat.“


Tammy: „Gibt es einen speziellen Grund, warum wir WFW Geschehnisse vertiefen? Solange Stella Nova hier nicht tatsächlich beginnt hier bei GFCW aktiv zu werden, ist das doch eigentlich nicht weiter wichtig.“


Monica Shade: „Nun, die Sache ist dieser eine Punkt, den Stella angesprochen hat von wegen ich hätte es relativ leicht gehabt, weil die Quantität in WFWs Einzeldivision bei meinem Aufstieg recht dünn gewesen sei. Damit hat sie nicht ganz Unrecht, aber ich habe immer noch gegen Topdamen gekämpft, um das Gold dann tatsächlich zu gewinnen. Soll heißen der Weg an die Spitze mag kürzer und leichter gewesen sein, als zu manch früherem Zeitpunkt, aber die Spitze tatsächlich erreicht zu haben ist dennoch etwas, auf das ich absolut stolz sein darf.
Bei GFCW ist es gerade ähnlich. Leviathan weg, Luna weg, Robert Breads demnächst weg, Rotari vermutlich nach der Zerstörung durch Breads auch weg, Jason Crutch sah verdächtig nach Abschied aus bei Title Night, da könnte man über GFCW jetzt auch sagen, dass der Weg an die Spitze nicht mehr so lang ist wie zu anderen Zeiten. Und dennoch stehen mit Ask, Aldo und End immer noch drei massive Hürden vor einem Titelgewinn, sodass es unverändert ein Zeichen von Klasse ist, dieses Gold zu tragen.“


Tammy: „Diese potentielle Parallele ist schön und gut, aber worauf du jetzt genau hinauswillst, ist mir nicht ganz klar.“


Monica hält inne, sie hielt ihre Aussagen wohl bereits für aussagekräftig. Grund genug für Monica ein kurzes Zwiegespräch mit ihrer „Strategin“ aus rosigem Plüsch zu halten, auf dass sie nun ihren Gedankengang klarer formulieren mag.


Monica Shade: „Ich will darauf hinaus, dass es keine Blamage ist gegen Ask Skógur oder Aldo Nero zu verlieren. Selbst gegen Aiden Rotari zu verlieren ist keine Blamage, besonders wenn er arme Schweine ins Visier nimmt, um sich illegitime Vorteile zu verschaffen. So wie es bei WFW keine Blamage ist gegen Stella oder Mina Louise Stuart zu verlieren. Natürlich habe ich mich ja selber zwischendurch mal gefragt, ob ich ne Schande wäre, weil so oft zu verlieren mir eigentlich nicht passieren sollte, aber Lady Rosi und ich sind zu der Überzeugung gelangt, dass ich mit meinen Leistungen hier keine Schande über WFW bringe, sondern vielmehr WFW würdig vertrete. Tatsächlich ist es doch hier bei GFCW ähnlich wie bei WFW: ich bin gut genug, um alles und jede besiegen zu können, aber nicht so gut, dass ich zwingend gewinnen müsste. Was ja auch Quatsch ist. Wer geht denn bitte in ein Match gegen Ask oder Aldo als klarer Favorit?

Tammy: „Höchstens The End und auch da wäre „klarer Favorit“ wohl etwas zu hoch gegriffen.“


Monica und Lady Rosi nicken zustimmend, ihre Mimik wird quasi minütlich mit jedem Satz positiver, als ob sie mit der Klärung dieser Sachverhalte eine große Last von sich abfallen lässt. Doch gerade als es den Hauch eines fröhlichen Lächeln zu geben scheint, da wird Monicas Mimik plötzlich wieder angespannt.


Monica Shade: „Okay, nachdem wir uns also nun einig sind, dass meine Niederlagen nicht so schlimm waren, wird es dann Zeit über etwas tatsächlich Schlimmes zu sprechen, was GFCW betrifft.“


Nicht nur Monicas Mimik verhärtet sich, auch ihre Stimme. Tammy wird ihrerseits ernster, was auch immer jetzt kommt ist etwas, das Monica sichtlich sehr wichtig ist und da will Tammy sie nicht bei anlächeln, sondern der Ernsthaftigkeit der Situation entsprechen.


Tammy: „Und dieses Schlimme ist?“

Monica Shade: „Wie angerissen sind diverse große Namen bei GFCW futsch, aber besonders schlimm ist, dass der Greatest Pigster nicht mehr hier ist. Weil er aus Angst geflüchtet ist. Und der Schuldige?“


Eine rhetorische Frage in Tammys Augen, die sie mit „Robert Breads“ beantworten würde, aber das ist nicht der Name, der nun aus dem Mund von Monica Shade kommt.


Monica Shade: „Mike Müller.“


Tammy zuckt kurz und ist sich nicht ganz sicher, wie sie darauf reagieren soll. Aber nachdem sie kurz geistig verarbeitet, was Monica hier sagt, da stellt sie fest, dass es tatsächlich Mike Müllers Auftauchen kurz vor Title Night war, was mitentscheidend dafür war, dass Maximilian Lunenkind die Flucht ergriff.


Monica Shade: „Mike Müller, ein Mann, der gar keine Berechtigung hatte in einem GFCW Ring aufzutauchen, es aber trotzdem tat, um dem Monster Robert Breads zu helfen, wobei er Greatest Pigster Merch zerstörte. Grund genug für den armen Maximilian Lunenkind panisch zu flüchten und für Namensvetter Greatest Pigster Maximilian Lunenkind GFCW fernzubleiben. Mike Müller hat der Welt den Greatest Pigster genommen.“


Tammy muss an sich halten. Monica ist die Sache wirklich ernst und wichtig, aber dass sie wirklich nie begriffen hat, dass der Mensch Maximilian Lunenkind auch der Greatest Pigster Maximilian Lunenkind in einem Schweinskostüm ist, das ist schon hart und macht es ihr sichtlich schwer ein Lächeln zu verkneifen. Zumindest bis Monica weiterspricht.


Monica Shade: „Mike Müller hat mir den Greatest Pigster genommen.“


Monicas Stimme ist so voller an Hass grenzenden Verachtung, dass Tammy automatisch ernst bleibt. Zumal Monica eine Faust ballt und demonstrativ zur Kamera hält.


Monica Shade: „Und das gilt es zu bestrafen.“


Tammy würde ob der geradezu bedrohlichen Aura, die Monica in diesen Augenblicken umgibt, jetzt gern schweigen und die Leopardin aus Long Island einfach reden lassen, aber hier muss sie wohl oder übel einhaken.


Tammy: „Mike Müller ist aber gar nicht unter Vertrag bei GFCW.“

Monica Shade: „Das weiß ich, aber das spielt ja wohl keine Rolle. Wenn er einfach so auftauchen kann, um Robert Breads zu helfen, obwohl er gar nicht da sein sollte, dann kann er auch für ein Match gebookt werden. Er gegen mich. Rache für den Greatest Pigster.“


Okay, gegen diese Logik kann Tammy jetzt nichts sagen. Das ist erstaunlich nachvollziehbar.


Monica Shade: „Ist doch auch für Mike Müller die Chance seines Lebens hier doch noch Karriere zu machen. Sollte er mich besiegen, GFCW würde ihm sicher sofort ein nicht mehr für möglich gehaltenes Vertragsangebot machen.“


Womit Mike Müller eigentlich aus seiner Sicht alles richtig gemacht hat – aber diesen Einwurf lässt Tammy unausgesprochen.


Monica Shade: „Aber Mike Müller wird mich nicht besiegen. Ich werde ihn besiegen. Klar, das habe ich über Ask auch gesagt, aber erstens waren die Vorzeichen dabei auch ganz anders und zweitens… ist Mike Müller nicht Ask Skógur. Bei weitem nicht. Ich würde sogar sagen, dass gegen ihn zu verlieren dann doch blamabel wäre. Sollte mir das echt passieren, dann kann Stella gar nicht früh genug hier auftauchen, um WFWs Ehre zu retten.“


Monicas violette Augen verengen sich zu Schlitzen.


Monica Shade: „Realistisch ist aber eher, dass dies Mike Müllers letztes Match wird.“


Diese Worte haben unweigerlich mehr als nur den Unterton einer Warnung. Mehr als eine Drohung. Eher den Ton von sehr intendierter Finalität.




Sven: „Argh. Ich dachte das Jahr des Hirsches wäre letztes Jahr gewesen… tz, was ein Reinfall.“

Pete: „Wenn es nach Ask geht, ist jedes Jahr, das Jahr des Hirsches!“

Sven: „Und wenn es nach mir geht, setzt man mir endlich mal einen fähigen und talentierten Co-Kommentator hier hin und trotzdem sitze ich noch neben dir und dabei bin ich schließlich eine Hälfte der Non-Wrestler des Jahres!“


Es ist Ewigkeiten her, seitdem wir Ask Skógur bei einer War Evening-Ausgabe vor Ort gesehen haben und dementsprechend positiv fällt auch die Reaktion seitens des Publikums aus. Die eskalieren mal so richtig, als sie die Musik des Schweden hören. Und das dürfte tatsächlich etwas besonderes sein, denn angesichts der Tatsache, dass Ask jetzt kein Match hat, bedeutet seine Ankunft hier etwa, dass er… spricht?

Und da ist er auch schon! Ask Skógur ist auf der Stage und er wirkt… glücklich?

Viel glücklicher als so oft in den vergangenen Monaten. Seitdem er den Gürtel verloren hat, war Ask… nicht der Gleiche. Konstantes Selbstzweifeln begleitet den Schweden wie die Anerkennung des Publikums und doch schafft er es jedes Mal wieder sich aufzuraffen.

Mit besagter positiver Laune läuft er nun die Stage hinunter, mit zerzauster Frisur, im Wollpullover, dunkelgrüner Hose und verhalten-lachender Miene, wobei er wieder deutlich euphorischer als zuvor mit den GFCW-Fans abklatscht.

Er läuft sogar bei Sven und Pete vorbei, dabei gibt er Pete die Faust, bevor er zu Sven hinüberschaut und ihm… auch die Faust hin hält? Trotz all der Kommentare? Oh ja, Good-Guy-Ask scheint tatsächlich zurück und so… will Sven tatsächlich sogar einschlagen! Er ballt die Faust, versucht sie gegen Asks Knöchel zu drücken, doch der… zieht seine Hand weg! Kopfschüttelnd und mit schelmischen Grinsen läuft er nun weiter direkt zum und in den Ring.


Pete: „BAHAHAHAHAHA!“

Sven: „Klappe, jemand der nicht mal zum Non-Wrestler nominiert wurde, sollte ganz leise sein.“


Im Ring steigt Ask auf den Turnbuckle um sich noch einmal feiern zu lassen, bevor er sich ein Mikro geben lässt. In der Mitte des Ringes kommt er schließlich zum Stehen, aber vorerst noch nicht zum Reden, davor hält ihn die GFCW-Galaxy nämlich ab, denn diese jubeln noch immer lautstark und rufen ebenso laut seinen Namen.


Ask. Ask. Ask. Ask. Ask. Ask.


Irgendwann dann schließlich, darf Ask sprechen. Dabei wird er nun aber wieder eine Spur… ernster. Sentimentaler? Ruhiger.

Aber er scheint tatsächlich sprechen zu wollen und wenn man bedenkt, dass wir ihn jetzt schon sehr lange nicht mehr reden, hören haben, ist das etwas Besonderes.


Ask Skógur: „Leute…“


Und man merkt es auch. Ihm fällt es nicht all zu leicht zu sprechen. Es scheint, als würde Ask tatsächlich emotionaler berührt sein, als er es sich vielleicht eingestehen vermag.

Aber es nützt nix. Er muss beginnen.


Ask Skógur: „… ich habe euch vermisst.“


Nagut, nach diesen ehrlichen Worten, da muss noch Pause für einen weiteren Jubelaufschrei sein, denn das hört die Galaxy doch gern, bei Ask wissen sie, er meint es auch so, wie er es sagt. Ask muss erneut schmunzeln.


Ask Skógur: „Ich muss mich bei euch entschuldigen.“


Wieder jubeln die Fans auf, nun aber eher so als wollen sie Ask zu verstehen geben, dass es dafür keinen Grund gibt.


Ask Skógur: „Oh doch, das muss ich.“


Die Fans werden ruhiger, denn sie scheinen nun sehr interessiert daran, was Ask zu sagen hat.


Ask Skógur: „Ich hab euch im Stich gelassen… denn… ich hab mich selbst im Stich gelassen. Als… als ich den GFCW-Titel verloren habe…“


Bei diesem Thema wird Ask wird ziemlich ernst. Das scheint ihn noch immer mitzunehmen, auch, wenn er den Verlust nun endlich überwunden hat.


Ask Skógur: „Als ich den Titel verloren habe, kam ich an einen dunklen Ort. Einem Ort, an dem ich früher sehr oft war. Ihr wisst, was ich meine. Obwohl… es diesmal anders war. Ich… ich bin ehrlich, ich wusste nicht weiter. Und wenn ich nicht die Kurve gekriegt hätte… naja…“


wer weiß, wo er jetzt wäre? Ask will es nicht aussprechen, aber er ist sich bewusst, dass das wohl nicht gut ausgegangen wäre. Aber gut, er ist ja jetzt schließlich hier und alles ist wieder gut… oder?


Ask Skógur: „Sagen wir es so. Das Jahr des Hirsches hatte Höhen und Tiefen. Und ich… habe mich mal wieder zu sehr von meinen Emotionen leiten lassen. Ich wünschte ich könnte mich jetzt hier hinstellen und sagen, dass das nicht mehr passieren wird, dass ab jetzt alles anders wird und ich wieder so richtig durchstarten werde, aber naja… ich glaubs mir ja selbst kaum noch. Deswegen lass ich das und sage etwas, wo ich voll und ganz hinter stehe: es tut mir leid.“


Wieder gibt es Applaus vom Publikum.


Ask Skógur: „Es tut mir leid, dass ich so egoistisch war und mich zurückgezogen hab. Es tut mir leid, dass ich euch im Stich gelassen und Aldo das Feld überlassen habe. Es tut mir leid, dass der GFCW-Championship mir mehr wert war als ihr…“


Mit der Bemerkung über Aldo scheint er auf das Match von Carnival of Combat anspielen zu wollen, bei dem er theoretisch schon betrogen hat, was ihm dennoch die Niederlage einbrachte.

Noch immer klatschen und jubeln die Fans. Es scheint, als ob sie ihm vergeben wollen bzw. als ob sie gar nicht böse auf ihn sein können.

Und Ask erkennt das an. Es scheint ihm so einiges zu bedeuten, dass die Fans ihn noch immer akzeptieren.


Ask Skógur: „Also dann… was sagt ihr… könnt ihr mir verzeihen?“


Und damit… scheint er sich nun auch wieder zu fangen, denn all zu rührselig müssen wir ja auch nicht werden. Diese Frage betont er so, als wüsste er, was kommt und zwar abermals ein gewaltiger Aufschrei tobenden Jubels.

Ask grunzt erfreut.


Ask Skógur: „Super, ich wusste ich kann auf euch zählen. Und nachdem wir das erledigt haben, heißts wohl, auf in Richtung Zukunft. Das Jahr des Hirsches liegt hinter uns und nun geben wir wieder richtig Vollgas. Gemeinsam! Ich werde loslegen, ich werde kämpfen und ich werde den Titel zurückgewinnen und dann… werde ich es besser machen.

Das bin ich euch schuldig.“


Ask senkt das Mikro um nun final noch einmal mit den Fans zu feiern. Viel wollte er heute scheinbar nicht sagen, aber das, was er sagen wollte, ist er losgeworden. Und das war wichtig, denn er war nicht er selbst, in den letzten Wochen und Monaten, doch die Fans haben ihn zurückgeholt und dafür ist er ihnen gleichermaßen etwas schuldig, wie auch dankbar.

Bevor er aber richtig fertig ist…


Ask Skógur: „Ach und Monica? Ich weiß, ich hab dir und Lady Rosi einiges zu verdanken, denk mal nicht, dass ich das vergessen werde. War ein guter Kampf bei Title Night, dass lass ich dir und ansonsten… hast du was gut bei mir.“


Damit dürfte Ask vor allem darauf anspielen, dass es Monica Shade war, die Ask aus dem Wald zurückgeholt, ihn für das Match gegen sich mobilisiert und ihm damit die Chance zum Sieg und neuerlichen Aufwind gegeben hat.

Ask wirft nun das Mikro weg und feiert tatsächlich mit den Fans in dieses neue GFCW-Jahr hinein. Es wird nicht das Jahr des Hirsches, aber ja vielleicht trotzdem das Jahr, seiner zweiten Titelregentschaft.



Frohes neues Jahr, du Arschloch.

Wohl der Gedankengang eines guten Teils der 3.000 Oberhausener, die es zum Auftakt des GFCW-Jahres in die Turbinenhalle verschlagen hat. Denn zu lautstarken Buhrufen stolziert Hollywood Jake durch den Vorhang. Der Riesaer, der seine Wandlung von Jakob Fleestedt hin zu seiner neuen Persona mit einem Sieg über Alonso bei Title Night krönen durfte, ist hochmütig wie eh und je.

Jake trägt Pelzmantel. Bärenbraun, durchsetzt mit eingestickten Mustern in Rot, der Hauptfarbe des Switziverse. Sein Haupthaar hat er mit viel Gel zurückgedrängt. Es gibt dem Mann, dessen Jugend in seinem Gesicht abzulesen ist, die Aura eines elternfinanzierten Jurastudenten. Mit hochgerecktem Kinn nimmt Jake wortlos ein Mikrofon von Laura entgegen.


Hollywood Jake: „Es fasziniert mich immer wieder aufs Neue, welch großen Unterschied eine einzige Vokabel machen kann. Zum Beispiel, ob man in die Geschichte eingeht. Oder Geschichte ist.


Eingeht. Ist. Zwei Wörter, die Jake mit künstlicher Dramatik betont, als würde er dem Publikum nicht zutrauen, ansonsten zu verstehen, worauf er hinauswill.


Hollywood Jake: „Nun, die zweite Variante trifft eindeutig auf einen Mann zu, an dessen Karriere ihr alle…“


Er hebt den linken, freien Arm und fährt mit großer Geste symbolisch über das Zuschauerrund. Ein jeder soll sich angesprochen fühlen.


Hollywood Jake: „…so klebt wie Kaugummi auf dreckigem Asphalt. Jason Crutch. Jason ist Geschichte. Das ist ein Fakt. Wer geglaubt hat, dass sich sein Nostalgierun ins Jahr 2026 retten kann, war von Beginn an auf einem Irrweg. Jeder, dessen Augen nicht verklebt waren, weil man sich das Fett widerlicher Crutchips hineingerieben kann, konnte das voraussehen.“


Unabhängig davon, ob Crutch wirklich Geschichte ist – die Liebe der Fans hat er nicht verloren. Bei der Schmähung seines Namen nehmen die Buhrufe noch einmal zu. Es ist ein Konzert aus mehreren tausend Kehlen, das an Jake schon genauso abprallt wie an Switzenberg. Der Youngster lernt eben von dem Besten.


Hollywood Jake: „Crutch ist im neuen Jahr genauso Geschichte wie Zac Alonsos…“


Jubel in der Halle, als der Name von Jakes TN-Gegner fällt. Seit dem Wandel Zacs ist aus dem einstigen Switzidogisstant ein echter Publikumsliebling geworden. Wie wenig er davon hält, macht Jake mit einem „Tssss“ deutlich.


Hollywood Jake: „…Hoffnung, er würde in seiner Karriere irgendetwas bewegen, indem er dem Switziverse entsagt. Doch jetzt ist klar: Er hat lediglich einen einzigen Stein damit ins Rollen gebracht. Jenen Stein, der eine Lawine auslöst, die das brüchige Gebilde niederreißt, das seine Karriere von Tag 1 an war. Ohne das Fundament Switziverse ist er verdammt.“


Kaum verwunderlich, dass die Show für Show wachsende Alonso-Fanbase das genau andersherum sieht. Buhrufe prasseln abermals auf Jake herab. Dieser verdreht die Augen und zuckt theatralisch mit den Schultern, wobei ihm fast der Pelzmantel von selbigen gleitet. Mit einem geschickten Handgriff schiebt er das edle, geschmacklose Kleidungsstück zurück aufs breite Kreuz.


Hollywood Jake: „Mein Gott, warum mögt ihr ins so? Ist es wegen dem Hund? Weil er so doll lieb zu einem Köter ist? Nun, ich kann euch beruhigen. Der Switzidog – und bei einem anderen Namen werde ich ihn je nennen – und Alonso werden bald genügend Zeit füreinander haben, um miteinander zu kuscheln. Denn es ist nur eine Frage der Zeit, bis Zac aus dem Fernsehen verschwunden ist und dahin zurückkehrt, wo er einst gefunden wurde. Ins Nichts.“


Ein letzter Satz, den Jake mit genussvollem Spott auftischt. Nach seinem Sieg gegen Alonso ist das Selbstbewusstsein größer denn je. Wie der Sieg zustande kam, das spielt für einen Mann des Switziverse bekanntermaßen keine Rolle.


Hollywood Jake: „Diese beiden Männer sind also Geschichte. Zum Glück, denn es ist ein neues Jahr. Richten wir den Blick nach vorne. Auf die Männer, die in die Geschichte eingegangen sind. Da haben wir den Mann, der diese Liga noch immer an den Eiern hat. Der größte Revolutionär in der Geschichte der GFCW. Das Aushängeschild. Sagt es mit mir…Darragh Switzenberg!“


Wenn Darragh Switzenberg B-U-H buchstabiert wird, sind die Zuschauer Jakes Aufforderung brav gefolgt.


Hollywood Jake: „Und wir haben den Co-Star. Denjenigen, der sich mit seinem überragenden Sieg bei Title Night in die Pole Position für den Durchbruch gebracht hat. Mein Name, ihr wisst es, ist Hollywood Jake. ICH bin die Zukunft. Darragh und ich, wir werden auch im neuen Jahr Woche für Woche in die Geschichte eingehen. Wir schreiben sie nach unserer Vorstellung.“


Definitiv nicht zu Jakes Vorstellung gehört die Musik, die in diesem Moment ertönt.

Es klingt nach verzerrter Freude. Nach Spaß mit Unterton. Nach einem dunklen Zirkus.

Creed Gibson erscheint auf der Rampe.


Hollywood Jake: „Ich amüsiere mich bereits allein genug, Junge. Ich kann mich nicht erinnern, um einen Clown gebeten zu haben.“


Eine Beleidigung, der Gibson ausweicht. Nicht nur verbal, sondern in seiner übertriebenen Art auch physisch. Er duckt sich bei den Worten Jakes zur Seite und wischt sich anschließend den Staub von den Schultern. Mit einem schiefen Grinsen deutet der Zirkusmann in den Ring.


Creed Gibson: „Der einzige Clown, den ich sehe, steckt in einem Pelzmantel, Jake. Erlaube mir, das neue Jahr…“

Hollywood Jake: „Ich erlaube dir einen Scheiß. Verschwinde. Dies ist ein Switziverse-Moment. Glaub nicht, dass du das Recht hast, auch nur einen Fuß in unserer Spotlight zu setzen, nur weil du bei Title Night ein paar Rookies geschlagen hast, deren Karriere zuende war, bevor sie begann. Geh zurück in die Manege oder in deinen Trailer, um dich noch mehr zu schminken. Aber hier hast du nichts verloren, Clown.“


Bei einer solchen Ansage wird selbst Gibson ernst. So seriös, wie er mit seiner bunten gestreiften Hose und den kajalgeschwärzten Augen kann, richtet er sich auf.


Creed Gibson: „Wie wortgewandt du doch bist. Kaum ist jemand aus dem Zirkus da, fällt dir nichts ein, außer den Clownspruch gleich zweimal zu bringen. Aber ich kann dir versichern…in einigen Minuten wirst du merken, dass ich kein Clown bin. Denn dann könnte ich dich zum Lachen bringen. Und nicht zum Weinen.“


Was auch immer er damit ankündigen will: Zunächst nimmt sich Gibson die Zeit, eine Träne theatralisch aus dem Auge zu wischen und dann auf Jake zu deuten.


Hollywood Jake: „Ich bin nicht derjenige, dessen Wrestlingjahr mit Tränen beginnen wird, wenn du nicht sofort deinen irrelevanten Arsch zurück zum Catering schiebst.“


Wie jemand, der einem Hund einen Platz zuweisen will, deutet Jake Richtung Vorhang. Herrisch und ernst.


Creed Gibson: „Wir werden keine Freunde. Gut, dann mache ich es kurz.“


Aus der Tasche seiner Haremshose zerrt Gibson ein verknittertes Papier hervor.


Creed Gibson: „Dies ist der Vertrag, den ich bei Title Night gewonnen habe.“

Hollywood Jake: „Blablabla. Was interessiert mich das? Ich weiß, dass er gut bezahlt ist. Wie unverdient. Am besten sitzt du ihn einfach aus und tust nichts. Dann hast du mehr Zeit, mit deinem verflossenen Partner zu telefonieren. Andrew Costa-mirscheißegal.“


Costalago. Die Erwähnung Andrew lässt die lustige Maske Gibsons für einen Augenblick verschwinden. Er lässt den Kopf hängen und blickt zu Boden. Die Ereignisse bei Title Night sind nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. Es war eine Battle Royal, bei der nur ein Vertrag vergeben wird – das wussten die Tag-Team-Partner. Aber es dann Realität werden zu sehen ist eine andere Stufe.

Nach einem Moment der Nachdenklichkeit fängt sich Gibson. Er schüttelt den Kopf und funkelt Jake feindselig an.


Creed Gibson: „Das werde ich nicht tun. Denn besonders interessiert mich die zweite Seite des Vertrags. Mein zweiter Gewinn. Ein Match um den Intercontinental Title. Ein Jahr habe ich Zeit dafür, Jake. Aber weißt du was…ich bin ein schrecklich ungeduldiger Mensch.“


Eine Andeutung, die ein Teil des Publikums schon versteht. Interessiertes Raunen macht sich in den Zuschauerreihen breit.


Creed Gibson: „Deswegen bin ich gekommen, damit du Darragh etwas ausrichtest von mir. Er und ich. In zwei Wochen.“

Hollywood Jake: „Das wirst du nicht tun!“

Creed Gibson: „Du kannst nichts dagegen ausrichten.“


Jake verzieht das Gesicht. Wie ein schmollendes Kind steht er da. Lehnt sich auf das Ringseil. Und denkt nach. Weil es tatsächlich keine Lösung zu geben scheint, fährt er mit dem fort, was er gut kann: Beleidigungen.


Hollywood Jake: „Du beschmutzt die Zeit von Darragh Switzenberg. Auch wenn es nur zwei Minuten sein werden…du bist es nicht einmal wert, dass er sich Ringkleidung anzieht. Er hat Urlaub verdient. Er sollte wegen dir nicht bei War Evening auftauchen müssen.“


Eine weitere Musik. Die Klänge von Vangelis.

Sofort wird es laut in der Halle. Eine Woge an Buhrufen.

Es ist Switzenberg selbst.


Creed Gibson: „Oh…nun umzingelt ihr mich zu zweit. Darf ich mit einem Doppelangriff des großen Switziverse rechnen?“


Gibson wendet sich um. Switzenberg steht vor dem Vorhang. Jake im Ring. Beide in etwa gleicher Entfernung.


Darragh Switzenberg: „Aber nein. Ich komme als Freund.“


Eine Aussage, bei der Gibsons Augenbrauen hochschnellen. Jakes ebenso.


Darragh Switzenberg: „Naja, vielleicht nicht wirklich als Freund. Ich will mit dir garantiert nichts zu tun haben. Aber ich komme auch nicht als Gegner. Ich komme als möglicher…“


Der Kanadier scheint nach dem passenden Wort zu suchen. Er leckt sich über die Lippen und tippelt mit der Hand auf den Mikrofongriff.


Darragh Switzenberg: „…Geschäftspartner.“

Creed Gibson: „Ich bin ein Zirkusmann, Darragh. Ich mache Show. Ich verstehe nichts von Geschäften. Und will es auch nicht. Ich will nur kämpfen.“


Eine Ansage, die beim Publikum ordentlich ankommt. Es gibt Pops für Gibson, die in seiner Karriere auch noch nicht alltäglich sind. Klar: Ein jeder will ein Titelmatch sehen. Egal, wer gegen wen antritt.


Darragh Switzenberg: „Von diesem Geschäft, Creed, wirst du etwas verstehen. Sieh, ich kann mir denken, wie du dich grad fühlst.“


Er macht einen Schritt auf den Zirkusmann zu.


Darragh Switzenberg: „Du bist zerrissen. Zwischen der Freude über deinen Vertrag. Endlich geht deine Karriere wirklich los. Ohne dass du dich Woche für Woche fragen musst, ob du nächstes Mal noch dabei bist oder Viggo dich aus dem Kader schmeißt. Aber du bist auch enttäuscht. Denn dein Ziel war ein anderes – du wolltest nie ein Singles-Wrestler sein. Das weiß ich. Sonst wären Andrew und du…sonst wärt ihr nicht als erstes und einziges Tag-Team im Förderkader gewesen. Ihr habt beide den gleichen Hintergrund. Ihr seid wahrscheinlich so etwas wie Seelenverwandte.“


Wieder verdunkelt sich Gibsons Gesicht für einen Moment. Ja, da ist ein Stich, wann immer Costalago erwähnt wird. Der Zirkusmann versucht, die Gedanken abzuschütteln. Er rauft sich die Haare.


Creed Gibson: „Sein Abgang schmerzt, ja. Aber es gibt nichts, das ich dagegen tun kann. Wir hatten den gleichen Traum, aber nur einer durfte ihn leben. Wir bleiben Freunde. Ich kämpfe für ihn.“

Darragh Switzenberg: „Aber ich kann etwas tun.“


Mit schiefgelegtem Kopf starrt Gibson den Intercontinental Champion an. Eine Frage liegt auf seinen Lippen. Er kommt nicht dazu, sie zu stellen. Switzenberg fährt von selbst fort.


Darragh Switzenberg: „Bedingung 3.“

Creed Gibson: „Hä?“


Aus dem Ring meldet sich Hollywood Jake mit einem genervten Stöhnen. Er funkelt Gibson an wie ein Lehrer, der einen Schüler belehren muss.


Hollywood Jake: „Die Klauseln, die Darragh bei Title Night 2024 gewonnen hast, du Idiot.“


Bevor der Streit zwischen Creed und Jake erneut aufflammt und ein Gespräch unmöglich macht, hebt Switzenberg versöhnlich eine Hand.


Darragh Switzenberg. „Ruhig, Jake. Nicht so unhöflich. Creed ist neu. Ich bin mir sicher, du kannst ihm den Inhalt von Klausel 3 aufsagen.“


Wie aus der Pistole kommt es – nicht ohne Stolz – von Jake. Man braucht nicht viel Fantasie um sich zu denken, dass der einstige Jakob Fleestedt jede Regel von Switzenberg Vertrag artig aufsagen kann. Seit mehr als einem Jahr gelten nun die Sonderbedingungen, die Switzenberg in einem großen Gamble gegen Viggo im Jahr 2024 bei Title Night gewonnen hatte. Damals endete das Wrestling-Jahr mit einem Triumph Darraghs. Es war die Geburt des Switziverse. Und nun endete 2025 ebenso. Ist es…die Neugeburt des Switziverse? Doch ehe man sich diesen Gedanken hingibt, muss man Jakes Ausführungen lauschen.


Hollywood Jake: „Darragh Switzenberg hat das Recht, Personen mit einem GFCW-Standardvertrag auszustatten, damit sie ihm assistieren.“

Darragh Switzenberg: „Exakt. Ich habe eine Macht, wie sie kein Wrestler vor mehr besaß. Die Macht der…Jobvergabe. Würde ich es wollen, dann könnte ich theoretisch Andrew Costalago mit einem solchen Vertrag ausstatten.“


Erneutes Raunen in der Halle. Man hat den Eindruck, Gibson wolle sich dem am liebsten anschließen. Hoffnung tritt in seine Augen. Er macht einen Schritt in Richtung Darragh. Ungeduld spricht aus seiner Stimme.


Creed Gibson: „Und was willst du dafür?“

Darragh Switzenberg: „Urlaub.“


Eine Antwort, die zumindest Gibson nicht zu interpretieren weiß. Also fährt Darragh fort.


Darragh Switzenberg: „Es wird kein Match in zwei Wochen zwischen uns geben. Exakter gesagt: Es wird nie ein Match zwischen uns geben. Du verzichtest unwiderruflich auf dein Recht für ein Match um meinen Titel. Ich werde erst wieder bei der Anniversary Show in den Ring steigen. Frühestens.“


Ein Deal mit dem Teufel? Zwar wird nicht Gibsons Seele eingefordert, aber das Wichtigste, was ein Wrestler besitzt: Den Ehrgeiz, jede Chance wahrzunehmen.


Hollywood Jake: „Was sagst du, Creed? Was gibt es zu überlegen?“


Als könne er ihn dadurch zu einer Entscheidung drängen, beugt sich Jake über die Seile. Auch Switzenberg blickt mit Ungeduld in den Augen zu Gibson.

Creed steht da und blickt zu Boden. Es arbeitet in ihm. Das kann man ohne große Probleme in seinem Gesicht lesen.


Darragh Switzenberg: „Ist dir deine eigene Karriere wichtiger als die Wiedervereinigung mit deinem Partner? Willst du deinen Freund Andrew zuhause sitzen lassen?“

Creed Gibson: „Ich akzeptiere.“


Beinah synchron klatschen Jake und Darragh in die Hände. Die Stimmung des Champions hat sich durch nur zwei Worte um mindestens 50% verbessert. Nun steht einem langen Urlaub nichts mehr im Wege. Kein Match, zu dem er anreisen muss.


Darragh Switzenberg: „Wundervoll. Ein herrliches Abkommen. Vielleicht das beste Abkommen, das je geschlossen wurde. Von zwei Männern, die wissen, was das Beste für die Zukunft ist. Du wirst deine Entscheidung nicht bereuen, Creed. Womöglich kennst du schon meinen äußerst fleißigen Anwalt Mark Jilley…“


Ein Name, den du Halle mit Buhrufen quittiert. Niemand mag windige Advokaten. Vor allem nicht, wenn sie immer wieder die komplizierten Verträge eines Darragh Switzenberg aushandeln, unter denen schon mehrere GFCWler leiden mussten.


Darragh Switzenberg: „…ich werde ihn bitten, in zwei Wochen bei War Evening sein. In seinem Koffer wird er zwei Dokumente haben. Eine Verzichtserklärung für dein Match. Und einen Vertrag für Andrew.“

Creed Gibson: „Gut. Wir sehen uns in zwei Wochen.“


Abwehrend hebt Switzenberg beide Hände.


Darragh Switzenberg: „Nein. Da hast du etwas falsch verstanden. ICH werde wegen so einer Lappalie sicher nicht nach Deutschland fliegen. Ich mache Urlaub. Du wirst es mit Jake und meinem Anwalt klären. Es sind einfach nur zwei Verträge, die ein paar Unterschriften brauchen. Ich werde Jake eine Vollmacht dafür erteilen. Das Ergebnis bleibt das Gleiche.“


Mit spöttischer Miene fährt Switzenberg die buhenden Zuschauerreihen ab. Nicht nur, dass er sich dem Match entzieht…er hat nicht einmal vor, überhaupt anwesend zu sein. Urlaub ist (wieder einmal) wichtiger als die GFCW.


Darragh Switzenberg: „Allen ein schönes neues Jahr.“



Auf dem Titantron flackert es.


Pete: Schau mal da Sven.

Sven: Ich schaue Pete.


Ein einsamer Baum auf einer Grasgrünen Wiese. Langsam bewegt sich das Bild auf den Baum zu. Fokussiert das Loch unter dem Stamm an um dann in einer wilden Irrfahrt darin zu verschwinden.



Neulich im Hasenbau


KLOPFKLOPFKLOPF

Am Ende des Tunnels tacuhen wir in pinkes Licht ein. Eine flauschig weiche Umgebung empfängt. Florale Tapeten runden das gemütliche Dekor ab. Zwei Ohrensessel wie sie eigentlich im Kaminzimmer des Weihnachtsmannes zu finden sein sollten stehen sich gegenüber. Einzig die Farbe des Polsters deutet daraufhin das sie sonst nicht am Nordpol stehen. Weiße Hasen auf pinkem Samt zeigen eindeutig wer Besitzer der Sessel sind. Auf dem Tisch in der Mitte liegen die GFCW Tag Team Gürtel unter einer Glocke aus Glas.


Tsuki Nosagi: Wunderbar diese Geschenke vom Weihnachtsmann oder?

El Metztli: Sehr gemütlich. Kann man wohl sagen.

Tsuki Nosagi: Hallo liebe Fans der GFCW…


Die Fans jubeln.


Tsuki Nosagi: Herzlich willkommen in unserem schönen Hasenbau. Endlich können wir euch zeigen wie wir leben.

El Metztli: Das Jahr endete mit einem Knall. Wir sind wieder GFCW Tag team Champions.

Tsuki Nosagi: Und wollen es auch bleiben.

El Metztli: Und werden es auch bleiben.

Tsuki Nosagi: Drum soll das Jahr mit einem noch größeren Knall beginnen.


KNALL!!!


Die beiden Hasen nicken vehement.


Tsuki Nosagi: Wir sind letztes Jahr durch Himmel und Hölle mit euch gegangen. Und nun wollen wir euch…den GFCW Fans zeigen das wir bereit sind die Tag Team Champions zu sein die ihr verdient.

El Metztli: Wir werden jederzeit bereit sein die Gürtel zu verteidigen. Wir werden gegen jeden antreten der es wagt uns herauszufordern.

Tsuki Nosagi: Ende des Jahres haben andere Teams gezeigt das sie die Gürtel haben wollen.

El Metztli: Wir haben gezeigt das die Tag Team Division lebt. Wir haben gemeinsam die Gürtel in einem grandiosen Match aus der Tonne geholt.

Tsuki Nosagi: Und jetzt liegt es an uns…den Tag Teams der GFCW…die Tag Team Division wieder groß zu machen. Also…

El Metztli: Black Wyrmz… Fenrir und Jörmungandr…Wenn ihr die Titel wollt…

Tsuki Nosagi: …wir sind bereit…


Langsam entfernt sich das Bild der beiden Hasen die in den gemütlichen Ohrensesseln in ihrem Hasenbau sitzen. Mit einem lauten PUFF und einer pinken Wolke verlassen wir den Hasenbau.


Pete: Mmh…ein einfaches klares Statement zu Beginn des Jahres.

Sven: Ich bin gespannt ob sich die Tag Team Szene zusammenraufen kann. Die neuen jungen Teams tun der Sache auf jeden Fall gut.